von Marxelinho

Nebelwerfer

Letzte Woche musste ich an zwei Namen aus den Asterix-Heften denken. Zuerst fiel mir aus naheliegenden Gründen Tennisplatzis aus Asterix als Legionär ein (französisch heißt er Courtdeténis). Es war in dem Moment den Spiels zwischen Hertha und dem HSV, als Hertha gerade einen Eckball hatte, und in dem Leute aus der Ostkurve und drumherum Tennisbälle auf das Spielfeld zu werfen begannen – zuvor hatte es von den 20000 HSV-Fans schon die gleiche Manifestation gegeben, noch vor dem Spiel, und nur ein paar Bälle. Doch nun ging das ein paar Minuten lang, das Spiel war zum Stillstand gekommen, alle dachten, das muss halt jetzt eben sein. Und dann hörte es einfach nicht auf. Fünf Minuten. Zehn Minuten. Zwanzig Minuten. Jedesmal, wenn man dachte, gut, Botschaft verstanden, das war es jetzt, flogen wieder ein paar Bälle.

Das war der Moment, in dem mir der andere Name einfiel: Tullius Destructivus aus Streit um Asterix. Das ist das Heft für unsere Zeit. Für eine Gesellschaft, die keine adäquaten Formen mehr zu finden scheint für ihre politischen Auseinandersetzungen. Protest muss wehtun, schrieben später ein paar auf meinem X. Protest muss aber auch einleuchten. Wir sind gerade an einem Punkt, an dem die Formen des Protests den Inhalt zu überlagern beginnen. Und das trifft nicht nur auf den Fußball zu.

Der Sache nach teile ich das Anliegen vieler Ultras. Der Einstieg von Investoren in die DFL ist in der Weise, wie er derzeit geplant ist, und auch aufgrund der Umstände des Zustandekommens des entsprechenden Beschlusses abzulehnen. Die Webseite, auf der das argumentiert wird, ist nachvollziehbar, aus den Kurven hört man dann halt eine Übersetzung in einfache Sprache: Scheiß DFL.

Trotzdem gibt es einen Aspekt, der mich ein wenig zurückhaltend stimmt, was die anhaltenden Proteste angeht: Letztlich ist die Haltung der Ultras fundamentalistisch. Sie beschränkt sich auf Ablehnung und auf die Formulierung, dass der Fußball den Fans "gehört". Ich bin sicher, es sind auch viele Diskussionen darüber im Gang, wie der Profifußball in Deutschland sich organisieren kann, sodass die besondere Fankultur hier genauso erhalten bleiben kann wie die Konkurrenzfähigkeit der Liga in den internationalen Bewerben und auf dem Weltmarkt. Davon dringt allerdings wenig nach draußen.

Am Fußball sind viele Aspekte faszinierend: Die Stimmung in den Stadien, die komplexe Dynamik auf dem Rasen, und dann natürlich auch noch, dass die sportliche Konkurrenz zugleich eine betriebswirtschaftliche ist. Eine Grundtatsache unseres Zusammenlebens in Gesellschaft, nämlich unser Wirtschaften, findet in den Ligen eine Spiegelung. Die Premier League ist dabei zugleich Menetekel und Inspiration. Sie hat sich lange Zeit (wie auch das politische England insgesamt) hemmungslos dem großen Geld ausgeliefert. Das Ende der kommunistischen Systeme kam genau zur rechten Zeit, wie auch der Aufschwung nicht-westlicher Länder wie China, und von Rohstoffdiktaturen wie den Emiraten. Inzwischen aber ist die Premier League dabei, sich neu zu regulieren, ohne dabei die massive Vormachtstellung zu gefährden. Es ist, nebenbei, auch sportlich die spannendste Liga: für die voraussichtlich fünf CL-Plätze gibt es sechs "angestammte" und noch zwei, drei weitere Kandidaten.

Das Kernprodukt ist dabei erstaunlich intakt geblieben: der Spieltag ist zwar ein wenig stärker fragmentiert als in Deutschland, vor allem wegen des Lunch-Termins am Samstag (in Asien Prime Time). Die Übertragungen aber sind bisher keineswegs von Werbe-Aktivitäten zerfressen worden. Live-Fußball ist teurer in England, es ist aber eben auch ein Spitzenprodukt mit riesiger Nachfrage. Das alles natürlich vor dem Hintergrund, dass sich in England seit den Thatcher-Jahren etwas grundsätzlich verändert hat: der Fußball gehört dort definitiv nicht den Fans, es gibt aber ein wieder wachsendes Bewusstsein dafür, dass ohne eine lebendige und im Alltag aller Menschen verwurzelte Fankultur der Sport enorm leiden würde.

Auch in Deutschland "gehört" der Fußball nicht den Fans. Die Ausgliederung der Profi-Abteilungen aus den Vereinen macht das deutlich: der Fußball gehört sich selbst und organisiert für seine Körperschaften spezifische Besitzverhältnisse. Gladbach gehört vollständig sich selbst, das ist ein besonderes Beispiel, und muss keineswegs die Norm sein. Hertha gehört zu fast 80 Prozent einem Kapitalvehikel aus Amerika, als Ergebnis einer langen Bewegung in den Rachen des Geldwesens. Den Fans gehört der Fußball ungefähr so, wie uns Bürgerinnen der Staat oder die Wirtschaft gehört. Da geht ohne die Konsumenten auch nichts, und doch extrem vieles an den eigentlichen Bedürfnissen der Menschen vorbei.

Deswegen sind auch die näheren Umstände der Proteste derzeit so wichtig. Sie werden dieses Wochenende weitergehen. Und mit jeder neuen Spielunterbrechung, mit jeder neuen Drohung aus den Fanblöcken, mit jeder Andeutung von Gewalt wird stärker zu erklären sein, wass eigentlich gewollt wird, außer Scheiß DFL. Man spürt derzeit insgesamt eine massive Ermächtigung zum Negativen im Land: das System, die Ampel, sehr viele Menschen schütten darüber ihren Unmut aus. Allerdings oft auf eine Weise, die das politische Gespräch zum Abbruch bringt. Es wäre großartig, wenn die organisierten Fußballfans da ein anderes Beispiel setzen würden. Wenn der Fußball zu einem Exempel würde dafür, wie Selbstregierung (governance) funktioniert.

 

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