19. Mai 2018

Potemkinsches Stadion

Beim Pokalfinale heute Abend wird das Olympiastadion wieder einmal glänzen. Es wird ausverkauft sein, und man wird eine moderne Arena klassizistischen Zuschnitts erleben, die klug saniert wurde und weiterhin an das Gebäude erinnert, in dem 1936 das faschistische Deutschland sich feiern ließ.

Wenn Hertha im August die Saison eröffnen wird, dann wird es - wenn nicht gleich zu Beginn die Bayern kommen - wieder ein wenig anders sein: das Oly wird vermutlich halbleer sein, die Stimmung ist trotzdem meistens gut, wegen der Ostkurve, die allerdings auch nicht unverwüstlich ist.

Inzwischen kennen wir alle das Datum, auf das es im Zusammenhang mit dem Oly ankommt: 2025 hat Hertha BSC die Möglichkeit, den Spielort neu zu bestimmen, weil dann der Pachtvertrag mit dem Olympiastadion endet. Dieses Datum liegt lange genug in der Zukunft, um sich dafür grundsätzlich etwas zu überlegen. Zugleich ist es aber auch schon ganz schön knapp, wenn man bedenkt, dass wir vor einer Jahrhundertentscheidung für Hertha stehen.

Denn ein neues Stadion baut man nicht alle Tage, und ein neues Stadion soll es sein. Darauf hat sich Hertha festgelegt, und zwar völlig zu Recht. Gestern wurde im Sportausschuss des Berliner Abgeordnetenhaus darüber diskutiert. Das Protokoll von Uwe Bremer lässt erkennen, dass wir vor einer hoch delikaten Phase stehen, denn Hertha muss für seine Idee eine politische Mehrheit finden, und zwar auch bei Leuten, die - obwohl sie im Sportausschuss sitzen - nicht unbedingt so klingen, als wären sie fußballaffin.

Das kann man zum Beispiel aus einem Statement von Notker Schweikhardt (Grüne) heraushören: Er fragt, schreibt immerhertha, ob es nicht sinnvoller sei, in Spieler zu investieren, statt in Steine. Das ist sicher gutgemeint, verrät aber, dass der Mann keine Ahnung hat. Denn Hertha wird in den nächsten Jahren sowohl in Spieler wie in Steine investieren müssen. Schweikhardt spricht also von einer Scheinalternative.

Die Gratwanderung, die gestern quasi offiziell begonnen hat, besteht ja gerade darin, dass einerseits das Projekt Stadionneubau (auf dem Olympiagelände) der Berliner Politik verkauft werden muss, während es gleichzeitig im Hintergrund den (bisher unbekannten) Investoren verkauft werden muss, die dafür das Geld geben würden. Hertha spielt also gewissermaßen mit offenen Karten, auf denen aber noch nichts stehen darf. Oder anders gesagt: Hertha muss einen Bluff spielen, der erst noch mit einem Blatt unterlegt werden muss.

Die Berliner Politik hat, wie mich nicht überrascht, einen schlechten Kompromiss eingebracht. Ein Vertreter des Senats hat Pläne für einen Umbau des Olympiastadions vorgestellt, die es substantiell verändern würden. Mit Denkmalschutz hat das nichts mehr zu tun, im Gegenteil wäre das dann ein Mehrzweckfunktionsbau. Der Umbau würde im Oly dann der Normalzustand: Laufbahn rein, LED rauf, etcpipapo. Und eines der raren Beispiele in der Berliner Stadtgeschichte nach 1989 für einen gelungenen Kompromiss zwischen Architekturgeschichte und Funktionsnotwendigkeiten ginge verloren. Man hätte stattdessen ein Potemkinsches Stadion mit lauter Paravents.

Hertha hat sich festgelegt. Das nehmen manche Abgeordnete dem Club krumm. Aber der Lösungsvorschlag, den Hertha vorgelegt hat, ist nun einmal der beste. Und zwar nicht nur für Hertha, sondern auch für die Stadt. Im Idealfall würde Berlin einen Bundesligaverein bekommen, von dessen sportlichem Erfolg und internationaler Strahlkraft die Stadt enorm profitieren könnte.

Dafür müssten allerdings eine ganze Reihe von Wetten aufgehen. Aber dafür ist es eben auch notwendig, dass kleingeistige Parteipolitik (von der AfD ist nichts anders zu erwarten, aber die anderen Fraktionen könnten schon einmal ein bisschen aus dem Verwaltungsmodus in den Perspektivmodus umschalten) nicht einen Moment verdirbt, in dem es ums Ganze geht.

Natürlich wäre das alles leichter, wenn Hertha mit einer Begeisterung werben könnte, die auch eine sportliche Grundlage hat. Diese Grundlage hat die abgelaufene Saison deutlich unterminiert, aber auch davon muss man abstrahieren. Clubs wie Gladbach oder Mainz haben es längst hingekriegt, Stadien zu bauen, die ihnen angemessen sind. Hertha ist spät dran, man sollte den Bemühungen keine mit LED-Screens verhängte Muschelkalksteine in den Weg legen.

Eingestellt von marxelinho am 19. Mai 2018.

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