25. März 2018

Nachrichtengefälle

Man könnte einen kleinen Wiener Kongress des Fußballs abhalten über das, was sich an diesem Wochenende rund um Thomas Tuchel vernehmen ließ. Er wird aller Voraussicht nach in der kommenden Saison wieder arbeiten, er hat sicher gute Optionen, allmählich müssen sich die Perspektiven klären. Dann ging es plötzlich Schlag auf Schlag: Am Freitag wurde bekannt, dass der FC Bayern nicht der neue Arbeitgeber sein wird, und dass es auch schon einen neuen Arbeitgeber gibt - einen europäischen Topclub.

Außerdem hieß es, Bayern hätte ihn gern verpflichtet, aber zu spät gefragt. Ich wollte mir am Sonntagnachmittag in aller Ruhe überlegen, wie sich das aus Sicht von TT darstellen könnte. Schließlich habe ich in dieser Sache auch ein Interesse: ich würde ihn gern bei Arsenal sehen.

Sonntagmittag ging der Kicker dann mit einer Nachricht live, die sehr bestimmt klang: Tuchel wechselt zum FC Arsenal. Wenn das stimmt, ist es ein echter Scoop. Allerdings sind inzwischen sechs Stunden vergangen, und der Kicker steht mit der Nachricht weiterhin allein da. Niemand zieht nach, die Süddeutsche dementiert inzwischen sogar schon.

Was an der Kicker-Nachricht von Beginn an verdächtig wirkte, ist der Umstand, dass sie Tuchel eigentlich nur schaden kann. Denn wenn er bei Arsenal schon unterschrieben hätte, dann wäre es von höchster Dringlichkeit für alle Beteiligten (im Wesentlichen Ivan Gazidis, Arsene Wenger und Thomas Tuchel), dass die Verkündigung zu deren Bedingungen und gesichtswahrend für Wenger erfolgt. Auch wenn es also vielleicht eine Vereinbarung gibt, könnte diese durch die Tatsache der frühzeitigen, externen Vermeldung wieder hinfällig sein.

Tuchel hat auch noch andere Optionen. Paris Saint Germain ist eine, Chelsea eher nur Backup. Danach wird die Liste auch schon dünn. Möglicherweise kommt der Arsenal-Scoop aus Tuchels eigenem Lager, und ist einfach eine Ente, um die Oberhoheit über das Wochenende zurückzugewinnen, und die Unterschrift in Paris ist schon lange trocken.

Ein Blick auf die aktuelle Situation bei Arsenal würde eigentlich unbedingt für die Kicker-Nachricht sprechen, denn angesichts dieser Saison (die man bis auf die Europa League wohl abgeschrieben hat) muss für den Sommer eine Lösung her. Allerdings ist diese schon seit vier bis fünf Jahren überfällig, sodass man sich durchaus auch vorstellen kann, dass die Agonie mit Wenger dort noch eine Weile weitergeht.

Bleibt als unmittelbar interessante Frage eigentlich nur: Was hat den Kicker geritten, mit diesem Bericht vorzupreschen? Naheliegende, aber kurzsichtige Antwort: die Nachricht muss ihnen höchst plausibel erschienen sein. Aber sie müssen doch auch gewusst haben, dass sie deren Substanz mit der Form der Veröffentlichung höchstwahrscheinlich zerstören.

In irgendeiner Form hat sich der Kicker hier anscheinend instrumentalisieren lassen. Vermutlich lässt sich die Sache notdürftig rekonstruieren, sobald Tuchels "Entscheidung", die jetzt vielleicht noch einmal neu zu treffen ist, auf dem Tisch liegt. Das wird dann mein kleiner Wiener Kongress des Fußballs: da sitzen dann am Tisch England, Frankreich, Deutschland, Qatar, USA. Usbekistan, Putinstan, und aus der Ferne schauen Audi und die Telekom zu.

Im Übrigen würde ich mir wünschen, dass Aaron Sorkin über diesen Nachmittag im Haus Tuchel (Official) einen Film macht. Ich bin sicher, es gab eine Menge Fast Talking.


Eingestellt von marxelinho am 25. März 2018.

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