Sommer der Liebe

Keine Bilanz zur FIFA-WM 2026

Wenn die Rosen erblühen in Malaga, dann ist für uns unser Sommer der Liebe da, diese Zeilen sangen Cindy & Bert in einem Hit des Jahres 1975. Ich wurde damals noch meistens Berthold gerufen. Schlager war einer von vielen Wegen, sich erste, sehr vage Vorstellungen von Ländern und Kulturen zu machen, in diesem Fall von Spanien. Ein Jahr davor hatte ich bei der Fußball-WM in Deutschland zum ersten Mal bei einem FIFA-World Cup mitgefiebert, ich wurde zum Fan von (invididuell) Bonhof und Overath, mannschaftlich aber war ich für Holland. 1978 war ich für Argentinien, wegen der langen Haare von Mario Kempes. Dass das Turnier, bei dem Österreich den legendären (nur für die Tabelle bedeutungslosen) Sieg gegen Deutschland in Cordoba zuwegebrachte, in einer grausamen Militärdiktatur stattfand, war mir nicht bewusst. Ich war damals 14 Jahre alt.

Gestern trugen der Spanier Sergio Ramos und der Argentinier Mario Kempes den Pokal in die Arena, um den dann Spanien und Argentinien spielten. Ramos ist ein großer Sportler, dem ich aber fiese Momente nachtrage, zum Beispiel ein Foul gegen Salah. Kempes ist ein alter Mann, vom Glamour des Jahres 1978 ist nichts mehr zu sehen. Spanien vermied durch einen Treffer in der Nachspielzeit ein Elfmeterschießen, für das ich mir zur Geisterabwehr schon eine Pointe ausgedacht hatte: Messi verschießt den entscheidenden Penalty. Wurde dann nicht gebraucht, meine Idee, der Fußballgott verzichtete darauf, einer grotesken WM ein groteskes Ende zu setzen. Er tat so, als wäre alles ganz normal. Das bessere Team gewinnt.

Es war aber gar nichts normal, auch wenn am Ende alles danach aussah. Dass das meistgesehene Fußballspiel der Welt auf einem indiskutablen Geläuft (hier passt das Wort) ausgetragen werden muss, passt zu einer Veranstaltung, der es um alles ging, und nur am Rande um Fußball. Ich habe viele Spiele gesehen, es war ein tolles, spannendes Turnier mit interessanten Mannschaften. Es war aber eben auch das Turnier, bei dem der FIFA-Ausverkauf des Fußballs eine neue Dimension angenommen hatte. Und das nach Argentinien 1978, Russland 2018, Katar 2022.

Natürlich sind die Hydration Breaks der Skandal, der alles in den Schatten stellt, weil er die fundamentalen Regeln des Sports zerstört. Fußball ist (und hat), wie nahezu alle sportlichen Disziplinen, ein Raum- und Zeitregime. Es ist gebaut um die Zweiheit: zwei Mannschaften, zwei Spielfeldhälften, zwei Halbzeiten. In der Summe ergibt sich daraus die narrativste der bekannten Sportarten. Der Fußball schreibt (komplexe) Erzählungen. Nicht von ungefähr ist er mit seiner Spieldauer von 90 Minuten sehr nahe an dem anderen Erzählmedium, am Kino, das in den eineinhalb Stunden eine implizite Norm gefunden hat, von der man weit nach oben oder ein wenig nach unten abweichen kann. Aber die 90 Minuten bleiben dabei das Maß, von dem sich nicht zufällig das heutige Hollywood-Kino zunehmend entfernt.

Vorbild für die Hydration Breaks kann man auch in den Fresspausen sehen, die Multiplexe dem Publikum bei großen Filmen verordnen. Natürlich konnten es nur die USA sein, mit ihrer maximal fragmentierten Popukärkultur, die in Johnny Infantino einen nützlichen Idioten fanden, um den Fußball auf ihre Bedürfnisse der Sequenzierung, der Taylorisierung erzählerischer Abläufe passend zu machen. Halbzeit-Shows, Auftritte von Tom Cruise oder Madonna, eine Blasmusikkapelle, die die ambivalent imperiale spanische Hymne wie eine Weihnachtsandacht klingen ließen: in Amerika zählt alles, nur nicht eine Geschichte, die genaues Hinschauen lohnt. Spanien schrieb trotzdem eine.

Bei der Preisverleihung habe ich vor allem Claudia Sheinbaum zugeschaut, der Präsidentin von Mexiko. Sie stand neben Trump, lächelte tapfer und anhaltend, manchmal entglitt ihr die Mimik ganz kurz. Es war deutlich., dass sie nicht dazugehörte, sie kommt aus einer anderen Welt, mit anderen Zeitliichkeiten. Auch deswegen war das Spiel England gegen Mexiko im Azteca für mich einer der Höhepunkte, und es hatte Sinn, das Thomas Tuchel einige Tage später noch im Bann dieses Ereignisses stand, das sich aber gegen Argentinien nicht replizieren ließ, obwohl er sein Totem Dan Burn analog einwechselte. Das ist Fußball: man meint, ihn ein wenig zu durchschauen, aber er macht seine eigenen Sachen. So war auch Messi gegen England noch einmal ein Fußballer, gegen Spanien war er keiner mehr. Er war eine Rentner. Der Kicker gibt ihm heute 4,5 Punkte, das ist sehr höflich.

Spanien hat ein Spiel, das inzwsichen genauso transparent ist wie die US-Sportarten Football, Baseball oder Basketball, radikal transparent gespielt. Die Seleccion hat kein Geheimnis außer das einer meist großartigen, individuellen, wunderbar aufeinander abgestimmten Geistesgegenwart. Es war ein Genuss, ihr zuzuschauen. Donald Trump machte danach für einen Moment Anstalten, sich in das Jubelfoto zu drängen. Mögen die Pfiffe, die ihn im Met Life empfingen, ihn in die Demenz begleiten.

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