Der Prozess

Mikel Arteta und der FC Arsenal

Am Samstag wird der Arsenal FC, der neue Meister der englischen Premier League, in Budapest im Finale der Champions League gegen Paris Saint Germain spielen. Der Klub, der seit 2004 keinen großen Titel geholt hatte, hat dieses Jahr die Chance auf zwei – darunter den größten unter den europäischen Pokalen. Vor wenigen Wochen sprachen Verwegene noch von der Chance auf ein Quadruple. Das Ausscheiden im FA Cup gegen Southampton erwies sich im Rückblick als Segen. Denn Manchester City hatte an jenem Dienstag vor etwas mehr als einer Woche beim Auswärtsspiel in Bournemouth noch das Finale des FA Cups in den Beinen. Das könnte ein Faktor gewesen sein, der erforderliche Sieg gelang nicht, und Arsenal war damit vor dem letzten Spieltag nicht mehr einzuholen.

Den Titel kann man nebenbei auch so einordnen: Meister in England wurde die Mannschaft, der es zuletzt gelungen war, den AFC Bournemouth zu schlagen. Das war am 3. Januar. Arsenal gewann im Vitality Stadium mit 3:2, mit zweieinhalb Toren aus dem Spiel heraus: das erste Tor von Gabriel fiel in der verlängerten Sequenz nach einem Freistoß von Rice, es folgten zwei sehr schön herausgespiele Treffer von Rice nach feinen Pässen von Ødegaard.

In der Schlusstabelle steht Arsenal mit 85 Punkten oben, Tordifferenz 71:27. Zum Vergleich: vor zwei Jahren, als Manchester City knapp Meister wurde, hatte Arsenal 89 Punkte und 91 Treffer auf dem Konto. Entscheidend war damals eine Heimniederlage gegen Aston Villa, danach gewann Arsenal alle restlichen Spiele, blieb aber trotzdem zwei Punkte hinter City.

Seither ist die Premier League noch einmal schwieriger geworden, und der Titel für Arsenal wird von vielen Seiten als ein wenig unglamourös empfunden.

Tatsächlich ist nicht abzustreiten, dass ein technokratischer Aspekt eine Rolle spielt. Es gibt Berichte, dass Mikel Arteta und sein Stab die Jahrgänge der Premier League auf ein Fenster der Gelegenheit hin durchgerechnet haben, und 2026 das erste dieser Fenster auch öffnen konnten. Dahinter steht eine realistische Einschätzung über den zyklischen Charakter großer Mannschaften. Liverpool (mit Virgil van Dijk und Mo Salah) ist am Ende eines Zyklus, und gewann 2025 eher als Beifang einen Titel unter Slot in einer Saison, als es keinen richtigen Prätendenten gab. City im (wie sich erwies) letzten Jahr unter Guardiola wären immer noch um ein Haar (quasi aus Routine) auch in einem mäßigen Jahr wieder Meister geworden, doch dieses Mal hatte Arsenal aus den sehr guten ersten beiden Saisondritteln genug Substanz aufgebaut, um die schwierigen Monate Februar und März halbwegs zu bestehen.

Arsenal unter Arteta hat nun selbst schon einen Zyklus durchlaufen: Mit dem Titel sind die teilweise harten Entscheidungen der vergangenen fünf Jahre legitimiert. Arsenal hatte 2021 in Aaron Ramsdale einen sehr guten Keeper, dem gegenüber aber David Raya als noch besser eingeschätzt wurde. Inzwischen wissen wir, dass Arteta recht hatte, aber für die damals vielversprechende Karriere von Ramsdale war die Zurückstufung ein brutaler Block. Gabriel Jesus und Oleksandr Zinchenko kamen von City, waren eine echte Bereicherung, aber nur für jene Weile, die es bis zur nächsten Stufe brauchte, als Timber und später Calafiori kamen.

Timber war in diesem Jahr das Gesicht der äußerst starken ersten Saisonhälfte von Arsenal. Man könnte Ebbe und Flut in der EPL in 2025/26 mit diesen beiden Namen auf zwei komplementären Position beschreiben – der offensive Rechtsverteidiger Timber und später der omnipräsente Linksverteidiger O’Reilly bei City, das waren jeweils zwei Interpretationen eines attraktiven Spiels. Timber verletzte sich Mitte März gegen Everton, danach kam eine spröde Phase bei Arsenal, und es sah für einen Moment so aus, als wären auch mit einem Kader, der für 25/26 ausdrücklich auf Tiefe hin konzipiert worden war, die Anstrengungen von vier Bewerben nicht vollständig zu bewältigen. Zumal es neuerlich wichtige Verletzungen gab: Mikel Merino, ein sehr wichtiger und immer wieder brillanter Spieler, fiel lange aus. Ødegaard fehlte oft, hatte kaum einmal Rhythmus, und ließ es mehrfach an Inspiration mangeln. Saka hatte auch eine Saison unter seinen Möglichkeiten, zeigte sich aber zum Ende hin, als es darauf ankam.

Immer wieder aber zeigten sich andere Spieler, und zwar wirklich auch verteilt wie in einem Kollektiv, in dem eben ab und zu jemand nach vorn geht: Eze mit magischen Momenten gegen Tottenham, Zubimendi mit tollen, unerwarteten Läufen (sein Tor nach Pass von Ødegaard beim 4:1 gegen Villa war ein Traum), Gyökeres im Heimspiel gegen Fulham, und an einem nun wirklich glänzender nicht zu konzipierenden Nachmittag der sehr junge Max Dowman gegen Everton in einem Spiel, das bei einem torlosen Remis vermutlich den Bruch in die Saison gebracht hätte, den die vielen Verächter von Arsenal erhofften.

Es gibt ja diesen billigen Reim in der Premier League: Same old Arsenal, always cheating. Ein Klischee, das aber regelmäßig hervorgeholt wird, wenn es auch oft gar nicht angebracht ist. Die Rede vom Setpiece FC zielt in die gleiche Richtung: als wäre Arsenal nicht in der Lage, (nur) mit sportlichen Mitteln fair einen Titel zu erringen.

Dem ist entgegen zu halten: die Mannschaft, die Mikel Arteta gebaut hat, zählt zu den komplettesten Vorschlägen angesichts der vielfachen Herausforderungen im heutigen Fußball. Sie hat Standardsituationen als wichtiges Instrument erkannt (wofür man nun wirklich kein Genie sein musste), sie kann aber auch großartiges, kreatives Offensivspiel – die zweite Halbzeit auswärts in Sunderland hatte Spielzüge von einer Eleganz, die an die besten Momente unter Arsène Wenger erinnerten. Zur Erinnerung: das ist der legendäre Arsenal-Trainer, unter dem meistens in der letzten Runde der CL-Gruppenphase eine lahme Leistung dafür sorgte, dass im Viertelfinale schon ein schwerer Gegner wartete, und gegen den FC Bayern hatte Arsenal nie eine Chance. Was Wenger an Coaching vermissen ließ, übertreibt Arteta vielleicht manchmal. Aber insgesamt ist Arsenal unter seine Leitung zu einem absolut maßgeblichen Team zusammengewachsen.

Gegen PSG steht nun weitgehend der volle Kader zur Verfügung. Für Timber kommt das Spiel wohl zu früh, ich wäre aber nicht überrascht, wenn er beginnt. Arsenal wird von vielen als Außenseiter geführt. Ich sehe die Chancen bei fiftyfifty. Pressing, Umschalten, Nerven – nach dem Ligasieg wird Arsenal nur mit positivem Druck antreten. Das könnte den entscheidenden Unterschied ausmachen.

PS Das Bild oben entstand 2006, als ich bei einer Stadionführung gerade noch so das alte Highbury zu sehen bekam, das danach für den Immobilienmarkt "entwickelt" wurde. Seit 20 Jahren verfolge ich Arsenal sehr genau, nun hat zum ersten Mal eine Mannschaft, von der ich Fan bin, einen großen Titel gewonnen.

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