09. Februar 2020

Ein Sonnendeck im Deckungsschatten

In einem Anfall von Pathos habe ich Jordan Torunarigha gestern vor dem Spiel gegen Mainz als Genie bezeichnet. Das war einerseits ernst gemeint, denn ich bin wirklich der Meinung, dass er weit überdurchschnittlich begabt ist. Andererseits war das aber auch eine Hyperbel, also ein Beispiel für das rhetorische Mittel der Übertreibung. Und zwar für einen guten Zweck: Wir wollten denen etwas entgegensetzen, die Rassismus in die Stadien tragen.

Im Spiel gegen Mainz hatte Torunarigha dann einen Moment, der zum Genie noch ein unschmückendes Beiwort erforderlich macht: gegen Onisiwo war er in der 82. Minute ein schlampiges Genie, er ließ sich düpieren, und Quaison entschied mit seinem zweiten Treffer das Spiel. Es war aber, wie der ganze Nachmittag, eine kollektive Angelegenheit, ein Moment, in dem sich wieder einmal einige Kollegen darauf verließen, dass ein ballnaher Spieler etwas tun würde, und sie sich auf das Zuschauen beschränkten, statt etwas von den Potentialitäten zu erspüren, die in Situationen liegen. Boyata und Wolf standen also passiv herum, während Quaison der Eventualität von Onisiwo eine Aktualität verlieh, indem er in den freien Raum lief. Er hatte spekuliert, während Herthas Verteidigung es sich in der Gegenwart eines Zweikampfs gemütlich machte, den Torunarigha gerade im Begriff war, zu verlieren.

Fußball ist ein schnelles Spiel, aber es gibt schnellere. Im Vergleich zu Basketball, Eishockey oder Handball haben Fußballer vergleichsweise viel Zeit. Sie haben auch mehr Platz, und sie haben mehr Kollegen. Es gibt also viele Möglichkeiten, sich das berühmte Päuschen zu gönnen, ohne dass man gleich als Legionär Gaius Faulus auffällt wie der Kollege im Asterix-Heft. Gestern fiel allerdings relativ dramatisch auf, wie schwach das Teamwork bei Hertha entwickelt ist.

Die Betreuer hatten (gegen einen direkten Gegner im Abstiegskampf) eine nominell sehr offensive Formation gewählt: es wirkte dann wie ein schlechtes Vorzeichen, dass bis knapp vor Anpfiff Verwirrung darüber herrschte, ob Grujic und Maier (vor Ascacibar) tatsächlich gemeinsam auflaufen würden. Vorne wieder Köpke und Piatek, als Außenläufer Wolf und Mittelstädt, hinten die Dreierkette mit Torunarigha, Boyata, Stark. Eine plausible Aufstellung, die allerdings auch mit sich bringt, dass im Zentrum viel Personal ist.

Mainz spielte von Beginn an sehr geschickt ein kluges Pressing in Verbindung mit vielen kleinen und größeren Läufen. Bei Hertha hingegen war viel Ballbesitz, den aber viele eigene Spieler bevorzugt im Deckungsschatten verbrachten. Sie liefen sich nicht frei (namentlich Maier und Grujic), auch wenn es immer wieder nur einiger weniger Schritte, keineswegs intensiver Läufe bedurft hätte. Es waren immer nur zwei, maximal drei Spieler potentiell in Situationen involviert. So kommt natürlich kein Spiel zustande.

Mainz lief gestern fünf Kilometer mehr, und man konnte es mit freiem Auge sehen, dass das in der Mehrzahl sinnvolle Läufe waren, auch wenn am Ende manchmal kein Ball dorthin kam, wo ein Spieler einen möglichen Passweg geöffnet hatte.

In der Pause wechselte Team Klinsmann die Taktik aus (namentlich traf es Grujic und Stark, beide verdientermaßen). Es folgte eine Phase mit circa zehn Minuten, in denen eine gewisse Intensität zu bemerken war, Mainz begann, ein bisschen Wirkung zu zeigen, als das allerdings relevant zu werden begann, schaltete Hertha zurück und ließ es wieder ein bisschen gemütlicher angehen. Insgesamt war es schließlich ein hochverdienter Auswärtssieg einer in jeder Hinsicht besser eingestellten und besser spielenden Mannschaft.

Damit ist der Abstiegskampf wieder näher gerückt, und nun ist die Lage schon ernster als in der Hinrunde, denn Paderborn und Köln, selbst Düsseldorf (das Neunpunktetrio, das Hertha im Herbst den Arsch rettete), sind deutlich kompetenter als noch damals. Hertha hingegen hat vor lauter Projekt weiterhin wenig Plan. Das Cupspiel in Gelsenkirchen lief eine Weile ganz gut, zeigte aber auch die Grenzen des Außenseitermodells auf.

Hertha bleibt sich auch unter Klinsmann treu: als eine Mannschaft ohne Eigenschaften. Grujic ist dafür nur ein Symptom: ein Spieler, dem man im Winter deutlich signalisierte, dass das Projekt mit ihm bereits vorbei ist, spielt nun wie einer, der sich für ein eigenes Projekt nicht mehr motivieren kann. Maier sucht erst wieder seine Rolle, gestern sollte er nach der Pause im Alleingang zwischen Libero und Zehner alles richten, das geht natürlich nicht.

Wir sollten uns kein Illusionen machen: Fußball ist ein Spiel, bei dem die Defizite mit den Ansprüchen steigen. Was Mainz gestern geschafft hat, hat Hertha auch schon gezeigt, zum Beispiel im Winter in Leverkusen. Sobald es aber darum geht, ein Spiel zu entwickeln, einen ganzen (in unserem Fall ja inzwischen auch: nicht mehr blligen) Kader auf eine kreative Reise mitzunehmen, wird es schwierig. Das zeigen die Exempla Kohfeldt, aber inzwischen auch David Wagner und Oliver Glasner. Adi Hütter erfängt sich gerade wieder.

Hertha hat seit dem Wiederaufstieg keinen Trainer gefunden, der wirklich eine Veränderung der Kultur im Verein gebracht hätte. In dieser Phase sind in der Liga aber auch nur ganz wenige relevante Protagonisten dazu gekommen: Nagelsmann, vielleicht Marco Rose, bei Niko Kovac gibt es schon Grund zur Skepsis. Bei Team Klinsmann spricht bereits alles dafür, dass sich am Prinzip Irgendwie nichts mehr ändern wird. Das ist das Prinzip, das sich im Abstiegskampf immer rechtfertigen lässt. Insofern ist Hertha jetzt da, wo sie hingehört.

Geschrieben von marxelinho am 09. Februar 2020.

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05. Februar 2020

Dicht am Ende des Schachtes

Der Weg nach Berlin ist weit und beschwerlich, vor allem, wen man eigentlich schon aus Berlin ist, wie das bei Hertha BSC der Fall ist. Manchmal endet dieser Weg so wie gestern: die Mannschaft von Jürgen Klinsmann blieb im Schacht stecken. Dabei hatte sie das Licht des Viertelfinales schon in Sichtweite. Es ging dann aber doch noch aus.

Ich war vor dem Fernseher dabei, kann deswegen nicht ermessen, in welchem Maß die Atmosphäre vor Ort sich auf die Klassizität der Pokalnacht ausgewirkt hat. Jordan Torunarigha wurde wohl offensichtlich besonders stark davon erfasst, es steht auch der Verdacht der rassistischen Beleidigung im Raum. Daniel Caligiuri hingegen, den ich früher einmal als Herthas Wander-Nemesis bezeichnet habe, machte diesem Titel gestern alle Ehre.

Zur Pause führte Hertha verdient mit 2:0. Da hatte sich die ungewöhnliche Formation ausgezahlt: ein 3-5-2 mit offensichtlichem Akzent auf Konterdynamik und Wucht im Sturmzentrum. Wolf, Piatek und der überraschend aufgestellte Köpke machten alles richtig. Arne Maier spielte vor Skjelbred und Ascacibar, Stark neben Boyata und Torunarigha in der Defensivlinie, Plattenhardt hatte links das weite Land zu betreuen.

Schalke wäre womöglich nie ins Spiel zurückgekommen, hätte Klinsmann nicht in der zweiten Halbzeit Mittelstädt für Plattenhardt gebracht. Der tiefe, rutschige Boden spielte auch eine Rolle. Jedenfalls wurde die linke Defensivseite in Halbzeit zwei zunehmend zu einem Problem. Torunarigha verlor einige Zweikämpfe, in die er überhaupt erst gehen musste, weil Mittelstädt mit der großen Aufgabe, die ein 3-5-2 für den Außenspieler mit sich bringt, nicht gut zurechtkam.

Rechts kam Lukebakio für Wolf, eine weitere Einwechslung, die sich eher negativ auswirkte. Links aber begann das Unheil. Mittelstädt lässt sich von Caligiuri versetzen, Torunarigha kommt ihm nur oberflächlich zu Hilfe, Jarstein lässt sich von einem scharfen Schuss in die kurze Ecke düpieren. Auch das zweite Gegentor entwickelte sich über diese Seite, dieses Mal gab Caligiuri die Vorlage.

In der Verlängerung war Torunarigha schon heiß. Er hatte ein interessantes Spiel gemacht, auch mit offensiven Aktionen, bei einem seiner Läufe geriet er an die linke Seitenlinie, Mascarell trennte ihn unsanft vom Ball, Torunarigha landete im Betreuerbereich von Schalke und rächte sich an einer Getränkekiste. An der zweiten gelben Karte kann man nichts beanstanden, auch wenn er vorher provoziert worden war. Mascarell bekam nicht einmal eine gelbe, dabei ließen einige Einstellungen erkennen, dass er die Schere ausgepackt hatte - es war ein grobes Foul, bei dem er auch Kontakt mit dem Ball hatte.

Hertha spielte auch mit zehn Mann und mit einem Elfmeterschießen als möglichem Ausweg noch nach vorn, das sah heroisch aus, war aber wohl ein wenig naiv. Und es rächte sich, als Raman schließlich einen Konter - nach Ecke Hertha - zum entscheidenden dritten Treffer verwertete, ausgerechnet gegen den schnellen Klünter und den unglücklichen Mittelstädt, und durch die Beine von Jarstein.

Hertha hatte eine Menge zu einer langen und mächtigen Pokalnacht beigetragen, muss aber im Viertelfinale zuschauen. Als Trost können wir mitnehmen: Von den Europacup-Aspiranten aus Gelsenkirchen trennte uns gestern nichts, außer schließlich das Entscheidende, das man nur durch Erfahrungen bekommt. Caligiuri hat alle Erfahrung dieser Liga, Torunarigha und Mittelstädt müssen viele Erfahrungen erst machen. Beide haben das Zeug für weitere lange Wege nach Berlin, und für eine Karriere in Berlin.

Geschrieben von marxelinho am 05. Februar 2020.

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02. Februar 2020

Little Big Spending

Ohne Gesichtsmaske und andere Fortifikationen ungewöhnlicher Art war ich am Freitag im Olympiastadion. Aber selbst dort wird man bei der (sehr legeren) Leibesvisitation kurz darauf verwiesen, dass die globale Öffentlichkeit gerade auf eine übertragbare Krankheit aus China fixiert ist. Es hängt eben alles mit allem zusammen, wobei mir allerdings gerade nicht bekannt ist, ob Marko Arnautovic wegen des Coronavirus nach England zurückwill.

Er fällt mir jetzt deswegen ein, weil ich gerade im Athletic (das ist ein noch relativ neues Online-Sportmagazin, das ich mir für einen sehr billigen Einsteigertarif für ein Jahr gegönnt habe) ein Stück über West Ham United gelesen habe. Dort stiegen vor bald zehn Jahren Investoren mit einem Bigcityproject ein, zwei Herren mit einem schmuddligen Image, weil ihr Geld zu einem nicht geringen Teil aus (pardon) Wixvorlagen stammt.

Heute spielt West Ham in einem Stadion mit Laufbahn und gegen den Abstieg. Im Fußball muss man mit Vergleichen genau so vorsichtig sein wie in allen anderen Bereichen des Lebens, aber sie geben doch manchmal Orientierung.

Hertha hat am Freitag gegen Schalke gespielt. Man muss darüber keine großen Analysen anstellen, beide Mannschaften war eher hilflos bei ihren Bemühungen, die gegnerischen (dichten) Abwehrbemühungen zu überwinden. Klinsmannschaft spielte bis zum Schluss mit beiden Skjelbreds, und als Arne Maier schließlich kam, kam er für Grujic, der auch schon "out of position" drangekommen war, nämlich eins weiter vorn als dort, wo er besser ist. Soviel zum Riegel.

Noch weiter vorn bemühte sich zuerst Lukebakio zentral, von dem weiterhin auffällt, dass er für einen Mann seiner Preisklasse ein bemerkenswert schlechter Fußballer ist. Er hat natürlich Speed, und auch ein paar Skills, aber seine Pässe sind absurd. Dilrosun war auch schon einmal konzentrierter als in der letzten Zeit so. Später kam Piatek, der neue Mittelstürmer.

Die Liga hatte das sicher nicht im Sinn, aber es passte, dass Hertha das Freitagspiel an dem Tag spielte, an dem der Club an einem Deadline Day einen deutlichen Schritt zu einer Verpuppung machte, aus der natürlich alles Mögliche werden kann. Stand jetzt hat das Betreuerteam eine Menge Arbeit, denn es passt spielerisch gerade nicht viel zusammen. Da hilft natürlich, dass man weiterhin von Abstiegskampf sprechen kann, am Samstag gegen Mainz sowieso.

Gestern Abend hatte ich dann auf Twitter noch einen kleinen Wortwechsel mit einem Fan der Dosen. Es ging um die Frage, ob Hertha jetzt auch zu den angeschobenen Teams in der Liga gehört. Das ist ganz leicht zu beantworten. Natürlich nicht. Hertha hat mit dem Investment durch Tennor BV Einnahmen generiert, und diese werden jetzt ausgegeben. Das ist etwas deutlich Anderes, wie der Produktlaunch ex nihilo, auf dem RB Leipzig im Grunde basiert - wobei ich auch diesen im Grunde für legitim halte. In beiden Fällen haben wir es mit Investoren zu tun, die einem nicht sympathisch sein müssen, und es mir auch – wir sprechen von einer öffentlichen Wahrnehmung – nicht sind, aber das ist eine andere Geschichte.

Hertha verhält sich als Unternehmen ganz normal: derzeit wird investiert. Von den vier neuen Spielern wird sich zeigen, ob sie den angestrebten Effekt haben können. Für den Sommer ist wohl auch noch ein bisschen Geld da, um dann noch einmal personell zu justieren. Danach muss Hertha aber auch wieder normal wirtschaften, denn man kann sich selbst halt nur einmal verkaufen. Zwar kann Tennor BV theoretisch weiter Geld in den Club stecken (in Form von Darlehen, oder durch Erwerb weiterer Anteile, das wäre dann aber, wenn auch nicht de iure, dann doch de facto, eine Umgehung der 50+1-Regel), aber so weit sind wir noch nicht.

Jetzt ist erst einmal Ruhe, und wir haben 15 Spiele in der Liga plus eine von einem Spiel am Dienstag abhängige Anzahl von Cupspielen vor uns, in denen Klismann und Co. zeigen müssen, was sie mit dem derzeit vorhandenen Kader anfangen können.

PS Personalie 1: Davie Selke war ein Held in einem der größten Spiele der letzten Jahre, bei dem Auswärtssieg in Leipzig vor Weihnachten anno 2017. Der für ihn entscheidende Trainer war Pal Dardai, der zu wenig auf ihn gesetzt hat. Vielleicht ist er aber auch nicht gut genug für die Ambitionen von Hertha. Wir werden es nie wissen, nicht einmal dann, sollte er in Bremen groß einschlagen.

PPS Arne Maier hatte für meine Begriffe gute Gründe, sich zu Wort zu melden. Klinsmann hat vor Weihnachten deutliche Signale gegeben, dass er mit ihm bisher nicht viel anfangen kann. Das dokumentierte dann auch bis zu einem gewissen Grad die Einwechslung gegen Schalke. Der Transfer von Tousart ist sportlich vorerst ja noch nicht zu beurteilen, als kommunikativer Akt (als Botschaft an Grujic und an Maier) ist er aber jedenfalls relativ deutlich, und nicht gerade inspirierend. Wie auch die Achse der beiden Skjelbreds, auf die Klinsmann zu setzen scheint. Gute Zeichen für ein produktives Spiel sind das nicht.

Geschrieben von marxelinho am 02. Februar 2020.

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28. Januar 2020

Häutungsprozess

Fünfeinhalb Wochen und neun Spiele ist Mikel Arteta nun Cheftrainer bei Arsenal. Die Bilanz deutet bisher auf keinen Trainereffekt hin: fünf Unentschieden und je ein Sieg und eine Niederlage in der Liga sowie zwei Siege im FA-Cup. Auf dem Platz ist der Trainereffekt allerdings unübersehbar.

Arteta übernahm die Mannschaft unmittelbar vor Weihnachten, also zu einem schwierigen Zeitpunkt. Er begann mit einem torlosen Remis gegen Everton und einem 1:1 auswärts bei Bournemouth. Gestern gab es im Cup erneut ein Auswärtsspiel in Bournemouth, und dieses Mal war der Unterschied bereits erkennbar. Arsenal trat zwar mit einer jungen Formation an, spielte aber wie der Favorit, und gewann verdient 2:1.

Der Widerstand war zwar nicht so hartnäckig, wie man es aus der Premier League gewohnt ist, andererseits war das Offensivspiel zumindest in der ersten Halbzeit durchaus beeindruckend. Arteta musste in seinen ersten Wochen eine Menge verkraften: Verletzungen (links hinten zuerst Tierney, dann auch noch Kolasinac); rote Karten gegen Aubameyang und David Luiz. Und doch war in allen Spielen deutlich erkennbar, dass sich nicht nur die Einstellung der Mannschaft massiv verändert hat gegenüber der Zeit unter Emery - man muss rückblickend wohl annehmen, dass die Spieler damals tatsächlich gegen den Trainer gespielt haben.

Arteta hat die Spieler auch kompetenter gemacht. Sie wissen jetzt wieder, was sie zu tun haben. Xhaka ist ein gutes Beispiel. Er spielt nun nicht mehr den alleinigen Sechser, sondern eine sehr spezielle Rolle auf der linken Seite einer Zweierreihe (meist neben Torreira, gestern neben Guendouzi). Wenn Arsenal den Ball hat, lässt Xhaka sich sogar noch weiter nach links hinten fallen, und ermöglicht damit dem jungen Bukayo Saka, sich nach vorne einzuschalten.

Saka, 18 Jahre alt, ist eine der Figuren dieser ersten Wochen unter Arteta. Er ist nominell ein Angreifer, vorgesehen für den linken Flügel. Unter Arteta spielte dort aber Aubameyang, weil Lacazette für das Sturmzentrum gesetzt ist (de facto ist er dort auch erster Verteidiger). Dazu kam im Sommer mit dem ebenfalls erst 18 Jahre alten Brasilianer Gabriel Martinelli ein Talent, das schon jetzt in dem Dimensionen eines Jadon Sancho spielt. Saka ist auch sehr gut, aber auf seiner Position hat er momentan schlechte Karten.

Arsenal fehlt aber seit Wochen ein Linksverteidiger, und diese Rolle hat Saka mit Bravour übernommen, unterstützt auch von dem taktischen Geschick von Arteta. Saka und Martinelli bilden nun eine Achse, ein Jugendprojekt in dem größeren Zusammenhang von Artetas Aufbauarbeit. Gestern blieben die großen Stars (Özil, Lacazette, Torreira) auf der Bank, stattdessen spielten Willock (auffällig) und Nketiah (ein Tor, nach Vorlage von Saka!).

Vor einer Woche spielte Arsenal in der Liga an der Stamford Bridge, und es sah wieder einmal alles noch der typischen Mischung aus Pech und Unvermögen aus: Mustafi (Ersatzmann für den erkrankten Sokratis) spielt einen schlechten Rückpass, Luiz foult im Strafraum, also Elfmeter, dazu rote Karte (auch der VAR sieht nicht, dass Luiz nicht letzter Mann war, ich vereinfache die entsprechende Regel). Arsenal ist nach einer halben Stunde ein Tor im Rückstand und hat einen Spieler weniger.

Arteta macht Rob Holding bereit, um Luiz zu ersetzen, wartet dann aber noch ein wenig, zieht Xhaka in die Viererkette zurück, und lässt der Mannschaft ein wenig Zeit, um sich wieder zurechtzufinden. Am Ende stand es 2:2, nach einem spektakulären Kontertor durch Martinelli, den er ursprünglich wohl auswechseln wollte. Er folgte dann aber einer Intuititon, die das Team bestätigte. Das ist Coaching im besten Sinn.

Natürlich muss Arsenal jetzt dringend punkten, Platz 10 in der Liga ist aber eher Ausweis der Häutung, die Unai Emery notwendig gemacht hat. Arteta hat bisher schon eine Menge dafür getan, mit einem fragilen Kader etwas zu bewirken. Gestern wurde Mustafi verletzt ausgewechselt, es könnte also durchaus sein, dass noch ein Innenverteidiger kommt diese Woche. Aber groß investieren kann Arsenal derzeit ohnehin nicht, und es wäre sogar schade, jemandem wie Willock, Reiss Nelson (derzeit verletzt), Maitland-Niles (derzeit wieder Ersatz, weil Bellerin - als Kapitän - zurück ist), oder eben Saka und Martinelli einen teuren Konkurrenten vorzusetzen.

Unter Arsene Wenger war Arsenal lange Zeit eine Spitzenmannschaft, die sich dabei immer noch als Projekt vermarkten konnte. Irgendwann war dann die Projekt-Mythologie so stark, dass nicht so richtig auffiel, wie wenig Wenger der Mannschaft noch vermitteln konnte. Seit Mikel Arteta da ist, kann man wieder den Eindruck haben, sich am Anfang von etwas zu befinden. Was immer dieses "etwas" dann sein wird, es wird hoffentlich mit dieser spannenden Generation zu tun haben, die gestern im Regen in Bournemouth ein kleines Reifezeugnis einholte.

Geschrieben von marxelinho am 28. Januar 2020.

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26. Januar 2020

Spekulationssubjekt

Abstiegskampf kann grausam sein. Wenn Teams mit notdürftigen Mitteln um Punkte ringen, die sie unbedingt zum Überleben brauchen, darf man keine großen Erwartungen haben. Manchmal gibt es aber auch noch diesen anderen Abstiegskampf, der von Teams bestritten wird, die nicht so recht wissen, wo sie hingehören, die nicht eigentlich gefährdet sind, aber auch mit den Entscheidungen in der Liga nichts zu tun haben. Und die deswegen einen Fußball spielen, der zwar ernst ist (weil das Spiel ja gewertet wird), der aber ein bisschen so wirkt, als hätte er um eine Befreiung von Kompetenzerwartungen angesucht, und warte noch auf den Bescheid.

So ein Spiel war das gestern zwischen Wolfsburg und Berlin, den grauen Nagetieren der Liga. Im Volksmund spricht man auch von einem ICE-Derby, de facto aber müsste man das Wagenmaterial, das in diesem Fall metaphorisch naheliegt, wohl aus dem Eisenbahnmuseum holen. Hertha gewann durch ein spätes Tor von Lukebakio mit 2:1. Wolfsburg hatte das Nachsehen und musste sich mit übler Nachrede behelfen: Die Vorbereitung durch Grujic wurde als "Sonntagsflanke" diskreditiert.

Es war aber nicht einmal eine Flanke. Es war etwas viel Kunstvolleres: ein Chip über zwanzig Meter, gerade so scharf, dass der Ball nicht in der Luft verhungerte, und dass Klünter ein Kopfballduell gewinnen konnte, aus dem der Ball zu Lukebakio weitertrödelte, von dessen Hinterkopf er dann unerreichbar ins Kreuzeck trudelte. Wobei das Wort Flugbahn in keiner Phase dieser Bewegung wirklich angemessen war. Aber so fallen im Fußball eben auch Tore.

Als Zwischenbilanz aus den ersten beiden Spielen der Rückrunde kann man nun errechnen: Hertha ist am Freitag gegen Schalke Favorit. Die Rechnung geht so: Hertha verlor gegen Bayern 0:4, Schalke gestern 0:5, macht also plus eins Hertha, Schalke spielte allerdings auswärts, macht einen Negativpunkt Abzug, also Gleichstand, plus Heimvorteil Hertha (wobei: zählt der?), macht also hauchdünne Favoritenrolle.

Ansonsten gibt es vorerst nach sieben Spielen Klinsmania nur Details, aber kein Bild. Hertha spielt irgendeinen Fußball, gestern mit zwei defensiven Mittelfeldspielern, sodass man sich fragen mochte, warum der Kader für mehr als zehn Millionen mit einem Doppelgänger von Skjelbred ergänzt wurde. Ach ja, Ascacibar ist jünger. Lukebakio war statt Selke der Mittelstürmer, er traf, deswegen kann man über die 90 Minuten davor großzügig hinwegsehen.

Mit Torunarigha und Stark hat Hertha eine zweite Innenverteidigung, die zur ersten keinen offensichtlichen Qualitätsunterschied erkennen lässt. Mittelstädt deutete 30 Minuten an, dass er Plattenhardt häufiger vorzuziehen wäre, danach verschwand er in die Zufälligkeit der blauweißen Bemühungen.

Grujic ließ zweimal erkennen, wie er als Fußballer gepolt ist: sein Steilpass auf Esswein vor der Großchance von Lukebakio kurz vor Schluss hatte das Timing einer Atomuhr, die in ein Spielbein geschlüpft war - es war eine Bewegung, als wollte er mit einer winzigen Verzögerung in die Pixel der kalibrierten Linien eindringen, mit denen "Köln" notdürftig das sekundenbruchteilige Geschehen in einem Fußballspiel judizierbar zu machen versucht.

Seine Sonntagsflanke war dann anderer Natur: der Ball musste irgendwie in den Strafraum, denn ein Einszueins hätte Hertha nur tiefer in einen Abstiegskampf gezogen, den sogar Paderborn mit richtigem Fußball und nicht mit einem zusammenhanglosen Sammelsurium von Spielansätzen bestreitet. Mit einem Wort: Hertha musste seine Version des Abstiegskampfs verteidigen, jene methodische Beliebigkeit, für die Klinsmann & Team stehen.

Hertha kann derzeit nicht einmal von Spiel zu Spiel denken, es gibt nichts zu analysieren und keine Schlüsse zu ziehen, denn dieser Fußball entfaltet sich auf Grundlage verschiedener gespeicherter Wissensbestände invidueller Spieler höchstens von Pass zu Pass, und viele kommen, vor allem in der gegnerischen Hälfte, nicht an. Man kann ein Spiel auch mal mit einem spekulativen Ball gewinnen. Aber eine Serie von solchen Toren gibt der Fußballgott selten her.

Vielleicht steckt aber sogar eine hintergründige Pointe hinter diesem Fußball: Hertha BSC, im Sommer durch Tennor BV zum Spekulationsobjekt gemacht, macht sich stilistisch nun selbst zum Spekulationssubjekt.

Geschrieben von marxelinho am 26. Januar 2020.

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18. Januar 2020

Jacht mit Gemüse

Mit den Ereignissen aus dem Sommer 2019 werden künftige Hertha-Historiker noch irgendwann gut zu tun haben. Denn damals kamen zwei Vorgänge zusammen, deren Vertaktung noch aufzuklären ist. Die Frage ist in etwa die: ab wann wusste man bei Hertha, dass der Einstieg von Tennor BV eine seriöse Option war, ab wann konnte man also gegebenenfalls hinter den Kulissen schon damit argumentieren?

Ante Covic wurde am 12. Mai als Cheftrainer bestellt. Sechs Woche später präsentierte Hertha das Investment. In den Monaten April, Mai und Juni gab es in der Bundesliga drei signifikante Trainer-Verpflichtungen: im April Marco Rose (Gladbach) und Oliver Glasner (Wolfsburg), im Mai dann David Wagner (Schalke). Wenn man vor Begin der Rückrunde auf die Tabelle schaut, sieht es zumindest so aus, als hätten diese drei Clubs von ihren neuen Trainern (teilweise stark) profitiert.

Rose, Glasner und Wagner wären auch für Hertha in Frage gekommen - bei Wagner gab es sogar Berichte über Gespräche, Glasner hingegen hat Michael Preetz anscheinend nie wirklich in Betracht gezogen. Er sprach angeblich auch mit Erik ten Hag, was darauf hindeutet, dass er im Mai zumindest in vertraulichen Gesprächen schon andeuten konnte, dass sich bei Hertha bald etwas ändern würde.

Das wäre dann eben Aufgabe der Historiker. Denn das Ergebnis kennen wir ja: Hertha entschied sich, mit Ante Covic in die Saison zu gehen. Erfolg und Versagen liegen im Fußball oft sehr nahe beisammen, in seinem Fall würde ich das Lepizig-Spiel als Beispiel nehmen, das Hertha auch gewinnen hätte können, allerdings profitierte der derzeitige Tabellenführer damals von einer eklatanten Fehlleistung der Referees. Trotzdem bleibt als Bilanz von Ante Covic, dass er den interessanten Kader niemals auch nur in die Nähe einer erkennbaren Entwicklung und zu Ansätzen einer belastbaren Leistungskontinuität brachte.

Michael Preetz hat also im Sommer nur die Hälfte seiner Aufgabe gut hingekriegt. Der Kader wurde gut verstärkt, er fand aber keinen passenden Trainer. (Für mich bleibt er trotzdem der derzeit beste Mann für diese Aufgabe bei Hertha.) Das Ergebnis kennen wir: Vor der Winterpause kamen neue Leute, von denen Jürgen Klinsmann (Chefcoach) und Arne Friedrich (Performance Manager!) zuletzt auch noch einmal kräftig das Phrasenschwein fütterten: Hertha geht mit der Hypothek einiger profund lächerlicher Zielvorgaben in die Rückrunde.

Dabei können wir noch von Glück sagen, dass neo- oder besser retrofeudales Geprotze wie die Verschiffung der Mannschaft auf das Boot von Lars Windhorst vor Florida keine öffentlichen Spuren in Bildmedien hinterlassen hat. Die B.Z. schrieb von einem Geheimtreffen mit Steak und Gemüse, ich sehe da nur eine Möchtegern-Abramowitschade. Denn eines ist doch klar: mit den 225 Millionen Euro, die Tennor BV aus undurchsichtigen globalen Finanzströmen auf Hertha umleitet, lässt sich nicht einmal die Bundesliga aufrollen, geschweige denn die Champions League.

Windhorst hat Hertha damit erstens die Lizenz gerettet, denn nach dem Rückkauf der KKR-Anteile stand Hertha finanziell ganz schön fragil da. Und jetzt bleibt noch ein bisschen Geld, das man für meine Begriffe besser bis zum Sommer aufheben sollte, wenn dann klarer ist, mit welchem Trainer und unter welchen Voraussetzungen (Erstligafußball, wollen wir doch stark hoffen) Hertha in die neue Saison geht.

Bei Hertha BSC gibt es nun zwei Lager, auch wenn beide Lager das natürlich bestreiten. Entstanden sind sie aus dem Umstand, dass Preetz im Sommer die Trainerentscheidung missglückt ist. Er ist nun in der Defensive, und wenn wir Pech haben, wird Hertha bald in größerem Stil zur Beute einer Suggestionsfraktion, die meint, man könnte Erfolg herbeireden. Mit Größenwahn hat aber noch nie jemand etwas gewonnen, während sich nicht wenige Katastrophen darauf zurückführen lassen.

Zum Sportlichen: Bei den Transferaktivitäten und Gerüchten seit Neujahr erstaunt mich vor allem, dass nie von einem Stürmer die Rede ist. Ich halte viel von Davie Selke, und ich meine auch, dass es eher systemische als individuelle Ursachen hat, dass er seit längerer Zeit kaum trifft. Ich bin also sehr dafür, mit ihm als erstem Anwärter auf einen Stammplatz in die Rückrunde zu gehen. Es ist aber doch deutlich, dass er sich steigern muss. Mario Götze ist keine Alternative, dass müsste auch dem Klinsmann-Team klar sein. Köpke auch nicht. Der Vedator aus vielen Gründen auch nicht (mehr). Salomon Kalou auch nicht.

Bei den beiden Oldies geht es nun vor allem darum, dass sie mit Hertha einen guten Abschluss finden, denn in beiden Fällen wäre es großartig, sie auch in ihrer zweiten oder dritten Karriere mit Berlin und dem blauweißen Hauptstadtclub assoziiert zu sehen.

Morgen kommen die Bayern. Der größte Club in Deutschland, und gewiss nicht frei von Größenwahn. Bei den Bayern kann man gut sehen, dass selbst ein Club, der dauernd gewinnt, sich immer wieder lächerlich machen kann. Erfolg ist eben eine komplizierte Übung: er muss nicht nur sportlich verdient, sondern auch stilistisch überzeugend sein, damit er wirklich Freude macht. Hertha weiß von solchen Erfolgen noch nicht viel, und es wäre sehr zu hoffen, dass sie sich damit in Form von Lernprozessen vertraut macht - und nicht durch Injektionen.

Geschrieben von marxelinho am 18. Januar 2020.

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von Natalie (am 19. Januar 2020)
Trotzdem bleibt als Bilanz von Ante Covic, dass er den interessanten Kader niemals auch nur in die Nähe einer erkennbaren Entwicklung und zu Ansätzen einer belastbaren Leistungskontinuität brachte. Brillant, mein Lieber! Mir gefällt sehr, daß Du Dich in Deiner Analyse, wie zumeist im Übrigen, auch dem Überbau des eigentlichen Themas annimmst. Eben, für mich ist auch sehr die stilistische Umsetzung der ganzen Zukunftspläne wichtig. Ich wünsche mir freche Eleganz. Eleganz bedeutet das Stilsichere gespickt mit Frechheit und die meint meinetwegen ganz explizit den Berliner Großkotz. In meiner modernen Lieblingsballade zur Hertha hat Daniel Rimkus das sehr genau und charmant eingefangen: "Arrogant war'n wa schon imma, dit liegt uns im Blut" "Wir sind einfach geiler, denn wir sind Blau-weiß" In diesem Sinne: Warum? Darum! PS: Klinsmann ist seit langem der erste, der der Berliner Medienlandschaft gewachsen ist. Und er scheint zu wissen, was er tut. Das kann uns nur weiterbringen.
08. Januar 2020

Battalion of Strangers

Arne Friedrich, Performance Manager bei Hertha BSC, hat dem Kicker ein Interview gegeben, das von einer gewissen Faszination für das amerikanische Militär hintergründig geprägt ist. Vor lauter Unterwasserhanteln sollte dabei aber nicht vergessen werden, dass es auch einfachere Methoden der Kriegsführung gibt - zum Beispiel die psychologische. Ich schlage deswegen aus gegebenem Anlass vor, allen Spielern von Hertha neue, ein bisschen furchteinflößendere Namen zu geben. Hilft es nichts, so schadet es nichts.

Der (engere) Kader könnte dann wie folgt aussehen (Perilisierungsvorschläge willkommen):

22 Rule Jarstein

1 Thomas Kraft

12 Dennis Smash

20 Deadlyk Boyata

13 Lukas Nuklünter

17 Maximilian Missilestädt

2 Peter Rägnarik

21 Marvin Plättenhardt

4 Karim Rockik

5 Niklas Stark

25 Jordan Destroyorunarigha

18 Santiago Alamobar

6 Vladimir Falludja

16 Jetairo Dilrosun

10 Ondrej Dadadaduda

15 Marko Cruelic

23 Arne Mauer

3 Per Ciljan Shellbred

19 Vedator Ibisevic

28 Dodi Nukebakio

27 Navy Selke

Geschrieben von marxelinho am 08. Januar 2020.

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02. Januar 2020

Weihnachtliche Verstopfung

Mit einem 2:0 über Manchester United hat Arsena gestern die "Christmas congestion", die weihnachtliche Verstopfung des Spielplans in der Premier League, erfolgreich hinter sich gebracht. Wenn man am ersten Tag eines neuen "Jahrzehnts" einen der großen Rivalen überzeugend schlägt, dann darf man auch einmal eher darüber hinweggehen, dass ManU schwach war. Arsenal hat hingegen mit einer sehr überzeugenden Teamleistung die bisherige Arbeit von Mikel Arteta beeindruckend bestätigt.

Einen Monat ist die Entlassung von Unai Emery nun her. Freddie Ljungberg hat die Mannschaft danach einige Spiele betreut - seine wichtigste Idee war, auf die gemeinsame Aufstellung von Aubameyang und Lacazette zu verzichten. Der gegenwärtige Kader von Arsenal bringt es mit sich, dass das jedes Mal eine Schlüsselfrage ist, wie man die beiden sehr unterschiedlich profilierten Angreifer in eine Formation einbaut.

Für das Spiel gestern war es von zentraler Bedeutung, dass Arteta zum zweiten Mal beide in der Startformation hatte: Lacazette zentral, und Aubameyang über links. Nach der Niederlage gegen Chelsea vor wenigen Tagen hatte für meine Begriffe viel dafür gesprochen, Lacazette eine Pause zu geben: er wirkte nicht wirklich fit, und war unglücklich an den Schlüsselszenen beteiligt, die das Match kippen ließen.

Kraftreserven waren auch am Neujahrstag ein entscheidender Faktor. Und Lacazette absolvierte eine Schicht, die man zu einem Musterbeispiel von Mannschaftsdienlichkeit eines physisch starken Mittelstürmers machen könnte. Arsenal war kompakt und elastisch, offensichtlich hatte Arteta auch die Parole ausgegeben, sich nach Möglichkeit mit dem Ball zu erholen, das funktionierte vor allem in der ersten Halbzeit sehr gut, als ManU wenig Anstalten machte, sich überhaupt am Spiel zu beteiligen.

Der Sieg hatte auch damit zu tun, dass Arsenal dieses Mal zwei Tore Vorsprung zur Halbzeit hatte. Eine Bewegung über links mit Kolasinac und Aubameyang fand früh Pepe, der für Reiss Nelson in die Startelf gekommen war. Und kurz vor der Pause erhöhte Sokratis nach einem Eckball.

Dazu eine Bemerkung: Es war eine Nebensache, aber eine bedeutsame, wie Arsenal unter Emery die Eckbälle vergeudete. Meistens kurz gespielt, sehr oft nicht einmal zu einer Flanke genützt, obwohl die Langen doch im Strafraum warteten. Es war ein Inbegriff von Unsinn. Pepe hingegen schlägt brillante, gefinkelte, extrem schwer zu verteidigende Ecken an den Fünfmeterraum, es war Lacazette, der verlängerte, für de Gea gab es nicht einmal eine Möglichkeit, über Herauslaufen oder Linie nachzudenken, er hätte mehr oder weniger auf der Linie herauslaufen müssen.

In Halbzeit zwei verteidigte Arsenal das Resultat. Es wurde nicht mehr richtig dramatisch, obwohl Kolasinac nicht bis zu Ende durchhielt, und schließlich mehrere Spieler dringend auf Ersatz hofften. Mesut Özil spielte durch, mit einer beachtlichen Leistung. Auch Granit Xhaka spielte durch, wie gegen Bournemouth eher auf der Achterposition, er spielte auch gut, und man hatte nicht den Eindruck eines Spielers auf Abruf.

Das ist einer der wichtigsten Eindrücke aus den drei Spielen, die Arteta nun geleitet hat. Die Spieler sind alle mit enormem Engagement dabei. Aubameyang und Lacezette, beide zögern mit der Verlängerung ihrer Verträge, beide sind hoch motiviert. Arteta hätte es auch einfacher haben, und Ljungberg noch die drei Spiele über Weihnachten überlassen können. Denn es war sehr riskant, sich mit praktisch kaum Training auf diese Serie einzulassen. Arteta ging das Risiko ein, und gestern machte es sich bezahlt.

Denn wenn man die Mannschaft in den Bildern nach dem Spiel beobachten konnte, dann zeigte sich da ein offensichtlicher Effekt: das Erlebnis dieser drei Spiele hat bereits etwas bewirkt. Die ersten Ansätze gegen Bournemouth, das Drama gegen Chelsea und gestern die Gemeinschaftsleistung gegen ManU - nicht nur die Fans sehen Arsenal wieder als spannende Sache.

Am Montag wartet Leeds im FA Cup, und dann geht es am Samstag zu Crystal Palace.

Geschrieben von marxelinho am 02. Januar 2020.

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30. Dezember 2019

Same New Arsenal

Eine halbe Stunde lang hatte die Premier League gestern Nachmittag ab drei eine neue Attraktion: den Arsenal FC. Wer einnert sich noch? Kurzpassmythos, Offensivspektakel, eine Saison ohne Niederlage, das war 2003/2004, das ist inzwischen die Bankmarke, die Liverpool auf dem einsamen Weg zum Titel 2020 noch interessieren wird.

Es war das zweite Spiel unter dem neuen Trainer Mikel Arteta, das erste Heimspiel, das Derby gegen Chelsea. Eine halbe Stunde lang dominierte Arsenal nach Strich und Faden, mit Mesut Özil im Zentrum einer begeisternden Leistung, mit dem jungen Reiss Nelson auf rechtsaußen, mit Torreira im zentralen Mittelfeld, und  mit dem 18 Jahre altemn Bukayo Saka als linkem Außendecker, weil Tierney und Kolasinac verletzt sind. Eine Notelf, die spielte wie ein Titelkandidat.

Nach dem frühen Führungstreffer durch Aubameyang passierten in der ersten Halbzeit noch zwei Dinge: Calum Chambers musste verletzt ausscheiden, das war der erste Bruch. Dann wechselte Frank Lampard noch vor der Pause Jorginho ein, das war der zweite Bruch.

Arsenal hielt dann noch fast die ganze zweite Halbzeit gut dagegen, kam aber nicht mehr ins Spiel. Zwei späte Tore (das erste nach einem Fehler von Leno bei einer Freistoßflanke, das zweite nach einem Konter) drehten das Spiel.

Der größte Talking Point war danach die Frage, ob Jorginho wegen eines taktischen Fouls eine zweite gelbe Karte hätte sehen müssen. Die Antwort ist eindeutig: selbstverständlich. Allerdings hatten die Spieler von Arsenal, allen voran Guendouzi, von Beginn an andauernd gelbe Karten für Chelsea reklamiert, und zwar so aggressiv, dass Pawson in diesem Moment wohl aus Protest auf die fällige Sanktion verzichtete. Jorginho erzielte später den Ausgleich. Guendouzi war gestern das ganze Spiel hindurch an der Grenze. Er ist einer der Hoffnungsträger von Arsenal, inzwischen hat er allerdings auch schon einige Erfahrung, und er sollte schon ein bisschen besser mit seiner Motivation umgehen können.

Spannender ist die Frage, ob Arteta das Spiel in der zweiten Halbzeit aus der Hand gab, weil er zu spät und falsch wechselte. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Arsenal am Mittwochabend auch noch gegen Manchester United spielen muss. Schon gegen Chelsea waren einige Spieler nach einer Stunde am Limit. Arteta hatte (nach dem erzwungenen Wechsel in Halbzeit eins) noch zwei Optionen. Er entschied in meinen Augen ungeschickt: Er hätte Willock eher für Guendouzi als für Özil bringen müssen (und deutlich früher), und er hätte Pepe auch eher schon um Minute 60 bringen müssen, am besten für Lacazette.

Das eigentliche Drama war dann das zweite Gegentor: Arsenal drängt nach dem Ausgleich auf einen Siegestreffer. Guendouzi verliert am gegnerischen Strafraum ein Duell, und nun läuft der Konter. Nicht mehr hinterher kommt der junge Saka, der davor schon entweder einen Krampf oder eine kleine Muskelverletzung angedeutet hatte. Saka war für mich einer der Spieler des Spiels, er spielte als Notbesetzung und gemeinsam mit dem gestern lange großartigen, nachgerade väterlichen Aubameyang eine starke Rolle auf der linken Seite. Nun humpelte er mehr oder weniger zurück. Arsenal hatte nicht nur nichts mehr zuzusetzen, sondern war de facto auf Shkodran Mustafi reduziert.

Hier ein brillanter Text aus dem Guardian über den "Fatalismus" von Arsenal. Gegen ManU am Mittwoch wird das ein ganz harter Gang. Arteta aber hat angedeutet, dass er die Mannschaft aus der Apathie geholt hat. Granit Xhaka wird dabei wohl keine Rolle mehr spielen. Er war gestern nicht im Kader, offiziell war er krank, sein Befund lautet wohl: Tennor BV.

Geschrieben von marxelinho am 30. Dezember 2019.

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27. Dezember 2019

Dummes deutsches Geld

Als ich vor zwanzig Jahren von Wien nach Berlin ging, war gerade Hochkonjunktur an den Börsen – der New Economy Crash von 2002 bereitete sich vor. Aus dieser Zeit ist mir noch ein Begriff in Erinnerung: "stupid German money". Doofes deutsches Geld floss in doofe amerikanische Filme. In diesen Tagen muss ich ab und zu an dieses Wort denken, denn Hertha wird im Januar im Transferfenster absehbarer Weise eine Rolle spielen. Und da wird es dann sehr darauf ankommen, die Millionen von Tennor nicht als "doofes deutsches Geld" in den Wind zu schießen.

Zum Beispiel durch eine Verpflichtung von Granit Xhaka. Nach allem, was man heute lesen kann, soll die Sache mehr oder weniger klar sein: Xhaka will, Hertha will, nur Arsenal will noch nicht so richtig. Ich hoffe sehr, dass aus diesem Transfer nichts wird, und zwar aus eine Reihe von Gründen.

Xhaka spielt jetzt seit dreieinhalb Jahren in London. Weil Arsenal mein zweiter Lieblingsclub ist, habe ich ihn also seit dem Sommer 2016 sehr oft gesehen, ich habe sicher 80 oder 90 seiner insgesamt 113 Spiele für die Gunners gesehen (sieben Toren hat er in der Zeit erzielt). Und ich meine, dass sich seine Zeit in London sehr klar zusammenfassen lässt: Xhaka hat sich in dieser Zeit nicht entwickelt, sondern ist sogar eher schlechter geworden. Die Ansätze seines zweifellos vorhandenen Talents waren zwar immer noch ab und zu zu sehen, vor allem aber musste man den Eindruck haben, dass er nicht über die Persönlichkeit (und die Intelligenz) verfügt, sich als Fußballer zu verbessern.

Man muss ihm dabei allerdings zugute halten, dass seine Zeit in London in die Phase des derzeitigen Niedergangs fiel: der späte Wenger ließ Spieler vollkommen uninstruiert, und Unai Emery wurde nach einem guten Beginn so konfus, dass niemand mehr verstand, was er eigentlich wollte. Xhaka wurde unter Emery schließlich sogar Kapitän, war der Rolle aber nie gewachsen.

Gestern spielte Arsenal zum ersten Mal unter dem neuen Trainer Mikel Arteta. Eine der ersten Maßnahmen war: Xhaka bekam eine neue Rolle. Torreira war der Sechser, Xhaka der Achter. Das war ein einleuchtendes Manöver, denn Xhaka hat, als zentraler Mittelfeldspieler, seine Stärken eindeutig eher in der Offensive. Mit anderen Worten: er ist nicht der "holding midfielder", den Hertha sucht, auch wenn er diese Position meistens gespielt hat.

Als echter Sechser ist Xhaka allenfalls Durchschnitt. Er ist oft begriffstutzig, seine Antizipation von Situationen ist nicht gut, er begeht auch zu viele Fouls in gefährlichen Bereichen, und er neigt bei der Spieleröffnung zum Quergeschiebe. Es gibt in jedem Spiel so zehn Minuten, in denen er aufzuwachen scheint, dann gibt es von ihm tolle, vertikale Pässe. Aber meistens agiert er in einem faden Sicherheitsmodus.

Hertha sucht einen Ersatz für Skjelbred. Arne Maier soll das wohl nicht sein, obwohl er im Vorjahr gezeigt hat, dass er durchaus ein exzellenter Sechser sein kann. Da dies die einzige Position ist, auf der Verstärkung wirklich Sinn machen würde, ist im Grunde die Frage für alle Hertha-Fans heute: Ist Xhaka besser als Maier? Unter Vorbehalt der schwierigen direkten Vergleichbarkeit von Spielern ist die Antwort für mich aber doch klar: Maier ist der ungleich bessere Fußballer, er ist schon da, er hat im Moment nicht einmal einen Stammplatz, was eine bemerkenswerte Verschwendung darstellen würde, bliebe das auch in der Rückrunde so.

Xhaka käme deutlich beschädigt aus der Premier League in die Bundesliga zurück, er wäre de facto in London gescheitert: Will Hertha sich wirklich auf so einen Führungsspieler einlassen? Es wäre sicher ein Transfer, den man Windhorst plausibel machen kann, und es wäre einer, der überregional bemerkt werden würde. Sportlich spricht für meine Begriffe deutlich mehr dagegen als dafür, aber das wird einen Verein, der mit seinem Geld etwas anfangen muss, wahrscheinlich nicht hindern. Kohle muss brennen, sonst stirbt der Kapitalismus.

Und damit wird die Strategie von Michael Preetz (hauseigene Talente in einen Kader mit stillen Reserven zu integrieren) Geschichte sein. Das tut weh, hat er sich aber durch seine verfehlte Trainerentscheidung im Sommer auch selbst zuzuschreiben.

Geschrieben von marxelinho am 27. Dezember 2019.

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von Jörg (am 30. Dezember 2019)
Klinsmann hat es dieser Tage ja explizit gesagt: er sieht es so, dass man mit den Talenten aus der Hertha-Akademie nicht nach Europa gelangt. Es steht jetzt wohl wirklich ein tiefgreifender Wandel bei Hertha an, unabhängig davon, was die zukünftige Rolle von Preetz, Schiller oder Gegenbauer sein wird. In meiner Perspektive war die Akademie immer ein riesiger Pluspunkt, nicht zuletzt eben auch dem regionalen Vorteil Berlins geschuldet, als wichtigstem Orientierungspunkt aller Talente im Nordosten Deutschlands. Die Boatengs, Dejagah, Ebert, Schulz und jetzt Torunarigha, Mittelstädt und Maier hatten immer einen besonderen Platz in meiner Spieler-Einschätzung. Das war für mich mehr als alles andere der Hertha-Weg. Daher hoffe ich, dass die Akademie-Arbeit weiterhin mit mindestens der gleichen Intensität fortgeführt wird. Dass jetzt zusätzlich noch die finanzielle Möglichkeit besteht, international hoch geschätzte Spieler heranzuholen, das ist für mich erst einmal sehr ungewohnt. Bei Bayern-Fans war es für mich immer abstoßend, mit welcher Selbstverständlichkeit sie stets davon ausgingen, der Fussballspieler-Markt gehöre ihnen. Ich glaube, Klinsmann betreibt Komplexitätsreduktion. Ich glaube, man kann durchaus Spieler holen, die es Hertha ermöglichten, international zu spielen, die aber dennoch zu dem passen, was aus der Akademie nachwächst. Das ist Klinsmann aber zu kompliziert. So, wie man mit den Boatengs (und Schulz) in Europa etwas reißen konnte, so wird man das auch mit Arne Maier können. In puncto Xhaka hätte ich gedacht, das ist ein ganz guter Wechsel. Einen Spieler von seinem Umfeld isoliert zu bewerten ist ja echt schwer. Andererseits bezweifle ich, dass jemand bei Hertha sich Xhaka so genau angeschaut hat wie Du. Übrigens: vor dem BVB-Spiel bin ich glaube ich an Dir vorbeigelaufen, auf dem S-Bahnsteig am Alex.