In dieser Woche hatte ich zwei starke soziale Momente in Berlin. Am Mittwoch stieg ich anlässlich der Sonnenfinsternis mit einer Freundin auf den Drachenberg. Wir fanden uns inmitten einer riesigen Menschenmenge, die als gemeinsamen Nenner nicht viel mehr hatte, als dass alle an diesem Tag in Berlin waren – ein Ausschnitt einer Stadtbevölkerung in ihrer ganzen Vielfalt. Obwohl es sehr eng war, gab es keinerlei Reibereien, auch keinerlei Aufsicht durch Polizei oder Security oder Ordner. Einfach eine freie, vor Sonne und Mond gleichrangige Masse. Über beide Zugänge kamen laufend noch mehr Menschen dazu, es wurde immer voller. Ich musste schließlich an die Bergpredigt denken, nur ohne Jesus. Ohne Predigt. Es war insgesamt ein unvergesslicher Moment, ein Höhepunkt meiner Berliner Jahre.
Heute las ich in der U-Bahn auf dem Weg ins Olympiastadion auf dem Telefon einen großen, beklemmenden Text in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über die aktuelle Wetterlage. Über die Hitze und Trockenheit, die weit über eine Wetterlage hinausgehen. Das Spiel gegen Heidenheim begann zur Zweitliga-Anstoßzeit um 13 Uhr bei 36 Grad. Ich saß im Block 28 im Oberring. Auf einer Dauerkarte habe ich dieses Jahr verzichtet, im Vorjahr habe ich zu viele Spiele versäumt, weil ich oft unterwegs bin, außerdem bin ich eine Kältememme. So saß ich heute zwischen Menschen, die ich danach vermutlich nie wieder sehen werde. Wir tauschten nicht einmal unsere Namen aus.
Wir waren dann aber für zwei Stunden verbrüdert als Fans von Hertha BSC – wir jubelten gemeinsam, umarmten einander, klatschten einander ab, jemand tatschte von hinten auf meine Hertha-Mütze, die ich aufgesetzt hatte, weil sie auch die Ohren schützte. Stadionbesucher bei einem Heimspiel kommen der Menge auf dem Drachenberg in ihrer Zusammensetzung relativ nahe – einfach Menschen aus oder mit einer Beziehung zu Berlin, eine unhierarchische Menge. Es war großartig. Ein Nachbar erzählte mir in der Pause gerafft seine Geschichte: aufgewachsen in Ost-Berlin, der Stiefvater Kommunist und überzeugter SED-Mann, als solcher auch für den BFC Dynamo, der Junge aber, war zu Mauerzeiten schon Sportschau-Blauweißer.
Es gab vier konkrete Gelegenheiten zu Verbrüderungen und gemeinsamem Jubel. Hertha spielte mit der Aufstellung von vor einer Woche in Bochum. Also wieder mit Soufian Gouram im Offensivzentrum. Die drei Treffer in Halbzeit eins fielen auf das von uns entferntere Tor, das erste nach einem Freistoß, das zweite ein spektakulärer Flachweitschuss nach Einzelleistung von Winkler, das dritte ein sehr schöner Lupfer von Winkler auf Zeefuik, von diesem elegant konvertiert. Der nominelle linke Außendecker von Hertha hatte heute einen beträchtlichen Aktionsradius, für eine Weile hatte er auch defensiv mit Eitschberger die Seite getauscht, beide hatten viele offensive Szenen. Insgesamt wirkte die Mannschaft für ein Zweitligateam ungewöhnlich modern, ließ den Ball laufen, lief selbst viel, erarbeitete sich Räume, und nützte sie. Auch Standards werden plötzlich nicht mehr achtlos vergeudet.
Dieses Team der Übriggebliebenen (nachdem alle Stars weggefleddert worden waren, zu deutlich war allgemein bekannt gewesen, dass Hertha sich Reese oder Cuisance nicht mehr leisten hätte können) scheint eine gute Chemie zu haben, hat Lösungen mit dem Ball, ist nicht lethargisch – ist in vielerlei Hinsicht nicht verwandt oder verschwägert mit der uns geläufigen Alten Dame, die sehr oft Dinge weggeschenkt hat. Es ist kein Neuanfang bei Null, aber doch einer bei fast Null, und bisher macht er große Freude. Die Ostkurve grub auch schon früh einen Gesang aus, der zum Besten gehört, was man im Oly hören kann: Wir werden ungeschlagen sein, 100 Punkte, Hertha BSC! Ein Hahohe auf die Inwinzibles von 2026!


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