07. April 2018

Hurra-Fußball und Naja-Fußball

"Was wollen Sie noch sehen von Hertha BSC in den verbleibenden sechs Spielen?" Diese Frage in der Pressekonferenz vor dem Auswärtsspiel in Mönchengladbach ging bezeichnenderweise zuerst an Michael Preetz, erst später sollte dann auch Pal Dardai noch Erwartungen für das Saisonfinale formulieren.

In beiden Fällen fiel die Antwort naturgemäß defensiv aus. In den Zwischentönen konnte man eine leicht unterschiedliche Sichtweise zumindest erahnen: Der Manager würde sich freuen, wenn er die Mannschaft irgendwann "befreit aufspielen" sehen würde, der Trainer spricht von "Hurra-Fußball", mit dem notabene nicht zu rechnen ist.

Irgendwo dazwischen liegt das, was Hertha eigentlich lernen muss. Beispiele für Hurra-Fußball gab es zuletzt verschiedentlich zu sehen: das Länderspiel Deutschland-Spanien war eines, wobei da das Hurra nicht im bedenkenlosen Ausschwärmen der ganzen Mannschaft nach vorn lag, sondern in der exzellenten technischen Qualität, mit der fast jede Ballweiterleitung zu einem kleinen Hurra der Anerkennung anheben ließ; das Champions League-Spiel von Liverpool gegen Manchester City war ein anderes, hier lag das Hurra in der Intensität, mit der Liverpools Offensivformation dem Gegner zusetzte (in dieser Form hat Jürgen Klopp wirklich so etwas wie ein Copyright auf diesen Fußball, und in Salah hat er seinen momentan idealen Spieler dafür gefunden). In beiden Fällen gab es keinen Widerspruch zwischen Hurra und Absicherung.

Mit Blick auf Hertha müsste man fragen: Was ist das Gegenteil von Hurra-Fußball? Wenn ein Auftritt wie in der ersten Halbzeit gegen Wolfsburg schon als zufriedenstellend gilt, dann ist es der Mannschaft immerhin gelungen, die Erwartungen zu ihren Gunsten einzupegeln. Sie spielt verlässlich einen Naja-Fußball, mit sporadischen Intensitätsspitzen, die aber nie so lange dauern, dass ein Gegner wirklich in Schwierigkeiten kommen würde.

Es spricht also alles dafür, auch die Erwartungen zu dosieren. Gegen Gladbach hat Hertha im Herbst verloren, es wäre also schon ein Unentschieden eine Verbesserung. Ich schaue derzeit deswegen so genau auf die Komplementärergebnisse aus dem Herbst, weil Hertha in der Hinrunde in der zweiten Hälfte ganz gut zurechtkam - wenn das ähnlich gelingen könnte, dann könnte diese Saison sogar doch noch einen Lernerfolg bringen: dann wäre zumindest das Ungleichgewicht zwischen den Saisonhälften beseitigt. Dies jedoch um den Preis einer generellen Nivellierung. In den Vorjahren gab es immerhin auch Saisonphasen, in denen Hertha über den eigenen Möglichkeiten spielte. Daran wagt im Moment niemand mehr zu denken.

Es geht nun vor allem darum, kleine, aber deutliche Zeichen zu setzen. Zu oft hatte man zuletzt den Eindruck, dass die meisten Spieler schon zufrieden sind, wenn sie ihre Position bekleiden - dabei sollten sie etwas daraus machen. Der Wille, sich in das Spiel einzubringen, es zu prägen, mit mutigen, leidenschaftlichen Aktionen, aber auch mit klugem, inspirierendem Freilaufen und mit Einladungen, sich anspielen zu lassen (nicht mit utopischen Doppelpässen), eine Aggressivität, die etwas anderes ist als dumme Offensivfouls, das fehlt, und das hat noch überhaupt nichts mit Hurra-Fußball zu tun.

Hertha steht ganz knapp davor, ein vergeudetes Jahr bilanzieren zu müssen, hat aber noch alles in der Hand, die Zeichen auf Optimismus für die kommende Saison zu stellen. Niemand erwartet in sechs Spielen einen Durchmarsch auf Platz sieben, aber mehr als der Angriff auf den VfL Wolfsburg (der zur Zeit in der Remisbilanz noch zwei Spiele vorn liegt) sollte doch möglich sein.


Eingestellt von marxelinho am 7. April 2018.
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