18. Juni 2018

Werch ein Illtum

Der eine oder andere Herthaner hatte gestern einen Gedanken, der vielleicht sogar Marvin Plattenhardt selbst durch den Kopf geschossen sein könnte, auch wenn er das nie zugeben dürfte: "Wenn heute alles gut geht, dann spielt er vielleicht die ganze WM." Der Linksverteidiger von Hertha kam kurzfristig in die Mannschaft gegen Mexiko, weil Jonas Hector nicht fit war. Das Spiel endete 0:1, und plötzlich sind viele nicht mehr ganz so optimistisch, wie lange denn "die ganze WM" für Deutschland überhaupt dauern wird.

Mit detaillierten Analysen muss ich mich hier nicht beschäftigen, unübersehbar war in jedem Fall, dass das deutsche Spiel rechtslastig war und dort auch mehr Probleme hatte - wieviel das damit zu tun hatte, dass die Stammspieler mit Plattenhardt auf links fremdelten, muss der Spekulation überlassen bleiben. Der viel gerühmte Ankerspieler Toni Kroos, der bei Spieleröffnung meistens fast an die Seite von Mats Hummels zurückfällt, hatte jedenfalls auffällig kaum ein Auge für den links an der Mittellinie wartenden Kollegen.

Man mochte sich von fern an das Jahr 2006 erinnert fühlen, als die Nationalelf rechts hinten einen Herthaner dabei hatte: Arne Friedrich war damals so auffällig ein Fremdkörper, dass er einem schon leid tun musste. Er konnte sich 2010 in Südafrika rehabilitieren.

Wir können jedenfalls einiges über die Logik von Karrieren aus diesem Spiel lernen. Es kommt nämlich nicht nur darauf an, dass ein Spieler seine Gelegenheit nutzt. In diesem Fall hat zu einem nicht geringen Teil auch die Mannschaft die Gelegenheit für ihn verpatzt. Plattenhardt ist nur ein Randaspekt in einer Mannschaft, der die Balance im Zentrum fehlte - leider ging Mesut Özil in der zweiten Halbzeit in einer dann schon radikal offensiven Formation ein wenig verloren, sodass auch seine Verächter wieder Argumente für ihr Vorurteil sammeln konnten. Sie werden es gegen Schweden dafür (auch) mit Gündogan (statt Khedira) zu tun bekommen. Alles andere wäre eine Überraschung. Özil aber droht die Bank.

Wenn es eine Skepsis der Kollegen gegenüber Plattenhardt gab, dann hat sie allerdings auch ein Motiv. Denn zu einem Außenspieler der Weltklasse fehlen ihm eben doch entscheidende Aspekte. Er flankt gut, wenn er in die Nähe der Grundlinie kommt, und er hat diese spezielle Intensivbeschleunigung drauf, die ihm die paar Zentimeter Raum verschafft, die er braucht, um den Ball am Gegenspieler vorbeizubringen. Plattenhardt hat aber eben diese eine, fundamentale Beschränkung: alle seine Lösungen führen zur Außenlinie. Weil er so radikal einseitig auf seinen linken Fuß (und auf die entsprechende Hirnhälfte?) festgelegt ist, kann er sich in das Kreislinienpowerplay, vor dem sich die deutsche Mannschaft in der zweiten Halbzeit sah, nur teilweise einschalten.

Schon im Ligaalltag habe ich mich oft gewundert, dass Plattenhardt an der Überwindung dieser Einseitigkeit, die ich fast als Behinderung wahrnehme, nicht arbeitet. Es wäre auch für das Spiel von Hertha eine enorme Bereicherung, wenn er den "Haken nach innen" (so nannte das Christoph Kramer gestern im ZDF) und vor allem den kurzen Pass in die Mitte in sein Repertoire aufnehmen könnte.

Die Nationalmannschaft könnte ihm da neue Aspekte erschließen. Leider hat das Ergebnis gegen Mexiko nun den Ergebnisdruck so erhöht, dass für Lernprozesse kaum noch Zeit ist. Und wenn Jonas Hector sich im Lauf der Woche regeneriert, wird er vermutlich am Samstag spielen - und danach die ganze WM. Auch wenn diesbezüglich derzeit sehr oft das Gesetz einer Serie beschworen wird, die regierenden Weltmeistern nur drei Spiele zugesteht.


Eingestellt von marxelinho am 18. Juni 2018.
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