03. November 2017

Das Schattenkabinett tritt aus dem Schatten

Es war eine interessante Mischung aus Trotz und Kühnheit, mit der Pal Dardai das UEFA Europa League Heimspiel gegen FC Zorya Luhansk anging. Bei der Pressekonferenz vor dem Spiel gab er sich schlecht gelaunt, und man konnte fast schon den Eindruck bekommen, dass ihm an diesem Bewerb nicht mehr viel gelegen ist ("bald wird weniger Spiele geben", das klang nicht nach unbedingtem Willen, im Frühjahr noch im Bewerb zu sein).

Der relativ sichere 2:0-Sieg am Donnerstagabend war dann aber auch Ausweis eines sehr gescheiten Personalmanagements: Mit Torunarigha und Mittelstädt in der Viererkette, mit Maier als Skjelbred, und mit Selke als Goalgetter war das eine Formation, die nicht so sehr nach Rotation aussah, sondern nach einer Mischung aus Schattenkabinett und Dreijahresplan.

Ich sah das Spiel aus einer für mich ungewohnten Perspektive, weil ich eine Karte in der Ostkurve bekommen hatte. Es war ein großartiges Erlebnis, nicht nur wegen der Stimmung, sondern auch wegen der Perspektive: die Breite des Felds, und ein Spiel, das ständig auf dich zukommt - jedenfalls, wenn Hertha so offensiv spielt, wie es am Donnerstag war. In der zwoten Halbzeit kam dann auch das Spiel von Luhansk das eine oder andere Mal auf uns zu, vor dem zweiten Treffer hatte es auch eine seriöse Ausgleichschance gegeben.

Man konnte die Aufstellung so ein bisschen wie einen aktuellen Themenzettel bei Hertha lesen: das Comeback von Mittelstädt machte bewusst, dass auch Plattenhardt einen "understudy" braucht. Stocker im defensiven Mittelfeld schloss an eine Idee aus dem Sommer an, die vielleicht zu schnell zu den Akten gelegt worden war. Die Kombination Maier-Stocker-Duda erwies sich als variabler als das in der Liga meist deutlich konservativere Mittelfeldspiel. Selke ist immer noch auf dem Weg in die Stammformation, es ist aber offensichtlich ein guter Weg. Kalou, dem das Tempo schon fehlt für die wirklich entscheidenden Momente, ist ein Topmentor für so eine Mannschaft.

Eine kleine Extrabemerkung zu Jordan Torunarigha: Mit seiner Stilistik hat er das Zeug zu einem absoluten Kultspieler. Er bewegt sich ein bisschen so, als würde er sich über sein virtuelles Double lustig machen (ich spiele nie digital Fußball, aber ich nehme an, es gibt ihn dort schon). Auf ihn können wir auf jeden Fall sehr gespannt sein.

Mit diesem Sieg hat Hertha (oder Gertha, wie viele Fans von Luhansk sagen würde, die auch Gitler sagen, wenn sie Hitler meinen, und Lugansk, wenn sie sagen, dass sie aus Luhansk kommen) in der Gruppe noch Chancen. Es würde wohl einen Sieg in Bilbao brauchen, damit das abschließende Heimspiel gegen Östersund noch spannend sein kann. Aber da kann Hertha sich ein Vorbild bei dem gestrigen Gegner nehmen: Luhansk hat in Bilbao gewonnen, in Berlin gab es eine verdiente Niederlage. Ergibt nach Adam Riese, dass Hertha in Bilbao klarer Favorit ist.

Auch wenn der Fußball natürlich solche Logik ständig ad absurdum führt, hat der Abend mit dem 20000 Superfans im Oly gezeigt, dass der Bewerb es wert ist, dass man um ihn kämpft. Pal Dardai sieht die Europa League offensichtlich eher als eine Art Praktikum, aber gerade deswegen ist sie so wertvoll. Nach ein paar dürren Wochen, zu denen das HSV-Spiel durchaus noch zu zählen ist, ist nun das Jahresthema wieder da: einen tiefen Kader mit flacher Hierarchie zu schaffen, in dem Spieler einander positiv unter Druck setzen.

Jetzt kann man nur hoffen, dass sich die Energie vom Donnerstag nicht auf dem kurzen Weg in die Autostadt (und beim Wechsel zu einer weniger experimentellen Elf) wieder verflüchtigt, und der alte Trott zurückkehrt.


Geschrieben von marxelinho am 03. November 2017.

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01. November 2017

Vorstellungsgespräch


Bei einem sehr interessanten Abend, zu dem Fankurve Ost und Gesellschaftsspiele eingeladen hatten, traf ich Ihor Kovtun, Fan (Ultra) von Zorya Luhansk, morgen Abend Gegner von Hertha in der Europa League. Ich konnte ihn für ein kleines Propädeutikum zu dem Spiel gewinnen.

Geschrieben von marxelinho am 01. November 2017.

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31. Oktober 2017

Die Gabe der Läuterung

Der Name des Vereins, für den Änis Ben-Hatira derzeit spielt, ist passend: Hoffnung Tunis (Espérance Sportive de Tunis). Der gebürtige Berliner ist im Land seiner familiären Wurzeln angelangt, und bei einem Marktwert von 500.000 Euro. Das ist eine Summe, bei der man fragen könnte, ob da die politischen Umstände eingerechnet sind, die es mit sich gebracht haben, dass Ben-Hatira in Deutschland keinen Verein mehr finden dürfte.

Als Unterstützer der muslimischen Charity Ansaar International hat er sich dem Vorwurf ausgesetzt, sich nicht ausreichend und ausdrücklich von salafistischer Ideologie distanziert zu haben. Es war eine Menge öffentlicher Druck im Spiel, als sein Vertrag bei Darmstadt 98 zu Beginn dieses Jahres aufgelöst wurde.

Wie es ihm seither ergangen ist, das zeigt eine Reportage des SWR, die nun den ganzen November hindurch in der Mediathek von Arte abrufbar sein wird: Profi im Abseits. Offensichtlich konnten die Gestalter dieser Sendung ihn über einen längeren Zeitraum hinweg begleiten, es gibt Material aus Gaziantep, wo er eine Weile gespielt hat. Gaziantepspor ist inzwischen aus der SüperLig abgestiegen. 2015 war ich einmal in der Stadt, ein Spiel konnte ich damals nicht sehen, aber das Stadion habe ich fotografiert.

Die SWR-Reportage bemüht sich um Ausgewogenheit in einer diffizilen Angelegenheit. Denn man sollte doch unterscheiden zwischen der Tätigkeit von Ansaar International insgesamt und deren Politik (zum Beispiel den Predigern, mit denen man sich einlässt) und dem Engagement von Änis Ben-Hatira und seiner Motivation. Auch wenn er vermutlich mit den Leuten bei Ansaar auch persönlich gut bekannt ist, muss man davon ausgehen, dass er nicht im vollen Sinn überblickt, was diese Organisation macht. Das könnte für ihn auch Grund genug sein, sich (präventiv) vollständig von ihr zu distanzieren, dafür hat er aber offensichtlich bisher keinen Grund gesehen.

Was erfahren wir nun in diesem Film über Ansaar? Der Chef, der deutsche Konvertit Joel Kayser, ist bei einem Hilfseinsatz an der türkisch-syrischen Grenze zu sehen. Er weist darauf hin (und hat damit Recht), dass im sogenannten freien Syrien (ein Begriff, der in den Monaten, seit diese Szene gedreht worden sein muss, durch die Erfolge des Bündnisses Assad-Putin an Sinn verloren hat), die Unterscheidung zwischen Freiheitskämpfern gegen das Assad-Regime und islamistischen Bewegungen nicht mit der wünschenswerten Klarheit zu treffen ist. (Hier das Twitter-Profil eines exzellenten Kenners der Lage: Charles Lister.)

Interessanterweise zeigt der Film Ansaar in Suruc bei Hilfestellung für Kurden, die aus Syrien über die Grenze gekommen waren. Hier wären Nachfragen sinnvoll gewesen, denn dieser Umstand akzentuiert sowohl die Verbindung von Ansaar zu türkischen Autoritäten, als auch das Wohlfahrtsverständnis der Organisation, die behauptet, ihre Hilfe käme nicht nur Muslimen zugute. Die Kurden sind zwar Muslime, in der Türkei aber unterdrückt - die Szene wird nicht so ausgewertet, wie es sinnvoll gewesen wäre.

Die Reportage versucht, allen Seiten in der Angelegenheit gerecht zu werden, und das gelingt auch ganz gut. Allerdings ist genau das meiner Meinung auch der Nachteil bei diesem Format: man holt eben von verschiedenen Seiten Stimmen ein, und verlässt sich darauf, dass sich daraus ein Gesamteindruck entsteht.

Es ist ein Eindruck, der auf Schnipseln beruht. Was man mit Änis Ben-Hatira einmal machen müsste, wäre ein sorgfältiges, ausführliches, ungeschnittenes Interview, in dem man ihn zu seinem Verhältnis zum Islam, zu seinem daraus folgernden Verständnis von (Geo-)Politik und zu Deutschland befragt. Daraus könnte man eine Menge lernen. Bei Joel Kayser gilt natürlich das Gleiche, und auch Mesut Özil hätte sicher eine Menge zu sagen, aber der wird in dieser Angelegenheit offensichtlich besser beraten.

In Tunesien hat Änis Ben-Hatira, soweit ich sehe, bisher noch wenig Einsatzzeiten bekommen, und von seinem Ziel, 2018 bei der WM für Tunesien zu spielen, dürfte er weit entfernt sein. Dass er als Spieler, auch bei Hertha, nirgends wirklich und vor allem längerfristig überzeugen konnte, sehe ich latent auch als ein Symptom für seine zwiespältige Position: potentiell ein absoluter Sympathieträger, allerdings in einer Gesellschaft, in der mit seiner Religion von verschiedenen Seiten viel dubiose Politik gemacht wird (das gilt sicher auch für Ansaar).

Ich nehme es ihm absolut ab, dass er alles immer gut gemeint hat. Aber seine "Läuterungsgabe" (schon über die islamischen Begriffe Zakat und Sadaqua könnte man ihn eine Menge fragen) ist nun einmal nicht nur eine soziale Tat, sondern auch ein Zeichen. Und darüber hat er nur bedingt Kontrolle. Er zahlt nun auch den Preis dafür, dass ihm die perfekt durchkalkulierte Inszenierung einer öffentlichen Persönlichkeit nicht so wichtig war, vielleicht auch zu hoch. Er wollte wohl authentisch sein, und er ist es immer noch. Mögen zumindest seine sportlichen Hoffnungen sich erfüllen!

Hier ein gutes Weblog zu einschlägigen Fragen: Erasmus-Monitor

Geschrieben von marxelinho am 31. Oktober 2017.

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29. Oktober 2017

Stabile Seitenlage

Fußball ist ein Sport, bei dem (halbwegs) organisierte Bewegung zu Zahlenreihen führt. Es bräuchte also im Grunde das Erzählen gar nicht, denn das, was auf dem Platz passiert, sieht man, und danach kann man die Tabelle lesen. Damit wäre der windige Samstagnachmittag in Berlin wahrscheinlich auch angemessen verhandelt: Hertha BSC - Hamburger SV 2:1 (Halbzeit 1:0). Das ergibt in der Summe der bisherigen Saison die ausgeglichen wirkende Bilanz von drei (Heim-)Siegen, vier Unentschieden und drei Niederlagen (gegen Dortmund, Schalke und Mainz), eine Tordifferenz von minus 1 (bei elf erzielten Toren), 13 Punkte und Platz 10 (der am Sonntag noch an Augsburg gehen könnte).

Hätte der HSV nicht in der zweiten Halbzeit noch einen Anschlusstreffer erzielt, wäre das alles ganz herrlich ausbalanciert, denn dann wäre mit einer Tordifferenz von 0 auch deutlich sichtbar gewesen, dass Hertha derzeit in beide Richtungen offen ist. Oder vielleicht sogar genauer: in beide Richtungen geschlossen. So halbwegs jedenfalls.

Denn in den Details lauern die Geschichten, und aus den kleinen Geschichten werden Erzählungen. Die Erzählung der vergangenen Woche war die einer (von außen) "hereingeredeten Krise" (Pal Dardai) oder einer "Negativspirale" (Sebastian Langkamp). Die Krise - über die man natürlich genauer sprechen muss - wurde durch zwei Kopfballtreffer von Stark und Rekik nach Eckbällen von Plattenhardt und Weiser abgewendet. Der Gegentreffer war dagegen eher noch Krisenmodus, denn einmal mehr ließ sich da die ganze Formation einen Ball in neuralgischen Zonen um die Ohren spielen.

Dem HSV reichte schließlich aber nicht einmal eine merkwürdig überproportionierte Nachspielzeit von vier Minuten für den Ausgleich, sodass wir uns ein bisschen entspannter der Frage zuwenden können, welcher Art die Krise von Hertha ist oder war - und ob sie abgewendet worden ist, nie existiert hat oder vielleicht immer noch besteht?

Ich neige zu der dritten Möglichkeit, würde dabei aber gern genauer fassen, um was für eine Krise es geht. Ich würde von einer Lernkrise sprechen. Pal Dardai greift ja selbst gern immer wieder auf den Topos von einem Ausbildungsverein zurück, zuletzt klang das aber schon manchmal nach einer Ausrede dafür, dass bei Hertha derzeit keine Fortschritte erkennbar sind. Und wenn ich neulich die Zwischenbilanz seines Wirkens bei Hertha mit dem Wort Stagnation benannt habe, dann liegt das an bestimmten einfachen Tatsachen, an denen sich nie wirklich etwas geändert hat, die aber grundlegend für die Schwierigkeiten der Mannschaft sind.

Hertha tut sich schwer, das (oder ein) Spiel zu machen. Das ist - im Kommentatorendeutsch - der Grundbefund. Aber warum ist das so? Ein Faktor ist sicher die individuelle Qualität der Spieler. So konnte man gegen den HSV sehen, dass Lazaro (derzeit noch?) in etwa die Qualität hat, die Haraguchi auch hat (und die ihn seinen Stammplatz gekostet hat). Defensiv würde ich Lazaro sogar als schwächer als Haraguchi einschätzen. Er ist aber nun einmal ein Neuzugang, und muss natürlich seine Chancen bekommen.

Lazaro war auch keineswegs der Schlüssel für die Schwierigkeiten, gegen den HSV ein Spiel zu machen - auch wenn es frustrierend ist, wenn die offensiven Spieler ihre raren Momente vergeuden. Der Schlüssel zu den Hertha-Problemen liegt im defensiven Mittelfeld - und zwar seit der Bestellung von Pal Dardai zum Cheftrainer (de facto noch viel länger, aber es macht keinen Sinn, hier noch einmal das Fass aufzumachen, in dem Niko Kovac lange der Berliner Diogenes war). In der Konstellation Skjelbred-Stark war die Doppelsechs im defensiven Mittelfeld am Samstag noch ein bisschen flacher als sonst. Vor allem aber lohnt es sich, den beiden zuzusehen, wenn Hertha von ganz hinten das Spiel eröffnen muss.

Dass von Langkamp und Rekik keine interessanten längeren Bälle kommen, damit kann man sich abfinden - auch wenn es dem Ziel einer integrierten Mannschaftsleistung und einer variablen Spielanlage nicht dienlich ist. Dass Skjelbred und Stark aber in dieser Situation in der Nähe eines Gegenspielers einfach herumstehen, weil sie ganz fest davon ausgehen, dass der Ball sowieso nach außen gehen muss, das ist eine der großen Merkwürdigkeiten, die aber bei Hertha (in unterschiedlichen personellen Besetzungen) ganz normal sind.

Zu Saisonbeginn gab es in so einer Situation oft noch eine Dreierreihe, weil sich einer aus der Doppelsechs zurückfallen ließ (dann schaltete der andere eben allein ab), diese Variante war aber nichts anderes als eine taktische Verstetigung des Umstands, dass Hertha nur über außen aufbauen will. Inzwischen ist man von dieser Variante mit Aufbaulibero auch wieder weitgehend abgekommen, weil sie nicht viel mehr ergab als das, was schon davor die Regel war - nämlich Spiel über die Seite. Die Seite hat bei Hertha selten eine zweite.

Wie könnte eine Spieleröffnung aussehen, mit der jenes Tempo entsteht, das den Gegner zu Fehler zwingt? Die Lösung ist so naheliegend, dass sie anscheinend niemandem einfällt. Es müssten sich einfach nur alle bewegen. Und zwar gar nicht hektisch und mit sinnlosen Sprints, sondern so, dass sich in dem Bereich, in den das Spiel geht, immer vier, fünf Spieler für die Situation zuständig fühlen, dass sie mit ihren Bewegungen Optionen anbieten und dem Gegner Dilemmata. Bei Hertha fühlen sich aber immer nur zwei bis drei Spieler in eine Situation einbezogen.

So kommt es fast nie zu der eigentlich logischen Variante, dass der Ball über die Außenposition in die Mitte geht (dort allerdings eine Reihe weiter vorn, wozu Plattenhardt allerdings auch einmal seinen rechten Fuß benützen müsste, nachdem nun allerdings sein linker so MAGISCH ist, sei ihm das halt erspart), und von dort in verschiedene Richtungen. Der alte Topos von den Dreiecken, über die man nach vorn kommt, gilt bei Hertha nicht, weil das zentrale Mittelfeld dafür keine Eckpunkte (Anspielmöglichkeiten) anbietet. (Arne Maier fällt deswegen auf, weil er das schon ein wenig anders macht.)

Ergo Plattenhardt oft wieder auf Rekik, und dann ein langer Ball (und analog auf der anderen Seite). Die "Krise" von Hertha liegt darin, dass die paar Halbzeiten, in denen sich dieses Jahr schon ein anderes Spiel angedeutet hat (Leverkusen, Hoffenheim), derzeit wieder vergessen scheinen. Das hat natürlich auch mit Integrationsfragen zu tun: Ibisevic muss mitgeführt werden, Selke herangeführt, Duda darf nicht jetzt schon abgeschrieben werden (auch wenn sein Stil ihn dafür zu prädestinieren scheint), Lazaro muss positionell erst einmal ausprobiert werden.

Der Sieg gegen den HSV hat wieder einmal gezeigt, dass eine Mannschaft wie Hertha wirklich bei jedem Standard maximale Konzentration braucht (in diesem Fall hat auch Weiser sie gezeigt). Der erste Treffer durch Stark war eigentlich ein Klassiker (Hertha hat solche Tore auch schon markant kassiert, ich denke an Gentner vom VfB Stuttgart). Das zweite war glücklicher, das kann man auch eigentlich nicht verteidigen, denn ein exzellent getretener Eckball kommt einfach irgendwo dort an, wo der Keeper nicht hinkommt, und wo sich auf einer Linie vier, fünf Köpfe bereithalten, die nicht bis ins letzte Detail reagieren können. Bei Rekik passte es dann genau, Ibisevic war knapp dran, und doch hatte er keine Chance auf diesen Ball.

Krisen sind immer auch Anpassungskrisen. Bei Hertha sind wir es gewöhnt, die Ansprüche ständig anzupassen. Derzeit zum Beispiel den Anspruch, dass das Wort vom "Ausbildungsverein" nicht im Sinne einer Ausrede gebraucht wird. Wenn schon, dann auch Lernerfolge. Lernen ist immer Detailarbeit. Und von diesen Details ist derzeit eher wenig zu sehen. Das ist die Krise. Der Heimsieg gegen den HSV hat sie nur numerisch behoben. Sie ist nicht dramatisch, aber man sollte ihr doch abhelfen.

Geschrieben von marxelinho am 29. Oktober 2017.

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Jörg (am 29. Oktober 2017)

Was ich beim Spiel gegen Köln als besonders frustrierend empfand, das war, dass Hertha etwa 30 Minuten gut gespielt hat, gut und dynamisch stand, so dass ich den Eindruck hatte, es ist nur eine Frage der Zeit, bis das erste Tor für Blau-Weiß fällt. Dann kam eine Kombination von Fehlern, die der Gegenmannschaft das erste Tor ermöglichte. Daraufhin wurde Hertha immer unruhiger und verzweifelter, bis es am Ende ein Fiasko wurde, nicht unbedingt vom Ergebnis, sondern von der Spielweise. Mehrfach war man im Angriff so unkoordiniert, dass man sich entweder auf den Füßen stand oder gar beide Stürmer dem jeweils anderen den Vortritt lassen wollten (vor allem Selke sah nicht gut aus). Vor dem gestrigen Spiel hätte ich nicht gewußt, wie man darauf reagieren soll. Von der Taktik der Aufstellung gegen Hamburg war ich dann auch überrascht. Es stand wieder sehr viel Erfahrung auf dem Platz. Langkamp, Kalou, Ibisevic, Pekarik. Und nicht nur das, die Spielanlage war auch so, wie ich sie von vor etwa einem oder zwei Jahren bei Hertha kannte. Zwischendurch glaubte ich auch ein leicht verschobenes 4-3-3 erkennen zu können. Und gleichzeitig habe ich Stark und Lazaro als sehr gut empfunden (Lazaro vielleicht nur im Vergleich zu Kalou und Ibisevic). Für mich sah das gestern gegen den HSV also aus wie ein Rückgriff auf Altbewährtes mit Einsprengseln von Neuem. Hoffentlich war das nicht der Anfang des Verzichts auf die neue Idee der Spielanlage, wie ich sie gegen Leverkusen noch so bewundert habe. Hoffentlich war das nur der Erweis, dass Hertha inzwischen sehr unterschiedliche Spielstrategien für unterschiedliche Anforderungen im Repertoire hat.
26. Oktober 2017

Tradition an der falschen Stelle

Die Zukunft gehört Berlin. So stand es gestern auf meiner Eintrittskarte für das Pokalspiel gegen Köln. So steht es über der ganzen Saison von Hertha BSC, die mit dem 125. Geburtstag begann. Die Gegenwart gehörte dann leider Köln. 3:1 für die Gäste, die nähere Zukunft für Hertha liegt in einer Zweifachbelastung, hinter der sich schon deutlich eine Einfachbelastung abzeichnet. Wenn die dann mal bloß keine Überforderung darstellt!

Das Motto klang gestern besonders anmaßend angesichts der Besucherzahl im Olympiastadion: 33459 Leute kamen, darunter neben mir ein desinteressierter HSV-Fan, der nach 40 Minuten mit seinen Whatsapp-Chats offensichtlich so weit vorangekommen war, dass er aufstand und nicht mehr gesehen ward. Hätte die gleiche Begegnung in Köln stattgefunden, sie wäre ausverkauft gewesen. In Berlin liefen nach dem 0:3 auch schon die treueren Fans nach Hause. Und da war noch eine halbe Stunde zu spielen.

Aber so ist das halt mit der Hertha und Berlin. Das ist keine Liebesbeziehung, schon gar keine traditionelle, und eine erarbeitete wird es bei den aktuellen Leistungen der Mannschaft auch nicht. So bleibt, nicht zuletzt nach dem Kniefall von neulich vor dem Schalke-Spiel, der Eindruck, dass das Kerngeschäft (der Sport) mit der Markenbewirtschaftung nicht Schritt hält. Und das lässt dann halt auch die Markenbewirtschaftung immer wieder komisch aussehen.

Denn im Sport ist natürlich die Leistung die Golddeckung. Hertha hat keine alten Meriten, von denen sich zehren ließe, dass sie aber jetzt schon wieder einmal so auf Null stehen würde, wie sie es derzeit tut, das ist doch verblüffend. Aus dauerndem déjà-vu lässt sich jedenfalls keine Zukunft basteln.

Die drei Gegentore gegen Köln hatten jeweils eine Geschichte. Interessant daran sind nicht so sehr die individuellen Fehler, sondern die Muster, die sich dabei zeigen. Hertha ist in diesen Wochen auf eine merkwürdige Weise begriffsstutzig, es fehlt markant an Geistesgegenwart: Plattenhardt läuft beim entscheidenden dritten Gegentor mit nach hinten, vollkommen fixiert auf einen Ball, von dem ihm nicht einmal in Ansätzen in den Sinn kommt, dass er es mit ihm noch zu tun bekommen könnte. Die Wahrscheinlichkeit, dass er an den Pfosten geht, ist ja auch gering. Fußball ist aber nun einmal der Versuch, in die Lücken der geringen Wahrscheinlichkeit zu gehen. Das gilt offensiv genauso wie defensiv.

Köln hat den ganzen Abend nach diesen Lücken gesucht, in jedem Zweikampf, mit jedem Lauf von Handwerker, der so viel wirkungsvoller war als Lazaro, mit einem Eckball von Jojic, der so viel konzentrierter getreten war als einer von Lazaro, den er auch persönlich bei Horn hätte abgeben können.

Warum sucht Hertha so halbherzig nach ihren Möglichkeiten? Die Mannschaft ist in der derzeitigen personellen Situation so verfasst, dass sich alle hinter ihren (eng definierten) Aufgaben und voreinander verstecken können. Die Innenverteidigung ist nicht auf der Höhe, verzichtet dafür aber fast vollständig auf einen Beitrag zum Aufbauspiel. Das defensive Mittelfeld arbeitet konservativ und unkoordiniert an einem Wechseldienst, bei dem einer immer abschaltet, wenn der andere sich anbietet. Die Oldies Ibisevic und Kalou werden möglicherweise nicht mehr in diese Saison finden. Bei Duda könnte das auch so sein.

Pal Dardai wirkte in der kurzen Pressekonferenz nach dem Spiel ratlos. Er sprach von einer Lähmung. Es ist eine, die im Grunde seine gesamte bisherige Tätigkeit geprägt hat. Hertha hat ab und zu Ansätze zu einer Verbesserung gezeigt, aber insgesamt ist die Signatur der bisherigen zweieinhalb Jahre von Pal Dardai als Cheftrainer bei Hertha BSC doch sehr eindeutig: Stagnation.

Wie oft kann man alles schon einmal gesehen haben? Prinzipiell wohl so oft, wie es die Zukunft hergibt, die in der eigenen Lebenszeit enthalten ist. Immerhin hat Hertha mit dem schwachen Spiel gegen Köln ein bisschen Tradition gestiftet. Denn traditionell ist die Mannschaft im Pokal ja nicht gut. Darauf scheint sie sich ausgerechnet in einem Jahr besonnen zu haben, das wir gern für zukunftsträchtig gehalten hätten.


Geschrieben von marxelinho am 26. Oktober 2017.

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Valdano (am 27. Oktober 2017)

Bist ja doch ein alter Aristoteliker, wenn Du schreibst: "wie es die Zukunft hergibt, die in der eigenen Lebenszeit enthalten ist". In Herthas Entwicklung, derart entelechetisch betrachtet, müsste dann der Abstieg notwendig enthalten sein. Gruß von Valdano
23. Oktober 2017

Der Beweis ist im Video und im Pudding


"Hertha ist auch scheiße." Das war gestern der erste Satz zum Thema Fußball, den ich im schönen Freiburg zu hören bekam. Ich aß Pfifferlinge mit Spätzle, und dachte darüber nach, wen die Gruppe am Nebentisch wohl noch gemeint haben könnte. Wer ist - außer Hertha - auch noch "scheiße"? Von den Fans des SC Freiburg würde man ja eigentlich nicht erwarten, dass sie so über die eigene Mannschaft sprechen.

Auf dem Weg ins Schwarzwaldstadion bekam ich dann noch die eine odere andere Expertenmeinung mit, die Hertha eher in der Preisklasse der Heimmannschaft verortete, als bei den Großen der Liga. Leider trug das Spiel dann nichts dazu bei, diese Geringschätzung zu entkräften. Hertha hat keinen Nimbus. Hertha macht niemand nervös. Hertha ist ein dankbarer Gegner für Mannschaften wie den SC Freiburg, die sich derzeit eher so recht und schlecht abmühen.

Das 1:1 erschien mir dann insgesamt als ein angemessenes Ergebnis. Nach der schwachen ersten Hälfte beider Mannschaften gab es in der zweiten immerhin noch die eine oder andere Aufregung. Und Hertha fand nach einigen Einwechslungen dann doch noch in ein Spiel, von dem man schon den Eindruck haben konnte, die Mannschaft wäre unter Protest angetreten. Gegen die Mehrfachbelastung? Gegen die Chance, eine spannende Geschichte zu schreiben? Gegen jegliche Erwartungshaltung?

Auswärtsspiele in kleinen Stadien geben dem mitgereisten Fan manchmal die Gelegenheit, ein paar Beobachtungen zu machen, die sonst nicht möglich sind. So fand ich den desinteressierten Vortrag in Halbzeit eins nicht mehr ganz so rätselhaft, nachdem ich der Mannschaft beim Aufwärmen zugesehen hatte. Da war schon deutlich zu sehen, dass niemand unter Spannung war.

Und so pendelte sich die Sache auch bald in eine Art Routine ein, mit dem Mittelfeldduo Lustenberger-Skjelbred als dem bestens bekannten Epizentrum der Gemächlichkeit. Zur Pause zogen die Betreuer eine erste Konsequenz und ersetzten Ibisevic durch Selke. Das hatte vorerst keine Folgen, auch deswegen, weil Niklas Stark im zweiten Spiel hintereinander maßgeblich durch schlechtes Zweikampfverhalten zu einem Gegentreffer beitrug. Freiburg ging durch einen Elfmeter in Führung, und Stark hatte danach noch zwei Aktionen, in denen er sich über eine zweite gelbe Karte nicht hätte beschweren dürfen.

Zusammen mit den gelben Karten gegen Leckie (früh!) und Ibisevic ergibt das insgesamt den Eindruck einer Mannschaft, die jetzt schon nicht mehr auf einem Fitnesslevel zu sein scheint, das es für eine gute Koordination zwischen Absicht und Ausführung braucht. In der Halbzeit wärmten sich die Ersatzspieler noch einmal auf, auch diese kleine Einheit sah bei allen reichlich nachlässig aus.

Selke blieb lange wirkungslos, das Gleiche galt für Lazaro, der für Duda kam. Ich hätte Kalou ausgewechselt, aber das hätte dem Spiel den besten Moment geraubt: die beiden Elfmeter kurz hintereinander. Den ersten jagte er über das Tor, mit dem zweiten hätte er sich dann schon einigermaßen legendär blamieren können, aber da blieb er cool.

Zu diesem Zeitpunkt war das Spiel endlich in Bewegung. Das hatte bei Hertha vor allem mit der Einwechslung von Arne Maier zu tun. Er war nur eine Viertelstunde auf dem Platz, machte aber eine Menge Unterschied. Schon eine seiner ersten Aktionen ließ das en miniature erkennen: ein Zuspiel, das Skjelbred oder Lustenberger mit Sicherheit zu einer Ablage (mit dem Innenrist) nach hinten genützt hätten, nahm Maier an, und dann legte er sich - mit einem winzigen Manöver, in einem Sekundenbruchteil - den Ball auf den Außenrist. Damit hatte er das Spiel vor sich. Eine Sache von zehn Zentimetern und dreißig Metern zugleich.

Es sind solche Kleinigkeiten, auf die es heute im Fußball ankommt, auch in den Zweikämpfen, bei denen das Urheberrecht an Fouls meist in einem Joint Venture zu suchen ist: der eine Spieler bietet ein bisschen was an, der andere macht was draus. Selke kann das viel besser als Ibisevic. Der irritable Kapitän hinterließ in Freiburg leider den deutlichen Eindruck aktuell mangelnder Konkurrenzfähigkeit. Im Verbund mit einer mehrfach zerstreuten Defensive und nicht gerade sprühenden Flügelspielern ergibt das eine Mannschaft, die auf der Suche ist. Immerhin haben Maier und Selke angedeutet, dass da noch mehr möglich ist.

Mit dem Remis kann Hertha halbwegs undramatisch in die nächste englische Woche gehen. Ich bin spätnachts nach Berlin zurückgekommen. Zwischen den vielen Spielen muss ich jetzt erst mal sehen, wo ich die normale Arbeit unterkriege.


Geschrieben von marxelinho am 23. Oktober 2017.

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Jörg (am 25. Oktober 2017)

Dardai sagt, dass er momentan zufrieden ist. Schützt er damit nur die Mannschaft oder spiegelt sich das auch in seiner taktischen Aufstellung wider? Im Spiel gegen Freiburg hat man in der ersten Halbzeit gesehen, dass Hertha nicht in der Lage ist, konsequent nach vorn zu spielen und sich Torchancen zu erspielen, das war ein krasses Gegenteil zu dem Spiel gegen Leverkusen. Waren Arne Maier und Davie Selke wirklich nur zwei leicht andere Spielertypen als Lusti und Kalou? Oder hat sich damit auch die "Statik des Spiels" geändert, haben sich dadurch neue Vektoren ergeben, hat Dardai auch die Taktik geändert, so dass sich plötzlich potentiell Elfmeter-generierende Situation ergeben konnten?
20. Oktober 2017

Das Pochen der Wahrheit

Oje, oje, oje, oje! Die Wochen der Wahrheit lassen sich für Hertha BSC gar nicht gut an. Nach der Heimniederlage gegen Schalke nun also eine Auswärtsniederlage gegen Zorja Luhansk in der Europa League. Damit bleiben nur noch drei Begegnungen, und schon jetzt ist klar, dass es allenfalls dann noch eine relativ eindeutige Wahrheit werden kann, wenn sie negativ ausfällt. Denn der Auftritt in Lemberg war bedenklich, am besten kommt man mit ihm vielleicht zurecht, indem man die Wochen der Wahrheit verlängert und das Retourspiel daheim in zwei Wochen gleich noch dazu zählt. Und zur Not auch noch das Auswärtsspiel in Wolfsburg am Sonntag darauf.

Man muss die Wahrheit bei Hertha derzeit möglichst strecken, um ihr nicht zu direkt ins Gesicht schauen zu müssen. Hilft aber nichts. Das Spiel gegen Luhansk war eine Blamage. Nebenbei hat Hertha, wie auch der FC Köln, der zweite "reluctant European" aus der Bundesliga, derselbigen schon wieder eine schlechten Dienst erwiesen. Und die Gruppe steht weiterhin auf dem Kopf, weil Bilbao in Östersund remisiert hat.

Gute Spieler und gute Mannschaften wachsen mit Herausforderungen. Das unterscheidet Hertha bisher noch ganz entscheidend von einer guten Mannschaft. Luhansk war ein unangenehmer Gegner, bot aber auch Angriffsflächen. Hertha bot schließlich die größeren. Das entscheidende Gegentor hatte eine Vorgeschichte in einer der zerstreutesten Defensivleistungen von Salomon Kalou. Jarstein konnte eine hochbrisante Situation zur Ecke klären, die Ecke wurde auch provisorisch geklärt, und dann lief Hertha in einen Konter, der mangels geistiger Teilnahme der Auswärtsmannschaft am Spiel ungestört ablaufen konnte, und auch den Vorteil hatte, dass er nur 25 Meter bis zur Grundlinie zu überbrücken hatte.

Fabian Lustenberger, der kurz davor schon einmal Karavaev in einen gähnend offenen Raum hatte laufen lassen, konnte gegen eine Hereingabe nichts ausrichten, bei der Karavaev dieses Mal der Absender war. Svatok fand den Dreh, dem vier Herthaner nicht einmal so richtig zuschauten. Sie waren geistig immer noch bei dem eben geklärten Corner und wunderten sich, warum das Spiel schon wieder auf sie zukam.

Drei Aspekte fielen mir insgesamt auf. Luhansk ist keine Klassemannschaft, man hatte aber in vielen Szenen den Eindruck, dass die Spieler individuell ausgebuffter waren als alle Herthaner. Es gab eine Menge Zweikämpfe, die schwierig zu bewerten waren. Hertha bot aber - nicht zuletzt vor dem Freistoß zum ersten Gegentor - immer genug an, damit jemand wie Lunyov Fouls ziehen konnte. Esswein hätte wohl einen Elfer bekommen müssen, Pekarik hätte aber auch einen verschuldet. In diesen Details hatte Luhansk ganz klar das bessere Ende. Das deutet auf eine Mischung aus mangelnder Frische, mangelnder Einstellung und auch technischem Ungeschick bei Hertha hin.

Die Mannschaft schien schwer damit zurechtzukommen, dass der agile Auftakt ohne Ergebnis blieb. Nach zehn Minuten hatte Luhansk den simplen Dreh heraus, mit dem fast alle Mannschaften es schaffen, Hertha auf die Außenbahnen hinauszupressen. Dort stagniert dann das Spiel. Ein ähnlich geordnetes Pressing spielt Hertha selbst interessanterweise nie.

Besonders genau haben viele Fans sicher der Arbeit im Mittelfeld zugeschaut. Dort war nämlich neben Lustenberger mit Arne Maier ein Nachwuchsspieler tätig, der zwar nicht fehlerfrei agierte, der aber doch mehr als nur Andeutungen machte. Nach einer Weile verließ er nämlich die flache Linie mit seinem Nebenmann, und begann eine Art Einfädler zu spielen. Da funktionierte beileibe nicht alles, aber es war doch eine deutlich modernere Interpretation dieser Rolle, als wir sie bei Hertha zuletzt gesehen haben. Maier spielte im Grunde das, wofür Darida zuletzt die Form fehlte. Ich fand ihn fast den besten Herthaner, in einer allerdings insgesamt schwachen Mannschaft.

Dass Hertha mit dieser Gruppe so extrem fremdelt, hat wohl nicht nur mit der mangelnden europäischen Erfahrung der meisten Spieler zu tun, sondern mit einer Rotation, die man eigentlich noch immer als eine erweiterte Saisonvorbereitung (bei nun aber schon eine Weile laufendem Spielbetrieb) sehen muss. Lazaro und Selke sind noch nicht integriert, und wenn dann rundum auch eher Unklarheit herrscht (Esswein ist sich ja traditionell selbst ein bisschen ein Rätsel, bei Weiser sieht es derzeit auch stark danach aus), kann ein interessantes Offensivspiel kaum stattfinden. Ohne Plattenhardts Hereingaben wäre Hertha vermutlich aktuell Abstiegskandidat.

Gegen Freiburg sollte Duda wieder spielen, und Selke für meine Begriffe in der Mannschaft bleiben. Vielleicht sogar Maier auch. Irgendwo über den Wolken zwischen Lemberg und Breisgau muss Hertha die Konzentration und die Mentalität finden, die in Europa derzeit fehlen. In zwei Wochen wird dann abgerechnet: Derzeit stehen die Zeichen auf Krisendiagnose, aber noch sind andere Wahrheiten drin.


Geschrieben von marxelinho am 20. Oktober 2017.

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19. Oktober 2017

Chancen, die man nicht hat, kann man nicht verwerten

Die Niederlage gegen Schalke wirkt bei mir nach. Sie ist deswegen so schmerzvoll, weil sie knapp, aber eindeutig war, und weil die Gegentore wie auch die Rote Karte für Haraguchi Geschenke waren. Und weil es ein Spiel war, das der Saison eine Richtung geben sollte. Die Richtung, die derzeit zu erkennen ist, wird niemand akzeptieren wollen. Die Süddeutsche schrieb mit einem schönen Bild von einem Herbstblatt, das sanft nach unten trudelt.

Die beiden Spiele an diesem Wochenende sind nun noch wichtiger geworden. In der Europa League hat Sorja Luhansk mit einem Sieg in Bilbao endgültig für Chaos in einer Gruppe gesorgt, die überhaupt nicht nach Programm läuft. In Lemberg muss Hertha auf Sieg spielen, und zwar wirklich.

Damit ist auch schon das allgemeine Problem benannt: Die Mannschaft verschafft sich offensiv zu wenig Ertrag. Das ist ein Muster, das sich durch die Jahre mit Pal Dardai zieht, und das sich andeutungsweise auch schon verändert, allerdings sind die Andeutungen in dem chancenlosen Spiel gegen Schalke schon wieder kaum auszunehmen.

Nach der Zählung des Kicker liegt Hertha bei der Anzahl der erarbeiteten Torchancen an letzter Stelle in der Liga: 27 bisher, das ist ein Schnitt von knapp über 3 pro Spiel. Ein erschreckender Wert, nebenbei auch weit unterhalb des Werts, den Dardai einmal in einer sehr optimistischen Formel genannt hat: Alle sieben Minuten wollte er damals Chancen, also mehr als ein Dutzend pro Spiel. Worauf ist der schwache Wert zurückzuführen?

Ein Faktor ist sicher die langfristige Disposition der Mannschaft, die sich nur ganz langsam von ihrem Selbstverständnis als hinten herum (und bei Jarstein) nach Sicherheit suchendem Ausbildungsverbund löst. Die berühmte Körpersprache lügt hier nicht. Bei vielen Zuspielen ist die Ablage nach hinten schon eingepreist, und zwar von beiden Beteiligten.

Das Mannschaftszentrum ist mit Skjelbred nach wie vor konservativ besetzt, auch wenn der Norweger ab und zu am gegnerischen Strafraum auftaucht. Darida (nun verletzt) sucht nach Umschaltmomenten, findet sie aber in der hochverdichteten Bundesliga nicht. Die Tedesco-Idee war am Samstag deutlich erkennbar: selten war ein Gegner im Oly kompakter, Hertha hatte vor allem auch taktisch das Nachsehen. Duda gerät notwendigerweise auch deswegen in viel Kleinklein, kann aber Raum schaffen.

Ein zweiter Faktor ist die aktuelle Personallage. Ganz vorne hat Hertha bisher noch null Kontinuität, weil Selke so lang verletzt war, und auch sonst die Rotation noch deutlich über das angeratene Maß hinausgeht, aus unterschiedlichsten Gründen. Gegen Luhansk soll Selke nun endlich einmal von Beginn an spielen, dazu wohl auch Lazaro. Vom neuen Jahrgang konnten sich bisher erst Leckie und Rekik so richtig zeigen, beide insgesamt sehr positiv. Esswein wurde als Zentralstürmer lanciert, bekam aber in Spielen, in denen er auf dieser Position vielleicht wirklich Sinn gemacht hätte (auch gegen S04), keine Chance.

Heute wäre nun eine ideale Gelegenheit, nach vorne zu spielen - und zwar in jeder Hinsicht. Es ist allerdings eine Gelegenheit, die schon unter Druck steht. Vielleicht beginnt die Saison tatsächlich heute noch einmal ein bisschen von vorn. Hahohehoffen wir das Beste!

Geschrieben von marxelinho am 19. Oktober 2017.

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15. Oktober 2017

Eine Frage der Abstände

Von einem Schlüsselspiel hatte der Trainer vor dem Aufeinandertreffen mit Schalke 04 gesprochen. Er wurde dann leider am Samstag auf eine Weise bestätigt, die er nicht gemeint haben wird. Hertha traf auf eine der Mannschaften, die im Vorjahr nicht in der Lage waren, Ambitionen auf Europa geltend zu machen. Hertha traf damit auf eine der Mannschaften, die jene Lücke gelassen hatten, in die sie selbst ("halb zog sie hin, halb sank sie hin") gestoßen war. Für die neue Saison ist noch offen, ob es diese Lücke wieder geben wird - oder ob Hertha inzwischen selbst über die Qualität verfügt, internationale Ambitionen aktiv und mit Nachdruck geltend zu machen.

Das Ergebnis (und die Erkenntnis) war ein wenig ernüchternd: 0:2, eine knappe, insgesamt aber verdiente Niederlage in einem Spiel, das in der Berichterstattung bisher zu schlecht wegkommt. Ich empfand es als ungeheuer spannend, allerdings vor allem in den Details.

Die erste Halbzeit war jedenfalls Rasenschach auf höherem Niveau. Hertha brauchte eine Weile, bis die Mannschaft sich auf das System von Domenico Tedesco eingestellt hatte. Insgesamt muss man wohl auch von einem Sieg der Taktik oder der Formation oder der Konzeption sprechen. Denn gegen das sehr variable 3-4-3 oder 3-1-4-2 gelang es nie, das Heft des Handelns in die Hand zu bekommen. Es war alles eine Frage der Abstände.

Hertha war sehr damit beschäftigt, nicht nur konkret die Lücken zuzulaufen, sondern auch die zwischen einer Schalker Formation, die viel häufiger zwischen die berühmten Linien kam, und der eigenen 4-5-1-Orthodoxie. Meyer auf der Sechs und der junge Harit waren viel wirksamer als Skjelbred und Darida, die kaum einmal Momentum bekamen - und wenn, dann spielte S04 einfach ein Foul. Insgesamt waren es 20, aber alle waren besser dosiert als das eine, mit dem Haraguchi sich kurz vor der Pause aus dem Spiel verabschiedete: glatt Rot wegen einer impulsiven Grätsche.

Die Betreuer opferten in der Pause Duda (der mir weiterhin vielversprechend erscheint, es hätte auch seine zweite Halbzeit werden können) und Kalou, der als Mittelstürmer keinen Auftrag hatte. Bald danach nützte Harit den zusätzlichen Raum für einen klugen Lauf in den Strafraum, und Darida war ungeschickt genug, ihm ein Bein anzubieten. Den Elfmeter verwertete Goretzka sicher, obwohl Jarstein sogar noch an den Ball kam.

Darida vergeudete später, kurz vor dem 0:2, auch noch einen vielversprechenden Freistoß, den er sinnlos ins Nirgendwo schoss - also doch ein markant missglückter Nachmittag für einen Schlüsselspieler. Das Siegel auf die Niederlage kam von Rekik, der im eigenen Strafraum an den Ball kam, ihn dann aber eine gefühlte Ewigkeit lang nicht los wurde (werden wollte), sodass Burgstaller ihn von hinten wegspitzeln konnte - Naldo spielte ihn elegant gleich wieder in die Gasse des Stürmers, der ohne Umstände verwertete. So was nennt man vielleicht einen Rebound.

Ohne die Dummheit von Haraguchi wäre vielleicht etwas drinnen gewesen für Hertha, denn die Tendenz sah zu diesem Zeitpunkt doch danach aus, dass das Spiel zunehmend ausgeglichener schien - allerdings fast ausschließlich zwischen den Strafräumen. So aber hat es mit diesem Ergebnis seine Richtigkeit. Es ist eine Richtigkeit, durch die sich Tedesco zum ersten Mal deutlich bestätigt sehen kann - und bei Schalke sieht es nun deutlich danach aus, dass der mit Fleisch- und Ölmillionen gemästete Traditionsclub zum ersten Drittel der Liga aufgeschlossen hat (im Übrigen mit einer Mannschaft, die durchaus "schlank" und hausgemacht ist und keineswegs zusammengekauft).

Hertha aber steht zwei Punkte über dem Relegationsplatz und spielt kommenden Sonntag in Freiburg auch gegen die Tendenz, endgültig in den Abstiegskampf hineinzurutschen - noch sind die Abstände in der Liga zu klein, um davon zu sprechen, aber vor allem die zwei versäumten Punkte gegen Werder (in einem unerklärlich untermotivierten Auftritt) fehlen doch deutlich. In den ersten acht Spielen hat Hertha nun gegen vier aus den designierten Top 6 gespielt, das spielt eine Rolle - allerdings ist unter diesen Top 6 auch noch (mindestens) ein Platz frei.

In der eigenen Preisklasse (Rest der Liga) muss die Mannschaft aber nun zeigen, dass sie sich durchzusetzen vermag. Anzeichen für Qualität sind da, es müssen aber wirklich alle Elf jederzeit topkonzentriert sein, zerstreute Standards (Darida) oder unkontrollierte Emotionen (Haraguchi machte dieses Mal den Ibisevic) müssen vermieden werden, denn es ist alles ungeheuer eng in diesem Bewerb.

Jetzt kommt aber erst einmal die Runde 3 in der kurios auf den Kopf gestellten Europa League-Gruppe. Ich wäre natürlich gern nach Lemberg gefahren, es geht aber leider nicht, und weil ich ja schon einmal dort war, lässt sich das auch verschmerzen.


Geschrieben von marxelinho am 15. Oktober 2017.

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Jörg (am 15. Oktober 2017)

Mich hat besonders die Einwechslung von Davie Selke gefreut. Er war häufig für hohe Bälle aus der eigenen Hälfte anspielbar und hat diese Bälle per Kopf weiterleiten können. Das war zum Teil noch ungenau, zum Teil kam es beim Mitspieler an, und nie entstand daraus eine wirklich gefährliche Situation. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass dem Hertha-Spiel damit eine neue Variante hinzugefügt wurde, die ab jetzt ausgebaut und verfeinert werden kann. Unterm Strich hat Hertha im Sturm immer noch zu wenig Optionen. Kalou hatte gestern nicht unbedingt die Form für die Startaufstellung, Selke muss langsam an den Betrieb wieder herangeführt werden. Warum gibt es keine Stürmer aus der U23, die in dieser Situation in die Mannschaft nachrücken können? Man sieht schon sehr deutlich, dass die Mannschaft derzeit etwas überspielt ist.
Natalie Keil (am 15. Oktober 2017)

Ja, Gelsenkirchens Matchplan ist aufgegangen. Letztlich hat sich Haraguchi provozieren lassen. Mich hat ziemlich geärgert, daß der Unparteiische nicht 3-4x Gelb dem Gegner zeigte. Das hätte das Spiel insgesamt etwas beruhigt und ggf auch nicht zu unserer Roten geführt. Ob wir dann was geholt hätten, läßt sich nicht mehr erfahren. So richtig sah es nicht danach aus. Dardais Matchplan hat jedenfalls versagt. Nach gestern bin ich mir auch sicher, daß Haraguchi kein St(amm)artelf-Spieler ist. Jeder vermeintliche Durchbruch zu Konstanz bleibt am Ende doch bloß wieder ein singuläres Ereignis. Meine Hoffnung auf mehr bei ihm hat sich zerschlagen. Duda hätte ich gerne auf dem Platz belassen. Zweikämpfer wie Leckie hätte ich gerne viel eher gesehen, auch Selke, der ist echt ein Koffer und war schon durch seine bloße Physis eine Bereicherung. Naja. An dem Spieltag haben wir erstmal Plätze gelassen. Schade.
01. Oktober 2017

Nach hinten arbeiten und nach vorn spielen

Wenn der FC Bayern nach Berlin kommt, da wünscht man sich als Hertha-Fan immer zwei Dinge: erstens einen Punkt oder vielleicht sogar drei, zweitens aber vor allem, dass es ein Match wird! Und keine Bankrotterklärung, wie es sie ja in den letzten Jahren auch gelegentlich gab, meist allerdings auswärts, einmal sogar unter Pal Dardai.

Heute war es ein Match. Mit einigen Höhen und vielen Tiefen auf beiden Seiten. Das Remis mit 2:2 war am Ende sogar verdient, dazu bedurfte es aber in der ersten Hälfte einigen Glücks, dass Hertha da am Leben blieb. In der zweiten Hälfte war von einer europäischen Topmannschaft dann nicht mehr viel zu sehen (die zweite, künftige buchstabiert immer noch den Namen Östersund).

Der Coach hatte wider mein Erwarten Haraguchi aufgestellt. Ich hatte fix mit Esswein gerechnet, weil der ein Spieler ist, wie man ihn gegen Bayern braucht, mit einer gewissen Coolness. Haraguchi ist allerdings auch ein Spieler, wie man ihn gegen den FC Bayern braucht: ein unermüdlicher Defensivarbeiter. Dazu ist es natürlich sicher nicht verkehrt, in einen Match mit größerer globaler Reichweite einen japanischen Mitarbeiter auf dem Feld zu haben. Nicht, dass ich glauben würde, dass Pal Dardai bei der Aufstellung an den asiatischen Markt denkt. Obwohl, wenn es gut passt - warum nicht?

Der FC Bayern senior (mit der Flügelzange von anno 2013) stellte Hertha vor eine Menge Probleme. Die Mannschaft schien nervös, allein Darida hatte in den ersten zehn Minuten vier grobe Fehler, dann aber auch bald eine gute Gelegenheit. Dann gab es Elfmeter für Hertha, alle sprangen auf, ich dachte mir aber gleich: Mal sehen. Dass es dann so lange dauerte bis tatsächlich mal Sehen, offenbarte einmal mehr die hinlänglich diskutierten praktischen Probleme mit dem Videobeweis.

Bei den Fans auf den Rängen verliert er jedenfalls so an Plausibilität, wenn der Schiedsrichter so tut, als würde er die Entscheidung allein treffen, und dann das ganze Match zwei Minuten aufhält. Das ist eine schlechte Show. Vor allem, was wäre, wenn er sich nach Bildassistenz einmal falsch entscheiden würde? Undenkbar ist es nicht, und dann hätte man erst recht ein Dilemma, denn die Bilder haben ja auch die Fernsehanstalten.

Irgendwie kam Hertha dann doch ein bisschen ins Spiel, nach der Pause begann sie dann viel besser. Dann kam aber überraschend ein Tor, das ganz klassisch vom Geld erzielt wurde: Lewandowski ist einfach jeden Cent wert, de facto sind es sehr viele. Hertha schien auf der Verliererstraße, da kam aber der Moment von Genki Haraguchi. Vergleichbar einem Tor, mit dem sich ein gewisser Mitch Weiser einst für einen besseren Club als den FCB empfahl, ging Haraguchi auf rechts in eine Soloaktion, und bediente Duda.

Nur fünf Minuten später war der Rückstand egalisiert, nach einem Freistoß von Plattenhardt. Kalou hatte es schwer als Mittelstürmer, in diesem Moment aber war er, wie schon beinahe zuvor neben Duda, da, wo er gebraucht wurde. (Vielleicht borgt Lewandowski mir ja ein paar Cents für das Phrasenschwein.)

Danach war das Match mehr oder weniger durch, was nicht für den FC Bayern spricht, und auch nicht wirklich gegen Hertha. Esswein, auf den ich ausnahmsweise einmal gehofft hatte, bekam nur ein paar Minuten und verzichtete brav darauf, Kontermöglichkeiten für die Bayern herbeizuführen. (Wir erinnern uns an ein Spiel vor nicht allzu langer Zeit ...)

Es war heute kein heroischer Auftritt, dazu war das ganze Spiel nicht gut genug, aber es war doch erneut eine Andeutung, dass Hertha in diesem Jahr insgesamt konkurrenzfähiger ist. Wobei ja unter den ersten sieben Gegnern drei von den vier Hochkarätern der Liga waren (zu den Hoffenheim allerdings gerade selbst nicht mehr gehören will). Die Mühen der Ebene kommen jetzt. Mal sehen, wie es demnächst in Freiburg aussieht - das wird ein wegweisendes Spiel. Vorher kommt aber noch Tönniesblau.


Geschrieben von marxelinho am 01. Oktober 2017.

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