Ab durch die Mitte

Notizen zur Fußballsprache: Das "Aufdrehen"

Gestern habe ich mir das Champions League-Spiel zwischen Benfica Lissabon und Bayer 04 Leverkusen angeschaut. Mich interessiert ohnehin, wie Bayer den Umbruch nach dem Abgang von Xabi Alonso hinbekommt, zudem braucht man, wenn die "eigene" Mannschaft in der zweiten Liga spielt, auch ein Interesse in der ersten. Und dann ist Leverkusen ja auch die neue sportliche Heimat von Ibrahim Maza, der für immer ein Hertha-Idol bleiben wird. Für beide Mannschaften stand gestern viel auf dem Spiel, beide hatten die ersten drei Spiele im laufenden Bewerb weitgehend vergeudet, beide mussten gewinnen, um noch eine Chance auf einen Platz unter den ersten 24 von 32 Mannschaften in der langen Tabelle zu behalten.

Bayer gewann schließlich mit 1:0 nach einem Treffer des eingewechselten Schick. Maza war einer der Besten, er spielte neben Garcia auf einer Doppelsechs, die zugleich eine Doppelzehn war – eine eigentümliche, durchaus riskante Formation, die Garcia auch noch durch den einen oder anderen eklatanten Fehlpass spannend machte. Unser Ibo (man gestatte den leutseligen Ton) tat, wofür er gekauft wurde: er versuchte, ein Umschaltspiel zu organisieren, indem er immer wieder "aufdrehte". Besonders deutlich wurde das in einer Szene schon relativ früh, in der er einen Pass, der auf ihn gespielt wurde, zwischen seinen beiden Beinen durchlaufen ließ und zugleich seine Richtung um 180 Grad änderte – der zum Zweikampf bereite Gegenspieler blieb verdutzt zurück, während Maza in die Weiten des Mittelfelds aufbrach.

Im modernen Fußball ist das eine Qualität, die sehr gefragt ist. Sich eines Gegners zu entledigen, wo doch alle darauf konditioniert sind, keinen Millimeter Platz freizugeben. Im Englischen gibt es dafür diie Formulierung: to breathe down somebody's neck. Im Deutschen entspricht dem vielleicht: jemandem auf die Pelle rücken. Bei dem intensiven Pressing, das Spitzenmannschaften (nicht so sehr Benfica unter Mourinho) pflegen, bleibt für gepflegte Ballannahme keine Zeit, es entstehen jedoch Handlungsspielräume, wenn der Gegenspieler den Abstand gegen Null verringert, um einem den Ball abzunehmen, indem er einem - sagen wir es derb - auf den Sack geht.

Nicht von ungefähr werden solche Duelle häufig mit Ringkämpfen verglichen. Und je verschlungener die Skulptur ist, desto interessanter die Möglichkeiten des Aufdrehens. Zuerst einmal dreht oft der Spieler sich selbst auf, auch ganz wörtlich: er geht von einer geduckten, den Ball abschirmenden Haltung aus, und streckt sich in einen freien Raum, den der Gegner offen lässt. Der muss ja jeweils eine der beiden Fluchtseiten zumindest in Ansätzen preisgeben, das sind interessante Prozesse von Gleichgewicht, Standfestigkeit, Wendigkeit. In jedem Fall: Ibrahim Maza, ein Spieler mit einem, wie man auch gern sagt, eher tieferen Schwerpunkt, dreht oft tatsächlich aus einer Situation auf, in der er ein wenig in die Knie geht, insgesamt ist er ja ohnehin nicht der Größte. Er schafft es überraschend oft, sich unter Druck zu befreien, oder, wie es in der Schlussphase gestern noch markant gelang, ein Foul zu provozieren.

Im gegenwärtigen Hertha-Kader gibt es vor allem zwei Aufdreher: Maurice Krattenmacher und Mikhael Cuisance. Längst werden auch in der zweiten Liga schon sehr kompetente Mischungen aus höherem Pressing und Manndeckung gespielt, da ergeben sich Räume, die ein tiefer Block nicht lässt. In einen tiefen Block hinein kann man nur durch eigenwillige Läufe und kurze, sehr intuitive Pässe (oder chips) aufdrehen. So richtig aufdrehen kann man nur in einen offenen Raum hinein. Da hat der Vorgang dann tatsächlich etwas auch von der akustischen Dimension des Worts: wenn bei mir zu Hause eine gute Nummer läuft, drehe ich die Lautstärke höher – ich drehe auf. Entsprechende Vorgänge von PS-Trotteln kennen wir natürlich auch, die missbillige ich klarerweise. Wenn wir morgens aus dem Schlaf erwachen, machen wir (jedenfalls um diese Jahreszeit) Licht: wir drehen das Licht auf. Auch schläfrige Spiele lassen sich aufdrehen – durch einen guten Move.

Bayer hat mit dem Auswärtssieg gestern die Chance gewahrt, Deutschland vielleicht auch im Achtelfinale der Champions League zu vertreten. Das ist auch deswegen wichtig, weil wir keine langweilige Liga haben wollen. Es ist wichtig, dass Vereine auf längere Sicht konkurrenzfähig bleiben mit dem FC Bayern und mit der europäischen Spitze (zu der Benfica zur Zeit nicht zählt). Deswegen habe ich gerade ein Auge auf den noch ziemlich konfusen Talenteschuppen aus der Pillenstadt, aus dem ein Berliner Aufdreher schon ein wenig hervorsticht: Ibrahim Maza.

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