Hertha hat auf die leichten Irritationen nach der Niederlage in Sinsheim eine starke Antwort gegeben. Das 3:0 am Freitagabend gegen Gladbach war in jeder Hinsicht verdient, auch wenn der Gegner arges Pech hatte mit der Verletzung von Patrick Hermann. Aber die Tore waren das Ergebnis harter Arbeit, und es gelang in gewisser Weise eine Umkehrung der Verhältnisse von Sonntag. Da dominierte Hertha die erste Phase, und dann riss nach dem Gegentor in Hoffenheim der Faden. Dieses Mal spann die Mannschaft mit Geduld und Leidenschaft einen Faden, der über die ganze Distanz reichte, und auch über eine zähe Phase in der zweiten Halbzeit, in der Gladbach in Unterzahl sogar noch ein paar gute Chancen hatte.
Die großartige Lernkurve von Pal Dardai wurde schon im Interview vor dem Spiel wieder deutlich (ich habe mir heute Morgen die Aufzeichnung angesehen, es gab doch eine Menge im Detail nachzuschauen, was sich im Stadion nur sehr ungefähr mitgeteilt hatte). Der Coach hatte ja schon in der Vorsaison bei fast jedem Spiel mit einer kleinen Andeutung seine Arbeit sehr gut interpretiert. Er spricht über Fußball so, dass einerseits klar ist, dass das Spiel letztlich keine Geheimwissenschaft braucht, aber den einen oder anderen Schlüssel braucht es doch.
Für das Spiel gegen Gladbach (im Vorjahr der Angstgegner, Gesamttordifferenz 1:9) wurde Salomon Kalou zum Schlüssel, und das nicht nur wegen der drei Treffer. Dardai sprach davon, dass die Mannschaft den "Ball beruhigen" sollte, und von Kalous spielerischer Kompetenz erhoffte er sich, dass die Phasen nach der Balleroberung mit Überlegung gefüllt werden könnten.
Das hatte zur Voraussetzung, dass Hertha deutlich früher anlief, als es eigentlich zur Stilistik der Mannschaft gehört. Dieses Mal (und das war auch schon in Hoffenheim anfangs so) gingen alle früh drauf, Stark kam manchmal weit heraus, auch das hatte Dardai bedacht, als er Lustenberger mit dem dynamischen Jungstar die Positionen tauschen ließ.
Mittelstaedt links hinten war die Risikopersonalie, er spielte gegen Hermann, keine Ahnung, wie er über 90 Minuten gegen den agilen Winger bestanden hätte. Er fand aber zunehmend besser in seine Rolle, nachdem Gladbach anfangs durchaus mitgespielt hatte.
Der Führungstreffer, der dem Spiel die Richtung wies, verdankte sich einem Manöver, das die technische Weiterentwicklung der Mannschaft sehr schön erkennbar macht: der "flick", das meist elegant aussehende Ablegen eines Balls auf kurze Distanz in den Lauf eines Mitspielers. Es ist ein Mittel, das Ibisevic besonders gut beherrscht, nun gibt es überall Kollegen, die auf so etwas reagieren, und auch Pekarik kann es versuchen. Der schon seit einer Weile höchst erfreuliche Mitchell Weiser griff den Vorschlag auf, nahm den Ball mit, fand zuerst mit dem Blick und dann mit der Flanke Kalou, der mit einem perfekten Kopfball ins lange Eck verwertete.
Das war fast schon ein Konter. Der nächste wichtige Moment war dann die Verletzung von Hermann, Gladbach war einen Mann weniger, als Kalou erhöhte, und dann auch auf Dauer, nachdem Kramer eine berechtige zweite Verwarnung erhielt.
In der zweiten Halbzeit schaltete Hertha in den Verwaltungsmodus, was nicht wenige Kollegen bei uns auf dem Oberrang erboste. Sie wollten "was für die Tordifferenz" sehen, mussten sich dafür aber lange gedulden. Der Borussia-Fan, der den Platz neben mir gebucht hatte, war zu dieser zweiten Halbzeit nicht mehr erschienen. Hertha bestätigte die tolle Heimform, eigentlich sind 51.000 Zuschauer dafür an einem Freitagabend gegen ein Champions League-Team zu wenig, aber - um ein schönes Bild von Thomas Tuchel zu zitieren - "das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht".
Wir beobachten in diesem Herbst einen absolut erstaunlichen Reifungsprozess bei einem Trainer, der noch vor sechs Monaten ein wenig ratlos gewirkt hatte, und der nun souverän mit einem homogenen Kader arbeitet, aus dem kaum jemand groß herausragt, sondern mit dem gerade immer so viel Anpassung an konkrete Herausforderung möglich ist, dass die Mannschaft das Gefühl von Kontinuität haben kann. Gladbach hingegen sucht dieses Jahr genau danach. Womit auch klar sein dürfte, dass Hertha sich jederzeit in dieser anderen Position wiederfinden könnte.
Dagegen spricht allerdings, dass die Betreuer sehr gut auf die Stagnation reagiert haben, die übrigens im Frühjahr mit einer Auswärtsniederlage gegen Gladbach begann. Inzwischen läuft Hertha wieder, und die lange Pause für Darida oder Duda bedeutet ja auch, dass irgendwann wichtige, frische Spieler zu einer Mannschaft dazu stoßen werden, die schon jetzt flexibel genug auf die Herausforderungen eingestellt wird, um einen neuerlichen Burnout zu verhindern.
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Kommentar von Natalie Keil |
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