16. September 2018

Blödness und Cleverheit

Drei Spiele ist die neue Bundesligasaison alt, dreimal hat Hertha schon einen Elfmeter verursacht. In Wolfsburg riss dann auch die noch sehr kleine Serie von Rune Jarstein: gegen Malli fand er zwar die richtige Ecke, hatte aber keine Chance.

Alle drei Elfmeter waren "weich", aber letztlich keine Fehlentscheidungen. Der gegen Wolfburg (und gegen Arne Maier) hatte noch dazu eine Facette, die das videoassistierte Refereeing so kontrovers macht: es wirkt manchmal übermäßig gerecht, denn im Grunde war der Einsatz von Arne Maier mit einem Freistoß genau richtig sanktioniert. Weil er aber exakt auf der Linie stattfand, fiel er gleichsam auf die andere Seite - und das war dann eben eine drakonische Sanktion. Man hatte übrigens den Eindruck, dass Köln (so die gängige Chiffe für die transzendente Instanz) erst durch den Sky-Kommentator aufmerksam wurde, der sich nach mehreren Zeitlupen immer mehr für den Fall interessierte. Sehen die dort das Spiel mit oder ohne Ton? Und mit welchem?

Maximilian Arnold sprach danach von "Cleverness und Blödheit", und zwar in einer eindeutigen Verteilung: Maier sprang blöd auf ihn ein, er fiel clever hin. Da Hertha sich aber in dem Spiel nicht wirklich dumm angestellt hatte, würde ich das insgesamt ein wenig mehr verteilen: das Ergebnis beruhte auf einer Mischung aus Blödness und Cleverheit auf beiden Seiten. Am Ende fielen innerhalb kurzer Zeit drei Tore, da geriet dann das ganze Spiel noch in den Cocktail-Shaker, wobei der Mixer ein salomonisches Temperament hatte. Er ließ ein Spiel, das keinen Sieger nahegelegt hatte, unentschieden ausgehen.

Hertha hätte von der Schlussphase her sicher auch gern drei Punkte mitgenommen. Die erste Halbzeit war aber nicht sonderlich überzeugend gewesen, da fehlte es deutlich an Spielkontrolle, da waren die Rollen zu ungleich verteilt. Wolfsburg war eindeutig die bestimmende Mannschaft, vor allem diagonale Spielzüge fanden bei Hertha nicht immer die nötige Geistesgegenwart. Aber schon in dieser Phase war auch viel von der großartigen Elastizität zu sehen, die in dieser Mannschaft steckt.

Sie wird vor allem durch Grujic verstärkt, der über ein beeindruckendes Register verfügt: er legt sich den Ball auf engem Raum geschickt zurecht, er hat einen bemerkenswerten Antritt, manchmal hat man freilich das Gefühl, dass seine körperliche Stärke (und seine Größe) ihm schneller als Foulspiel ausgelegt wird als bei anderen.

In der zweiten Halbzeit übernahm Hertha dann auch mehr Verantwortung für das eher nur numerische Spitzenspiel. Der Führungstreffer war dann schon verdient, denn Wolfsburg war nicht mehr so dominant. Dilrosun hatte lange gebraucht, bis er in das Spiel fand, sobald es aber einen Raum für ihn gab, nützte er ihn beeindruckend.

Als man schon mit einem 1:1 rechnen mochte, gab es noch zwei Gesprächspunkte. Den ersten setzte Ondrej Duda. Er spielte bei einem Freistoß nämlich mit seinem eigenen Kunstwerk aus der Vorwoche über die Bande. Gegen Schalke hatte er einen Ball aus sehr ähnlicher Lage über die Mauer gezirkelt. Er konnte als damit rechnen, dass die Mauer des VfL Wolfsburg mit einer Wiederholung des Versuchs rechnen würde. So war es dann auch, alle sprangen hoch, Duda schob flach darunter ein. Wenn es Absicht war, und es sah alles danach aus, dann war das ein 100 Prozent cleveres Manöver.

Das Drunter (Duda) und Drüber (Maier) setzte sich dann noch fort. Quasi aus der blauweißen Jubeltraube heraus kam dann noch eine Wolfsburger Flanke in den Hertha-Strafraum, und da setzte sich ausgerechnet Jay Brooks (drüber) gegen Stark (drunter) durch, wodurch Mehmedi gegen Lustenberger zum Zug kam. Da fehlten vielleicht die langen Beine von Jordan Torunarigha, der verletzt ausgeschieden war.

Über 90 Minuten hinweg hatte Hertha aber nicht genug für einen Sieg getan, und so waren schließlich alle zufrieden. Bis auf Arne Maier, der über seinen Mangel an Cleverheit noch ein wenig nachdenken wollte. Nicht zu lange, denn das wäre Blödness. Hertha hat alle Möglichkeiten, sich gedeihlich weiterzuentwickeln. Und wer danach noch Gladbach gegen Schalke sah, weiß nun, dass Hertha am kommenden Samstag schon wieder ein Spitzenspiel bevorsteht.

Geschrieben von marxelinho am 16. September 2018.

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von Jörg (am 16. September 2018)
Das Spiel hatte eine großartige und auch pädagogische Dramatik. Anfangs waren die Wolfsburger stärker, auch wenn es für mich so schien, als könne Hertha dem Druck durchaus standhalten. Zudem gab es immer wieder gute Ansätze für Konter, obwohl Wolfsburg gerade einen Lauf hat. In der zweiten Halbzeit wurde Hertha stärker. Torunarigha hat ein großartiges Spiel gemacht. In einer Szene gewann er einen Zweikampf gegen seinen "großen Bruder" Brooks und leitete direkt danach einen Konter ein (auch wenn sein Pass dann nicht zum Mannschaftskollegen kam). Auch das 1:0 durch Dilrosun war großartig, zum Glück hat Hertha einen langfristigen Vertrag mit ihm abgeschlossen. Dass Hertha individuelle Klasse als Stilmittel wieder neu entdecken könnte (wie zu Zeiten eines Deisler, Marcelinho, Pantelic), das wage ich noch kaum zu hoffen, wenn ich Dilrosun sehe. Nach dem langsamen Aufbau der Dramatik ging es dann Schlag auf Schlag. Arnold ist für mich ein sehr guter Spieler, ich würde mir von ihm da aber mehr Fairness als Cleverness wünschen. Selten hat mich ein Tor mehr zum Lachen gebracht als Dudas 2:1 in der direkten Antwort. Die Wolfsburger Mauer löste sich durch ihren kollektiven Sprung in Luft auf, die Schussgeschwindigkeit war gerade schnell genug, um Casteels keine Chance zu lassen, und langsam genug für einen komischen Zeitlupen-Effekt. In diesen Moment des höchsten Amüsements kam dann der ernüchternde Kontrapunkt, wie ein pädagogischer Nachsatz.
von Natalie (am 16. September 2018)
Torunarigha ist für unser Spiel wichtig, wie kaum ein anderer. Mit ihm gewinnen wir Spiele, die wir sonst vielleicht nur nicht verlieren. Grundsätzlich ist die Mannschaft eine große Freude. Duda hat schon in 2 Spielen vergnüglich alles wett gemacht, was er bis dahin nicht gezeigt hat. PS: Einfach gleich zu Beginn einen Elfer geben lassen, dann haben wir das schon mal aus dem Kopf.
14. September 2018

Glückliches Gemüt

"Innerlich ruhig" - so hat Pal Dardai in der Pressekonferenz vor dem Auswärtsspiel beim VfL Wolfsburg seine Gemütslage beschrieben. Ich würde fast weiter gehen: er scheint wieder ganz bei sich zu sein. Wie er über (und mit) Per Skjelbred gesprochen hat, wie er immer noch fast väterlich über Jay Brooks spricht, und sich wegen Jordan Torunarigha nicht aus der Reserve locken lässt, wie er über seinen Umgang mit Javairo Dilrosun erzählt - das klingt alles ein wenig anders als in der verkniffenen Saison davor.

Ich deute das so, dass wir da mehr als nur die Gelassenheit nach dem "hochtaktisch" erfochtenen Sieg in Gelsenkirchen bemerken dürfen. Dardai hat sich bisher noch in jedem Jahr über den Sommer hinweg ein bisschen selbst erneuert. Das ist für einen immer noch jungen Trainer, der zugleich schon auf seiner ersten Station der dienstälteste Erstligatrainer ist (Christian Streich wäre in dieser Zählung erst wieder in seiner dritten Erstligasaison), unbedingt erforderlich. Im Vorjahr hat ihn im Lauf der Saison allmählich der Mut verlassen - es wäre hoch interessant, könnte man dazu ein wenig mehr Interna erfahren, welche Rolle dabei die unglücklich verlaufene Teilnahme an der Europa League gespielt hat.

Ich bin auch innerlich ruhig vor dem "Spitzenspiel" in Wolfsburg. Aber ich kann es nicht verhehlen: es kribbelt ziemlich. Hertha ist für meine Begriffe sportlich an einem der interessantesten Punkte seit dem Wiederaufstieg. In dieser langen Phase gab es de facto nur einmal eine Situation, in der Hertha tatsächlich im Begriff war, aus den falschen Selbstverständlichkeiten eines oberflächlichen deficit spendings unter Manager Hoeneß herauszutreten, und sportliche wie finanzielle Verhältnisse auf innovative Weise so zur Deckung zu bringen, dass eine sportliche Perspektive gleichsam aus den eigenen Möglichkeiten heraus entwickelt wird: das war natürlich die Phase unter Lucien Favre, die - durchaus pointiert - das Vermächtnis von Dieter Hoeneß wurde.

Es war ein vergiftetes Vermächtnis, wie sich im entscheidenden Moment erwies, als Favre zu einem aus unserer Sicht falschen Zeitpunkt kapitulierte (seine Gründe waren, nach allem, was wir angedeutet bekamen, mehr als triftig). Die Stichworte von damals sind heute nicht mehr so im Umlauf, aber sie treffen auf den aktuellen Hertha-Kader voll und ganz zu. Favre sprach gern von Polyvalenz, und er ließ einen stark auf Sicherheit bedachten Kombinationsfußball spielen, an den sich Hertha gerade wieder anzunähern scheint. Dabei steht weder ein extremes Pressing oder gar Gegenpressing im Mittelpunkt, sondern stärker das Vermögen, mit jedem Ballgewinn in jeder Situation auf dem Platz spezifische Optionen zum Herausspielen zu haben - es soll jederzeit ein Spielzug möglich sein.

2016/2017 hat Hertha in solchen Situationen viel zu oft abgebrochen, die Gegner wussten dann schon, dass von Hertha ohnehin wenig kommt, und allmählich trocknete die Mannschaft richtiggehend aus. In diesem Jahr haben wir noch viel zu wenig gesehen, um schon Tendenzen zu benennen, aber eines ist bereits hinreichend deutlich: die Erneuerung des Hertha-Spiels hat mit der Neuausrichtung des Zentrums zu tun. Insofern hat Pal Dardai recht, dass es auf Vierer- oder andere Kette nicht so sehr ankommt, wichtig ist, wie die zwei, drei Spieler in der Mitte sich mit den restlichen Produktivzentren in der Mannschaft verbinden.

Idealerweise besteht das Team dann aus vier pulsierenden Teilmengen, die laufend (ganz wörtlich zu verstehen) ineinander übergehen: Torunarigha - Dilrosun - Duda - Tor (drei Teilmengen). Maier - Stark - Kalou - Lazaro - Vedator (alle vier Teilmengen). Mit Dilrosun und dem interessant heranwachsenden Mittelstädt wird die linke Seite selbst für einen Routinier wie Plattenhardt plötzlich wieder zu einer Herausforderung.

Favre sprach damals gern von Polyvalenz. Spieler wie Cicero oder Kacar haben im heutigen Kader wieder Entsprechungen, fast könnte man meinen, dass Michael Preetz, der damals Lehrling war, genau aufgepasst hat und heute ohne große Worte eine sehr favrische Gruppe für Pal Dardai zusammengestellt hat. Favre selbst hatte vielleicht sogar mehr blinde Flecken, als Dardai heute: dass er nie so richtig gesehen hat, wie wertvoll Pantelic war, das schmerzt mich heute noch manchmal.

Aus diesen nur grob skizzierten Vergleichen kommt das wohlige Kribbeln vor den Spielen gegen Wolfsburg und Gladbach: Hertha hat in diesem Jahr vielleicht die besten Voraussetzungen seit 2007, Schritte aus dem Mittelmaß zu machen. Es wird sehr stark von Pal Dardai abhängen, ob er den Mut, den er derzeit mit guten Gründen erkennen lässt ("frech sein"), auch dann fordert, wenn es wieder schwieriger ist. Das Personal, so meine ich, ist absolut vorhanden für eine aufregende Saison.

Schritte aus dem Mittelmaß müssen nicht unbedingt auf einen Platz in den Top 6 führen, dazu ist die Liga insgesamt bis in die Spitze hinein zu mittelmäßig - und auch zu homogen. Was an Ergebnissen und Punkten herauskommt, was das Glück (und die Effizienz, die bei Hertha schon unter Favre sehr wichtig war) so bringen, das ist alles unwägbar - aber Pal Dardai hat vielleicht seit dem Sieg auf Schalke gespürt, dass in der Liga gerade eine Lücke offen ist, in die im Grunde nur die junge alte Dame Hertha wirklich stoßen kann. Vielleicht sogar mit ein bisschen mehr Fantasie als unter Lucien Favre, der immer auch ein (höchst sympathischer) "schwieriger Charakter" war. Pal Dardai hat nicht zuletzt die Gabe eine glücklichen Gemüts. Er darf es sich nur nicht selber verderben.

Geschrieben von marxelinho am 14. September 2018.

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03. September 2018

Elf Doppelrollen

Stille Genugtuung oder laute Begeisterung? Vom Typ her neige ich eher zu der ersteren Reaktion, und so habe ich mich gestern Abend dann einfach ein paar Stunden quasi in mich hinein gefreut über das 2:0 in Gelsenkirchen - ein Ergebnis und eine Leistung, auf die Hertha stolz sein kann, auch wenn sie in der Berichterstattung zumindest auf Sky schon wieder von dieser typischen Verzerrung gekennzeichnet war, dass vor allem das Versagen von Schalke thematisiert wurde, und deutlich weniger die tolle Leistung von Pal Dardais Mannschaft.

Hertha hat der Liga einen Gefallen getan und nicht nur Schalke entzaubert, den Tabellenzweiten aus der Saison davor. Hertha hat auch Hinweise auf einen gesamtheitlichen Fußball gegeben, denn der Sieg beruhte auf einer klugen Defensivleistung, war aber niemals bloß ermauert.

Es gab ja schon aus dem ersten Spiel viele Indizien, dass mit diesem Kader einiges möglich sein könnte. Ein wenig argwöhnisch war ich wegen Pal Dardai: würde er in der Lage sein, seine Alibis hinter sich zu lassen? Letztes Jahr hat er sich allzu oft hinter Transformationsphrasen versteckt und alle Ansprüche zurückgewiesen, dass auch Hertha eine Verantwortung für diese Liga übernehmen muss.

Der Sieg gestern auf Schalke war nicht zuletzt ein Triumph von Pal Dardai und seinem Team, denn er war in jeder Hinsicht auch ercoacht. Das begann mit der Startformation, der Grujic hinzugefügt wurde, in der Duda aber blieb, und wie sich herausstellte, mit einer spielentscheidenden Doppelrolle - oder eigentlich neun bis elf Doppelrollen, denn alle trugen ihren Teil zu beiden Aspekten des Spiels bei. So variabel sind die personellen Möglichkeiten mit der flachen Hierarchie im Hertha-Kader, dass lange Zeit und auch nach dem frühen, verletzungsbedingten Ausscheiden von Rekik gar nicht ganz klar war, ob das nun eine schiefe Formation mit Viererkette, eine Dreierkette mit Siebenerschwamm oder sonstwas war. So elastisch gingen die Priviliegien für einen Freigeist wie Kalou in die kollektive Verantwortung über, dass Duda seine Leistung früh mit dem Führungstor krönen konnte.

Danach machte Hertha es spannend, als wäre es lustvoller, Schalke am ausgestreckten Arm verhungern zu lassen, statt sie einfach zu erlegen. Hertha spielte mit eleganter Flexibilität gegen einen, zugegeben, bald entnervten Gegner. Duda wird heute in den Berichten sicher ausreichend gepriesen werden, hervorzuheben wäre aber auch zum Beispiel Maxi Mittelstädt, der mehrfach unter Druck offensive Miniauflösungen produzierte - Hertha kann sich dieses Jahr aus Zweikämpfen auch anders befreien als mit einem Rückpass. Das hat Arne Maier mit seinen Grundkomeptenzen im Vorjahr eingeführt, es verbreitet sich nun durch die Mannschaft. Grujic korrigierte seinen Fehler, der zu einem Elfer führte (verschossen ausgerechnet von der alten Hertha-Nemesis Caligiuri, auch er gestern entzaubert) mit einer tollen Leistung in einer Position weiter vorn, nachdem Lustenberger für Ibisevic gekommen war. Dilrosun und Mittelstädt (und Torunarigha) harmonieren so hervorragend, dass Plattenhardt um seinen Stammplatz bangen muss. Ich scherze, aber nur halb.

Von Beginn an (also von der frühen Verletzung von Rekik an und nach dem verschossenen Elfer von Schalke) lag ein Hauch von Leipzig über diesem Spiel. Voriges Jahr vor Weihnachten hatte Hertha mit einem Upset bei den Roten Bullen etwas von der gemeinschaftlichen Arbeit und dem Mut gezeigt, der gestern plötzlich ganz normal wirkte. Dabei sind die Unterschiede zur Rückrunde 2018 so eklatant, dass man es eigentlich immer noch nicht ganz glauben mag. Und es war ja auch tatsächlich nur ein Spiel, und gegen einen Gegner, der sich als Luftballon (dem man die Luft auslassen kann) gut anbot. Es war die Berliner Luft, die sich in der Arena breit machte. Und zumindest für den Moment einer Länderspielpause dürfen wir uns daran erfreuen, dass bei Hertha BSC nach einem diskreten Transfersommer eine ganze Menge plötzlich zu stimmen scheint.

Geschrieben von marxelinho am 03. September 2018.

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von Lars (am 03. September 2018)
Exakt auf den Punkt gebracht!!! Klasse Bericht! Jarstein ist noch herauszuheben - überragendes Spiel von ihm!
von Jörg (am 04. September 2018)
Im Zuge der Festivitäten hat Paul Keuters Abteilung ein sehr schönes Stück Arbeit abgeliefert, finde ich: https://twitter.com/HerthaBSC/status/1036327983588560896 . Dass Kalou da etwas internationalistischen Premier-League-Flavour hineinbringt, das gefällt mir sehr. Dennoch, in meinem persönlichen magischen Fussball-Denken ist das Unken extrem wichtig. Zu viel Freude und Übermut führt bei mir immer zu umso unangenehmeren Abstürzen. Was lief also nicht so gut? Kalou war im Spiel der Jungen zu eigensinnig, hat sich nur halbherzig eingebunden. Ist etwas mit der Aufwärmen-Routine nicht in Ordnung? Warum verletzt sich Rekik nach wenigen Minuten? Grujic (den ich gern weiter, gern auch in der Startformation sehen würde) war nicht richtig auf das Spiel eingestellt, war übermotiviert. Bei Lazaro muss man aufpassen, ob er sich nicht aufreibt, wenn er wirklich immer die ganze rechte Seite beackert. Aber ... das war's, für mich. Jetzt können die Top-Mannschaften der Bundesliga kommen! Wolfsburg!
01. September 2018

Aufleuchten und Heimleuchten

Das torlose Remis gestern Abend zwischen Hannover 96 und dem BVB war hoffentlich noch kein Omen für die gerade gestartete Bundesligasaison. Es passt allerdings deutlich in einen Trend: die Neutralisierungsbemühungen werden immer noch kompetenter, und selbst ein einstmaliges Jagd- und Kreativteam wie die große Borussia beginnt unter Lucien Favre erst einmal mit der Konsolidierung von hinten heraus. Hätte Favre den unproduktiven Delaney durch Götze ersetzt, vielleicht wäre ein wenig mehr Bewegung in die Sache gekommen. Aber auf den Gedanken ist er vermutlich gar nicht gekommen.

Beim Auswärtsspiel in Gelsenkirchen wird Hertha morgen den zweiten Fingerzeig geben, wie sich der Haupstadtclub in diesem Bewerb einzubringen gedenkt. Der Kader wurde diese Woche noch um einen weiteren Leihspieler ergänzt: Derrick Luckassen wurde für ein Jahr von PSV Eindhoven ausgeliehen. In dem Organigramm, mit dem Michael Preetz arbeitet, war er die letzte Planstelle: ein Mann, der Niklas Stark durch Konkurrenz inspirieren und zugleich andere Optionen bieten soll, zum Beispiel rechts oder im defensiven Mittelfeld, wo es für Skjelbred und auch Lustenberger allmählich doch sehr deutlich nach Abschiedssaison aussieht.

Die Frage ist, was Hertha aus diesem hochinteressanten Angebot an Perspektivspielern macht. Nach dem Spiel gegen Nürnberg war ich sehr positiv gestimmt, peripheres Nachdenken während der Woche hat die Sache dann ein wenig zurechtgerückt. Es wird ganz entscheidend darauf ankommen, ob Pal Dardai dieses Jahr ein wenig von seinem Porzellankistendenken abrückt. Wenn nicht alles täuscht, war aber schon die zweiten Halbzeit gegen Nürnberg ein Hinweis darauf, dass er weiterhin eher auf Abwarten setzt.

Nun erwartet niemand, dass Hertha mit fliegenden Fahnen ins Verderben läuft. Hannover hat nicht nur gestern, schon in der Vorsaison gezeigt, dass die Liga nicht nur in der Tabelle, sondern nicht zuletzt auf dem Platz extrem eng geworden ist. Es kommt also darauf an, wie und in welchen Momenten Teams ins Risiko gehen können, ohne dabei die Defensive zu entblößen.

Die neue Formation auf Grundlage einer Dreierkette, mit zwei zentralen Umschaltspielern vor der Abwehr und mit zwei gut abgestimmten Außenlinienpaaren (aus denen jeweils einer in den Halbräumen für Anknüpfungen sorgt) bietet für ein sorgfältiges Offensivspiel exzellente Möglichkeiten. Aber auch da kommt es sehr darauf an, die Möglichkeiten zu erspüren - immerhin hat die Mannschaft vor allem in der ersten Halbzeit gegen Nürnberg angedeutet, dass sie Spielzüge auf Lager hat.

Hertha wird aber nur dann eine gute Saison spielen können, wenn mehrere Spieler sich individuell steigern können. Im Vorjahr gelang der 10. Platz, obwohl es nur ganz wenige solcher Entwicklungen gab: Arne Maier, weil er bei Null begann, Kalou, weil von ihm eigentlich nicht mehr so viel zu erwarten war, Selke, weil er aus einem gebrauchten Jahr bei Leipzig und nach schwierigen Verletzungen immer wieder zurückkam.

In diesem Jahr gibt es Kandidaten, die für Leistungssteigerungen designiert sind: unter den Neuen könnte vor allem Grujic interessant werden, er konkurriert allerdings mit Duda, und irgendwann vielleicht auch wieder mit Darida, dessen Karriere bei Hertha allmählich tragische Züge bekommt. Auf dem linken Flügel ist Maxi Mittelstädt bisher noch eher ein Konsolidierungsspieler, manchmal frage ich mich, ob es nicht von vornherein gescheiter wäre, Plattenhardt vor ihm spielen zu lassen - als den eigentlichen Winger. Aktuell ist die heißeste Kapitalanlage von Hertha allerdings verletzt, es könnte gut sein, dass Pal Dardai für Sonntag zu einer Viererkette zurückkehrt.

Jastrzmembski könnte sich näher an der ersten Elf etablieren, als sein Alter es annehmen lassen würde. Bei all dem wird es aber immer davon abhängen, ob der Coach ein bisschen mehr will als nur irgendwie durch das Jahr zu kommen. Hertha hat das Personal für eine spielende Mannschaft - im Zweifelsfall ist Ballbesitz ja auch die bessere Kompaktheit. Die Arbeit von Favre in Dortmund deutet darauf hin, dass die Ligateams einander immer noch ähnlicher werden, umso stärker kommt es darauf an, Individualitäten zu kultivieren, also Spieler aus dem Sicherheitsbedenken zu befreien, indem man ihnen gute Absicherung, aber auch gute Optionen für ihre Ideen gibt.

Die Art und Weise, wie Michael Preetz den Kader gestaltet hat, weist eigentlich genau in diese Richtung. Kein einziger Neuzugang ist ein Gamechanger, aber alle sind intensiv vernetzbar - es leuchten gleichsam, wie bei diesem Brettspiel Elektrokontakt, die möglichen Verbindungslinien auf, und es ist nun an den Betreuern, aus Hertha ein Team zu machen, das mit kleinen, klugen Bewegungen für Räume sorgt. Vermutlich werden Kontertore noch seltener werden, Führungstreffer werden noch wichtiger werden, das sind alles Tendenzen, die der Kader von Manager Preetz im Ansatz schon berücksichtigt, wie mir scheinen will.

Weil es dadurch immer noch wichtiger wird, wie einzelne Spieler einzelne Situationen lösen, wie sich die Zweikampfwüsten wieder begrünen (beblauweißen) lassen, die sich in der Bundesliga ausbreiten, liegt die Aufgabe von Pal Dardai nicht zuletzt im mentalen Bereich. Er darf, ich wiederhole mich, keine Kultur der Ausrede zulassen. Im Vorjahr war er selber der Vorsprecher dieser Kultur. In diesem Jahr sollte er zum Verfechter einer Courage werden, die zur Absicherung nichts anderes braucht als eine Mannschaft, die ihren eigenen Mut besonnen verteidigt.

Geschrieben von marxelinho am 01. September 2018.

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29. August 2018

Rätselhaftes Charisma

Die Woche bei Arsenal steht im Zeichen der Gerüchte um Mesut Özil. Mit einem 3:1 über West Ham hat die Mannschaft am Samstag zumindest das Allernotwendigste geschafft, um Unai Emery nicht jetzt schon in gröbere Schwierigkeiten geraten zu lassen. Özil war nicht im Kader, ein brasilianischer Journalist behauptet, es hätte einen Eklat während der Trainingswoche gegeben. Emery dementierte naturgemäß, sprach vage von einem Katarrh, ließ aber auch durchblicken, dass Özil wohl auf der Bank begonnen hätte.

Die Sache hat zwei Aspekte: einen persönlichen, und einen taktischen. Die beiden hängen wohl auch zusammen. Gegen West Ham spielte Aaron Ramsey auf der zentralen Offensivposition, die Özil eigentlich für sich reklamiert - oder für die er am besten geeignet ist. Gegen Chelsea wurde dieser Wechsel auch schon vollzogen, dort während des Spiels, als Özil ziemlich früh ausgetauscht wurde.

Ramsey soll bei Arsenal verlängern, ist im letzten Vertragsjahr, und zögert mit einer Unterschrift. Emery möchte ihn offensichtlich behalten, und baut ihn nicht nur zum Führungsspieler auf, sondern sogar zum Spielmacher. Gegen West Ham sah das gar nicht schlecht aus. Die Personalie hat aber auch damit zu tun, dass Ramseys bisheriger Platz nun besetzt ist, weil Arsenal mit Torreira und Guendouzi zwei Spieler für das defensive Mittelfeld gekauft hat, und dann ist da ja auch noch Xhaka. Ramsey muss also nach vorne rücken.

Bisher probiert Emery da noch ziemlich herum, wie sich das Puzzle am besten lösen lässt. Offensiv wird das allmählich interessant, vor allem, nachdem Lacazette noch dazu kam, und Aubameyang aus dem Sturmzentrum in eine flexible Rolle wechselte. Das dritte Tor erzielte dann sogar Danny Welbeck, ein weiterer Stürmer.

Insgesamt aber das das Heimspiel gegen West Ham aus wie ein typisches Spiel unter Arsene Wenger: es war gekennzeichnet von einer dramatisch porösen Überlegenheit. Dabei ist schwer zu sagen, wieviel davon einfach individuelle Begriffsstutzigkeit ist (Mkhitaryan ist defensiv sicher kein Bollwerk, Bellerin wirkt oft desorientiert, und Xhaka fehlt im Stellungsspiel einfach fast jegliche Intuition), und wieviel mangelnde Planung. Mit Sokratis und Mustafi im Zentrum und mit den noch nicht justierten Kräften Guendouzi, Torreira und Xhaka davor bietet Arsenal derzeit auf jeden Fall noch viel Anschauungsmaterial für Fehler beim gemeinsamen Verteidigen.

Der persönliche Aspekt spielt bei der Causa Özil sicher auch eine große Rolle. Er kam aus seinem Sommerurlaub mit dem Paukenschlag des Rücktritts aus der Nationalelf zurück, wurde von Arsenal in Singapur auch offensiv vermarktet, und Emery erklärte ihn zu einem der Kapitäne für die Saison. In den beiden ersten Spielen gegen Manchester City und Chelsea zog er dann sofort wieder die Kritik auf sich, die ihm nun einmal schon tonnenschwer nachhängt: dass sich keine Mannschaft an ihm aufrichten kann.

Es ist tatsächlich ein rätselhaftes Charisma, das ihm eignet. Die ungeheure Popularität in den digitalen Netzwerken scheint seine Introvertiertheit noch zu verstärken. Dort ist er ja eine Kunstfigur, eine gescriptete Realität. Mir kommt allerdings vor, dass seine Ausstrahlung eben viel mit der latenten Melancholie zu tun hat. Ich muss immer an Buster Keaton denken, wenn ich Özil sehe. Auf dem Platz scheint er auch immer vor allem mit sich selbst beschäftigt. Wenn es gut läuft, erkennt man dann aber doch, dass er lebendig ist, wenn es nicht so gut läuft, richtet sich sein Blick ins Leere.

Arsenal könnte seine aktuellen Probleme vermutlich auch ohne Özil lösen. Ob sich die Mannschaft überhaupt noch einmal einen Nimbus erarbeiten kann, hängt nicht entscheidend von ihm ab. Er hat einen Vertrag, wie ihn nur ein unersetzbarer Spieler bekommt, aber vorerst ist es ihm nicht gelungen, diese Position zu rechtfertigen. Jetzt bin ich klarerweise höchst gespannt, wie sich die Sache bis Sonntag weiterentwickeln wird: dann spielt Arsenal in Cardiff.

Geschrieben von marxelinho am 29. August 2018.

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26. August 2018

Schach und Rorschach

Bei einem Fußballspiel sieht jeder etwas anderes. Das liegt in der Natur der menschlichen Wahrnehmung, aber auch an der Komplexität des Spiels, die selbst bei einer durchschnittlichen Bundesligabegegnung wie der zwischen Hertha und dem FC Nürnberg gestern noch gegeben ist. Es war dann aber doch erstaunlich, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen waren. Valentino Lazaro entschuldigte sich im Interview gleich nach Abpfiff bei Sky fast dafür, dass Nürnberg die bessere Mannschaft gewesen war.

Dabei hatte Hertha doch 1:0 gewonnen, und die meiste Zeit alles gut unter Kontrolle gehabt. Auch Pal Dardai hatte das Spiel ein bisschen anders gesehen als ich. Er war mit der ersten Halbzeit nicht so zufrieden, mit der zweiten Halbzeit dann eher. In der Pause hatte er etwas korrigiert. Im Detail fiel mir das nicht auf, in der Tendenz war es aber doch zu erkennen: Hertha ließ Nürnberg zunehmend mehr ein wenig kommen. Von da her kam dann wohl auch der Eindruck von Lazaro.


Ich habe in dieser Saison meinen Beobachterposten geringfügig, aber geschickt um ungefähr zwei Meter verlagert und sitze nun im Block 26.1. statt 26.2. Das hat vor allem damit zu tun, dass ich da nicht so oft aufstehen muss, weil rechts von mir nur noch gut ein dutzend Plätze sind. Ich bin ja in mancherlei Hinsicht ein untypischer Fan: Ich komme nur wegen des Zuschauens, Bratwurst und Bier stehen nicht auf meinem Menü, mir ist an einem ungestörten Blick auf das Feld gelegen. Mit der neuen Dauerkarte bin ich auch einer Gruppe von Tschecheranten ausgewichen, die dauernd aufs Klo und zur Abfüllung mussten.

Das sind so die Kleinigkeiten, wenn man sich um 350 Euro für 17 Spiele bindet. Ich war dann gestern aber nicht nur wegen meines neuen Platzes, sondern auch wegen des Spiels von Hertha eine Halbzeit lang recht zufrieden. Es war aber vor allem die erste Halbzeit, die mir gefiel. Das hatte mit der Aufstellung zu tun: die selbe wie gegen Braunschweig, die selbe Formation mit Maier und Duda im Zentrum auf der Doppelsechsacht.

Da Pal Dardai das Bild vom Schach gebrauchte: Maier und Duda sind die beiden Springer im System von Hertha. Und zwar an dem neuralgischen Punkt im Spiel, in der Mitte, wo Lustenberger und Skjelbred zuletzt vor allem wie Bauern agiert haben. Das 3-4-3 hat das zentrale Problem von Hertha aus den letzten Jahren behoben, nämlich die Sterilität in der Zentrale. Die Vielfalt von Möglichkeiten, die so entsteht, zeigte sich paradigmatisch beim Führungstreffer, der von einer Rückgabe von Maier auf Stark ausging. Der Verteidiger fand in Kalou einen Partner für einen vertikalen Pass, den Hertha im Vorjahr so nur in Ausnahmefällen spielte, den Stark gestern aber Minuten davor schon geprobt hatte.

Kalou spielte nach außen auf Lazaro, der an der Grundlinie einen Nürnberger düpierte, und Ibisevic stand dort, wo ein Goalgetter in so einem Moment stehen muss. Das Tor war Ausdruck eines flexiblen Systems, es war Bestätigung des 3-4-3, es entsprach den Umständen. Es verdeutlichte etwas, das nun aber hoffentlich nicht falsch verstanden werden sollte.

Denn Hertha zeigte in der zweiten Halbzeit auch wieder ein bekanntes Gesicht. Die Mannschaft konnte von sich aus die Spannung nicht halten, ließ Nürnberg zunehmend ein bisschen ins Spiel (gefährlich wurde es nicht wirklich), und dann passierte eben das, was in solchen Situationen so oft passiert: eine Kleinigkeit ging schief, Rekik bekam einen blöden Ball blöd an die Hand, bei Hausverstand war das kein absichtliches, schon gar kein irgendwie wirksames Handspiel, aber das spielt ja keine Rolle. Jarstein hielt den Elfmeter und rettete Hertha zwei Punkte von dreien, die es für den Auftaktsieg gibt.

Es steht nun stark zu hoffen, dass Mannschaft und Betreuer diese tolle Konzeption, mit der die Saison beginnt, auch gewinnbringend weiterentwickeln. Das 3-4-3, das de facto immer wieder auch ein schiefes 4-4-2 war (mit Plattenhardt in der Kette, und Stark de facto ein halber Pekarik), ist so enorm vielversprechend, weil verschiedene Aspekte dabei zusammenkommen: Torunarigha gehört in die Mannschaft, das wurde gestern ganz klar, er spielte abgeklärt, setzte aber auch Akzente nach vorn. Rekik ist als Libero sehr gut, und Stark kommt endlich wieder zum Spielaufbau.

Davor wird es gleich noch interessanter: Maier und Duda sind ja eine Zweierbesetzung aus einer Vierergruppe, die da agieren kann (wenn man Lusti und Skjelbred mitzählt, was ich unbewusst schon gar nicht mehr tue, sind es sechs). Darida ist verletzt, aber Neuzugang Grujic kam zum Ende hin zu seinem Debüt und deutete sofort an, dass er auch ins Team gehört. Damit stellen sich schon brisante Selektionsfragen: denn Duda war nicht schlecht, Maier auch nicht, vor allem aber gaben die beiden mit ihrer Flexibilität dem weisen Kalou die schönsten Möglichkeiten, und Lazaro viele Räume. Links funktionierte das nicht ganz so gut, aber insgesamt war das eine Hertha mit enorm viel Potential. Bei weitem nicht alle Aktionen (einzeln, wie bei Duda oder Kalou) gingen auf, aber zum ersten Mal hatte man das Gefühl, dass Pal Dardai etwas in der Hinterhand hat, wenn er von Offensivtrainingsarbeit spricht.

Er möchte Fußball wie Schach spielen lassen. Lazaro setzt den Gegner mit einem Pass ins Schach, und von Ibisevic kommt der letzte Zug. Wenn es bloß so einfach wäre! Da facto sehen wir selbst an diesem Spiel - ein mittelmäßig konsolidierter Bundesligist gegen eine Mannschaft, die nach langer Durststrecke in der zweiten Liga zum ersten Mal wieder in der höchsten Spielklasse antritt und sich gut schlägt -, dass Fußball eben viel mehr kann als Schachzüge.

Fußball ist ein Rorschach-Test für die Wahrnehmung, man kann viel hineinlesen, am besten sind aber Mannschaften, die auch viel herauslesen lassen. Die also etwas anbieten. Hertha hat gestern etwas Faszinierendes angeboten. Spannend wird die Sache aber nur, wenn sie selber ihr eigenes Angebot annimmt, und es nicht hinter Sicherheitsbedenken und Phlegma versteckt. Diese Gefahr war in der zweiten Halbzeit zu erkennen, dann kamen aber Grujic, Jastrzembski und Palko D., und man konnte weit in eine Zukunft blicken, die aber natürlich vorerst einmal nur am kommenden Sonntag in Gelsenkirchen stattfindet.

Ich spitze es noch ein bisschen zu: gestern sahen wir eine neue Hertha, und zugleich auch noch die alte. Die neue kann Fußball spielen, die alte meint, dafür wäre es immer noch zu früh. Guter Fußball ist aber nichts anderes, als die produktive Auflösung dieser Blockade: mit einer Formation, die nach vorne und nach hinten so elastisch und klug agiert, wie es gestern ein einigen Phasen in Andeutungen der Fall war. Ich bin sehr gespannt.

Geschrieben von marxelinho am 26. August 2018.

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von Jörg (am 26. August 2018)
Ein Text, der Freude macht, danke! Ich finde die Parallele und den Unterschied zur letzten Saison interessant. Schon in der letzten Saison gab es anfangs im Vergleich zur Vorsaison eine Umstellung. Dardai hatte in seinen ersten Saisons versucht, die Defensive zu stabilisieren, was ihm auch gelang. Für die letzte Saison wurde die Maxime ausgegeben, die Offensive solle gestärkt werden. Besonders gegen Leverkusen war das auch wunderschön anzusehen. Später blieb die Entwicklung dann stecken, ich glaube gegen Hamburg war es, als Dardai, um eine tiefere Krise abzuwenden, kurz wieder auf das ältere, defensivere System umstieg. Schon damals war der Unterschied in den Spielweisen schön anzusehen. Jetzt ist der Unterschied noch deutlich größer als in der letzten Saison, so scheint es mir. Letzte Saison gab es einen quasi eingebauten Fallback im System, diese Saison wird es interessant werden, wenn es mal ein paar Spiele nicht so gut läuft. Letzte Saison lief es gut, wenn die gegnerischen Mannschaften Hertha viel Platz ließen (wie Leverkusen), worauf die gegnerischen Trainer sich dann einstellten, diese Saison scheint Hertha sich den Raum selbst erschließen zu können (sollten sich die Versprechungen erfüllen, die wir aus dem neuen System heraus augurieren). Beim Spannungsabfall in der zweiten Halbzeit dachte ich: jetzt muss jemand auf dem Feld die Mannschaft wieder aufrütteln! Ibisevic schien etwas müde zu sein, Kalou ist dafür nicht der Richtige, die jungen und neuen Spieler sowieso nicht. Ich hätte mir von Rekik gewünscht, dass er in dieser Situation eingreift. Oder eben von Stark, der im Vorfeld dieser Saison gesagt hatte, dass von ihm jetzt der nächste Schritt erwartet wird. Der Nürnberger Torwart Bredlow hatte das im Spiel einmal gemacht, Jarstein ist da aber auch nicht der Typ dafür. Kevin-Prince, der vor seinem Frankfurt-Engagement ein Video in Umlauf brachte, in dem er die Hertha-Hymne sang, würde so etwas vielleicht auch machen ... Am Ende haben die Neueinwechslungen von Dardai jedoch einen guten Impuls von außen gesetzt. Eine letzte Szene würde ich noch gern ansprechen: Beim Stand von 0:0 wird Maxi Mittelstädt im gegnerischen Strafraum angegangen, er wackelt kurz, fällt aber nicht. Davie Selke hätte sich wohl fallen lassen, ein Elfer wäre dann nicht unwahrscheinlich gewesen. Wenn man sich entscheiden müsste: Ist das mehr mangelnde Kaltschnäuzigkeit von Mittelstädt oder mehr faires Spiel? Letzteres, oder?
von marxelinho (am 26. August 2018)
Mittelstädt hat danach selber gesagt, er wäre nicht der Typ, der sich bei so was fallenlässt - der Ball war auch schon ziemlich weit weg. Glücklich ein Spieler, der sich bei so was auf eine Mannschaftsleistung verlassen kann, die ihm diese Fairness erlaubt. Es war doch viel schöner, durch das Vedator-Tor in Führung zu gehen.
21. August 2018

Konstanten und Variablen

Es wurde dann gleich ein langer Abend gestern, der erste Spieltag mit Pflichtspiel für Hertha BSC in der neuen Saison. Die eigene Mannschaft war dafür nicht verantwortlich: Gegen Braunschweig reichten 90 Minuten für einen Sieg mit 2:1. Danach kam der BVB, und das wurde dramatisch, und weil bei Lucien Favre immer noch ein bisschen was vom Drama seiner ersten Bundesliga-Herausforderung in Berlin dran hängt, sah ich mehrfach interessiert zu.

Für uns ist hier aber natürlich Hertha die selbst gesetzte Beobachtungsaufgabe. Zum ersten Mal präsentierte Pal Dardai eine neue Formation, ein 3-4-3, sodass man neben der Pflicht (den Drittligisten irgendwie zu überwinden) auch eine Menge Kür bekam. Die Formation hat verschiedene Vorteile: Es gibt eine Aufgabe für Jordan Torunarigha, den kommenden Jerome Boateng. Es gibt eine Mitchell-Weiser-Gedächtnisposition rechts auf und ab (wahrgenommen von Lazaro, der allerdings noch nicht so richtig in Fahrt schien). Es gibt viel Raum für Duda, zumal die Doppelsechs (Doppelacht) so angelegt ist, dass beide Spieler gleichermaßen für Absicherung und Umschalten zuständig sind.

Noch ist die Saison zu jung für Prognosen, wie oft Hertha mit diesem System spielen könnte - spontan spricht aber viel dafür, dass da etwas ganz grundsätzlich besser passt. Es lassen sich auch die Spieler besser in diese Formation einpassen. Mittelstädt spielte links vor Plattenhardt, Kalou rechts vor Lazaro, da gehen überall Konstanten und Variablen ineinander über.

Das Spiel selbst war nicht aufregend, jedenfalls nicht für Zuschauer vor der Kiste (in meinem Fall ist die Kiste ein großes, projiziertes = gebeamtes Bild). Braunschweig war ein guter, aber kein unangenehmer Gegner. Nach einer halben Stunde hatte Hertha die Sache im Griff, vor dem Traumtor durch einen Volleyweitschuss von Plattenhardt war schon die Kombination, die vorausging, recht ansehnlich, oder genauer: ein exquisites Herausspielen nach Ballgewinn von Mittelstädt, der den Ball zu Torunarigha zurücklegte, der Maier fand, der legte leicht vertikalisch quer auf Duda, und der spielte dann den öffnenden Pass auf Lazaro, der einen Freistoß im rechten Halbfeld herausholte.

In der zweiten Halbzeit ließ Hertha die Konzentration gerade so weit verloren gehen, dass Braunschweig den Ausgleich erzielen konnte - worauf sofort die Antwort kam. Sie ging von Duda aus, der zu den Gewinnern des Abends gehört: ein Ball über die Braunschweiger letzte Linie, auf den schnellen (gerade für Kalou eingewechselten) Jastrzembski. Mit ihm war auch Ibisievic gestartet, der genau auf gleicher Höhe die Hereingabe über die Linie brachte.

Maier und Duda im 3-4-3: das sah gut aus. Wir sprechen von einer ersten Orientierung. Hertha hat unter Pal Dardai in der ersten Runde des DFB-Pokals immer bestanden. Und sieht man einmal von dem schwachen Heimspiel gegen Köln im Vorjahr ab (das Ausscheiden gegen den späteren Absteiger deutete schon auf eine ingesamt dürftige Saison in OIympiastadion hin), hat Dardai die Beziehungen von Hertha zum Pokalwettbewerb eindeutig verbessert. Vielleicht macht er ja noch wirklich eine Liebesgeschichte draus, von der dann auch der Ligaalltag sicher profitieren würde.

Für die Neuen (Dilrosun nicht im Kader, Köpke nur ein Wechsel für die Uhr, Klünter nicht gebraucht, Grujic logischerweise noch nicht im Kader) zeichnen sich eher punktuelle Möglichkeiten ab. Für den eigenen Neuen Jastrzembski sieht das deutlich besser aus, und für den alten Neuen Duda könnte es mit Hertha doch noch etwas werden. Nürnberg kann kommen. Die Saison kann kommen. Tut sie sowieso.

Geschrieben von marxelinho am 21. August 2018.

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19. August 2018

Erbsubstanzverlust

Der Fehlstart des Arsenal FC in die Ära nach Arsene Wenger ist perfekt: Mit zwei Niederlagen gegen Manchester City und gestern gegen Chelsea ist es zwar vorerst nur ein kleiner Fehlstart im Rahmen des Bisherigen, denn Arsenal hatte schon jahrelang gegen die unmittelbare Konkurrenz um die Top 4 wenig zu bestellen. Doch das Spiel am kommenden Samstag gegen West Ham United steht jetzt schon unter einigem Druck.

Unai Emery hatte die Mannschaft für das Auswärtsspiel an der Stamford Bridge plausibel adaptiert. Er hielt an Cech im Tor fest, und er brachte erneut den 19 Jahre alten Guendouzi im defensiven Mittelfeld, neben Xhaka. Özil bekam seine Lieblingsposition im Zentrum, das bedeutete für Ramsey die Bank. Links bekam Iwobi eine Chance, rechts blieb Mkhitaryan drin, vorne Aubameyang.

Chelsea führte schnell 2:0. Beim zweiten Tor stand Arsenal mit der Viererkette an der Mittellinie, dabei waren doch schon davor ständig lange Bälle über die Kette hinweg gekommen, und gefährliche Läufe zwischen Mustafi und Sokratis hätten eine Warnung sein können. Morata versetzte Mustafi nach einem Antritt aus der Chelsea-Hälfte. Das war das 0:2, beim 0:1 hatte Mkhitaryan sich wie schon im ersten Spiel gegen City als dürftiger Defensivfaktor gezeigt.

Der Armenier hatte aber auch wesentlichen Anteil am Comeback: das 1:2 erzielte er selbst, nachdem er im Zentrum eine Schusschance bekam. Einen ähnlich harten, technisch sauberen Flachschuss wird man nicht leicht finden, da ist Mkhitaryan schon eine Klasse für sich. Das 2:2 bereitete er rechts von der Grundlinie aus vor, nachdem Arsenal den Ball flink von der einen Seite zur anderen gebracht hatte, über den Verbinder Guendouzi. Iwobi verwertete.

Zur Pause kam schon Torreira für den nach eineinhalb Spielen überdeutlich angezählten Xhaka. Nun versuchten beide Teams, ein wenig mehr Kontrolle ins Spiel zu bringen. Arsenal wurde passiv. Chelsea hatte aber noch einen Spieler ins Spiel zu bringen: Eden Hazard. Für den Treffer zum Sieg brauchte es aber trotzdem einen katastrophalen Pass von Lacazette in die falsche Richtung, der erst das Tempo in einen Move brachte, der die gesamte Arsenal-Defensive überforderte (notabene Bellerin): den Treffer erzielte Marco Alonso, der linke Außendecker von Chelsea, der Zeit hatte, sich im Arsenal-Fünfmeterraum zu betätigen.

Offen bleibt nach den zwei Spielen, ob es ein System von Unai Emery überhaupt gibt. Es gibt Ansätze zu hohem Pressing, allerdings ist nicht ganz klar, zu welchem Zweck. Denn auch die aktuelle Mannschaft von Arsenal hat eigentlich immer noch die Substanz der frühen Wenger-Jahre in sich: und das bedeutet nun einmal, dass Situationen in erster Linie aus Ballbesitz heraus entwickelt werden. Den will Emery aber nicht unbedingt. Er scheint an Guendouzi deswegen so großen Gefallen zu haben, weil der nach Balleroberung die besten öffnenden Pässe spielen kann (gegen City war das deutlicher).

Umgekehrt hat Maurizio Sarri Chelsea schon deutlich auf seine Linie gebracht: Die Mannschaft, die unter Mourinho und Conte lange sehr pragmatisch auf eine Art Kick and Rush 2.0 (rush only Diego Costa) gesetzt hatte, kombiniert nun intensiv. Immer wieder zu intensiv für Arsenal, das mit Mustafi und Sokratis zwei eher altmodische Recken in der Innenverteidigung hat.

Wäre Wenger mit diesen beiden in die Saison gegangen (Koscielny wird zurückkommen, ist aber inzwischen angejahrt), er hätte wohl jetzt schon höhnische Kritik zu gewärtigen. Sowohl auf den Seiten (Bellerin-Mkhitaryan vor allem) wie auch in der Mitte (Mustafi-Guendouzi-Xhaka-Sokratis) passt die Abstimmung nicht, wobei das flexible Spiel von Chelsea auch einige Ansprüche stellte.

Für Unai Emery beginnt die Saison nun nicht bei Null, aber bei null Punkten und 2:5 Toren. Er muss im Grunde die Spielkonzeption von hinten heraus neu aufbauen, nicht von vorn, wie es ihm vorzuschweben scheint. Arsenal braucht Strukturen der Rückwärtsbewegung, und eine vernünftige Balance. Derzeit sieht vieles nach einem Grundmissverständnis aus: Emery ignoriert die DNA des Teams. Die Probleme der Wenger-Zeit sind nun noch deutlicher, die Qualitäten von damals greifen nicht mehr so richtig.

Allzu viel kann man nach zwei Spielen natürlich noch nicht sagen, allerdings haben beide Niederlage deutlich prinzipielle Aspekte. Es könnte durchaus sein, dass Arsenal mit Unai Emery etwas Ähnliches erlebt wie Manchester United anno 2013 mit David Moyes. Den Unterschied macht die Ausgangslage: Moyes übernahm United damals als eine Topmannschaft, und scheiterte dabei, diese Position zu halten. Emery soll Arsenal wieder konkurrenzfähig(er) machen - im Moment ist noch nicht ganz klar, wo er dabei ansetzen will.

Ein Wort zu Mesut Özil: Er wurde für seine Verhältnisse früh ausgewechselt und durch Ramsey ersetzt. Man sieht, wie es sich in die Pressingformation einbringt, aber für seine Qualitäten ist das Spiel von Arsenal zu wenig konstruktiv. Körpersprache bleibt ein Faktor. Ob Emery unbedingt auf ihn setzt, wird sich erst weisen.

Geschrieben von marxelinho am 19. August 2018.

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18. August 2018

An den Wühltischen der Liga

Neulich war ich in Neukölln unterwegs. Ich kam dabei auch an einem Geschäft vorbei, das mir etwas Überraschendes bewusst machte: Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht gewusst, was Tedi ist. Dabei handelt sich bei dieser Marke immerhin um den neuen Hauptsponsor von Hertha BSC. Ein Diskontladen mit undefiniertem Sortiment, Markenzeichen in erster Linie: billig.

Ich will da nicht zuviel hineinlesen. Aber es besteht doch ein gewisses Missverhältnis zwischen den neueren Standortaspekten von Berlin und der Marke, an die sich der größte Fußballclub der Stadt mit seinem Hauptsponsorenvertrag gebunden hat. Nichts gegen Tedi, und schon gar nichts gegen dessen Kundschaft: Hertha geht damit in die Kieze, von den überregionalen, gar internationalen kommunikativen Potentialen der Hauptstadt hält man sich damit hingegen fern.

Deswegen passt dieses Bild ganz gut zu den paar Überlegungen, die ich an diesem Wochenende anlässlich des Saisonstarts anstelle: Montag geht es mit dem DFB-Pokalspiel in Braunschweig los. Hertha geht in die vielleicht wichtigste Saison seit langem.

Wirtschaftlich ist Hertha inzwischen in der zweiten Hälfte der Periode, die durch den KKR-Deal 2014 definiert wurde. Seither muss man ja immer das Jahr 2021 mitdenken, dann wird nämlich mit den Equitisten abgerechnet. In diesem Zusammenhang ist sicher nicht uninteressant, dass Ingo Schiller dieser Tage in einem Interview deutlich erkennen ließ, dass Hertha eigentlich gegen die 50+1-Regelung ist, die im deutschen Ligabetrieb in den ersten beiden Spielklassen gilt.

Das ist auch kaum verwunderlich: schließlich muss man davon ausgehen, dass KKR am Ende ein Drittel des Clubs gehören wird, und das muss dann entweder abgelöst werden, oder KKR muss zu einer Verlängerung des Engagements gewonnen werden. Eine Ablösung muss sich für KKR rechnen, da ist man schnell bei einem Betrag über 50 Millionen, und von diesem Geld sieht Hertha dann nichts. Bleiben also für einen eventuellen Zweitsponsor nur rund 15 Prozent, das sind Preisklassen (sehr grob über den Daumen) von 20-30 Millionen. Phantasie kommt da also nur hinein, wenn man auch die zweite Anteilshälfte einsetzen könnte.

Natürlich habe ich das jetzt abzüglich spekulativer Aspekte überschlagen. Man kann vielleicht Geldgeber (aus China?) finden, die eine ordentlichen Phantasieaufschlag zahlen. In jedem Fall wird diese Frage angesichts der beiden Fristen (2021: KKR, 2025: Stadion) nun monatlich an Brisanz gewinnen.

Vor diesem Hintergrund ist es noch wichtiger, wie Hertha sich sportlich entwickelt. Der Zuschauerschwund bei den Heimatspielen, den man anders nicht nennen kann, hat ganz sicher auch mit dem Umstand zu tun, dass Hertha sich letztes Jahr unter Pal Dardai sportlich eben überhaupt nicht entwickelt hat. Für den Trainer, den ich weiterhin als Sympathieträger sehe, steht das wichtigste Jahr seiner bisherigen Karriere bevor: wenn Hertha dieses Jahr weiterhin die eklatanten Mängel in Sachen Mentalität und Spielanlage aufweist, die 2017/2018 charakterisiert haben, dann ist eine ideale Konstellation verspielt worden. Denn Dardai wäre als Parade-Herthaner natürlich großartig als Langzeitbetreuer, aber das allein reicht halt nicht.

Hat er für größere Ambitionen einen entsprechenden Kader? Die Ambitionen müssten sich in erster Linie auf das Auftreten der Mannschaft beziehen. Das Saisonziel würde ich bewusst nicht mit einem Tabellenplatz beziffern, sondern es anders formulieren: Hertha BSC will in dieser Spielzeit aktiv zu einer spannenden und international konkurrenzfähigen Liga beitragen. Das ist ein höchst anspruchsvolles Ziel, denn es verbietet im Grunde den Malschauenmodus, mit dem Hertha so große Teile der abgelaufenen Saison bestritten hat.

Personell fällt auf, dass Hertha vermutlich versuchen wird, ohne "Königstransfer" auszukommen. Bei den vergleichsweise winzigen Summen, die damit gemeint sind, bedeutet das in erster Linie: Mitchell Weiser wird nicht ersetzt, sondern der Verlust soll kollektiv aufgefangen werden. Probleme sehe ich im Angriff, wo Davie Selke im Grunde nicht ausfallen darf, und im defensiven Mittelfeld, wo Sebastian Rudy gut hinpassen würde, der aber deutlich außerhalb der Möglichkeiten liegt. Sagen wir es ganz deutlich: Hertha wird und kann in dieser Transferperiode nicht investieren.

Dass Michael Preetz selbst nach dem Deadline Day in England Marvin Plattenhardt noch einmal in die Auslage gestellt hat, spricht ja fast Bände. Pal Dardai wird also vieles besser machen müssen, auch individuelle Spieler, denn außer Plattenhardt und Selke enthält der Kader derzeit Phantasie erst wieder am ganz jungen Ende, dort, wo die Akademiker in großer Zahl kooptiert werden. Dieser Aspekt verleiht der kommenden Saison sicher eine romantische Note. Vielleicht zeigt sich Dennis Jastrzembski ja als der bessere Serge Gnabry, und bestätigt sich Arne Maier als der Berliner Aaron Ramsey. Dafür brauchen sie aber ein ambitioniertes Umfeld. Ausreden sollte es von nun an keine mehr geben, denn Hertha gehört nicht an die Wühltische der Liga.

Geschrieben von marxelinho am 18. August 2018.

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13. August 2018

Die Deutung der Andeutung

Same old, same old Arsenal. So lästern die Fans in England gern, die nicht Anhänger der Gunners aus Nord-London sind. Das selbe alte Arsenal verlor gestern 0:2 gegen Manchester City, es war alles neu, und es war alles beim Alten. Die Niederlage war verdient, sie wurde von Unai Emery verantwortet, und nicht mehr von Arsène Wenger.

Natürlich ist City der denkbar härteste Auftaktgegner. Auch ohne De Bruyne und David Silva war das schon wieder ein Ballbesitzfußball der exquisitesten Art. Ich musste nebenbei auch an Pal Dardai denken, der in einem Kicker-Interview vergangene Woche den pragmatischen Stil, mit dem Frankreich Weltmeister wurde, als Bezugspunkt nannte. Wir kommen noch darauf zurück, aber zu einer Orientierungsmarke sollten die vergleichsweise dürftigen Spiele beim Nationenturnier nicht werden. Das wäre zu populistisch. Auf Clubebene zeigt sich jedenfalls ein ganz anderer Fußball, und Manchester City unter Guardiola ist da inzwischen eine Instanz.

Emery überraschte mit zwei Personalien. Im Tor entschied er sich für Cech, und im defensiven Mittelfeld für den jungen Guendouzi neben Xhaka und - das war dann auch schon die Schlüsselpersonalie in Halbzeit eins - neben Mesut Özil. Man kann es auch ganz offen aussprechen: Emery hat das Spiel mit diesem 4-3-3 zuerst einmal vercoacht. Er hatte anscheinend die Idee, dass Aaron Ramsey ganz vorn das Anlaufen führen sollte, dadurch musste aber Özil de facto auf eine defensive Position rücken, hatte es mehrfach mit Mendy zu tun, oder kam gar nicht richtig ins defensive wie ins offensive Spiel.

Bellerin war rechts hinten auch in der zweiten Halbzeit noch mehrfach grob exponiert, dabei hatte sich Guendouzi da schon halbwegs erfangen. Er war für mich der Mann des Spiels, seine defensiven Fehler waren gewichtig, er ließ aber erkennen, dass er ein herausragender Integrationsspieler werden könnte - er braucht dazu allerdings einen wacheren Nebenmann als den gestern schwachen Xhaka, und er braucht Özil in einer anderen Position.

Irgendwie hatte Emerys Formation gestern noch einen Wackelkontakt: Arsenal kam nur ganz selten ins Gegenpressing, also zum hohen Anlaufen. Die Formation wirkte nicht so richtig auf den Kreisläuferfußball von City bezogen: erst später, als Özil zentraler spielte, und Aubameyang mehr über links kam, wurde die Sache ein bisschen besser.

Leider zeigte sich auch, dass Arsenal für die Defensive rätselhaft eingekauft hat: Sokratis mag ein Mentalitätsspieler sein, aber zum Herausspielen gegen eine ihrerseits stark anlaufende City trägt er wenig bei. Gestern wäre eigentlich eine Gelegenheit für ein 3-5-3 gewesen, aber dafür hat Arsenal derzeit keinen einzigen wirklich geeigneten Spieler (Mavropanos kenne ich noch nicht). Maitland-Niles schied früh verletzt aus, damit ist links hinten erst einmal Großbaustelle. Xhaka ist als Mann vor der Zentrale bereits angezählt. Torreira machte nach der Einwechslung ein paar gute Sachen.

Arsenal war im Detail nicht vollständig, insgesamt aber konzeptionell doch eindeutig chancenlos. Die Zeiten, in denen man gegen Manchester City noch auf Augenhöhe spielen konnte, in denen es also darum ging, mehr den Ball zu haben und selbst so viel wie möglich das Spiel zu gestalten, sind vorerst vorbei. Mit Guendouzi deutet sich allerdings an, dass da durchaus Möglichkeiten bestehen.

Nach diesem ersten Spiel kommt mir vor, dass Arsenal in diesem Jahr zu einer interessanten Fallstudie werden kann, denn die Scheinalternative zwischen einer Ballbesitzmannschaft und einer Umschaltmannschaft ist hier noch erkennbar - und bedarf einer Lösung je nach Gegner. Ich denke, man kann diesbezüglich fast eine Regel formulieren: Mannschaften sind umso besser, je klarer es ihnen gelingt, sich von dieser Alternative zu lösen, und beide Modelle ständig zu variieren. Emery sagt das auch, gestern ließ er aber noch nicht erkennen, wie er das zusammenfügen will. Vor allem aber ließ Man City Arsenal keine Gelegenheit dazu.

Ich denke bei all dem natürlich immer auch an Hertha, den Fixpunkt bei meinen Fußballbeobachtungen. Pal Dardais Interview im Kicker stimmt mich ein bisschen besorgt - es klang für mich ein bisschen so, als könnte er aus falschen Schlüssen schon wieder einen Vorrat an Ausreden anlegen. Dabei hat die Saison noch gar nicht begonnen. In England hat sie begonnen, und für Arsenal tatsächlich mit der Erkenntnis, dass sich eine Menge ändern muss. Im August schreibt sich so etwas zum Glück lockerer als im Februar oder März.

Geschrieben von marxelinho am 13. August 2018.

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