In seinen besten Momenten ist der Fußball ein Orakel. Er spricht dann eine Wahrheit aus, die man ohnehin kennt, aber lieber nicht wissen wollte. So war es auch am Samstagabend in Budapest: Arsenal hat das Champions-League-Finale gegen Paris Saint Germain verloren. 4:5 im Elfmeterschießen, nach 1:1 nach 90 und 120 Minuten. Arsenal hat also durch eine Standardsituation verloren, man könnte sagen: durch die ultimative Zuspitzung einer Standardsituation, ein Spieler gegen einen Spieler im Sechzehner. Spot Kick. Jedes gute Orakel benötigt einen starken Schuss Ironie. In diesem Fall liegt sie darin, dass es der König der Standardsituationen bei Arsenal war, der mit dem fünften Elfmeter zu hoch zielte: Gabriel. Vom Punkt brachte er Arsenal auf den Punkt. Einige der „sicheren“ Schützen waren zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr auf dem Feld: Saka (der einmal einen vergleichbar wichtigen Elfmeter vergeben hat und daraus mehr als gelernt hat), Havertz, Ødegaard.
Entscheidend aber war nicht der fünfte, sondern der zweite: Es war Eze, der als erster vergab, nach einem dieser Anläufe, die schon vor Berührung des Balls zum Ausdruck bringen, dass gerade etwas sehr Kompliziertes im Gange ist. Er verfehlte das Tor seitlich. Damit kam eine Geschichte an einen ersten Schlusspunkt, von der ich nun umso gespannter bin, wie sie weitergehen wird. Denn Eze kam ja in letzter Sekunde zum Team im Transferfenster vergangenen Sommer. Er hatte das ganze Jahr hindurch nicht wirklich einen klaren Platz in der Mannschaft, es war auch relativ deutlich, dass Arteta mit ihm nicht sofort etwas anfangen konnte.
Eze kam in Budapest auf den Platz als eine vage Hoffnung für Arsenal, das Finale im Open Play zu entscheiden. Doch es war ein Spiel, in dem er ohne jede Wirkung blieb. Denn nach dem Ausgleich (und auch schon davor) kam Arsenal zu selten aus seinem Bunkermodus heraus, und Eze, der nie wirklich inspirierend spielt, aber ab und zu etwas vollkommen Unerwartetes macht, kam nie zur Geltung. Er kann auch aus der Distanz abschließen, dazu kam es aber auch nicht.
Schon um die 70. Minute war deutlich, dass eine Verlängerung in Frage kam, sogar an Elfmeterschießen musste man schon früh denken. Mikel Arteta hat in meinen Augen nicht ideal gewechselt. Ich verstehe seine Hoffnung auf Eze, die aber auch Dissoziatives hatte. Havertz war vermutlich durch, er hatte aber wegen seiner langen Verletzung nicht extrem viele Saisonminuten in den Beinen, er hätte vielleicht durchhalten können, das Offensivspiel besser verknüpfen können – und vielleicht dann, mit letzter Kraft, einen Elfmeter verwandelt. Das Gleiche könnte man bei Saka sagen, doch Arteta setzte offenkundig auf Schnelligkeit im Konter, und brachte Martinelli und Madueke.
Der Spieler, den ich für Havertz gern gesehen hatte, kommt auch gerade aus einer langen Verletzung: Aber Mikel Merino hat am ehesten talismanische Qualitäten (die der erratische Eze eben nur aufblitzend hat). Ihm hätte ich auch einen söuveränen Elfmeter zugetraut.
Unter Arsène Wenger war Arsenal viele Jahre lang nur (sehr) erweiterte europäische Elite. Unter Mikel Arteta gehört der Klub nun zum Kreis der ECL-Favoriten. Der FC Bayern gewann seinen ersten „neuzeitlichen“ Titel 2001 nach dem wahrscheinlich langweiligsten Finale ever im Elfmeterschießen gegen den FC Valencia. So ähnlich hätte man es vielleicht auch interpretiert, wenn Arsenal gestern gewonnen hätte.
Der „Henkelpott“ ist aber eben nicht von ungefähr die Trophäe, für die das englische Wort „elusive“ in seiner Steigerung das beste Adjektiv ist: sie ist „ex-ludisch“, sie entzieht sich dem Spiel, sie braucht mehr als nur guten Fußball. Der Münzwurf ist die härteste Form eines Spiels, das dann eben schon keines mehr ist. Arsenal hat gestern beide Münzwürfe vor dem Elfmeterschießen verloren, die Sache wäre womöglich anders ausgegangen, hätte Arsenal den ersten Penalty gehabt – dazu gibt es Statistiken. Mikel Arteta ist ein Trainer, der aus Statistiken ein Maximum herausholt. Der unglückliche Abend in Budapest sollte eine Inspiration sein, dem Fußball in Zukunft ein bisschen mehr zu vertrauen. Arsenal hat alle Anlagen zu einem kompletten, paradigmatischen Team, muss aber mehr denn je schauen, wie sich das Spiel über sechzig Saisonspiele hinweg offen und auch freudvoll gestalten lässt.


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