14. September 2018

Glückliches Gemüt

"Innerlich ruhig" - so hat Pal Dardai in der Pressekonferenz vor dem Auswärtsspiel beim VfL Wolfsburg seine Gemütslage beschrieben. Ich würde fast weiter gehen: er scheint wieder ganz bei sich zu sein. Wie er über (und mit) Per Skjelbred gesprochen hat, wie er immer noch fast väterlich über Jay Brooks spricht, und sich wegen Jordan Torunarigha nicht aus der Reserve locken lässt, wie er über seinen Umgang mit Javairo Dilrosun erzählt - das klingt alles ein wenig anders als in der verkniffenen Saison davor.

Ich deute das so, dass wir da mehr als nur die Gelassenheit nach dem "hochtaktisch" erfochtenen Sieg in Gelsenkirchen bemerken dürfen. Dardai hat sich bisher noch in jedem Jahr über den Sommer hinweg ein bisschen selbst erneuert. Das ist für einen immer noch jungen Trainer, der zugleich schon auf seiner ersten Station der dienstälteste Erstligatrainer ist (Christian Streich wäre in dieser Zählung erst wieder in seiner dritten Erstligasaison), unbedingt erforderlich. Im Vorjahr hat ihn im Lauf der Saison allmählich der Mut verlassen - es wäre hoch interessant, könnte man dazu ein wenig mehr Interna erfahren, welche Rolle dabei die unglücklich verlaufene Teilnahme an der Europa League gespielt hat.

Ich bin auch innerlich ruhig vor dem "Spitzenspiel" in Wolfsburg. Aber ich kann es nicht verhehlen: es kribbelt ziemlich. Hertha ist für meine Begriffe sportlich an einem der interessantesten Punkte seit dem Wiederaufstieg. In dieser langen Phase gab es de facto nur einmal eine Situation, in der Hertha tatsächlich im Begriff war, aus den falschen Selbstverständlichkeiten eines oberflächlichen deficit spendings unter Manager Hoeneß herauszutreten, und sportliche wie finanzielle Verhältnisse auf innovative Weise so zur Deckung zu bringen, dass eine sportliche Perspektive gleichsam aus den eigenen Möglichkeiten heraus entwickelt wird: das war natürlich die Phase unter Lucien Favre, die - durchaus pointiert - das Vermächtnis von Dieter Hoeneß wurde.

Es war ein vergiftetes Vermächtnis, wie sich im entscheidenden Moment erwies, als Favre zu einem aus unserer Sicht falschen Zeitpunkt kapitulierte (seine Gründe waren, nach allem, was wir angedeutet bekamen, mehr als triftig). Die Stichworte von damals sind heute nicht mehr so im Umlauf, aber sie treffen auf den aktuellen Hertha-Kader voll und ganz zu. Favre sprach gern von Polyvalenz, und er ließ einen stark auf Sicherheit bedachten Kombinationsfußball spielen, an den sich Hertha gerade wieder anzunähern scheint. Dabei steht weder ein extremes Pressing oder gar Gegenpressing im Mittelpunkt, sondern stärker das Vermögen, mit jedem Ballgewinn in jeder Situation auf dem Platz spezifische Optionen zum Herausspielen zu haben - es soll jederzeit ein Spielzug möglich sein.

2016/2017 hat Hertha in solchen Situationen viel zu oft abgebrochen, die Gegner wussten dann schon, dass von Hertha ohnehin wenig kommt, und allmählich trocknete die Mannschaft richtiggehend aus. In diesem Jahr haben wir noch viel zu wenig gesehen, um schon Tendenzen zu benennen, aber eines ist bereits hinreichend deutlich: die Erneuerung des Hertha-Spiels hat mit der Neuausrichtung des Zentrums zu tun. Insofern hat Pal Dardai recht, dass es auf Vierer- oder andere Kette nicht so sehr ankommt, wichtig ist, wie die zwei, drei Spieler in der Mitte sich mit den restlichen Produktivzentren in der Mannschaft verbinden.

Idealerweise besteht das Team dann aus vier pulsierenden Teilmengen, die laufend (ganz wörtlich zu verstehen) ineinander übergehen: Torunarigha - Dilrosun - Duda - Tor (drei Teilmengen). Maier - Stark - Kalou - Lazaro - Vedator (alle vier Teilmengen). Mit Dilrosun und dem interessant heranwachsenden Mittelstädt wird die linke Seite selbst für einen Routinier wie Plattenhardt plötzlich wieder zu einer Herausforderung.

Favre sprach damals gern von Polyvalenz. Spieler wie Cicero oder Kacar haben im heutigen Kader wieder Entsprechungen, fast könnte man meinen, dass Michael Preetz, der damals Lehrling war, genau aufgepasst hat und heute ohne große Worte eine sehr favrische Gruppe für Pal Dardai zusammengestellt hat. Favre selbst hatte vielleicht sogar mehr blinde Flecken, als Dardai heute: dass er nie so richtig gesehen hat, wie wertvoll Pantelic war, das schmerzt mich heute noch manchmal.

Aus diesen nur grob skizzierten Vergleichen kommt das wohlige Kribbeln vor den Spielen gegen Wolfsburg und Gladbach: Hertha hat in diesem Jahr vielleicht die besten Voraussetzungen seit 2007, Schritte aus dem Mittelmaß zu machen. Es wird sehr stark von Pal Dardai abhängen, ob er den Mut, den er derzeit mit guten Gründen erkennen lässt ("frech sein"), auch dann fordert, wenn es wieder schwieriger ist. Das Personal, so meine ich, ist absolut vorhanden für eine aufregende Saison.

Schritte aus dem Mittelmaß müssen nicht unbedingt auf einen Platz in den Top 6 führen, dazu ist die Liga insgesamt bis in die Spitze hinein zu mittelmäßig - und auch zu homogen. Was an Ergebnissen und Punkten herauskommt, was das Glück (und die Effizienz, die bei Hertha schon unter Favre sehr wichtig war) so bringen, das ist alles unwägbar - aber Pal Dardai hat vielleicht seit dem Sieg auf Schalke gespürt, dass in der Liga gerade eine Lücke offen ist, in die im Grunde nur die junge alte Dame Hertha wirklich stoßen kann. Vielleicht sogar mit ein bisschen mehr Fantasie als unter Lucien Favre, der immer auch ein (höchst sympathischer) "schwieriger Charakter" war. Pal Dardai hat nicht zuletzt die Gabe eine glücklichen Gemüts. Er darf es sich nur nicht selber verderben.


Eingestellt von marxelinho am 14. September 2018.
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