14. Januar 2019

Genie und Plansinn

Die Premier League hat wie üblich bestens über die Winterpause der Bundesliga hinweggeholfen. Einige der Topspiele waren wirklich das Riesengeld wert, das auf der Insel mit Fernsehrechten bewegt wird. Und auch die Mannschaften hinter den Top 6 zeigen regelmäßig sehr kompetente Leistungen, das musste gerade Arsenal am Wochenende wieder feststellen: das London-Derby gegen eine höchst rationale Mannschaft von West Ham United ging mit 0:1 recht schnöde verloren.

Damit tendiert Arsenal wieder mehr zum unteren Ende der Top 6 als zu den CL-Plätzen. Und die wichtigste Personalie in diesem Zusammenhang ist inzwischen ein überdeutliches Zeichen: Mesut Özil stand neuerlich nicht im Kader, dieses Mal gab es auch gar keine diplomatische Sprachregelung mehr dazu. Im Grunde ist das Tischtuch damit offiziell zerschnitten. Die Frage ist allerdings, ob die Rechnung aufgeht.

Denn es ist eindeutig eine Rechnung. Özil ist für Arsenal zu teuer. Seine höchst luxuriöse Vertragsverlängerung war ja damals eine Kompensationsentscheidung: Arsene Wenger wollte nach dem Angang von Alexis Sanchez unbedingt verhindern, dass Arsenal auch noch seinen zweiten Weltstar verlieren würde. Und Özil hatte ohnehin keine großen Möglichkeiten, also entschied er sich (in dieser Reihenfolge, lässt sich mutmaßen) für das Geld, für London und für Arsenal.

Gegen West Ham hätte die Mannschaft von Unai Emery einen Regisseur gut gebrauchen können. Arsenal kommt unter Emery derzeit häufig über die Flügel, mit einem sehr offensiven Kolasinac und bald auch wieder mit Bellerin. Im Zentrum fehlt aber oft ein Faktor, vor allem, wenn Lacazette und Aubameyang gemeinsam spielen. Gegen West Ham spielten Xhaka und Guendouzi im Mittelfeld, ohne großen Erfolg. Ramsey kam spät, auch er wird Arsenal verlassen, auch er wäre wohl zu teuer.

Die Indizien sind deutlich: Arsenal muss sich finanziell hinten anstellen. Der Kader ist dünn, die Defensive hat große Probleme. Investitionen im Ausmaß von Liverpool (140 Millionen für van Dijk und Alisson) sind astronomisch außer Reichweite. Aber auch bei den punktuellen Interventionen fehlt die Präzision: Torreira ist zweifellos eine Bereicherung, und Guendouzi belebt die Fantasie. Zentral hängt das Mittelfeld aber weiterhin an Xhaka, von dem inzwischen doch deutlich ist, dass er seine brillanten Ansätze niemals in eine konsistente, prägende Form überführen wird. Gegen West Ham hat Emery ihn ausgewechselt - ein kleiner Hinweis darauf, dass er auch allmählich unzufrieden werden könnte.

Bei Özil stellt sich zunehmend die Frage, ob Emery in dieser Angelegenheit eigene, sportliche Erwägungen in den Mittelpunkt stellt, oder ob er einfach Vorgaben der (neuen) Geschäftsleitung umsetzt. Wobei das ja ein riskanter Poker ist. Denn es kann durchaus sein, dass passende Angebote ausbleiben. Dann wäre Özil im Grunde vorzeitig im Ruhestand, und Arsenal müsste einen Vertrag erfüllen, auf dessen sportliche Gegenleistung Emery inzwischen sehr prinzipiell eine Verzichtserklärung abgegeben hat.

Am Samstag kommt Chelsea ins Emirates. Das wird dann so ziemlich die letzte Gelegenheit für Arsenal, die Rückrunde auf Kurs CL-Plätze zu bekommen. Nach allem, was der Club derzeit so kommuniziert, muss man sich aber darauf einstellen, dass Arsenal nicht wirklich in diese Liga gehört. Der Vertrag mit Mesut Özil hat aber noch CL-Dimensionen. Deswegen passt er wohl nicht mehr.

Eingestellt von marxelinho am 14. Januar 2019.

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