In den asozialen Medien fand ich am Freitag auf dem Weg nach NRW eine forsche Ansage: Der VfL Bochum werde über Hertha BSC hinwegfegen im ersten Spiel der neuen Saison in Liga zwo. Es gab, für einen gebeutelten Blauweißen, viele gute Gründe, mit gedämpften Erwartungen zu diesem Spiel zu gehen. Ich aber war voller Vorfreude. Hertha hat sich zwar in diesem Sommer kaum verstärkt, aber es ist nun ein Punkt erreicht, an dem aus dem Kader alle letzten Andeutungen von Größenwahn (Reeses Slacker-Messianismus, Cuisances Getänzel) verschwunden sind. Hertha ist in diesem August eine klare Zweitligamannschaft. Und in dieser Liga ist bekanntlich alles möglich.
Die Mannschaft, die ich im Ruhrstadion dann sah, hatte etwas demonstrativ Undemonstratives. Hinten den dünnen Baum Kolbe, neben ihm der Talisman Zeefuik (ich nenne ihn Zeefuix, da denke ich an Zaubertrank), rechts Gechter und Eitschberger, der sich schon im Vorjahr als Mentalitätsspieler empfohlen hat. In der Mitte Seguin und Sessa, außen Winkler und Brekalo, der neue Kapitän. Auf der Zehn eine Überraschung: Soufian Gouram, ein typischer Berliner Junge (Vater aus Marokko, Mutter aus Estland, Herkunft also Weltstadt). Vorne der Däne Grønning.
Gouram spielte gut, auch der Assist, der das Spiel mit entschied, kam von ihm. Der Rest war Hineinbeißen: ein solider Gersbeck als Rückhalt, und fünf gut getimete Einwechslungen. Bochum kam nicht mehr zurück nach Herthas Führungstreffer vor der Pause.
Ich saß gut, wie immer allein, inmitten der VfL-Fans, in einem Winkel mit bester Sicht auf die Berliner Kurve. Und immer die Gesänge im Ohr, während die Bochumer Wand weit weg war. Meine Karte sah vor, dass ich mich nicht als Auswärtsfan zu erkennen geben durfte, neben mir saß ein junges Paar, das zunehmend den Mut verlor, während ich keinen Mucks machte, wenn Hertha etwas gelang. Ich freute mich still.
Denn es war durchaus programmatisch, dass ich den Weg nach Bochum auf mich genommen hatte. Nach einigen Jahren, in denen ich mit Hertha sehr gefremdelt habe, ist nun ein guter Zeitpunkt, wieder richtig mitzumachen. Auf meine Weise natürlich, ich bin für Kurvenarbeit und derlei nicht gut geeignet. Gestern hatte ich das Gefühl, man kann auch mit introvertierter Konzentration sein Teil beitragen.
Meine Beinahe-Trennung von Hertha hatte mit Windhorst und schließlich vor allem mit Ingo Schiller zu tun, mit einer Clubpolitik, die sich insgesamt als unseriös herausgestellt hat (und die übrigens niemals aufgearbeitet wurde, ich nehme an, aus guten, das heißt: schlechten Gründen). Sie hatte auch mit Covid zu tun, und mit einer gewissen Wahllosigkeit der Kaderarbeit von Benjamin Weber. Ich fand einfach nie so richtig eine Beziehung zu den Personalkonstellationen der letzten Jahre, auch wenn es Höhepunkte gab, an denen die Reese-Abhängigkeit positiv aufging.
Aber der Spieler der vergangenen Jahre bleibt für mich Thorsteinsson, der Anti-Talisman. Dass Hertha in Bochum gestern gewonnen hat, auch nachdem der Isländer eingewechselt wurde (und wie üblich mittelmäßig bis unauffällig spielte), ist ein gutes Zeichen im guten Zeichen. Trotzdem muss Thorsteinsson überwunden werden. Er steht für die schlechte Anpassung an die zweite Liga. Nun geht es aber um die gute Anpassung, die es braucht, um aus dieser Liga wieder nach oben zu kommen. Hertha hatte drei Jahre lang einen halben Erstligakader (und die Lizenzprobleme, die damit einhergehen). Nun hat Hertha einen Zweitligakader, auf dem sich vielleicht etwas aufbauen lässt.
Das Zwischenspiel zweite Liga, das man drei Jahre schlecht gespielt hatte, ist zu Ende. Nun beginnt der Normalfall zweite Liga, der eine positive Entwicklung nicht ausschließt.
Das Ruhrstadion war am Freitag ein idealer Ort, um ein kleines Zeichen zu setzen. Denn vor etwas mehr als drei Jahren fiel hier spät in der Nachspielzeit ein Treffer durch Keven Schlotterbeck, der maßgeblich zum Ende des Big City Clubs beitrug, den Menschen ausgerufen hatten, die am Fußball das Wesentliche nicht verstehen. Gestern fiel kein später Gegentreffer, und das Team hat ein erstes Motiv für seine neue Saison: Gruppenarbeit kann Freude machen. Vielleicht war das auch ein Abend, an dem Gechter, Winkler (oder wer sonst noch ein Angebot bekommen könnte in den nächsten Tagen) begriffen haben, dass Hertha BSC 2026/27 interessant werden könnte.
Auf ein gutes Jahr! Ha ho he!


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