02. Februar 2020

Little Big Spending

Ohne Gesichtsmaske und andere Fortifikationen ungewöhnlicher Art war ich am Freitag im Olympiastadion. Aber selbst dort wird man bei der (sehr legeren) Leibesvisitation kurz darauf verwiesen, dass die globale Öffentlichkeit gerade auf eine übertragbare Krankheit aus China fixiert ist. Es hängt eben alles mit allem zusammen, wobei mir allerdings gerade nicht bekannt ist, ob Marko Arnautovic wegen des Coronavirus nach England zurückwill.

Er fällt mir jetzt deswegen ein, weil ich gerade im Athletic (das ist ein noch relativ neues Online-Sportmagazin, das ich mir für einen sehr billigen Einsteigertarif für ein Jahr gegönnt habe) ein Stück über West Ham United gelesen habe. Dort stiegen vor bald zehn Jahren Investoren mit einem Bigcityproject ein, zwei Herren mit einem schmuddligen Image, weil ihr Geld zu einem nicht geringen Teil aus (pardon) Wixvorlagen stammt.

Heute spielt West Ham in einem Stadion mit Laufbahn und gegen den Abstieg. Im Fußball muss man mit Vergleichen genau so vorsichtig sein wie in allen anderen Bereichen des Lebens, aber sie geben doch manchmal Orientierung.

Hertha hat am Freitag gegen Schalke gespielt. Man muss darüber keine großen Analysen anstellen, beide Mannschaften war eher hilflos bei ihren Bemühungen, die gegnerischen (dichten) Abwehrbemühungen zu überwinden. Klinsmannschaft spielte bis zum Schluss mit beiden Skjelbreds, und als Arne Maier schließlich kam, kam er für Grujic, der auch schon "out of position" drangekommen war, nämlich eins weiter vorn als dort, wo er besser ist. Soviel zum Riegel.

Noch weiter vorn bemühte sich zuerst Lukebakio zentral, von dem weiterhin auffällt, dass er für einen Mann seiner Preisklasse ein bemerkenswert schlechter Fußballer ist. Er hat natürlich Speed, und auch ein paar Skills, aber seine Pässe sind absurd. Dilrosun war auch schon einmal konzentrierter als in der letzten Zeit so. Später kam Piatek, der neue Mittelstürmer.

Die Liga hatte das sicher nicht im Sinn, aber es passte, dass Hertha das Freitagspiel an dem Tag spielte, an dem der Club an einem Deadline Day einen deutlichen Schritt zu einer Verpuppung machte, aus der natürlich alles Mögliche werden kann. Stand jetzt hat das Betreuerteam eine Menge Arbeit, denn es passt spielerisch gerade nicht viel zusammen. Da hilft natürlich, dass man weiterhin von Abstiegskampf sprechen kann, am Samstag gegen Mainz sowieso.

Gestern Abend hatte ich dann auf Twitter noch einen kleinen Wortwechsel mit einem Fan der Dosen. Es ging um die Frage, ob Hertha jetzt auch zu den angeschobenen Teams in der Liga gehört. Das ist ganz leicht zu beantworten. Natürlich nicht. Hertha hat mit dem Investment durch Tennor BV Einnahmen generiert, und diese werden jetzt ausgegeben. Das ist etwas deutlich Anderes, wie der Produktlaunch ex nihilo, auf dem RB Leipzig im Grunde basiert - wobei ich auch diesen im Grunde für legitim halte. In beiden Fällen haben wir es mit Investoren zu tun, die einem nicht sympathisch sein müssen, und es mir auch – wir sprechen von einer öffentlichen Wahrnehmung – nicht sind, aber das ist eine andere Geschichte.

Hertha verhält sich als Unternehmen ganz normal: derzeit wird investiert. Von den vier neuen Spielern wird sich zeigen, ob sie den angestrebten Effekt haben können. Für den Sommer ist wohl auch noch ein bisschen Geld da, um dann noch einmal personell zu justieren. Danach muss Hertha aber auch wieder normal wirtschaften, denn man kann sich selbst halt nur einmal verkaufen. Zwar kann Tennor BV theoretisch weiter Geld in den Club stecken (in Form von Darlehen, oder durch Erwerb weiterer Anteile, das wäre dann aber, wenn auch nicht de iure, dann doch de facto, eine Umgehung der 50+1-Regel), aber so weit sind wir noch nicht.

Jetzt ist erst einmal Ruhe, und wir haben 15 Spiele in der Liga plus eine von einem Spiel am Dienstag abhängige Anzahl von Cupspielen vor uns, in denen Klismann und Co. zeigen müssen, was sie mit dem derzeit vorhandenen Kader anfangen können.

PS Personalie 1: Davie Selke war ein Held in einem der größten Spiele der letzten Jahre, bei dem Auswärtssieg in Leipzig vor Weihnachten anno 2017. Der für ihn entscheidende Trainer war Pal Dardai, der zu wenig auf ihn gesetzt hat. Vielleicht ist er aber auch nicht gut genug für die Ambitionen von Hertha. Wir werden es nie wissen, nicht einmal dann, sollte er in Bremen groß einschlagen.

PPS Arne Maier hatte für meine Begriffe gute Gründe, sich zu Wort zu melden. Klinsmann hat vor Weihnachten deutliche Signale gegeben, dass er mit ihm bisher nicht viel anfangen kann. Das dokumentierte dann auch bis zu einem gewissen Grad die Einwechslung gegen Schalke. Der Transfer von Tousart ist sportlich vorerst ja noch nicht zu beurteilen, als kommunikativer Akt (als Botschaft an Grujic und an Maier) ist er aber jedenfalls relativ deutlich, und nicht gerade inspirierend. Wie auch die Achse der beiden Skjelbreds, auf die Klinsmann zu setzen scheint. Gute Zeichen für ein produktives Spiel sind das nicht.

Eingestellt von marxelinho am 2. Februar 2020.

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