01. September 2019

Wandernemesis

Gestern Abend nach der Niederlage von Hertha in Gelsenkirchen und dem Sieg von Union gegen den BVB (für Schalke quasi auch noch ein indirekter Derbyerfolg) dämmerte mir für einen Moment, dass diese Saison auch das Potential für eine riesengroße Blamage enthält: Nicht auszudenken (aber es gehört nun einmal zu unserem Verhältnis zur Zukunft, uns auch solche Sachen auszudenken), wenn Hertha am Ende hinter Union stünde, oder (wenn schon, dann den haarsträubenden Gedanken auch zum fatalen Ende denken) wenn Hertha gar den Platz des vermeintlichen Fixabsteigers aus Köpenick einnehmen würde.

So weit sind wir natürlich noch lange nicht, und es besteht noch nicht einmal Grund, eine Trainerdebatte auszurufen - obwohl man auch da gestern das Gefühl haben konnte, dass es mit Ante Covic unter Umständen ganz schnell gehen könnte. Die morbiden Gedankenspiele hatten im wesentlichen ein Motiv: Dodi Lukebakio, den teuersten Neuzugang, den es bei Hertha jemals gab.

Im Vorjahr spielte er bei Fortuna Düsseldorf unter Friedhelm Funkel. Zweimal ließ Hertha sich von Funkel blamieren, stand schließlich in der Tabelle hinter dem designierten Absteiger aus Düsseldorf, und sah zweimal dämlich aus gegen einen Coach, der vor Jahren hilflos für Hertha eine Abstiegssaison mit Europacupreisen abmoderiert hatte.

Womit wir beim Spiel gegen Schalke gestern wären. Hertha verlor verdient (und peinlich) mit 0:3. Und zwar, ich spitze zu, weil Ante Covic sich von dem Königstransfer Lukebakio dazu verführen ließ, mit einer Funkel-Taktik anzutreten. Eigentlich hatte er ja den ganzen Sommer hindurch erzählt, dass er an einer anderen Hertha arbeitete: einer Ballbesitzmannschaft, die ein Spiel gestalten kann.

Nirgendwo sonst wäre ein solches Vorgehen näher gelegen als auf Schalke - bei einer Mannschaft, die seit gefühlten Ewigkeiten daheim nicht gewonnen hatte. Aber Hertha wollte lieber den kleinen Upset von München neulich wiederholen - gegen eine Mannschaft, die dadurch erst stark wurde. Schalke bekam mit jeder Minute mehr vom Ball, fand Gefallen an einer zu diesem Zeitpunkt noch wirkungslosen Dominanz, während Lukebakio ab und zu mit Bällen gefüttert wurde, die ihm nicht schmeckten.

Dass Herthas Defensive einen Hang ins Kabarettistische hat, wissen wir schon lange. Gestern fielen die beiden entscheidenden Tore kurz vor und kurz nach der Pause - im ersten Fall war es ein Kumulationseffekt: Hertha hatte Schalke solange das Spiel überlassen, bis der Gegner keine andere Möglichkeit mehr sah, als es zu übernehmen. Den entscheidenden Fuß hatte dabei wieder einmal Caligiuri im Spiel, die alte Wander-Nemesis.

Das vorentscheidende zweite dann gleich nach der Pause hatte zwei Facetten. Erstens eine jämmerliche Flanke von Marvin Plattenhardt (eine von zahlreichen unzureichenden "Hereingaben", beginnend mit einem grotesken Eckball von Lukebakio, aber auch Mittelstädt bekam in den Trinkpausen sicher kein Zielwasser). Zweitens einen weit aufgerückten Niklas Stark, der eine Art Parodie des Zweikampfs zeigte, mit dem David Luiz vor einer Woche in Liverpool sich gegen Mo Salah lächerlich machte.

Das war dann ein Faktor Naivität nach einer Halbzeit mit einer halb aufgegangenen halbgaren Taktik. Hertha kennt sich ja damit aus, erste Halbzeiten herzuschenken, und Comebacks kennt sie allenfalls aus den Rocky-Filmen. Verloren wurde das Spiel gestern letztendlich im Mittelfeld. Die Laufwege von Marco Grujic hatten etwas von einem Oberschiedsrichter, der immer nach der besten Beobachterposition am Rande des Getümmels sucht. Darida ist emsig, aber ist er ein guter Fußballer? Arne Maier ist jedenfalls ein besserer. Er fehlt sehr.

In zwei Wochen beginnnt die Saison zum zweiten Mal - für Hertha mit einem Kellerduell gegen Mainz. Wenn dort wieder alles auf den gestern fußtauben Ballmagneten am rechten Flügel ausgerichtet wird, werde ich mich schon mal diskret nach der Nummer von Otto Rehhagel umhören.

Eingestellt von marxelinho am 1. September 2019.

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