06. Juli 2019

Kleiner Kreis

Die lange Sommerpause hat ihre eigene Dramaturgie. Seit einigen Tagen trainiert die Mannschaft wieder, der Beginn der neuen Spielzeit ist nun schon näher als das Ende der alten, das Allergröbste an Entzug ist also bald überstanden. Morgen gibt es in Neuruppin sogar schon wieder ein Spiel - ich werde einer der Fans sein.

Zur Einstimmung habe ich mir heute das Vorstellungsvideo mit Ante Covic angesehen. Die Hausberufung des neuen Trainers wurde zu einer Zeit entschieden, als Hertha noch nicht als Club mit der Kohle galt. Jetzt, unter den neuen Umstände, geht von dieser Personalie eine beruhigende Wirkung aus. Hertha wird vorerst das Amateurstadion im Dorf lassen.

Rein sprachlich kommt mit Covic ein sehr berlinischer Sound ins Spiel. Pal Dardai war auf dieser Ebene sicher der originellste Erstligatrainer seit Trappattoni. Covic spricht wie das Berlin, das ich jeden Tag auf der Straße und in der U-Bahn höre. Er ist nicht alte Schnauze, sondern junges Idiom - ein Deutsch, das die Schleifspuren spannender Biographien in angedeuteten Zischlauten mitführt. Oder ein Deutsch, das die jahrhundertealte Nachbarschaft mit den slawischen Sprachen in sich trägt.

Inhaltlich war natürlich noch nichts Weltbewegendes zu erwarten. Auch die beiden Cotrainer haben in einen Interview für die Hertha-Seite eher ein rhetorisches Aufwärmprogramm als richtungsweisende Aussagen geboten. Am ehesten konnte man noch einen Satz von Ante Covic als strategischen Hinweis verbuchen: es wird nicht so sehr auf die Formation ankommen, als darauf, für die Spieler ihre optimale Entfaltungsmöglichkeit zu schaffen. Da gibt es bei einem Kader von derzeit gut 30 Leuten durchaus Moderationsbedarf.

Vollkommen verdrängt hatte ich, dass Covic damals mit Otto Rehhagel schon einmal die Profis betreut hat. Das lässt sich vielleicht am besten einordnen, in dem man eine Parallele zu Michael Preetz zieht: der Otto-Moment war für meine Begriffe seine größte Fehlentscheidung. Heute steht er als Manager Sport ziemlich gut da, der Kader, den er über die letzten Jahre zusammengestellt hat, kann sich sehen lassen, und ist auf jeden Fall für die obere Ligahälfte konkurrenzfähig.

Dieses Potential muss Covic nun mobilisieren. Pal Dardai hat es insgesamt eher gehemmt. Das war wohl das ausschlaggebende Moment für den Trainerwechsel. Es braucht keine Raketenwissenschaft, um aus Hertha eine bessere Mannschaft als im Vorjahr zu machen. Hertha wird aber in diesem Jahr ganz andere Erwartungen moderieren müssen - nicht so sehr von den Fans, würde ich meinen, sondern von einer Branchenöffentlichkeit, die mit Hertha sowieso gern das größere Ressentiment gegen die Hauptstadt auflädt.

Vor diesem Hintergrund war die erste PK von Ante Covic noch eine beschauliche Veranstaltung. Man war unter sich, die vertrauten Stimmen aus dem Off. Diese kleinen Kreise kennt Ante Covic, und sie kennen Ante Covic. Der Hauptstadtclub ist im Alltag durchaus vorstädtisch. Covic hat sich mit Mirko Dickhaut auch einen engen Vertrauten aus der Trainerausbildung geholt.

Und nun kann die Sache beginnen. Große Trainerkarrieren sind immer Emanzipationsbewegungen - aus den kleinen Kreisen des Gelernten in die Souveränität, das Spiel zu seinem Besten zu befreien. Ante Covic hat derzeit noch nicht sehr viel mehr vorzuweisen, als dass er ein echter Herthaner ist. Für einen Club, der ein wenig plötzlich in eine neue Zeitrechung geschubst wurde (Stunde null plus Kohle), ist das aber ganz passend.

Eingestellt von marxelinho am 6. Juli 2019.

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