23. September 2018

Zappadoing!

Wie war das noch mal mit Javairo Dilrosun? Als im Mai dieses Jahres seine Verpflichtung bekannt gegeben wurde, da habe ich nicht genau aufgepasst. Ich war naturgemäß neugierig auf ihn, meinte aber, er wäre wohl auf Leihbasis gekommen. Neulich sah ich aber einmal nach, und stellte fest: der Niederländer mit Wurzeln in Surinam hat in Berlin bis 2022 Vertrag. Und er hat nicht einmal Ablöse gekostet, sondern nur Ausbildungsentschädigung.

Dilrosun ist eine der Geschichten bei Hertha in der frühen Phase dieser Saison. Er gibt einer Mannschaft Profil, die im Vergleich zum Vorjahr kaum wiederzuerkennen ist. Gestern gewann Hertha mit 4:2 gegen Gladbach, es war der Sieg einer Personalplanung, die nun nahtlos in Personalentwicklung weiterzugehen scheint.

Vor einer Woche hat Gladbach den Vizemeister Schalke 04 noch phasenweise schwindlig gespielt. Gestern hatte Hertha die Sache so weit im Griff, dass nur einige wenige vertikale Bälle für Probleme (und naturgemäß einen "weichen" Strafstoß) sorgten, und eine Flanke auf Plea. Und dies, obwohl mit Rekik und Torunarigha zwei defensive Schlüsselspieler fehlen. Lustenberger hat sie tadellos vertreten.

Um ehrlich zu sein, gab es in der zweiten Halbzeit eine Phase, in der ich ein wenig um die Souveränität fürchtete. Mir kam vor, dass Kalou zu wenig zum Spiel beitrug, der innere Feldherrenhügel in mir überlegte schon, ihn auszuwechseln, um den Kontern ein wenig mehr Geschwindigkeit zu geben, zum Beispiel durch Jastrzembski.

Doch dann bekam Kalou rechts einen Ball, mit dem er immer schneller wurde. Und der Kapitän nahm in der Mitte auch Fahrt auf, er schlug diese typischen Strafraumstürmerhaken, die ihn exakt in die Lage brachten, eine wunderbare flache Hereingabe von Kalou zu verwerten. Das war das 3:1 und die Vorentscheidung. Es kam von den Oldies in einer bestens balancierten Mannschaft.

In der Halbzeit hatte ich einen Tweet in die Welt geschickt: Mann der Stunde - Michael Preetz. Jeder Stunde geht eine lange Entwicklung voraus, und Entwicklungen haben es an sich, dass sie nicht zwangsweise in etwas aufgehen müssen. In dem Fall der langfristigen Kaderplanung bei Hertha ist es aber so, dass in diesen Wochen plötzlich vieles zusammenpasst: Duda (kam 2016), Lazaro (2017, seit 2018 fest verpflichtet), Jarstein (2014), Dilrosun (2018), Grujic (2018), Arne Maier (2017, aus der eigenen Nachwuchsarbeit), dazu Stark, Plattenhardt, und vornweg die beiden rüstigen Senioren, die von vornherein den Status einer Übergangslösung hatten. Diesen Status füllen sie jetzt, da ihre Ablösung allmählich wirklich näher rückt, noch einmal großartig aus.

Lazaro gab in Halbzeit eins eine Demonstration seiner Polyvalenz, ein Flügelstürmer, der als Außendecker aushilft (und zwar so, dass Mitchell Weiser nicht eine Sekunde vermisst wird), der dann in der Zentrale einen Move einleitet, den er schließlich im Fünfmeterraum per Kopf abschließt. Flanke von Dilrosun, dazwischen noch Duda, der wiederum ganz andere Qualitäten ins Spiel bringt. Hertha ist super elastisch in dieser bisherigen Hinrunde, mal strafft sich die Mannschaft für kleine Schwingungen, gestern aber gab es sehr schöne Spannungsausschläge: Zappadoing!

Gladbach ist für so ein Spiel naturgemäß ein idealer Gegner, es war ein Spiel zweier Mannschaften, die im Grunde analoge Konzepte hatten, es ging also darum, welche Mannschaft ihres durchsetzen würde. Diese Frage hat Hertha besonders beeindruckend gelöst - das war ein anderer Sieg als der gegen Schalke, es war ein Heimsieg von einem Team, das sich vor nichts drückte. Auch das ein Klassenunterschied zu einer Hertha, die noch vor sechs Monaten oft kaum wusste, wohin mit sich selbst vor eigenem Publikum.

Nun passt vieles zusammen, den Unterschied aber macht ein Spieler wie Dilrosun, der in der Lage ist, Dynamiken zu entfesseln. Er hätte auch andere Optionen gehabt, wir können aber wohl annehmen, dass ein herrlicher Fußballnachmittag wie der gestrige ihm schon gezeigt haben, dass er alles richtig gemacht hat, indem er nach Berlin kam. Wenn er so weitermacht, und die Mannschaft ihn nicht irgendwann wieder hängen lässt, dann ist er ohnehin nur ein Jahr hier, aber Hertha wird viel Geld für ihn bekommen.

Die Alternative ist nach vier Spieltagen noch etwas für die Träume, fällt allerdings schon ein bisschen in die Rubrik konkrete Utopie: Hertha hat in diesem Jahr (auch nach dem Tritt, mit dem Patrick Hermann Grujic schwer verletzt hat) das Personal für eine Geschichte, an der vielleicht auch ein Ausnahmetalent wie Javairo Dilrosun noch ein wenig länger teilnehmen könnte. Zumindest an diesem Sonntag gilt: das spannendste Projekt in der Bundesliga findet zur Zeit in der Hauptstadt statt. Dass ich das einmal schreiben kann ....


Eingestellt von marxelinho am 23. September 2018.

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