14. Juni 2018

Die Welt zu Gast bei Feinden


Heute beginnt also die Fußball-Weltmeisterschaft. In den letzten Tagen habe ich ein paar Mal mit Leuten darüber diskutiert, wie damit umzugehen ist. Ich habe mich dabei meistens auf einen hilflosen Halbwitz zurückgezogen und gesagt: "Ich werde die WM boykottieren, indem ich mir alle Spiele anschaue."

Viele werden nicht einmal verstehen, warum ich ein Problem habe. Viele andere haben ähnliche Probleme wie ich, nicht mit dem Veranstalterland Russland, sondern wegen des Regimes, das dort die Macht hat. Für meine Begriffe besteht das fundamentale Problem darin, dass Russland aktuell zwei Kriege führt: gegen die Ukraine, vor allem aber gegen Syrien. Zwar hat die russische Intervention in Syrien dazu geführt, dass Präsident Assad (schon jetzt einer der übelsten Verbrecher des 21. Jahrhunderts) als Sieger der Bürgerkriegs gilt. De facto aber ist dieser Bürgerkrieg nicht zu Ende, sondern nur zu Tode erschöpft.

In der Ukraine ist die Sache im Grunde auch klar: Russland hat massiv das Völkerrecht gebrochen. Darauf kann man entweder reagieren, indem man das Recht der Stärkeren anerkennt (die servile Lösung, die überraschend viele Anhänger hat), oder indem man auf einem "rule based system" besteht und deswegen auf Sanktionen.

Viel grundsätzlicher teile ich allerdings die Meinungen derjenigen, die meinen, dass Putins System einen allgemeineren Krieg führt, der in seiner Charakteristik eine ganz andere Begrifflichkeit erfordert: die kulturellen Aspekte (der lächerliche Virilismus, der Kirchennationalismus, die Ablehnung des westlichen Individualismus) sind ja nur Camouflage für ein globales Räubersystem, dem daran gelegen ist, das System der "Oasen" (der Bereiche, die sich den ohnehin schwachen Gesetzen der regelbasierten Welt entziehen) zum vorherrschenden zu machen.

Da passt die FIFA natürlich prächtig dazu.

Ich werde mir trotzdem die Spiele anschauen, und ich werde auch leidenschaftlich sein. Der Kampf, den ich skizziert habe, entscheidet sich nicht an einer Veranstaltung, und Freunde in Russland (Menschen, die auch Risiken eingehen, indem sie gegen Putin demonstrieren) haben mir klargemacht, dass ein Boykott auch nicht in ihrem Sinne wäre. In meinem Fall wäre es ohnehin nur ein Fernsehboykott.

Ich werde für England sein, für Senegal, für Polen, für Frankreich, für Spanien und für viele andere, unter bestimmten Umständen vielleicht sogar für Deutschland, in Sachen Deutschland auf jeden Fall für Mesut Özil (der bei der Hymne gern weiter nicht mitsingen kann), natürlich auch für Marvin Plattenhardt. Ich werde heute Nachmittag bei Rohöl (Saudi-Arabien) gegen Drohöl (Russland) für Russland sein, wegen Wassili Grossman (was jetzt niemand verstehen muss).

Das Bild zeigt eine Sommermärchenszene anno 2018, die sich mir heute morgen in Gelsenkirchen dargeboten hat.

Im Übrigen empfehle ich den Twitter-Account von Rebecca Harms.


Eingestellt von marxelinho am 14. Juni 2018.
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