23. Dezember 2017

Es hat sich heut' eröffnet das himmlische Tor

Weihnachten begann für mich dieses Jahr schon gestern, mit dem ersten Premier League-Spiel im festtäglichen Zyklus: Arsenal gegen Liverpool. Man mag von dieser englischen Anomalie der eng getakteten Spiele zwischen Christbaum umd Silvester halten, was man will - ein Segen für das Publikum ist es allemal.

Für Arsenal war es das Rückspiel zu dem deprimierenden 0:4 in Anfield zu Beginn der Saison. Es ging also auch darum, sich als seriöser Bewerber um einen Champions League-Platz zu bewähren. Liverpool lag vor dem Spiel einen Punkt vor Arsenal auf Platz 4, und das 3:3 vom Freitagabend hat für die Tabelle vor allem die Konsequenz, dass Burnley (die Überraschungsmannschaft) und Tottenham heute Abend unter sich ausspielen können, wer Arsenal gegebenenfalls auf Platz 6 verdrängen kann.

Arsenal und Liverpool schießen gegeneinander gern Tore, unübertroffen bleibt natürlich das 4:4 aus dem Jahr 2009, von dem man sich jederzeit wieder einmal eine Zusammenfassung anschauen kann:


Im Vergleich dazu war die Dramatik gestern geradezu harmlos. Eine Stunde lang war Arsenal deutlich unterlegen, wichtig war dann, dass auf das 0:2 ein prompter Anschlusstreffer gelang, und dann folgten zwei bemerkenswerte Tore innerhalb kürzester Zeit: ein sagenhafter Weitschuss von Xhaka, und dann eine Kombination von Lacazette und Özil, die der Arsenal-Stratege elegant abschloss - und ekstatisch feierte.

Einer Analyse im engeren Sinn entzieht sich das Spiel, dazu war es auch zu chaotisch. Aber die englischen Medien haben diese schöne Tradition, immer ein paar Talking Points hervorzuheben (hier die des Independent zum gestrigen Match). Und das wären meine zu besprechenden Punkte:

a) Granit Xhaka: Sein Tor erinnerte an eine der Stärken, die vor eineinhalb Jahren eine Rolle gespielt haben dürften, als er für viel Geld von Gladbach geholt wurde. Er sollte endlich die Lücke schließen, die Patrick Vieira hinterlassen hatte, nachdem Arsene Wenger diese Position über Jahre vernachlässigt oder deren aktuelle Verwalter schlecht (weil zu optimistisch) eingeschätzt hatte (Coquelin!). Gestern gab es weitere Indizien dafür, dass Xhaka der großen Verantwortung nicht wirklich gerecht wird. Seine größten Schwächen liegen im defensiven Bereich: beim 0:1 bremst er beim Zurücklaufen in dem Moment ab, in dem es darauf angekommen wäre, auf alle Eventualitäten gefasst zu sein (in ähnlicher Form fehlte es ihm neulich beim 1:3 gegen Manchester United beim entscheidenden dritten Gegentor an Geistesgegenwart). Mein unwissenschaftlicher Eindruck: Xhaka wirkt immer noch "grün hinter den Ohren", er hat kaum Autorität entwickelt, seine Qualitäten (seine eleganten Offensivpässe) kommen zu selten nachdrücklich zur Geltung. Optionen: man kann darauf hoffen, dass er sich entwickelt. Ich zweifle inzwischen stark daran, dass er gut genug für einen Titelkandidaten in der Premier League ist. Damit passt er aber natürlich wieder gut zu Arsenal.

b) Ainsley Maitland-Niles: Den hat Wenger seit einigen Wochen aus dem Zauberhut der Nachwuchsarbeit der Gunners geholt. Gestern bekam er den Vorzug vor Kolasinac (!), mit dem Argument, dass sein Tempo gegen Salah gebraucht wird und das seine mangelnde Erfahrung aufwiegt. Kolasinac ist aber selbst gar nicht langsam. Defensiv gab es durchaus Konzentrationsprobleme, vor allem vor dem ersten Gegentor verirrte Maitland-Niles sich kurz. Aber offensiv und mit seiner Ballbehandlung deutet sich da ein bemerkenswerter Spieler an.

c) Mesut Özil: Es ist wirklich schade, dass Arsenal dem genialen deutschen Nationalspieler in dieser vielleicht wichtigsten Phase seiner Karriere nicht mehr zu bieten hat, als einen Top 6-Club in England. Während die ungeklärte Zukunft bei Sanchez immer wieder zu gemischten Leistungen führt, präsentiert Özil sich seit Wochen vor allem in wichtigen Spielen (gegen ManU hatte er eines sehr besten ever) als unersetzlich. Er macht den Eindruck, dass er drei, vier brillante Jahre vor sich haben könnte - mit einer deutlich besser ausgeglichenen Fitness, mit einer ganz anderen Mentalität. Alles wird natürlich davon abhängen, welche Bühne sich ihm künftig bietet, und welche er wählen wird. Es ist für mich eine der Geschichten dieses Jahres.

Arsenal hat nun bis Silvester noch zwei Auswärtsspiele: gegen Crystal Palace und Westbromwich Albion. Und dann gibt es am 3.1. das Rückspiel gegen Chelsea. All das immer unter dem Vorzeichen, dass die Top 4 nicht außer Reichweite sind, aber dass Arsenal insgesamt auf Platz 5 oder 6 am besten einzureihen ist. Das ist das Ergebnis der Vertragsverlängerung mit Arsene Wenger.

Eingestellt von marxelinho am 23. Dezember 2017.

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