12. Juli 2021

Unentschieden nach Elfmetern

Dieser Fußballsommer begann mit dem perfekten Elfmeterschießen, und er endete mit einem katastrophalen.

Das perfekte fand am 26. Mai in Danzig im Finale der Europa Leageu statt. Nach 120 Minuten stand es zwischen Villareal und Manchester United 0:0. Die Penalties mussten also entscheiden. Bei Villareal stand Geronimo Rulli im Tor, bei Manchester United David de Gea. Die Perfektion sehe ich in der Schönheit der Reißverschlussform, die sich daraus ergab, dass einerseits bei so einem Elfmeterschießen immer mindestens einmal der Torwart "gewinnen" muss. In diesem Fall war es aber eben so, dass von den zehn Feldspielern, die zu diesem Zeitpunkt noch "im Spiel waren", auf beiden Seiten alle trafen, mit schöner, metronomischer Regelmäßigkeit und Sicherheit. Die Entscheidung brachte das direkte Duell der beiden Torhüter selbst: beide mussten auch als "Schützen" antreten. Zuerst Rulli, er traf, danach de Gea, er vergab. Wäre die ganze Sache weitergegangen, hätte es die Schönheit zerstört: es musste der 22. Elfmeter sein, der die Entscheidung brachte, nur so bekamen wir diese Figur einer perfekten, schließlich aber unausweichlich gebrochenen Symmetrie.

Beim EM-Finale gestern war ich für England, und ich hatte auch noch spezielle Emotionen: ich bin Arsenal-Fan, und Bukayo Saka hat uns in einer schwierigen Situation sehr oft rausgehauen. Je länger ich darüber nachdenke, desto deutlicher wird, wie sehr sich Southgate vertan hat. Es werden wahrscheinlich noch große und tolle Texte geschrieben werden über diese Überlagerung, die unweigerlich durch seine eigene Vorgeschichte entstand: seinen vergebenen (entscheidenden) Elfmeter gegen Deutschland bei der EM 1996.

Dass England gestern aus 10 Feldspielern nur zwei (!) Schützen fand, hatte wohl auch damit zu tun, dass Southgate das Momentum des Spiels brach - durch die beiden Einwechslungen von Sancho und Rashford, die er noch dazu so lange hinauszögerte, dass allen, auch den beiden Spielern, deutlich wurde, dass sie wirklich nur für diesen einen Schuss vorgesehen waren. Ich hatte eigentlich vermutet, er würde Saka wieder auswechseln, wie er auch im Halbfinale den eingewechselten Grealish in der Verlängerung wieder ersetzt hatte. Aber er nahm Walker aus dem Spiel (ich hätte ihn für einen potentiellen Schützen gehalten), und Jordan Henderson.

Die Arbeit von Southgate als englischer Nationaltrainer stand von Beginn an im Zeichen seines "Traumas". Schon bei der WM 2018 ging es häufig um Penalties, und um die Frage, wie man der Psychologie entkommen kann. Sancho und Rashford gingen für meine Begriffe gestern auf eine "technokratische" Überlegung zurück: zwei junge, als cool geltende Spieler, die vollkommen ausgeruht, ohne Sauerstoffdefizite, mit einem einzigen Schuss zu Helden werden konnten. Ich finde, dass die dahinter stehende Überlegung nicht unplausibel ist. Sie ging aber nicht auf. Rashford war geradezu zu klar im Kopf, er vergab mit dem geläufigen überperfekten Schuss, der dann eben zehn Zentimeter auf der falschen Seite der Innenstange landete.

Bei Sancho war die Sache komplexer. Wenn man will, kann man in seinen Anlauf und in seinen Schuss eine Ambivalenz hineinlesen, die aus seiner Rolle während des Turniers kam: kaum berücksichtigt, von den Medien oft gefordert, von Southgate de facto klar gekränkt. Das kann man alles in Interviews und anderen Momenten gut rationalisieren, in einem so kritischen Moment vor einem Wembley, das die Luft anhält, kann sich die Ambivalenz nur als Selbstschädigung äußern, die dann auch auf Southgate zurückfällt.

Bukayo Saka war dann in einer Rolle, die für einen 19-Jährigen nur zu groß sein kann: seine beiden jugendlichen Vorgänger verschossen, die Sache im Grunde schon entschieden, dann holt Pickford (übrigens einer der Helden dieser englischen Mannschaft) den Elfer von Jorginho, und von Saka hängt trotzdem alles ab. Er schoss zaghaft. Ein Aspekt, den ich dabei am Rande erwähnen möchte, ist das mangelnde Augenmerk, das bei Arsenal den Standards gilt: es gibt wenige Mannschaften in England, die mit Freistößen, Eckbällen, allgemein dem ruhenden Ball weniger anzufangen wissen. Saka gilt dort als Freistoßschütze, aus Gründen, die sich nicht erschließen, außer, dass er klein ist und im Strafraum nichts ausrichtet. Auch das war gestern in seinem Körpergedächtnis.

Die EM war in vielerlei Hinsicht kontrovers. Als Fußball-Ereignis aber war sie groß. Die alles überstrahlenden Spanier mit ihrem Flow gegen Italien scheiterten an ihrem "Italiener": Alvaro Morata. Auch das ein Indiz dafür, dass nicht nur der Sieg zählen sollte. Sondern die vielen wunderbaren Ideen, die sich in den Spielen ergaben. Das ist Fußball. Elferschießen ist etwas anderes. Es gehört zum Fußball, aber es verzerrt ihn auch. Für mich endete die EM 2021 mit einem Unentschieden zwischen Spanien, England, Dänemark und Italien.

Eingestellt von marxelinho am 12. Juli 2021.

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