02. Dezember 2018

Worte und Taten

Fußball ist ein Spiel, bei dem zwei Mannschaften einen Vortrag halten, und wenn eine dabei das letzte Wort hat, bekommt sie drei Punkte. So war das auch gestern in Hannover, wobei das schöne Wort "Vortrag", das in der Kommentatorensprache ab und zu verwendet wird, in diesem Fall wirklich Sinn macht: der Vortrag besteht beim Fußball darin, den Ball sinnvoll nach vorne zu tragen, bis er hinter der entscheidenden Linie landet.

Das Tagwerk ist im Fußball also ein Tragwerk ohne Hände, es bedarf für den Vortrag einer tragfähigen Grundlage. Diese war bei Hertha gegen einen allerdings schwachen Gegner wieder gegeben. Jordan Torunarigha kam in die Mannschaft zurück, er war zu Saisonbeginn ja Teil dieses phasenweise erstaunlichen Ensembles gewesen, das damals für eine Weile eine fliegende Hertha ausmachte. Eine überfliegende.

Dann erwischte Torunarigha eine Verletzung, und Patrick Hermann trat Marko Grujic für ein paar Wochen aus dem Bewerb, und alte Einstellungsprobleme verbanden sich mit ständig wechselnden Personalsituationen zu einer mittelmäßigen mittleren Phase der Hinrunde.

Gegen den Abstiegskandidaten aus Hannover musste Hertha zeigen, ob auf die positiven Ansätze aus dem Sommer weitere Schritte folgen können. Das nüchterne 2:0 ist ein wichtiger Schritt. Denn es wurde mit einem vergleichsweise zurückhaltenden Vortrag erzielt, ohne große rhetorische Manöver, aber mit jederzeit interessanten Argumenten.

Nicht nur aufgrund zweier Torbeteiligungen hatte Jordan Torunarigha besonderes Gewicht. Er ist unübersehbar eines der größten Talente, die Hertha jemals hervorgebracht hat, und wenn in seinem Fußballerhirn die Dinge gut zusammenwachsen (Einstellungen, Koordination, Konzentration, Ethos, Inspiration), dann könnte er größer als Jerome Boateng werden - und dieser Berliner Junge ist immerhin Weltmeister, CL-Sieger und Brillendesigner geworden.

JT hat häufig etwas Kokettes in seinen Bewegungen, vor allem seine Hände wirken manchmal so, als wollten sie sagen, dass sie für die Koordination der elastischen Beine gar nicht gebraucht werden. Wenn er schlecht spielt, sieht das lächerlich aus, häufiger aber wirkt es genial.

So ließ er gestern auch einen Ball, den er selbst mit einer brillanten Umschaltbewegung in seine Richtung suggeriert hatte, fast schon über die Torauslinie schlittern, ehe er ihn doch noch auf eine Flanke schickte, für die Ibisevic nur noch das tun musste, was man bei guten Vorträgen eben häufig macht: man nickt. Man nickt ein, aber anders, als man bei schlechten Vorträgen manchmal einnickt.

Das war dann schon die Entscheidung. Davor hatte Hertha einige vielversprechende Konter nicht gut ausgespielt, vor allem Kalou fehlt derzeit ein bisschen die Präzision. Aber insgesamt sah das alles sehr vernünftig aus: defensiv wieder kompakter, und mit Maier und Grujic im Zentrum zwei Kollegen, die jederzeit das Wort ergreifen können.

Ganz vorne brachte Pal Dardai mit Ibisevic und Selke eine sogenannte Doppelspitze. Das funktionierte gut, nicht zuletzt deswegen, weil Selke so herrlich Chaos machen kann. Mit Torunarigha, Grujic und Selke hat Hertha derzeit drei Langbeiner, die magische Dinge bewerkstelligen.

Vier Spiele gibt es nun noch vor Weihnachten. Mit dem Sieg in Hannover ist der Anschluss an interessanten Tabellenbereiche wieder hergestellt. Nun geht es darum, die Argumente zu schärfen, und zwar gegen Gegner, die auch etwas zu melden haben. Ich bin ganz Ohr.

Eingestellt von marxelinho am 2. Dezember 2018.

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