03. März 2020

Kurzer Pass zum langen Abschied

Der Kommentator von DAZN sprach gestern konsequent von einer B-Elf, die Arsenal im FA Cup gegen den FC Portsmouth aufgestellt hatte. Man hätte auch von einem Perspektivteam sprechen können: eine sehr jugendliche Formation gegen einen Drittligisten. Saka, Guendouzi, Martinelli, Willock, Nketiah und Nelson, dazu ein paar erfahrene Herren weiter hinten (Luiz, Sokratis), der neue Innenverteidiger Mari. Lucas Torreira musste früh ausgewechselt werden, für ihn kam Ceballos. Zweimal zog Nelson über rechts das Tempo an, das reichte zu Treffern durch Sokratis und Nketiah.

Es war das erste Spiel nach dem Ausscheiden aus der Europa League am vergangenen Donnerstag, nach einem sehr späten Auswärtstor von Olimpiacos Piräus. Ich habe selten einen so intensiven Moment mit Arsenal erlebt, ein absoluter Thriller von einem Match, mit einem schlimmen Ende. "Arsenal will not recover from this in a decade", habe ich danach getwittert. So fühlte es sich an, so könnte er aber auch durchaus kommen.

Denn der Club befindet sich an einem wegweisenden Punkt. Die Qualifikation für die Champions League ist nun nur noch in der Liga möglich. Der Abstand zu Platz 4 ist gar nicht so groß, acht Punkte bei einem Spiel mehr als Chelsea. Aber Arsenal steckt in einem dichten Pulk, wenn die Saison so weitergeht, kann es ohne weiteres sein, dass nächstes Jahr die Wolverhampton Wanderers in der Königsklasse auflaufen.

2016/2017 war Arsenal zum letzten Mal in diesem Bewerb vertreten, damals war im Achtelfinale Schluss, in zwei Spielen gegen die Bayern, die mit einem Torverhältnis von 2:10 endeten. Arsene Wenger konnte auch danach noch mehr als ein Jahr weitermachen, der Sieg im FA-Cup 2017 übertünchte die bereits deutlichen Defizite.

Für Arsenal hängt vom Ausgang dieser Saison nahezu alles ab. Ein viertes Jahr ohne Champions League würde wahrscheinlich bedeuten, dass der Kader im Sommer geplündert wird: Aubameyang, der Talisman, ist dann 31, sein Vertrag läuft bis 2021. In einer Liste der 100 besten Fußballer, die der Guardian kürzlich veröffentlichte, waren von Arsenal nur zwei Spieler vertreten: Auba und Lacazette (der auf Platz 99). Das sagt eine Menge über den Kader aus. In dieser komplizierten Saison haben sich einige junge Spieler gezeigt: Saka und Martinelli sind am auffälligsten, auch sie wären schwer zu halten, bliebe Arsenal im Niemandsland des Fußballs stecken.

Mikel Arteta hätte dann eine ganz andere Aufgabe als bei Manchester City, wo er an der Seite von Guardiola aus dem Vollen schöpfen konnte und Talente wie Sterling entwickeln half. Er müsste Aufbauarbeit nahezu von ganz unten leisten. Ob er dazu in der Lage ist, kann man bisher noch nicht einschätzen. Er hatte unzweifelhaft einen positiven Effekt auf die Spieler, inzwischen spürt man aber schon wieder regelmäßig das typische Arsenal-Phlegma. Granit Xhaka ist dafür das interessanteste Beispiel: er war mit Arsenal schon am Ende, hatte dann ein heroisches Comeback in einem spektakulären Derby gegen Chelsea, inzwischen ist er weitgehend der Spieler von vorher, spielt seinen Stiefel, gilt nun aber wieder als Stütze.

Aubameyang traf gegen Olimpiacos mit einem Fallrückzieher, es war ein großartiges Tor nicht nur für ihn, es war ein Ensemblekunststück. Umso mehr muss ihn getroffen haben, dass sein Erfolg sechs Minuten später durchgestrichen wurde, weil Arsenal eine Flanke nicht verteidigte. Den vorentscheidenden Fehler machte übrigens Bernd Leno, der einen keineswegs schwierigen Rückpass in einen Corner für Olimpiacos verwandelte. Seinen Stellvertreter Martinez, der gestern spielte, halte ich für keinen genügenden Ersatz. Im Grunde bräuchte Arsenal auch zwei neue Keeper.

Mesut Özil, der am meisten verdient, will bis 2021 bei Arsenal bleiben. Das ist aus seiner Sicht nur vernünftig, denn sportlich wird er es in keine Topmannschaft mehr schaffen, auch wenn sein Spiel zuletzt wieder interessanter wurde. Er bemüht sich, und Arteta schenkt ihm auch Vertrauen. Özil gehört nicht mehr zu den Top 100, aber er hat in guten Momenten immer noch die Ausstrahlung eines Weltstars. Und er spielt unnachahmlich. Im Moment zählt es also zu meinen kargen Freuden als Arsenal-Fan, den langsamen Abschied von Mesut Özil zu beobachten, oder, im Idealfall, das späte Glück.

Arsenal hat jetzt noch elf Spiele in der diesjährigen Premier League. Wenn es Arteta gelingt, das Personal gut auf diese Herausforderung einzustellen und die richtige Mischung aus Erfahrung und Talent zu finden, dann könnte er schon in seinem ersten Jahr bei Arsenal etwas Großes schaffen. Platz 4 wäre im Grunde eine Sensation. Es kann nun aber kein anderes Ziel geben.

Geschrieben von marxelinho am 03. März 2020.

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01. März 2020

Organisierte Praxis

Fußball ist ein einfaches Spiel, das durch das Auftreten einer gegnerischen Mannschaft kompliziert wird. An diesen berühmten Satz musste ich gestern wieder denken, als ich mir das 3:3 zwischen Hertha und Fortuna Düsseldorf (nachträglich) ansah. Nebenbei wollte ich zudem herausfinden, von dem denn diese treffende Bemerkung stammt. Und siehe da, es ist Jean-Paul Sartre: "En fait, dans un match de football, tout se complique du fait de la présence de l'équipe adverse." So steht es in der Kritik der dialektischen Vernunft, im zweiten Teil, der sich mit Gruppen in der Geschichte beschäftigt, und dort wiederum in einer Passage über "Organisierte Praxis und Funktion".

Alles kompliziert sich durch einen Gegner. So ist das normalerweise, aber bei Hertha hat sich in diesem Jahr fast alles ohne einen Gegner kompliziert. Wer nach einem Beispiel für einen Chaosclub sucht, wird beim Big City Club in Berlin fündig. Dabei ist auch hier alles ganz normal: eine Entscheidung folgt auf die andere, jede Entscheidung reagiert auf eine Situation, irgendwann sind es so viele Entscheidungen, dass man sie vielleicht besser einem Zufallsgenerator überlassen würde.

Der arme Alexander Nouri, der zur Zeit Cheftrainer von Hertha BSC ist, weil Michael Preetz nach dem überraschenden Abgang von Jürgen Klinsmann den deutlichen Schnitt vermeiden wollte, der eigentlich unumgänglich war, Nouri trifft also dauernd Entscheidungen. Zum Teil reklamiert er dabei Rückendeckung von Experten (den Torwartwechsel empfahl der Torwarttrainer, hieß es). Zum Teil probiert er halt einfach ein wenig herum: Dilrosun und Lukebakio wieder rein, zur Pause dann wieder raus.

Lukebakio wird das Klinsmann-"Dossier" vermutlich nicht gelesen haben, er spielte aber, als wäre ihm an schlechter Nachrede sehr gelegen. Watford, wo man für ihn keine Verwendung mehr hatte, hat gestern übrigens den FC LIverpool geschlagen. Jürgen Klopp betreut nun wieder eine Mannschaft von "Vincibles". Das ist das Schöne am Fußball in England: er ist voller adverser Equipen.

Düsseldorf hat sich deswegen einen Trainer aus England geholt, die Fortuna hat sich unter Uwe Rösler sofort zu einem Ligaverbleibskandidaten entwickelt, und sich dann am Freitag aber so über das Fehlen eines Gegners gewundert, dass Hertha sich in Halbzeit zwei plötzlich doch noch zu erkennen gab. Mit einer unorthodoxen Taktik, nämlich mit Torunarigha in einer offensiven Rolle (defensiv war ungefähr so wirksam gewesen wie Lukebakio), und mit Cunha an allen Ecken und Enden des Spiels.

Der Anschlusstreffer zum Anschlusstreffer war dann allerdings wieder so ein Späßchen vom Fußballgott, der wenig dafür übrig hat, wie sich das Spiel durch Kompetenz zunehmend in eine organisierte Praxis verwandelt. Er verhöhnt gern beide Mannschaften, in diesem Fall durch ein Eigentor, das der Torschütze wahrscheinlich noch immer nicht begreift. Er sah jedenfall sehr verdutzt aus. Der Fußballgott sieht ja schon länger seine Allmacht durch Systemtrainer bedroht. Insofern könnte man auch sagen, dass bei Hertha, wo noch nie ein System wirklich gegriffen hat, der Fußball noch als Religion betrieben wird. Vorwissenschaftlich, archaisch, abergläubisch (Geld kauft Europa), autoadvers.

PS Auch wenn der wesentliche Teil der aktuellen Probleme auf Entscheidungen zurückzuführen ist, nämlich auf eine Überdosis davon, muss Michael Preetz morgen früh einen Trainer präsentieren, also schon wieder eine Entscheidung treffen: Die Saison geht noch zehn Spiele, in denen vom Abstieg bis zu Platz 7 theoretisch jede Menge möglich ist. Alexander Nouri allerdings kann das nicht, das ist mehr als deutlich. Wir können davon ausgehen, dass es derzeit sehr schwierig ist, einen fähigen Mann für zehn Spiele nach Berlin zu lotsen. Erstens gibt es nicht viele von dieser Sorte, und zweitens ist die Aufgabe maximal unattraktiv. Trotzdem muss Preetz etwas tun. Er ist in einem Entscheidungsdilemma, das er nur auf eine Weise lösen kann: dezisionistisch, also durch entschiedenes Entscheiden.


Geschrieben von marxelinho am 01. März 2020.

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von arnfinn (am 02. März 2020)
Habe ich etwas verpasst? Wieso muss Preetz „morgen“ einen Trainer präsentieren? Ich vermute er hofft, dass sich Mannschaft irgendwie in den nächsten drei Spielen ins Ziel rettet, dann kann man die Saison zu Ende wurschteln…
16. Februar 2020

Regionalmetropolenclub

Am Freitagabend gab es eine Neuigkeit, von der man mit ein bisschen Ironie sagen könnte, dass sie vor allem in Berlin mit großem Interesse aufgenommen werden müsste. Manchester City wird von der Uefa für zwei Saisonen von der Teilnahme an der Champions League ausgeschlossen - der Fall geht noch vor das CAS, es wäre aber ein Riesenskandal, wenn das Urteil kassiert würde.

Skandalös ist natürlich auch, dass es einen Datenhack brauchte, damit die Uefa sich genauer ansah, was im Grunde mit freiem Auge zu erkennen war. Wie auch immer, wenn das Urteil durchgeht, dann könnte eine der Folgen sein, dass im Sommer nicht nur Niko Kovac, sondern auch Pep Guardiola auf dem Markt ist.

And now for something completely different: Hertha hat gestern ein Ostwestfalen ein Duell im Abstiegskampf gegen den Small City Club oder Regionalmetropolenverein SC Paderborn mit 2:1 für sich entschieden, und hat derzeit, weil Bremen und Düsseldorf auch verloren, neun Punkte Abstand zu Platz 16. Es war die erste Interpretation des derzeitigen Spielerangebots durch Team Nouri. Hertha spielte mit einer Dreierkette, in der Rekik den Vorzug vor Torunarigha erhielt.

Rechts spielte Pekarik, wo vor allem der Sky-Kommentator Michael Born eigentlich Klünter erwartet hätte. Vorne spielten die Neuen: Piatek und Cunha. Im Mittelfeld spielten die Zwillinge, Ascacibar und Skjelbred, davor oder halb daneben Arne Maier. Links Mittelstädt. Es war eine sinnvolle Formation, mit der Spielaufbau auf ein Minimum reduziert werden konnte. Es reichte zu zwei Treffern, mit denen der eine Gegentreffer gegenstandslos wurde, bei dem sich Boyata und Jarstein ähnlich blamierten wie neulich Torunarigha gegen Onisiwo.

Zur Pause kam Darida für Skjelbred, womit die Formation ein bisschen konstruktiver wurde. Arne Maier deutete ein paar Mal an, dass er spielgestaltend etwas einbringen kann, nach wie vor meine ich, dass er das umso besser tut, je weiter hinten er damit beginnt. Cunha spielte wie einer, der sich bei den Jetlag-Pillen ein wenig in der Dosierung vertan hat, sein entscheidendes Tor hatte entsprechend einen nicht geringen Faktor Kuriosität.

Interessant war, wie hart Steffen Baumgart danach mit seiner eigenen Mannschafts ins Gericht ging. Ein bisschen blöd müssen sie sich wirklich vorkommen: sie spielen gegen einen Big City Club, der sich auf eine altertümliche Strategie zurückzieht, wie eine ostwestfälische Variante eines Guardiola-Teams (also variantenreichen Dominanzfußball, halt mit ein bisschen weniger Qualität als Sterling oder Aguero), und bekommen hinten zwei blöde Tore. Hertha hat die Punkte, und konnte sich auf "die Unruhen" (Nouri) der vergangenen Woche hinausreden, dass sie eher auf die schlichte Art errungen wurden.

Das Heimspiel gegen Köln wird dann schon eher ein Gradmesser. Wobei es im Grunde in dieser Spielzeit eh schon egal ist, wie Hertha punktet, im Sommer steht sowieso noch einmal ein großer Umbruch an. Und ein weiterer Neubeginn.

Das Exempel Manchester City wird Hertha dabei nicht so sehr wegen Guardiola interessieren, sondern aus einem anderen Grund: Wenn Tennor BV weiteres Geld in den Big City Club stecken will, stellt sich dann ja bald einmal die Frage der Zulässigkeit. Bisher war alles gut, von nun aber kommt man schnell in den Verdacht des Finanzdopings. Zwar ist die Liga da nicht übermäßig streng, aber einfach so mit Millionen um sich werfen geht jetzt auch nicht mehr so leicht.

Geschrieben von marxelinho am 16. Februar 2020.

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15. Februar 2020

Team 100 Prozent

Auf dem Höhepunkt einer hektischen Woche saß am Donnerstag dann also Lars Windhorst zwischen Werner Gegenbauer und Michael Preetz, und die Luft war dick vor lauter Commitment. Am Dienstag, als "unser Jürgen" in der ganzen Einsamkeit eines im Hotel lebenden globalen Fußballwanderarbeiters eine Entscheidung traf, die er wahrscheinlich längst bereut, hatte ich die Situation noch tendenziell falsch eingeschätzt. Ich ging davon aus, es gäbe es Team 49,9 Prozent, zu dem auch Windhorst zu zählen wäre. Am Donnerstag saß dann aber bei der Pressekonferenz ein Team 100 Prozent – auf zehn oder gar dreißig Jahre?

Es war eine im Detail dann doch sehr ergiebige und auch staunenswerte Veranstaltung. Der Investor machte noch einmal klar, welcher Unterschied zwischen seinem Einstieg und dem Equity-Engagement von KKR besteht. Denn es stimmt ja, Tennor hat nun eine Menge zu sagen bei Hertha, aber ein vorab besprochenes Exit-Datum gibt es nicht. Tennor muss auf Wertsteigerung setzen, und hat dann verschiedene Möglichkeiten, die investierten Summe zurückzubekommen. Windhorst sprach nicht von ungefähr von Sponsoren, die Hertha aufgrund der Attraktivität von Klinsmann schon aufgereiht hatte. Das könnte zumindest auf beabsichtigte jährliche Gewinnentnahmen hindeuten. Details werden wir in den Bilanzen sehen.

Windhorst bekannte (in seiner Sprache: "committete") sich zu einem langfristigen Engagement. Und er ließ sehr deutlich erkennen, wo er schon Grund zu Freude sah: im Winter war Hertha der größte Fußballclub der Welt, was die Ausgaben betraf. Es hat ihn also die schiere Ziffer beeindruckt, die Hertha in die Welt gesetzt hat. Der sportliche Ertrag der vier Verpflichtungen wird sich erst allmählich weisen, wobei es dann auch noch informelle Bilanzen geben wird: Piatek gegen Selke, Ascacibar gegen Löwen, vielleicht auch irgendwann Tousart gegen Grujic (wo immer der nächstes Jahr spielt) oder sogar gegen Maier.

Denn wir werden natürlich auch die Talente im Auge behalten, mit denen Hertha keine Geduld hatte, oder die (wie Löwen) kaum eine Chance bekamen.

Preetz und Gegenbauer haben ihre Version der Ereignisse durchgesetzt. Zwischen Windhorst und Gegenbauer passt nur ein Handschlag, nämlich der, mit dem der Präsident dem Kollegen Unternehmer versichert hat, dass bei Hertha alles gut ist. Gegenbauer sprach für meine Begriffe ein wenig zu viel von einem "störungsfreien" Ablauf dieser Störungswoche. Insgesamt wirkt er, kurz vor einer neuerlichen Kandidatur für die Funktion, die er inzwischen schon gefühlte Ewigkeiten ausübt, wie jemand, der vielleicht mit einer Rolle als Ehren- oder Alterspräsident schon besser beraten wäre.

Michael Preetz ist in der augenblicklichen Konstellation die eigentliche Kristallisationsfigur. Seine vielen Gegner haben längst genügend Munition, sie rechnen einfach in Form einer Addition zusammen, was man besser nicht in eine Tabelle stellt: Rehhagel, Babbel, Skibbe, Covic. Was man ihm tatsächlich vorwerfen muss: er hat in seiner inzwischen langen Amtszeit nur einen Trainer entdeckt, nämlich Pal Dardai, und auch der hat ihn auf halbem Weg der Konzeptarbeit verlassen.

Geschäftsführer Sport müssen einen Kader zusammenstellen, und dafür einen geeigneten Betreuer finden. Die erste Aufgabe hat Preetz in den letzten fünf Jahren ziemlich gut bewältigt, auch wenn zum Beispiel für meine Begriffe bei Lukebakio inzwischen begründete Zweifel an seiner Qualität vorzubringen sind - aber das ist ein Argument vor allem im Vergleich zu der Summe, die Hertha für ihn ausgegeben hat.

Preetz hat sich angreifbar gemacht, weil er zu blauäugig auf die interne Lösung Covic gesetzt hat. Der vergangene Sommer war der Moment, in dem Hertha einen Impuls von außen gebraucht hätte - auch für Preetz selbst wäre eine solche Herausforderung gut gewesen. Mit der Entscheidung für Klinsmann hat er das dann nachgeholt, er hätte ahnen können, dass das mit Friktionen endet.

Nun ist er gerade im Begriff, seinen Fehler aus dem Sommer en miniature zu wiederholen: Jetzt einfach mit Nouri und Feldhoff weiterzumachen, ist ein grobes Versäumnis. Preetz hätte diese Woche Initiative zeigen müssen, und einen neuen Trainer bis Juni präsentieren. Jetzt ist er wieder in der typischen Schleife drinnen: er muss von Spieltag zu Spieltag entscheiden, ob noch einmal ein Eingriff notwendig ist. Der eine Moment, das Team 100 Prozent von sich aus zu komplettieren, ist diese Woche verstrichen. So sitzt Klinsmann heute immer noch als Phantom auf der Bank.

Geschrieben von marxelinho am 15. Februar 2020.

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11. Februar 2020

Zerrüttungsprobe

Aus gegebenem Anlass habe ich gerade nachgeschaut, wieviele Übersetzungen es für das englische Wort "disruption" gibt: es sind ein paar, ich muss nicht alle aufzählen, aber Störung, Spaltung, Bruch, Riss, Zerreißung, Zersetzung, Zerrüttung geben ja schon einmal ein recht deutliches Bild. In gewissen Kreisen hat die Idee einer Entwicklung durch Brüche schon seit einiger Zeit eine gewisse Prominenz, vor allem deswegen, weil man damit sagenhafte Kursentwicklungen von börsennotierten Unternehmen in Bereichen verbindet, von denen die Welt vor kurzer Zeit noch gar nichts wusste.

Heute hat Jürgen Klinsmann aus heiterem Himmel seine eigene Disruption bei Hertha BSC zerrüttet. Oder er hat seine Störung kurzgeschlossen. Oder er hat seinen Riss in einen Abgrund verwandelt. Er kam vor wenigen Wochen mit großem Stab, dichtete für eine Weile die Defensive der Mannschaft ab, bis sie gegen Mainz am Wochenende wieder löchrig wurde. und nun hat er seinen Rücktritt als Cheftrainer erklärt. Er zieht sich auf die Position als Aufsichtsrat zurück, aus der er künftig die "handelnden Personen" wieder beaufsichtigen wird.

Mit einem Wort: Das Team 50,1 (Preetz und sein Godfather Gegenbauer) hat sich gegen das Team 49,9 durchgesetzt. Dass es einen Machtkampf gab, musste man immer voraussetzen, ein Weilchen haben sich die Fraktionen notdürftig arrangiert, nun hat wohl allem Anschein nach Klinsmann zum falschen Zeitpunkt die Machtfrage gestellt.

Ich unterstelle einmal, dass schon die Transferentscheidungen des Winters ein Ausdruck des Machtkampfs waren. Bei Piatek gibt es gute Argumente, dass diese Verpflichtung sinnvoll war, man konnte das auch schon erkennen. Bei Ascacibar ist die Sache angesichts der sieben Millionen für Löwen im Sommer und angesichts von Arne Maier (den ich tendenziell eher als Sechser sehe) schon weniger klar (billig war er zudem auch nicht, aber wir haben es ja). Bei Tousart muss man ingesamt den Eindruck einer widersprüchlichen Angelegenheit haben, nicht nur wegen Grujic, den man damit ja praktisch jetzt schon zu den Akten gelegt hat.

Hertha hat im Winter nicht wenig Geld ein bisschen rasch hinausgeschossen. Geld, das man im Sommer mit mehr Überblick über die Lage (viele sind mit der Gesamtsituation unzufrieden) viel besser hätte einsetzen können. Jedenfalls angesichts einer Saison, von der tatsächlich über den Klassenerhalt hinaus allenfalls noch das Ziel ausgegeben werden kann, den Kader besser zu strukturieren, indem man um ein Gerüst bereits vorhandener Spieler einen Mannschaftskern entwickelt. Aber das wäre eine Strategie, die dem evolutionären Prinzip entspricht, und nicht dem disruptiven, das Investoren gern vertreten, weil sie mit ihren Investitionen am liebsten disruptiven Erfolg hätten.

Dazu ist Fußball nicht das richtige Metier. Ich bin sicher, Team 50,1 hat das geduldig auseinandergesetzt, auf die Jacht vor Florida (ein Disruptionssymbol in jeder Hinsicht) sind sie trotzdem gegangen. Wenn Michael Preetz das 0,1 Prozent, an dem derzeit seine berufliche Existenz hängt, retten will, muss er jetzt eine Trainerentscheidung treffen, die den Pyrrhussieg von heute so lange sicherstellt und in sportlichen Erfolg verwandelt, dass im Sommer zu den Bedingungen von Hertha BSC weitergearbeitet werden kann. Torkelt der Verein weiter so durch die Saison, gibt es im Sommer vielleicht kein Team 50,1 mehr, sondern nur noch Tennor BSC.

PS Es versteht sich für meine Begriffe von selbst, dass am Samstag in Paderborn kein Vertreter des Teams 49,9 auf der Bank sitzen darf.

Geschrieben von marxelinho am 11. Februar 2020.

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von klaus ungerer (am 11. Februar 2020)
babbel - skibbe - rehhagel - covic - klinsmann. alle paar jahre ist hertha bsc aufgrund desolater trainerfindung die lachnummer der nation. für meine begriffe hat preetz seine allerletzte kugel verschossen. als abteilungsleiter etwa einer gebäudereinigungsfirma wäre er bei einer vergleichbaren performance schon längst weg.
von Jörg (am 12. Februar 2020)
Von Klinsmann hatte ich mir mehr erwartet. Ich habe mich gefreut, als er kam. Weil ich mir dachte, dass er sich das gut überlegt hat und dass die Fakten, zu denen er im Vorfeld viel besser Zugang hatte als wir hier außerhalb, für ihn attraktiv aussahen sowie für ein gutes Endergebnis ausreichend. Dass sein derzeitiges Zwischenergebnis kein so richtig gutes ist, das müsste ihm so klar sein wie allen anderen auch, und dass man da keine langfristige Zusage im Profifussball erwarten kann, sollte ihn nicht überrascht haben. Bei den Einkäufen war er sicher federführend, und da hätte ich erwartet, dass er aus all diesen Einkäufen nun beginnt eine funktionierende Mannschaft zu formen. Bei diesem Mangel an Konstanz, Kommunikationsfähigkeit und Verantwortungsbereitschaft, den Klinsmann gerade gezeigt hat, halte ich ihn für eine Fehlbesetzung im Aufsichtsrat. Selbst wenn ich mich freue, dass er Hertha wohlgesonnen ist und hoffe, dass er weiter Mitglied bleibt.
09. Februar 2020

Ein Sonnendeck im Deckungsschatten

In einem Anfall von Pathos habe ich Jordan Torunarigha gestern vor dem Spiel gegen Mainz als Genie bezeichnet. Das war einerseits ernst gemeint, denn ich bin wirklich der Meinung, dass er weit überdurchschnittlich begabt ist. Andererseits war das aber auch eine Hyperbel, also ein Beispiel für das rhetorische Mittel der Übertreibung. Und zwar für einen guten Zweck: Wir wollten denen etwas entgegensetzen, die Rassismus in die Stadien tragen.

Im Spiel gegen Mainz hatte Torunarigha dann einen Moment, der zum Genie noch ein unschmückendes Beiwort erforderlich macht: gegen Onisiwo war er in der 82. Minute ein schlampiges Genie, er ließ sich düpieren, und Quaison entschied mit seinem zweiten Treffer das Spiel. Es war aber, wie der ganze Nachmittag, eine kollektive Angelegenheit, ein Moment, in dem sich wieder einmal einige Kollegen darauf verließen, dass ein ballnaher Spieler etwas tun würde, und sie sich auf das Zuschauen beschränkten, statt etwas von den Potentialitäten zu erspüren, die in Situationen liegen. Boyata und Wolf standen also passiv herum, während Quaison der Eventualität von Onisiwo eine Aktualität verlieh, indem er in den freien Raum lief. Er hatte spekuliert, während Herthas Verteidigung es sich in der Gegenwart eines Zweikampfs gemütlich machte, den Torunarigha gerade im Begriff war, zu verlieren.

Fußball ist ein schnelles Spiel, aber es gibt schnellere. Im Vergleich zu Basketball, Eishockey oder Handball haben Fußballer vergleichsweise viel Zeit. Sie haben auch mehr Platz, und sie haben mehr Kollegen. Es gibt also viele Möglichkeiten, sich das berühmte Päuschen zu gönnen, ohne dass man gleich als Legionär Gaius Faulus auffällt wie der Kollege im Asterix-Heft. Gestern fiel allerdings relativ dramatisch auf, wie schwach das Teamwork bei Hertha entwickelt ist.

Die Betreuer hatten (gegen einen direkten Gegner im Abstiegskampf) eine nominell sehr offensive Formation gewählt: es wirkte dann wie ein schlechtes Vorzeichen, dass bis knapp vor Anpfiff Verwirrung darüber herrschte, ob Grujic und Maier (vor Ascacibar) tatsächlich gemeinsam auflaufen würden. Vorne wieder Köpke und Piatek, als Außenläufer Wolf und Mittelstädt, hinten die Dreierkette mit Torunarigha, Boyata, Stark. Eine plausible Aufstellung, die allerdings auch mit sich bringt, dass im Zentrum viel Personal ist.

Mainz spielte von Beginn an sehr geschickt ein kluges Pressing in Verbindung mit vielen kleinen und größeren Läufen. Bei Hertha hingegen war viel Ballbesitz, den aber viele eigene Spieler bevorzugt im Deckungsschatten verbrachten. Sie liefen sich nicht frei (namentlich Maier und Grujic), auch wenn es immer wieder nur einiger weniger Schritte, keineswegs intensiver Läufe bedurft hätte. Es waren immer nur zwei, maximal drei Spieler potentiell in Situationen involviert. So kommt natürlich kein Spiel zustande.

Mainz lief gestern fünf Kilometer mehr, und man konnte es mit freiem Auge sehen, dass das in der Mehrzahl sinnvolle Läufe waren, auch wenn am Ende manchmal kein Ball dorthin kam, wo ein Spieler einen möglichen Passweg geöffnet hatte.

In der Pause wechselte Team Klinsmann die Taktik aus (namentlich traf es Grujic und Stark, beide verdientermaßen). Es folgte eine Phase mit circa zehn Minuten, in denen eine gewisse Intensität zu bemerken war, Mainz begann, ein bisschen Wirkung zu zeigen, als das allerdings relevant zu werden begann, schaltete Hertha zurück und ließ es wieder ein bisschen gemütlicher angehen. Insgesamt war es schließlich ein hochverdienter Auswärtssieg einer in jeder Hinsicht besser eingestellten und besser spielenden Mannschaft.

Damit ist der Abstiegskampf wieder näher gerückt, und nun ist die Lage schon ernster als in der Hinrunde, denn Paderborn und Köln, selbst Düsseldorf (das Neunpunktetrio, das Hertha im Herbst den Arsch rettete), sind deutlich kompetenter als noch damals. Hertha hingegen hat vor lauter Projekt weiterhin wenig Plan. Das Cupspiel in Gelsenkirchen lief eine Weile ganz gut, zeigte aber auch die Grenzen des Außenseitermodells auf.

Hertha bleibt sich auch unter Klinsmann treu: als eine Mannschaft ohne Eigenschaften. Grujic ist dafür nur ein Symptom: ein Spieler, dem man im Winter deutlich signalisierte, dass das Projekt mit ihm bereits vorbei ist, spielt nun wie einer, der sich für ein eigenes Projekt nicht mehr motivieren kann. Maier sucht erst wieder seine Rolle, gestern sollte er nach der Pause im Alleingang zwischen Libero und Zehner alles richten, das geht natürlich nicht.

Wir sollten uns kein Illusionen machen: Fußball ist ein Spiel, bei dem die Defizite mit den Ansprüchen steigen. Was Mainz gestern geschafft hat, hat Hertha auch schon gezeigt, zum Beispiel im Winter in Leverkusen. Sobald es aber darum geht, ein Spiel zu entwickeln, einen ganzen (in unserem Fall ja inzwischen auch: nicht mehr blligen) Kader auf eine kreative Reise mitzunehmen, wird es schwierig. Das zeigen die Exempla Kohfeldt, aber inzwischen auch David Wagner und Oliver Glasner. Adi Hütter erfängt sich gerade wieder.

Hertha hat seit dem Wiederaufstieg keinen Trainer gefunden, der wirklich eine Veränderung der Kultur im Verein gebracht hätte. In dieser Phase sind in der Liga aber auch nur ganz wenige relevante Protagonisten dazu gekommen: Nagelsmann, vielleicht Marco Rose, bei Niko Kovac gibt es schon Grund zur Skepsis. Bei Team Klinsmann spricht bereits alles dafür, dass sich am Prinzip Irgendwie nichts mehr ändern wird. Das ist das Prinzip, das sich im Abstiegskampf immer rechtfertigen lässt. Insofern ist Hertha jetzt da, wo sie hingehört.

Geschrieben von marxelinho am 09. Februar 2020.

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05. Februar 2020

Dicht am Ende des Schachtes

Der Weg nach Berlin ist weit und beschwerlich, vor allem, wen man eigentlich schon aus Berlin ist, wie das bei Hertha BSC der Fall ist. Manchmal endet dieser Weg so wie gestern: die Mannschaft von Jürgen Klinsmann blieb im Schacht stecken. Dabei hatte sie das Licht des Viertelfinales schon in Sichtweite. Es ging dann aber doch noch aus.

Ich war vor dem Fernseher dabei, kann deswegen nicht ermessen, in welchem Maß die Atmosphäre vor Ort sich auf die Klassizität der Pokalnacht ausgewirkt hat. Jordan Torunarigha wurde wohl offensichtlich besonders stark davon erfasst, es steht auch der Verdacht der rassistischen Beleidigung im Raum. Daniel Caligiuri hingegen, den ich früher einmal als Herthas Wander-Nemesis bezeichnet habe, machte diesem Titel gestern alle Ehre.

Zur Pause führte Hertha verdient mit 2:0. Da hatte sich die ungewöhnliche Formation ausgezahlt: ein 3-5-2 mit offensichtlichem Akzent auf Konterdynamik und Wucht im Sturmzentrum. Wolf, Piatek und der überraschend aufgestellte Köpke machten alles richtig. Arne Maier spielte vor Skjelbred und Ascacibar, Stark neben Boyata und Torunarigha in der Defensivlinie, Plattenhardt hatte links das weite Land zu betreuen.

Schalke wäre womöglich nie ins Spiel zurückgekommen, hätte Klinsmann nicht in der zweiten Halbzeit Mittelstädt für Plattenhardt gebracht. Der tiefe, rutschige Boden spielte auch eine Rolle. Jedenfalls wurde die linke Defensivseite in Halbzeit zwei zunehmend zu einem Problem. Torunarigha verlor einige Zweikämpfe, in die er überhaupt erst gehen musste, weil Mittelstädt mit der großen Aufgabe, die ein 3-5-2 für den Außenspieler mit sich bringt, nicht gut zurechtkam.

Rechts kam Lukebakio für Wolf, eine weitere Einwechslung, die sich eher negativ auswirkte. Links aber begann das Unheil. Mittelstädt lässt sich von Caligiuri versetzen, Torunarigha kommt ihm nur oberflächlich zu Hilfe, Jarstein lässt sich von einem scharfen Schuss in die kurze Ecke düpieren. Auch das zweite Gegentor entwickelte sich über diese Seite, dieses Mal gab Caligiuri die Vorlage.

In der Verlängerung war Torunarigha schon heiß. Er hatte ein interessantes Spiel gemacht, auch mit offensiven Aktionen, bei einem seiner Läufe geriet er an die linke Seitenlinie, Mascarell trennte ihn unsanft vom Ball, Torunarigha landete im Betreuerbereich von Schalke und rächte sich an einer Getränkekiste. An der zweiten gelben Karte kann man nichts beanstanden, auch wenn er vorher provoziert worden war. Mascarell bekam nicht einmal eine gelbe, dabei ließen einige Einstellungen erkennen, dass er die Schere ausgepackt hatte - es war ein grobes Foul, bei dem er auch Kontakt mit dem Ball hatte.

Hertha spielte auch mit zehn Mann und mit einem Elfmeterschießen als möglichem Ausweg noch nach vorn, das sah heroisch aus, war aber wohl ein wenig naiv. Und es rächte sich, als Raman schließlich einen Konter - nach Ecke Hertha - zum entscheidenden dritten Treffer verwertete, ausgerechnet gegen den schnellen Klünter und den unglücklichen Mittelstädt, und durch die Beine von Jarstein.

Hertha hatte eine Menge zu einer langen und mächtigen Pokalnacht beigetragen, muss aber im Viertelfinale zuschauen. Als Trost können wir mitnehmen: Von den Europacup-Aspiranten aus Gelsenkirchen trennte uns gestern nichts, außer schließlich das Entscheidende, das man nur durch Erfahrungen bekommt. Caligiuri hat alle Erfahrung dieser Liga, Torunarigha und Mittelstädt müssen viele Erfahrungen erst machen. Beide haben das Zeug für weitere lange Wege nach Berlin, und für eine Karriere in Berlin.

Geschrieben von marxelinho am 05. Februar 2020.

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02. Februar 2020

Little Big Spending

Ohne Gesichtsmaske und andere Fortifikationen ungewöhnlicher Art war ich am Freitag im Olympiastadion. Aber selbst dort wird man bei der (sehr legeren) Leibesvisitation kurz darauf verwiesen, dass die globale Öffentlichkeit gerade auf eine übertragbare Krankheit aus China fixiert ist. Es hängt eben alles mit allem zusammen, wobei mir allerdings gerade nicht bekannt ist, ob Marko Arnautovic wegen des Coronavirus nach England zurückwill.

Er fällt mir jetzt deswegen ein, weil ich gerade im Athletic (das ist ein noch relativ neues Online-Sportmagazin, das ich mir für einen sehr billigen Einsteigertarif für ein Jahr gegönnt habe) ein Stück über West Ham United gelesen habe. Dort stiegen vor bald zehn Jahren Investoren mit einem Bigcityproject ein, zwei Herren mit einem schmuddligen Image, weil ihr Geld zu einem nicht geringen Teil aus (pardon) Wixvorlagen stammt.

Heute spielt West Ham in einem Stadion mit Laufbahn und gegen den Abstieg. Im Fußball muss man mit Vergleichen genau so vorsichtig sein wie in allen anderen Bereichen des Lebens, aber sie geben doch manchmal Orientierung.

Hertha hat am Freitag gegen Schalke gespielt. Man muss darüber keine großen Analysen anstellen, beide Mannschaften war eher hilflos bei ihren Bemühungen, die gegnerischen (dichten) Abwehrbemühungen zu überwinden. Klinsmannschaft spielte bis zum Schluss mit beiden Skjelbreds, und als Arne Maier schließlich kam, kam er für Grujic, der auch schon "out of position" drangekommen war, nämlich eins weiter vorn als dort, wo er besser ist. Soviel zum Riegel.

Noch weiter vorn bemühte sich zuerst Lukebakio zentral, von dem weiterhin auffällt, dass er für einen Mann seiner Preisklasse ein bemerkenswert schlechter Fußballer ist. Er hat natürlich Speed, und auch ein paar Skills, aber seine Pässe sind absurd. Dilrosun war auch schon einmal konzentrierter als in der letzten Zeit so. Später kam Piatek, der neue Mittelstürmer.

Die Liga hatte das sicher nicht im Sinn, aber es passte, dass Hertha das Freitagspiel an dem Tag spielte, an dem der Club an einem Deadline Day einen deutlichen Schritt zu einer Verpuppung machte, aus der natürlich alles Mögliche werden kann. Stand jetzt hat das Betreuerteam eine Menge Arbeit, denn es passt spielerisch gerade nicht viel zusammen. Da hilft natürlich, dass man weiterhin von Abstiegskampf sprechen kann, am Samstag gegen Mainz sowieso.

Gestern Abend hatte ich dann auf Twitter noch einen kleinen Wortwechsel mit einem Fan der Dosen. Es ging um die Frage, ob Hertha jetzt auch zu den angeschobenen Teams in der Liga gehört. Das ist ganz leicht zu beantworten. Natürlich nicht. Hertha hat mit dem Investment durch Tennor BV Einnahmen generiert, und diese werden jetzt ausgegeben. Das ist etwas deutlich Anderes, wie der Produktlaunch ex nihilo, auf dem RB Leipzig im Grunde basiert - wobei ich auch diesen im Grunde für legitim halte. In beiden Fällen haben wir es mit Investoren zu tun, die einem nicht sympathisch sein müssen, und es mir auch – wir sprechen von einer öffentlichen Wahrnehmung – nicht sind, aber das ist eine andere Geschichte.

Hertha verhält sich als Unternehmen ganz normal: derzeit wird investiert. Von den vier neuen Spielern wird sich zeigen, ob sie den angestrebten Effekt haben können. Für den Sommer ist wohl auch noch ein bisschen Geld da, um dann noch einmal personell zu justieren. Danach muss Hertha aber auch wieder normal wirtschaften, denn man kann sich selbst halt nur einmal verkaufen. Zwar kann Tennor BV theoretisch weiter Geld in den Club stecken (in Form von Darlehen, oder durch Erwerb weiterer Anteile, das wäre dann aber, wenn auch nicht de iure, dann doch de facto, eine Umgehung der 50+1-Regel), aber so weit sind wir noch nicht.

Jetzt ist erst einmal Ruhe, und wir haben 15 Spiele in der Liga plus eine von einem Spiel am Dienstag abhängige Anzahl von Cupspielen vor uns, in denen Klismann und Co. zeigen müssen, was sie mit dem derzeit vorhandenen Kader anfangen können.

PS Personalie 1: Davie Selke war ein Held in einem der größten Spiele der letzten Jahre, bei dem Auswärtssieg in Leipzig vor Weihnachten anno 2017. Der für ihn entscheidende Trainer war Pal Dardai, der zu wenig auf ihn gesetzt hat. Vielleicht ist er aber auch nicht gut genug für die Ambitionen von Hertha. Wir werden es nie wissen, nicht einmal dann, sollte er in Bremen groß einschlagen.

PPS Arne Maier hatte für meine Begriffe gute Gründe, sich zu Wort zu melden. Klinsmann hat vor Weihnachten deutliche Signale gegeben, dass er mit ihm bisher nicht viel anfangen kann. Das dokumentierte dann auch bis zu einem gewissen Grad die Einwechslung gegen Schalke. Der Transfer von Tousart ist sportlich vorerst ja noch nicht zu beurteilen, als kommunikativer Akt (als Botschaft an Grujic und an Maier) ist er aber jedenfalls relativ deutlich, und nicht gerade inspirierend. Wie auch die Achse der beiden Skjelbreds, auf die Klinsmann zu setzen scheint. Gute Zeichen für ein produktives Spiel sind das nicht.

Geschrieben von marxelinho am 02. Februar 2020.

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28. Januar 2020

Häutungsprozess

Fünfeinhalb Wochen und neun Spiele ist Mikel Arteta nun Cheftrainer bei Arsenal. Die Bilanz deutet bisher auf keinen Trainereffekt hin: fünf Unentschieden und je ein Sieg und eine Niederlage in der Liga sowie zwei Siege im FA-Cup. Auf dem Platz ist der Trainereffekt allerdings unübersehbar.

Arteta übernahm die Mannschaft unmittelbar vor Weihnachten, also zu einem schwierigen Zeitpunkt. Er begann mit einem torlosen Remis gegen Everton und einem 1:1 auswärts bei Bournemouth. Gestern gab es im Cup erneut ein Auswärtsspiel in Bournemouth, und dieses Mal war der Unterschied bereits erkennbar. Arsenal trat zwar mit einer jungen Formation an, spielte aber wie der Favorit, und gewann verdient 2:1.

Der Widerstand war zwar nicht so hartnäckig, wie man es aus der Premier League gewohnt ist, andererseits war das Offensivspiel zumindest in der ersten Halbzeit durchaus beeindruckend. Arteta musste in seinen ersten Wochen eine Menge verkraften: Verletzungen (links hinten zuerst Tierney, dann auch noch Kolasinac); rote Karten gegen Aubameyang und David Luiz. Und doch war in allen Spielen deutlich erkennbar, dass sich nicht nur die Einstellung der Mannschaft massiv verändert hat gegenüber der Zeit unter Emery - man muss rückblickend wohl annehmen, dass die Spieler damals tatsächlich gegen den Trainer gespielt haben.

Arteta hat die Spieler auch kompetenter gemacht. Sie wissen jetzt wieder, was sie zu tun haben. Xhaka ist ein gutes Beispiel. Er spielt nun nicht mehr den alleinigen Sechser, sondern eine sehr spezielle Rolle auf der linken Seite einer Zweierreihe (meist neben Torreira, gestern neben Guendouzi). Wenn Arsenal den Ball hat, lässt Xhaka sich sogar noch weiter nach links hinten fallen, und ermöglicht damit dem jungen Bukayo Saka, sich nach vorne einzuschalten.

Saka, 18 Jahre alt, ist eine der Figuren dieser ersten Wochen unter Arteta. Er ist nominell ein Angreifer, vorgesehen für den linken Flügel. Unter Arteta spielte dort aber Aubameyang, weil Lacazette für das Sturmzentrum gesetzt ist (de facto ist er dort auch erster Verteidiger). Dazu kam im Sommer mit dem ebenfalls erst 18 Jahre alten Brasilianer Gabriel Martinelli ein Talent, das schon jetzt in dem Dimensionen eines Jadon Sancho spielt. Saka ist auch sehr gut, aber auf seiner Position hat er momentan schlechte Karten.

Arsenal fehlt aber seit Wochen ein Linksverteidiger, und diese Rolle hat Saka mit Bravour übernommen, unterstützt auch von dem taktischen Geschick von Arteta. Saka und Martinelli bilden nun eine Achse, ein Jugendprojekt in dem größeren Zusammenhang von Artetas Aufbauarbeit. Gestern blieben die großen Stars (Özil, Lacazette, Torreira) auf der Bank, stattdessen spielten Willock (auffällig) und Nketiah (ein Tor, nach Vorlage von Saka!).

Vor einer Woche spielte Arsenal in der Liga an der Stamford Bridge, und es sah wieder einmal alles noch der typischen Mischung aus Pech und Unvermögen aus: Mustafi (Ersatzmann für den erkrankten Sokratis) spielt einen schlechten Rückpass, Luiz foult im Strafraum, also Elfmeter, dazu rote Karte (auch der VAR sieht nicht, dass Luiz nicht letzter Mann war, ich vereinfache die entsprechende Regel). Arsenal ist nach einer halben Stunde ein Tor im Rückstand und hat einen Spieler weniger.

Arteta macht Rob Holding bereit, um Luiz zu ersetzen, wartet dann aber noch ein wenig, zieht Xhaka in die Viererkette zurück, und lässt der Mannschaft ein wenig Zeit, um sich wieder zurechtzufinden. Am Ende stand es 2:2, nach einem spektakulären Kontertor durch Martinelli, den er ursprünglich wohl auswechseln wollte. Er folgte dann aber einer Intuititon, die das Team bestätigte. Das ist Coaching im besten Sinn.

Natürlich muss Arsenal jetzt dringend punkten, Platz 10 in der Liga ist aber eher Ausweis der Häutung, die Unai Emery notwendig gemacht hat. Arteta hat bisher schon eine Menge dafür getan, mit einem fragilen Kader etwas zu bewirken. Gestern wurde Mustafi verletzt ausgewechselt, es könnte also durchaus sein, dass noch ein Innenverteidiger kommt diese Woche. Aber groß investieren kann Arsenal derzeit ohnehin nicht, und es wäre sogar schade, jemandem wie Willock, Reiss Nelson (derzeit verletzt), Maitland-Niles (derzeit wieder Ersatz, weil Bellerin - als Kapitän - zurück ist), oder eben Saka und Martinelli einen teuren Konkurrenten vorzusetzen.

Unter Arsene Wenger war Arsenal lange Zeit eine Spitzenmannschaft, die sich dabei immer noch als Projekt vermarkten konnte. Irgendwann war dann die Projekt-Mythologie so stark, dass nicht so richtig auffiel, wie wenig Wenger der Mannschaft noch vermitteln konnte. Seit Mikel Arteta da ist, kann man wieder den Eindruck haben, sich am Anfang von etwas zu befinden. Was immer dieses "etwas" dann sein wird, es wird hoffentlich mit dieser spannenden Generation zu tun haben, die gestern im Regen in Bournemouth ein kleines Reifezeugnis einholte.

Geschrieben von marxelinho am 28. Januar 2020.

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26. Januar 2020

Spekulationssubjekt

Abstiegskampf kann grausam sein. Wenn Teams mit notdürftigen Mitteln um Punkte ringen, die sie unbedingt zum Überleben brauchen, darf man keine großen Erwartungen haben. Manchmal gibt es aber auch noch diesen anderen Abstiegskampf, der von Teams bestritten wird, die nicht so recht wissen, wo sie hingehören, die nicht eigentlich gefährdet sind, aber auch mit den Entscheidungen in der Liga nichts zu tun haben. Und die deswegen einen Fußball spielen, der zwar ernst ist (weil das Spiel ja gewertet wird), der aber ein bisschen so wirkt, als hätte er um eine Befreiung von Kompetenzerwartungen angesucht, und warte noch auf den Bescheid.

So ein Spiel war das gestern zwischen Wolfsburg und Berlin, den grauen Nagetieren der Liga. Im Volksmund spricht man auch von einem ICE-Derby, de facto aber müsste man das Wagenmaterial, das in diesem Fall metaphorisch naheliegt, wohl aus dem Eisenbahnmuseum holen. Hertha gewann durch ein spätes Tor von Lukebakio mit 2:1. Wolfsburg hatte das Nachsehen und musste sich mit übler Nachrede behelfen: Die Vorbereitung durch Grujic wurde als "Sonntagsflanke" diskreditiert.

Es war aber nicht einmal eine Flanke. Es war etwas viel Kunstvolleres: ein Chip über zwanzig Meter, gerade so scharf, dass der Ball nicht in der Luft verhungerte, und dass Klünter ein Kopfballduell gewinnen konnte, aus dem der Ball zu Lukebakio weitertrödelte, von dessen Hinterkopf er dann unerreichbar ins Kreuzeck trudelte. Wobei das Wort Flugbahn in keiner Phase dieser Bewegung wirklich angemessen war. Aber so fallen im Fußball eben auch Tore.

Als Zwischenbilanz aus den ersten beiden Spielen der Rückrunde kann man nun errechnen: Hertha ist am Freitag gegen Schalke Favorit. Die Rechnung geht so: Hertha verlor gegen Bayern 0:4, Schalke gestern 0:5, macht also plus eins Hertha, Schalke spielte allerdings auswärts, macht einen Negativpunkt Abzug, also Gleichstand, plus Heimvorteil Hertha (wobei: zählt der?), macht also hauchdünne Favoritenrolle.

Ansonsten gibt es vorerst nach sieben Spielen Klinsmania nur Details, aber kein Bild. Hertha spielt irgendeinen Fußball, gestern mit zwei defensiven Mittelfeldspielern, sodass man sich fragen mochte, warum der Kader für mehr als zehn Millionen mit einem Doppelgänger von Skjelbred ergänzt wurde. Ach ja, Ascacibar ist jünger. Lukebakio war statt Selke der Mittelstürmer, er traf, deswegen kann man über die 90 Minuten davor großzügig hinwegsehen.

Mit Torunarigha und Stark hat Hertha eine zweite Innenverteidigung, die zur ersten keinen offensichtlichen Qualitätsunterschied erkennen lässt. Mittelstädt deutete 30 Minuten an, dass er Plattenhardt häufiger vorzuziehen wäre, danach verschwand er in die Zufälligkeit der blauweißen Bemühungen.

Grujic ließ zweimal erkennen, wie er als Fußballer gepolt ist: sein Steilpass auf Esswein vor der Großchance von Lukebakio kurz vor Schluss hatte das Timing einer Atomuhr, die in ein Spielbein geschlüpft war - es war eine Bewegung, als wollte er mit einer winzigen Verzögerung in die Pixel der kalibrierten Linien eindringen, mit denen "Köln" notdürftig das sekundenbruchteilige Geschehen in einem Fußballspiel judizierbar zu machen versucht.

Seine Sonntagsflanke war dann anderer Natur: der Ball musste irgendwie in den Strafraum, denn ein Einszueins hätte Hertha nur tiefer in einen Abstiegskampf gezogen, den sogar Paderborn mit richtigem Fußball und nicht mit einem zusammenhanglosen Sammelsurium von Spielansätzen bestreitet. Mit einem Wort: Hertha musste seine Version des Abstiegskampfs verteidigen, jene methodische Beliebigkeit, für die Klinsmann & Team stehen.

Hertha kann derzeit nicht einmal von Spiel zu Spiel denken, es gibt nichts zu analysieren und keine Schlüsse zu ziehen, denn dieser Fußball entfaltet sich auf Grundlage verschiedener gespeicherter Wissensbestände invidueller Spieler höchstens von Pass zu Pass, und viele kommen, vor allem in der gegnerischen Hälfte, nicht an. Man kann ein Spiel auch mal mit einem spekulativen Ball gewinnen. Aber eine Serie von solchen Toren gibt der Fußballgott selten her.

Vielleicht steckt aber sogar eine hintergründige Pointe hinter diesem Fußball: Hertha BSC, im Sommer durch Tennor BV zum Spekulationsobjekt gemacht, macht sich stilistisch nun selbst zum Spekulationssubjekt.

Geschrieben von marxelinho am 26. Januar 2020.

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