20. Januar 2021

Miami Blues

Was die Trikotfarbe anlangt, kam die TSG 1899 Hoffenheim gestern mit einem "absoluten Hingucker im stylishen Miami-Look". Da zu dem optischen Ereignis auch noch drei Tore im Auswärtsspiel in Berlin dazu kamen, während das Heimteam torlos blieb, hat Hertha nun den Miami Blues. 17 Punkte aus siebzehn Spielen ergeben eine enttäuschende Hinrunde, der 16. Platz ist bedenklich unweit entfernt.

Man muss dazusagen, dass mit nur ein paar kleinen Launen des Schicksals der Punktestand auch anders lauten könnte. Denn gegen Köln war auch ein Sieg drin, und gestern hatte Piatek schon früh die Chance, Hertha mit einem Elfmeter in Führung zu bringen. Sechs Punkte aus den letzten beiden Spielen, und Hertha stünde bei 22, damit dann immerhin im zuletzt meist angestammten Terrain, im Niemandsland der Tabelle.

Nun aber ist Abstiegskampf, und zwar unter verschärften Bedingungen. Denn das Leben und Trainieren in den Corona-Blasen macht alles noch schwieriger, aber auch da gibt es Mannschaften, die besser damit umgehen als andere (nämlich zum Beispiel Hoffenheim, wie sich gestern erwies).

Die Beurteilung der aktuellen Lage hängt stark davon ab, womit man sie vergleichen will oder woran man sie messen will. Naheliegend ist, alles an den Millionen zu messen, die Lars Windhorst in den Verein gebracht hat, aber wir wissen natürlich auch, dass davon gar nicht so viel in neues Personal gehen konnte, wie eigentlich ideal gewesen wäre. Zudem ist doch deutlich zu sehen, dass die Transferaktivitäten seit dem Winter 2019/20 sich sogar eher als disruptiv herausgestellt haben. Ich jedenfalls sehe nicht viel Verstärkung.

Ich messe die aktuelle Situation auch lieber an einer Phase, mit der Hertha-Fans in den letzten Jahren am ehesten Freude haben konnten: es gab unter Pal Dardai immer wieder Spiele, in denen Hertha Ansätze zu interessantem Ballbesitzfußball zeigte. Wir wissen alles, dass das nicht weiterentwickelt wurde, und ich setze auch nicht auf ein Comeback von Pal Dardai als Cheftrainer.

Aber damals war, bevor die Mannschaft dann ein wenig unerklärlich vollkommen den Geist aufgab und zu einem apathischen Hintenrumensemble wurde, vieles in einem guten Gleichgewicht: Preetz fand interessante junge Spieler, Transfersummen und Gehälter waren realistisch, aus dem eigenen Nachwuchs kamen gute Leute.

Heute ist von allem dem nicht mehr viel zu sehen. Spielerische Armut ist die Großüberschrift über der absolvierten Hinrunde. Gerade das Mittelfeld, in das viel investiert wurde, erweist sich kontinuierlich als unproduktiv. Zudem reicht eine einzige Verletzung (Dilrosun), und Hertha muss das Flügelspiel weitgehend einstellen. Von einer Integration der Mannschaftsteile, die zu variantenreichem Aufbauspiel führen könnte, wollen wir gar nicht reden.

Unter Labbadia hat sich bisher auch kein Spieler individuell profiliert. Cunha arbeitet ausschließlich mit seinem beträchtlichen Talent und seinen Skills, bringt aber wenig für ein planvolles Spiel. Lukebakio zeigte von Beginn an viele Anzeichen für einen Fehleinkauf, und kann diesen Eindruck selten widerlegen. Mittelstädt wirkte lange wie ein zwar nicht übermäßig begabter, aber intelligenter und lernbegieriger Profi, dieses Jahr wirkt er, als hätte er seinen Plafond erreicht. Niklas Stark ist Kapitän, Führungsspieler und erster Erklärer (er stellt sich immer zum Interview), er steht aber eben auch für die radikale Mittelmäßigkeit, in die sich alles einpendelt bei Hertha.

Die Stimmung scheint insgesamt von einer seltsamen Mischung aus Ungeduld und Trägheit bestimmt zu sein. Jordan Torunarigha schlägt einmal blöd über den Ball, und schon hat er wieder einen Stammplatz auf der Bank. Lukas Klünter hatte bei Labbadia nie einen Auftrag, und soll abgegeben werden. Pekarik spielt bei Labbadia immer, ist sicher auch ein guter Mann, aber wird dann doch oft gegen Zeefuik ausgetauscht, der manchmal ein bisschen etwas andeutet, selten aber etwas bringt, was Klünter nicht auch schon einmal angedeutet hatte.

Was hinter diesen kurzatmigen Manövern unmöglich wird, ist die Entwicklung einer Mannschaft, die eine Identität hat, in der sie sich wiedererkennen kann. Dazu braucht es ein Gespür für Charaktere, auch ein Gespür für Kommunikationsprozesse, und eine Vorstellung von Perspektive. Arne Maier hatte unter Dardai eine wirklich interessante Saison, und hätte das Zeug zu einer Identifikationsfigur, wurde aber im Covic-Klinsmann-Nouri-Labbadia-Chaos allein gelassen.

Eine Hertha mit Torunarigha, Boyata, Stark (im DM oder in einer Dreierkette) und Maier, alle mit einem Vertrauensvorschuss ausgestattet, aber auch mit einer klaren individuellen Leistungsanleitung, hätte einen erkennbaren Teamkern, eine Identität, auch eine Kontinuität ergeben. 17 Punkte hätte sie in dieser Halbserie sicher auch hingekriegt, ich bin mir sicher, kann es aber natürlich nicht beweisen, dass es deutlich mehr gewesen wären. Stattdessen fremdeln im DM zwei Franzosen miteinander (hat jemand zwischen Guendouzi und Tousart auf dem Feld schon einmal ein Kommunikationssignal bemerkt?), versucht Darida die Defizite in der Spielanlage zuzulaufen, und irrt Lukebakio durch Aufgabenstellungen, die nicht einmal dem großen Innovator Klinsmann eingefallen wären.

Hertha ist im Jahr zwei seit Tennor in einem paradoxen Zustand: Seit dem Investment ist alles anders, nämlich so, wie es meistens war, also unklar, nur mit mehr Personal auf der Bank. Michael Preetz ist nun die bervorzugte Hassfigur vieler Fans. Viele hoffen auch auf die nächste Tranche von Tennor. Die Unverdrossensten hoffen auf Luca Netz. Labbadia sucht nach Ansatzpunkten, findet aber keine. Gegen Werder am Samstag geht alles wieder von vorne los.

Eingestellt von marxelinho am 20. Januar 2021.

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