Lange Leitung

Hertha BSC gewinnt 5:3 in Braunschweig

Ein Knoten in den Synapsen von Niklas Kolbe hat am Freitagabend beim Auswärtsspiel von Hertha BSC bei Eintracht Braunschweig für Spannung gesorgt. Es war eine dieser Szenen, in denen sich beim Zuschauen die Zeit dehnt: man spürt schon, dass da etwas schief gehen könnte, der Spieler beginnt nachzudenken, die Sekundenbruchteile addieren sich zu Ewigkeiten, der rettende Rückpass wird unmöglich.

Doch Hertha BSC reist ja auf der Welle einer Melodie durch diese ersten Wochen der neuen Saison: Wir werden ungeschlagen sein! Darauf konnte sich auch Kolbe verlassen, der danach stabil spielte– dennoch denke ich, dass die Umstellung auf Marton Dardai (wenn der nicht noch den Club wechselt) eines der frühesten Revirements sein wird, das Leilt an seiner bisherigen Stammelf vornehmen wird. Vorläufig ist sie natürlich sakrosankt, weil sie sich so bewährt hat. Und rechts hat sich nun ausgerechnet Thorsteinsson etabliert, der oft so unproduktive Schussel aus Irland, der plötzlich effizient war.

Im März 2025 war ich an einem kühlen Frühlingsnachmittag nach Braunschweig gefahren. Hertha BSC befand sich damals an einem kritischen Punkt, bei einer Niederlage drohte der Abstiegskampf. Es wurde ein befreiender 5:1 Sieg. Dieses Mal trat die Mannschaft in einer vielversprechenden Phase an: Es galt, einen Saisonstart zu bestätigen, den niemand erwartet hatte nach dem Ausverkauf so vieler Stars (Reese, Cuisance, Ernst, dann auch noch Winkler). Hertha BSC im Spätsommer 2026 ist ein interessantes Paradox: Jetzt, wo das Gerede vom Berliner Weg weitgehend verstummt ist, scheint er gerade erst so richtig zu beginnen. Mit einem Kader, mit dem Benjamin Weber sich auch vom Vorwurf der Wahllosigkeit befreien könnte. Oft hatte man den Eindruck, er verpflichte sehr nach Gutdünken vom Wühltisch. Hopp oder tropp, in der Menge wird schon irgendwo Qualität sein.

Brekalo war vielleicht ein Umschwung. Er ist (als der neue Reese) ein interessanter Führungsspieler, jedenfalls wirkt er so mit seinen weiten Wegen, und natürlich auch mit der Übersicht, mit der er gestern kurz vor der Pause eine Gelegenheit nützte, bei der er von der Mittellinie mit einer eleganten Banane den Braunschweiger Keeper düpierte. Die post-tabakovicischen Mittelstürmer können einen immer noch ein wenig zur leichten Verzweiflung bringen. Grønning hatte gestern aber auch Pech mit mehreren haarfeinen Abseitsentscheidungen. Das sind aber Akzidentien, in der Substanz gibt es einen überraschenden Befund zu vermelden: Hertha BSC hat vorerst eine Spielanlage.

Das älteste Thema, das uns seit der Ära Dardai begleitet, hat sich im Moment erledigt. Unter Leitl spielt die Mannschaft dominant, ließ gestern zwar viele Bochumer Angriffe zu, war aber im Grunde immer Herr der Lage. Eitschberger halte ich für einen wesentlichen Faktor, der neue Pedersen und davor Zeefuik gleichermaßen sorgen mit ihrer Dynamik dafür, dass Seguin und Gechter Räume haben, um aus der Tiefe aufzubauen. Die Spieler zeigen (auf dem technischen Niveau von Liga zwo) ein Gefühl für den Raum, und es sind die berühmten Automatismen zu erkennen. Mitte der zehner Jahre hatte Hertha BSC eine seiner besten neuzeitlichen Phasen, aber ich erinnere mich noch deutlich, dass wir damals oft unzufrieden waren, weil Papa Pal einen sehr abwartenden Fußball spielen ließ. Die aktuelle Leitl-Hertha spielt einen initiativen Fußball.

Damit ist die vorübergehende Tabellenführung verdient. Und wider jedes Erwarten hat diese Saison plötzlich einen Vibe. Der Aufstieg ist natürlich kein Thema, er soll es von uns aus im April werden. Vorerst geht es darum, der saisonalen Hymne am kommenden Sonntag gegen Magdeburg einen politischen Twist in Richtung Sachsen-Anhalt zu verleihen. Wir werden ungeschlagen sein, denn Hertha BSC spielt auch für die offene Gesellschaft.

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