05. Dezember 2020

Fleiß Union

In der ewigen Statistik der Berliner Erstliga-Derbys zwischen Union und Hertha ist Hertha BSC gestern einholbar in Führung gegangen: es steht jetzt 2:1. Im Vorjahr gab es gefühlt zur gleichen Jahreszeit, aber auswärts, das schlechteste Spiel der kurzen Ära Covic von Hertha. Das Rückspiel gewann Hertha dann während des ersten Lockdowns souverän. In diesem Jahr sind die Umstände umgedreht: Hertha zuerst daheim, das Rückspiel soll Anfang April stattfinden. Man wagt im Moment gar nicht daran zu denken.

Ein ehemaliger Herthaner hat dem Spiel und Lucas Tousart gestern seine Stollen aufgedrückt. Robert Andrich hatte sich offensichtlich ein kleines Privatduell mit Dottore Felix Brych vorgenommen nach dem Motto: wieviele Fouls kriege ich in wenigen Minuten vor der ersten gelben Karte unter? Er verlor es durch eine direkte rote Karte, weil er Tousart mit hohem Bein an den Unterkiefer ging. Vielleicht trainiert Andrich in der Freizeit zu viel Krav Maga?

Zu diesem Zeitpunkt führte Union schon mit 1:0 nach einer Szene, die man sich auch hundert Mal ansehen könnte, sie böte immer noch neue Aspekte: allein der kleine Tanz, den Torunarigha neben Ingvartsen zeigt, während der sich den Ball herrichtet, um ihn elegant (dudesk würden wir Herthaner vielleicht in Erinnerung an einen auch schon wieder verflossenen Filigranisten in unseren Reihen sagen) zu Awoniyi durchzustecken. Der ließ sich von Guendouzi nicht daran hindern, Schwolow keine Chance zu lassen. Der Keeper streckte sich, erreichte den Holperball aber nicht.

Hertha musste gestern das Spiel machen, erst recht dann gegen die dezimierten Eisernen. Das gelang in der ersten Halbzeit gar nicht, in der zweiten zumindest so weit, dass drei Tore dabei heraussprangen. Eine Einzelaktion des stark auf Einzelaktionen setzenden Cunha endete mit einem Weitschuss, den Luthe zu Pekarik lenkte. Der Veteran, der sich aufgrund des linkslastigen Hertha-Spiels rechts viel Muße hatte, war zur Stelle und staubte ab.

Bei den Toren zwei und drei hatte der eingewechselte Dilrosun viele Anteile. Seine Fähigkeiten im direkten Duell machten einen kleinen Unterschied gegen einen Gegner, dessen Matchplan (mustergültiges Kompaktspiel mit diskreten Lucky Punch-Ambitionen) vielleicht zu früh aufgegangen war, um für ein ganzes Match ohne Andrich zu reichen. Da half auch der ganze Fleiß Union nichts.

Piatek, an dem ich nie gezweifelt habe, weil ich nie wusste, was er wirklich kann, traf zweimal und holte sich Selbstbewusstsein mit seinen rauchenden Colts.

Wo soll das hinführen mit dieser Hertha an der Schwelle zu 2021? Die biedere Spielanlage hat sich zwar in Halbzeit zwei ein bisschen verbessert, auch weil Guendouzi traditionell nach der Pause initiativer wird (wenn man bei einem Spieler, der gerade erst neulich kam, schon von traditionell sprechen kann: instant-traditionell vielleicht). Dilrosun verdient einen Vertrauensvorschuss. Lukebakio sollte besser wieder über die Flügel kommen.

Wenn man das alles ein bisschen in eine Perspektive rücken möchte, dann fällt doch auf: Hertha war unter Pal Dardai beim Herausspielen bzw. beim Spielgestalten schon einmal deutlich weiter. Es wird clubhistorisch eines der großen Rätsel bleiben, warum diese Entwicklung damals zu der lethargischen Hertha der späteren Dardai-Phase führte - zu einer Mannschaft, die kaum mehr in die Gänge kam.

Mit der haben wir es jetzt im Wesentlichen immer noch zu tun. Niklas Stark, der Entschleuniger im Zentrum, ist der Faktor Kontinuität. Bisher ist nicht zu erkennen, dass Hertha sich unter Labbadia in einem anderen Prozess als dem eines ultrapragmatischen Anything Goes (zu Deutsch: irgendwas wird vielleicht schon gehen) befindet. Der Sieg gegen Union hat jetzt immerhin die gröbsten Sorgen beseitigt, Anschluss an die Tabellenregionen, auf die Pal Dardai es abgesehen hatte, ist hergestellt: das Niemandsland.

Geschrieben von marxelinho am 05. Dezember 2020.

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25. November 2020

Diego Maradona (1960-2020)

Diego Maradona ist tot. Seine große WM war die, bei der ich das für meine Begriffe beste Länderspiel aller Zeiten gesehen habe: Frankreich-Brasilien 1986. Es gibt einen großartigen Film über ihn, von Asif Kapadia, er ist überall leicht zu kriegen. Hier ein Text, den ich über dieses Porträt geschrieben habe.

Die ärmste Stadt Italiens kauft den teuersten Fußballer der Welt: Mit diesen Worten verkündete ein Nachrichtensprecher im Juli 1984 den Transfer des argentinischen Stars Diego Maradona vom FC Barcelona zum SSC Neapel. Gleich bei der ersten Pressekonferenz kam es zu einem Eklat. Ein Journalist fragte: „Weiß Maradona, was die Camorra ist, und welchen Einfluss sie in Neapel hat?“

Natürlich ist das nicht an den Fußballer gerichtet, sondern an die Politiker und Unternehmer der Stadt. In diesem Moment zeigen die verwaschenen Videovilder, die von dieser Pressekonferenz überliefert sind, einen Sportler und Künstler, der alles mitbringt, um dieses große Spiel zu prägen. Aber das ganze Drumherum des Fußballs ist noch ein bisschen größer und gewaltiger, und ein kleiner Junge aus einem Armenviertel aus Buenos Aires ist nicht der beste Kandidat, um zwischen diesen Kräften zu bestehen.

In Grundzügen ist wohl zumindest den meisten Fans des Fußballsports bekannt, welche Höhepunkte und Rückschläge in der Karriere von Diega Maradona zu verzeichnen waren: der Weltmeistertitel mit Argentinien im Jahr 1986, die Meisterschaft mit Neapel im Jahr darauf, das Spiel zwischen Italien und Argentinien bei der WM 1990, bei dem Maradona – ausgerechnet im Stadio San Paolo in Neapel – den entscheidenden Elfmeter für Argentinien verwandelte. Danach kamen die Skandale: Drogensucht, Sex mit Prostituierten, Mafiakontakte, Sperren, Fettsucht. Als lebende Legende tauchte er immer wieder auf, und machte dabei nicht immer die allerbeste Figur.

Man könnte dieses Leben als eine Fallstudie über eine grausame Unterhaltungsindustrie erzählen. Aber Asif Kapadia will mit seinem Dokumentarfilm Diego Maradona weder auf Kulturkritik noch auf Moral hinaus. Er sucht nach den Spuren, die der Mensch Maradona in den Archiven einer Mediengesellschaft hinterlassen hat, die scheinbar alles aufzeichnet. Und er findet dabei nicht nur großartiges Material, er findet tatsächlich eine Figur, die man für eine plausible Version des „wahren“ Maradona halten kann.

Die Zeit in Neapel steht dabei im Mittelpunkt, auch deswegen, weil es aus diesen Jahren das spannendste Material gibt. Schon die ersten Bilder von einem Autokonvoi, der durch die Stadt zum Sao Paolo fährt, deuten an, welchen Stellenwert Maradona hatte: man könnte an die Paparazzi denken, die hinter Prinzessin Diana her waren, allerdings sind in Neapel anno 1984 die Autos ein wenig alltäglicher. Um nicht zu sagen, armseliger.

Asif Kapadia erzählt in der Manier, in der er schon Senna (den Formel-1-Piloten Ayrton Senna) und Amy (die Sängerin Amy Winehouse) porträtiert hatte, von einem grellen, verrückten Leben, mit spannendem Bild- und Tonmaterial, und genau der richtigen Balance zwischen Sympathie und Distanz. Er konnte dabei auf über 500 Stunden Material zurückgreifen, und beleuchtet dabei auch durchaus intime Details: die jahrzehntelange Verleugnung eines außereheliches Sohns zum Beispiel. Trauriger Höhepunkt ist wohl ein Tondokument, das aus einer Abhöraktion der italienischen Polizei stammt: Diego bestellt da Drogen „und zwei Mädchen“, und man hört keinerlei Glamour dabei heraus, sondern nur noch Sucht und Einsamkeit.

Kapadia hat sich inzwischen ein Renommee erarbeitet, das ihm erlaubt, es mit globalen Identifikationsfiguren auf der Höhe des audiovisuellen Materials aufzunehmen: Sein Blick auf Diego Maradona ist auch ein Blick auf eine Figur, wie es sie heute nicht mehr geben würde. Denn inzwischen sind Instagram und andere soziale Medien zu Schutzwänden geworden, hinter denen sich die Stars verstecken, indem sie genau steuern (lassen), was nach außen dringen darf. Maradona war in dieser Hinsicht noch naiv und unberaten, nur so konnten überhaupt all die Dokumente entstehen, die Kapadia nun souverän arrangiert hat, und die er nicht, wie es die verlogene Regenbogenpresse immer wieder tut, gegen ihren Helden verwendet. Sondern um ihn inmitten der Bildgewitter zu schützen.

Geschrieben von marxelinho am 25. November 2020.

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22. November 2020

Schinden, Schund, geschunden

Mit der Bundesliga-Saison im Herbst ist es immer so eine Sache: sie beginnt nicht immer mit dem ersten Spiel, obwohl natürlich von Anfang an die Punkte gezählt werden. Das Ende der Transferperiode, die vielen Länderspielpausen, immer hat man irgendwie das Gefühl, noch so halb provisorisch zu spielen. Bei Hertha kommt noch dazu, dass die Projekt-Rhetorik, die beste Ausrede bei Unklarheiten, gerade wieder einmal besonders zieht.

Das Abendspiel gegen den BVB gestern stand auch in diesem Zeichen. Gehört es schon zu der nun ja definitiv beginnenden Saison 2020/21? Oder gehört es noch zu der letzten Unterbrechung in diesem Jahr, mit langen Reisen für viele Spieler? Passenderweise entschied sich Hertha für ein Spiel, das in zwei Teile zerfiel, mit einer schon quasi poetischen Logik, denn Halbzeit eins konnte man so sehen, dass vielleicht endlich etwas ein bisschen begann, Halbzeit zwei brachte dann aber das jähe Ende des zarten Beginnens. Nämlich einen Systemausfall, der dann gleich auch wieder fragen lässt, ob es davor ein System gegeben hatte.

Hertha steht nach acht Spielen bei 18 Gegentoren und sieben Punkten. Ein einfacher initiativer Lauf von Emre Can auf dem rechten Flügel ließ kurz nach der Pause gegen den BVB die kompakte Mannschaftsleistung aus Halbzeit eins und den Führungstreffer durch Cunha obsolet werden. Plattenhardt und Stark waren beide auf Reus konzentriert, ohne dessen eleganter Weiterleitung auch nur intellektuell, geschweige denn physisch etwas entgegenzusetzen (um des Unheils zu wehren, muss man es ahnen, es ging aber zu schnell selbst für Ahnung, dabei lief der Spielzug durchaus langsam). Cans Hereingabe ließ Boyata, Schwolow und Alderete perplex zurück, denn Haaland war dort, wo ein Mittelstürmer sein muss, der weiß, wo das Tor steht.

Haaland hat etwas von einer Naturgewalt, die mit feinen Pinselstrichen malt. Bei Treffer zwei bot er Brandt einen Pass an, den dieser auch erkannte. Bei Treffer drei kam der Pass von Marvin Plattenhardt, Haaland bot dabei nichts an, sondern machte einfach den Unterschied zwischen einem mittelmäßigen (auch energetisch mittelmäßigen) Bundesliga-Legionär und einem aufstrebenden Weltsuperstar deutlich. Alderete machte Anstalten, an den Ball zu kommen, Haaland wollte mit Macht an den Ball kommen.

Dass Guerreiro dann noch ein Tor im Sitzen erzielte, dass Guendouzi für Hertha einen Elfer schund (da musste ich jetzt nachschauen, aber so lautet tatsächlich das Präteritum von schinden), und dass Haaland noch einen Treffer in der Manier erzielte, die eigentlich Hertha als Methode gewählt hatte (irgendwie durch die Mitte nudeln), das waren dann nur noch Garnierungen eines Spiels, das zumindest eines deutlich machte: wenn nächste Woche für Hertha die Saison nicht endlich beginnt, mit einem erkennbaren Plan, dann beginnt die Saison gleich als Abstiegskampf.

Gestern bestand der Plan offenkundig darin, Piatek durch Stillegung der rechten Seite bei unproduktiver Überladung der linken Seite verhungern zu lassen. Selbst Darida wollte Kreisel mit Guendouzi und Platte bilden, vermutlich sollte leerer Raum geschaffen werden, den drüben Lukebakio für seine Pfeilschnelligkeit braucht. Genau genommen ist der Plan von Hertha aber schon eine Weile nur noch Cunha. Er macht Hertha ein bisschen unberechenbarer, allerdings weniger für die Gegner, als für sich selbst. Es gibt viel zu tun. Möge die Saison bald  beginnen.

Geschrieben von marxelinho am 22. November 2020.

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25. Oktober 2020

Grauzone graue Zelle

Fußball ist ein Gedächtnissport. Wenn Hertha gegen Leipzig spielt, dann habe ich im Kopf, wie Davie Selke und Arne Maier einmal einen frühen Ausschluss von Jordan Torunarigha wettgemacht haben. Der Weihnachtssieg von anno 2017 war eine große Stunde auch für Fabian Lustenberger und Pal Dardai. Wenn Hertha gegen Leipzig spielt, habe ich auch im Kopf, wie das Heimspiel im November 2019 verpfiffen wurde, als ein klares Foul im Strafraum gegen Stark auch von VAR nicht beachtet wurde.

Die Niederlage gestern in Leipzig müssen wir nicht dem Schiedsrichter Tobias Stieler zurechnen. Die entscheidende Aktion kam nun einmal von Cordona, und auch da spielt der Faktor Gedächtnis eine Rolle: in allen bisherigen Einsätzen bisher fiel der neue Angreifer von Hertha durch schlecht dosiertes Zweikampfverhalten auf, er hätte einmal in meinen Augen auf Gelb-Rot verdient gehabt, damals (ich müsste nachsehen, welches Spiel ich meine) hatte ein Schiri das berühmte Fingerspitzengefühl.

Tobias Stieler hat das nicht, das sah man an der unverhohlenen Befriedigung, mit der er Jessic Ngankam eine direkte rote Karte zeigte. Das Foul sah schon hart aus, keine Frage, erst in der Zeitlupe war zu erkennen, dass Ngankam dabei wegrutschte. Das Spiel war da schon entschieden. Um die 70. Minute war es noch sehr offen, Hertha war zwar einen Mann weniger nach einer harten, aber nicht unvertretbaren gelb-roten Karte gegen Zeefuik, es gab aber ab und zu ganz gute Entlastungen. Ein Schiedsrichter, der ein Spiel wirklich ausgeglichen und fair zu lesen versucht, hätte in diesem Moment auch einmal ein unscheinbares, aber fieses taktisches Foul von Upamecano an Cordoba mit gelb ahnden können. Es wäre auch Gelb-Rot gewesen.

Taktische Fouls sind in manchen Situation schlimmer als wilde Sensen (sofern sich dabei niemand verletzt). Sie werden aber viel seltener konsequent geahndet. Das ist eine der vielen Grauzonen im Fußball, in der Referees weitgehend willkürlich arbeiten, natürlich ist da auch die Definition strittig. Aber wenn Hertha sich in Unterzahl aus dem eigenen Sechzehner befreit, Cunha links ganz frei ist, und Cordoba sich auf den Weg macht, reicht auch ein kleiner Rempler in meinen Augen für Gelb.

Stieler ist für meine Begriffe schon öfter eine Zumutung gewesen. Gestern war er vermutlich sogar spielentscheidend. Trotzdem ist es natürlich so, dass Hertha schon ein bisschen weiter sein könnte, als es gestern zu sehen war: mehr als eine lupenreine Außenseitertaktik war nicht drin. Immerhin deutete Tousart an, dass er das Fehlen von Arne Maier gut kompensieren könnte. Er hatte einige gute Läufe und Pässe. Auf ihn wird viel ankommen in den nächsten Wochen.

Bisher kann Hertha die Saison unter "merde, alors" abhaken. Nächsten Sonntag muss sie gegen Wolfsburg aber endlich beginnen. Wenigstens dürfte die Formationsfrage im wesentlichen geklärt sein: Hertha wird die Saison vor allem mit einem 4-3-3 bestreiten, so legt es das Personal nahe. Mittelstädt hat sich gestern konsolidiert, auch Boyata (bei dem ich nie wirklich ruhig sein kann, wenn ich ihm zuschaue) hat auf der angestammten Position wieder Zeichen von Stärke ausgesendet, rechts hinten bleibt eine Sorgenposition. Da hatten wir ja auch einmal einen Hoffnungsträger namens Klünter. Ist er wirklich schon abzuschreiben?

Acht Spiele soll es in diesem zunehmend bedrohlicher wirkenden Herbst vor Weihnachten noch geben. Und dann eine lange Saison, die gleich im neuen Jahr beginnt. Hätten wir uns auch nicht gesagt, dass die alte Phrase, dass man immer nur von Spiel zu Spiel denken kann, sich einmal so unangenehm konkret bestätigen würde. Die Infektionen mit Corona steigen bedrohlich, wir können nur hoffen, dass die Politik einen vernünftigen Weg finden wird: differenzierte Maßnahmen machen mehr Sinn als ein kompletter Lockdown, meine ich. Aber da spricht wohl auch die Erinnerung an ein paar Monate im Frühling aus mir, als der Fußball in unserem Leben vollkommen fehlte.

Geschrieben von marxelinho am 25. Oktober 2020.

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06. Oktober 2020

Poker ohne Joker

Der Deadline Day hat eindeutig Potential. Wenn man die Sache rein eventlogisch betrachtet, könnte es irgendwann viel mehr Sinn machen, die ganze Transferperiode auf 72 Stunden zu beschränken. Die werden dann live übertragen, am besten werden alle beteiligten Personen (Kaderplaner, Spielerberater, Ware) irgendwo kaserniert, aus dem medizinischen Testzentrum gibt es einen Live-Feed, und dann wird das Ganze durchgezogen wie ein Pokerturnier oder eine Verhandlung der EU-Regierungschefs.

Aber auch in der derzeitigen Form hat der Showdown schon einiges für sich. Er zeigt vor allem, in welch hohem Maß der Fußball von Chaos geprägt ist. Alle geben sich den Anschein solider Planung, dann drängt sich aber doch am letzten Tag noch eine Menge zusammen. Passiert ja auch im eigenen Leben, wenn Projekte fertig werden müssen.

Der Deadline Day 2020 hatte für mich persönlich eine Pointe, weil er meine zwei Lieblingsclubs zusammenbrachte. Hertha hat von Arsenal Matteo Guendouzi ausgeliehen, einen jungen Mann für das zentrale Mittelfeld, der in London eine Weile als künftiger Führungsspieler galt, dann aber von Mikel Arteta aussortiert wurde, aus Gründen, die nie klar wurden, aber jedenfalls mehr als nur ein sportlich waren.

Wenn man Guendouzi in eine Hertha-Formation eintragen würde, sehe ich ihn am ehesten da, wo derzeit meistens Darida spielt. Das heißt, dass ich ihn für den eigentlichen Sechser eher nicht sehe. Bei Arsenal spielen meistens zwei auf einer Linie, lange Zeit war Xhaka der Fixpunkt, daneben Ceballos oder früher Torreira bzw. Guendouzi. Hertha hat zuletzt meistens ein Dreieck dort nominiert, gegen Bayern hat Labbadia auf den haltenden Sechser verzichtet. Für die deutlich fehlende defensive Stabilität der Mannschaft ist Guendouzi meiner Meinung nach nicht der erste Kandidat, er ist eher spielgestaltend interessant.

Arne Maier, der vor zwei Jahren schon einmal recht souverän die ganze Mittelfeldstatik organisierte, wird unter Labbadia nun wieder wie ein Lehrling behandelt und zu Bielefeld ausgeliehen. Dass er sich auf diese Option einlässt, und nicht einen Abgang nach Italien wählt, zeugt von seiner Reife, ist aber aus Sicht von Hertha auch merkwürdig. Klar, er ist momentan verletzt, aber Guendouzi ist ein Spieler, der in etwa das bringen könnte, was ein fitter Maier der Mannschaft schon bewährtermaßen gebracht hat. Hier wurde also für meine Begriffe unnötig herumgeschoben.

Immerhin aber hat Hertha jetzt einen Premier League-Star. Mal sehen, ob Labbadia ihn dann überhaupt brauchen kann bzw. will.

Rein spekulativ ist natürlich die Überlegung, ob die (unglückliche) Verletzung von Arne Maier nicht auch bis zu einem gewissen Grad mit einer Übermotivation zu tun hatte, die Labbadia provozierte, weil er ihm so offensichtlich das Vertrauen entzog. Maier ist vielleicht das größte Opfer der Dardai-Stagnation und der verfehlten Richtungsentscheidung für Ante Covic im Jahr 2019. Hertha hat seither viel herumgetan (Ascacibar, Löwen, Tousart), um da Optionen zu schaffen, die im Durcheinander von ständig wechselnden Trainer-Entscheidungen und deren Befangenheiten im Grunde bisher sogar Skelbred vermissen lassen könnten.

Für einen Manager stellt sich die Sache natürlich anders dar als für einen Fan wie mich: ich bin eher daran interessiert, dass einem Talent aus der eigenen Jugend, das wir schon seit Jahren kennen, im Zweifelsfall ein Vertrauensvorschuss gewährt wird. Für die Öffentlichkeit aber gilt, was der Deadline Day als Inszenierung verdichtet. Es muss was geschehen, was nach Verstärkung aussieht. Auch wenn es vielleicht nur Nullsummenspiele sind. Oder sogar kleine Disruptionen. Insgesamt hat Hertha meiner Meinung nach in deser Transferzeit aber vernünftig gearbeitet. Rekik durch Alderete zu ersetzen, macht sicher Sinn, zumal nach der Verletzung von Torunarigha. Cordoba/Duda ist fast so etwas wie ein kleiner Coup.

Im Kleingedruckten finden sich dann auch noch ein paar Indizien, dass Hertha inzwischen ein deutlich anderer Club ist also vor zwei Jahren, als Pal Dardai der Mut noch nicht ganz verlassen hatte. Julian Albrecht und Palko Dardai verlassen den Profikader. Nun liegt es an Bruno Labbadia, die Statik der Mannschaft so zu organisieren, dass sie auch wieder ein Gefühl für die Defensive bekommt. In zehn Tagen beginnt die Saison dann richtig. Wenn nicht die allgemeine Corona-Unvernunft in der Gesellschaft auch noch auf den Fußball übergreift.

Geschrieben von marxelinho am 06. Oktober 2020.

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26. September 2020

Entfremdung beim zweiten Date

Gestern wurde im Olympiastadion wieder gesungen. Es waren zwar bloß 4000 Fans zugelassen, aber die Ostkurve verbreitete doch eine Andeutung von klassischem Support in schwierigen Tagen (eine Menge Speichel wird auch geflogen sein durch die nun schon herbstliche Luft). Das Spiel war dann aber danach, die ohnehin immer stark bemühte Ironie des "Wir holn die Meisterschaft" schnell wieder zu verstauen. Maske der Besonnenheit drüber.

Hertha verlor gegen Eintracht Frankfurt vollkommen verdient und folgerichtig mit 1:3. Und der Prozess des Kennenlernens, der mit einer neuen Saison immer einher geht, brachte schon am zweiten Tag (beim zweiten Date, würden wir Fans sagen) eine merkliche Entfremdung. Was ist das eigentlich für eine Mannschaft, der wir da folgen?

Nun, es ist eine Mannschaft, die doch deutliche Zeichen jener Disruption zeigt, von der Hertha sich seit Windhorst den Erfolg verspricht. "Wir haben jetzt Geld", dieser Satz von Aufsichtsrat Torsten Jörn-Klein, von den DAZN-Schnipslern zu einem Slogan hervorgehoben, steckt der Mannschaft nicht in den Knochen, aber doch als Fragezeichen im System.

Hertha hat zweifellos jetzt Spieler für etwas Besonderes. Aber von einem Plan war nicht viel zu sehen. Die Eintracht war organisiert, Hertha hoffte auf Inspiration. Man könnte jetzt länger über Boyata schreiben, aber der neue Kapitän war immer schon ein solider Innenverteidiger mit einem Hang zum Ungestümen. Also im Grunde keine Idealbesetzung, sondern ein akzeptabler Kompromiss.

Der systemische Ansatzpunkt für eine schwache Leistung vor allem in Halbzeit eins ist aber dort zu suchen, wo Hertha trotz vieler Millionen eine Lücke im Kader gelassen hat. In dem Dreieck, das zu Beginn von Stark, Tousart und Darida besetzt wurde. Der Franzose ist immerhin die teuerste Verstärkung, die Hertha sich jemals geleistet hat. Es ist natürlich noch zu früh für eine Einschätzung, gestern war er einer der unglücklichen Akteure (gegen Braunschweig war er weitgehend unsichtbar, gegen Bremen lief es für ihn okay).

Wichtig ist aber eines: Hertha hat viel Geld ausgegeben, 10 Millionen für den momentan schon fast wieder vergessenen Ascasibar, 25 Millionen für Tousart, selbst die längst obsoleten 7 Millionen für Löwen zählen da noch dazu, ohne dabei eine wesentliche Aufgabe wirklich zu lösen: nämlich einen Sechser zu finden, der sowohl Bälle anfängt, erobert, als auch mehr als nur schematisch verteilt. Niklas Stark spielt die Position meistens zu neutral, gegen die Eintracht blieb das ganze Mittelfeld radikal unproduktiv, bis auf zwei lange Bälle von Arne Maier, der zum Pechvogel des Spiels wurde, weil er sich nach seiner Einwechslung zur Pause bald verletzte. Hertha hat einige potentielle Achter, aber weiterhin keinen unumstrittenen Sechser.

Gestern war das Zentrum defensiv wie offensiv neben der Rolle, was sich in dem dritten Frankfurter Treffer durch Rode (und dem beträchtlichen Freiraum, den er dabei hatte) dann auch konkret manifestierte. Man kann das als Tagesform oder als ungenügende Einstellung verbuchen. Man kann es aber auch mit einer Veränderung der Club-Strategie in Zusammenhang bringen. Die Winter-Transferphase, also die erste mit den Windhorst-Millionen (und mit dessen Leuten: Arne Friedrich und, damals, Klinsmann) erweist sich nun als Hypothek. Denn der Integration von Tousart, der als Trophäe natürlich spielen muss, wird nun vieles untergeordnet: nicht zum Besten der Organisation, wie zu sehen war.

Cunha ist natürlich eine Bereicherung, und an guten Tagen kann er Fußball zu einem Fest machen. Er bringt aber auch eine Anarchie in die Formation, für die Hertha dann doch nicht die Spieler hat, zumal nicht, wenn ein Hoffnungsträger wie Mittelstädt unter Form spielt. Frankfurt hatte gestern in allen Bereichen Spieler, von denen individuell kaum jemand herausragt, aber man sah eine organisch gewachsene Einheit. Ein funktionales Ensemble.

Man spricht heute gern von Disruption, wenn es um die großen Sprünge wirtschaftlichen Erfolgs geht. Neue Phänomene, die unseren Alltag komplett umdrehen. Im Fußball steht Hertha derzeit für eine Logik der Disruption: einen Weg, der sich nicht mehr in Schritten, sondern in Sprüngen vollziehen soll (auch wenn die Rhetorik natürlich das Gegenteil beschwört). Für den Augenblick aber haben wir nicht mehr als die trivialste Form von Disruption: eine unberechenbare Mannschaft.

Geschrieben von marxelinho am 26. September 2020.

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20. September 2020

Flexibles Eckenverhältnis

Ironie war bisher nicht unter den Qualitäten, die man mit Bruno Labbadia verbindet. Er präsentiert sich bevorzugt als nüchterner Verfechter eines funktionalen Fußballs. Er steht weniger für einen Stil als für eine Haltung, und selbst diese Haltung ist nicht sonderlich spezifisch: er sucht halt auch irgendwie nach der Balance zwischen Kompaktheit und Kreativität, die den heutigen Fußball zunehmend mehr zu einem Planspiel mit gelegentlichen Momenten der Unberechenbarkeit machen.

Mit Ironie hatte es denn auch nichts zu tun, dass Labbadia gestern Hertha in Bremen so aufstellte, dass man dabei an ein berühmtes Stilistikum von Werder denken konnte: sie selige Raute aus den Tagen von Baumann, Micoud, Ernst und Lisztes. Stark, Darida, Tousart und Cunha waren gestern entsprechend angeordnet, wobei man natürlich gleich fragen kann, ob man mit Cunha überhaupt etwas anordnen kann, gar etwas geometrisches. Hertha hatte gestern ein Eckenverhältnis, denn eine Raute besteht nun einmal aus Linien und Ecken, blieb aber flexibel.

40 Minuten lang war das auch weitgehend belanglos, weil sich da zwei noch wenig orientierte Bundesligisten miteinander abplagten. Dann ging Hertha aber mit einem Treffer in Führung, der im besten Sinn Ausdruck von Taktik war: Denn es war Tousart, der in der Formation die halblinke Position vor Stark versah, der in einer noch wenig gefährlichen Situation den Ball bekam. Er spielte einen kurzen Pass, der an sich eher Alibicharakter hatte, es war auch der orthodoxe, es war wirklich Fußball nach Plan, zugleich aber passte die Dosierung genau, und vor allem passte die Dynamik von Mittelstädt, der erstens zur Stelle war, und zweitens eine perfekte Hereingabe produzierte, flach und scharf und eine gute Chance für Piatek, der sich zentral um eine Verwertung bemühte. Auf den Mittelstürmer konzentrierten sich auf die Bremer Defensiven, den Ball verfehlten aber alle bis auf Pekarik, der auf der anderen Seite noch ein bisschen weiter vorn angekommen war als sein Pendant Mittelstädt.

Das ist ja auch ein Aspekt der Geometrie der Raute: Die Außenverteidiger haben einige Meter zu bewältigen. Der Führungstreffer von Hertha hatte etwas Schematisches, und damit eine beträchtliche Schönheit. Und Labbadia, der sein Fußballideal sicher auch in einem Cunha, Cordoba oder Lukebakio realisiert sieht, hatte ein Geschenk von dem Spieler bekommen, mit dem er sich offensichtlich besonders stark identifiziert: von dem ehrlichen Fußballarbeiter Peter Pekarik, der selbst mit seinem Undercut noch nach Kleingewerbeverband aussieht und nicht nach Stammeskrieger.

Das Tor ordnete das Spiel. Es gehörte fortan Hertha, was sich noch vor der Pause bestätigte, indem die Raute eine kleine Inversion produzierte: einem Ballgewinn durch Cunha ließ Darida einen exzellenten Pass auf Lukebakio folgen. Der war zu diesem Zeitpunkt der linke Stürmer in einem 4-4-2 und wählte für den Abschluss konsequenterweise das kurze Eck und eine Granate.

Es war nicht zuletzt Labbadia selbst, der zuletzt mehrfach auf eine unausgewogene Vorbereitung und eine unfertige Mannschaft hingewiesen hatte. Nach der Pokalpleite gegen Braunschweig ging Hertha also schon mit einer kleinen Negativ-Folklore in das erste Ligawochenende. Nach dem 4:1 von gestern muss man sicher auch das beträchtliche Bremer Unvermögen erwähnen: Hertha hätte sich über 90 Minuten schon sehr dumm anstellen müssen, das Spiel nicht zu gewinnen.

Aber die Form des Sieges hatte dann doch auch noch etwas Zeichenhaftes: die Mannschaft ist eben nicht nur das Investorenprodukt, das sie durch die Verstärkungen (Tousart, Cunha, Cordoba) zweifellos auch ist. Sie ist auch das Produkt der inzwischen langfristigen Arbeit von Manager Preetz (Pekarik, Boyata, Stark, Darida, Lukebakio), und sie ist das Produkt einer hausinternen Entwicklungsabteilung: Torunarigha und vor allem der kontinuierlich lernwillige Mittelstädt.

Labbadia hat also nur behauptet, er hätte keine Mannschaft. Und er hat es wahrscheinlich sogar so gemeint, ganz ohne Ironie. Er war sich vermutlich selbst nicht sicher. Gestern hat sich Hertha aber als interessantes Team geoutet – oder: gerautet.

Geschrieben von marxelinho am 20. September 2020.

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13. September 2020

Heiterer Himmel

Der Arsenal FC hatte - gemeinsam mit Aufsteiger Fulham - die Ehre, die neue Premier League-Saison zu eröffnen: Samstagmittag in Craven Cottage, ohne Publikum. Es wurde ein souveräner 3:0-Sieg. Nach einem sehr merkwürdigen Sommer war das ein Zeichen dafür, dass Mikel Arteta nicht nur die Mannschaft, sondern bis zu einem gewissen Grad den ganzen Club neu ausrichtet.

Die Beförderung vom Head Coach zum Team Manager brachte das auch deutlich zum Ausdruck. Merkwürdig war der (kurze) Sommer, weil eine Weile ganz und gar nicht klar war, ob es einen plausiblen Plan für Verstärkungen gab. Zu diesem Zeitpunkt war allenfalls klar, dass Willian von Chelsea kommen würde - ein relativ hoch bezahlter 32Jähriger, der noch dazu von Kia Joorabchian vertreten wird. Das ist der Agent, dem zu diesem Zeitpunkt ein ungebührlich hoher Einfluss auf die Kaderplanung bei Arsenal nachgesagt wurde.

In diesen Tagen, in denen auch der Name Coutinho immer wieder fiel, konnte man beinahe den Eindruck gewinnen, dass die Arsenal-Spitze (Sportdirektor Edu und Sportmanager Raul Sanllehi) den Verein eher nach Gutdünken führten als mit einem klaren Plan. Der Hinauswurf wichtiger Scouts sorgte auch für Argwohn - nachdem Sanllehi früher ja auch schon den Kaderplaner Sven Mislintat beseitigt hatte.

Dann wurde aber Mitte August aus heiterem Himmel die Trennung von Sanllehi bekannt gegeben. Gründe wurden nicht genannt, allerdings hieß es einige Tage davor, dass die Verpflichtung von Pepe im Sommer 2019 "untersucht" wurde. Arsenal zahlte damals 72 Millionen Pfund für einen Offensivspieler, der im ersten Jahr große Anpassungsschwierigkeiten hatte. Und nun sollte mit Willian jemand wieder vor allem für diese Position kommen.

Die zweite Arsenal-Verpflichtung in diesem Sommer war gestern dann gleich zu sehen: Gabriel Magalhaes, ein Innenverteidiger, der für eine Zusammenarbeit mit William Saliba designiert ist. Für diese Position hatte Arsenal zwar kurz davor auch noch Pablo Mari gekauft, der aber zur Zeit verletzt ist, und auch nicht viel kostete. Dennoch, so richtig nach überlegtem Handeln sah das alles nicht aus.

Im letzten Saisonspiel gewann Arsenal schließlich den FA Cup und sicherte sich damit die Europa-League-Teilnahme. Trotz Platz 8 in der Premier League-Tabelle 2020 hinterließ die Saison damit einen gewissen Optimismus. Und gestern gegen Fulham gab es tatsächlich mehrere positive Indizien.

Am wichtigsten würde ich den Umstand nehmen, dass die Mannschaft neunzig Minuten lang hochkonzentriert wirkte und jederzeit zu wissen schien, was zu tun war. Das große Problem unter Arsene Wenger war ja sein naiver Glaube an das Vermögen begabter Spieler, die Aufgabe auf dem Platz schon irgendwie lösen zu können. Es zeigt sich aber immer wieder, dass Mannschaften umso besser funktionieren, je mehr sie instruiert sind. Arsenal unter Arteta ist eine sehr klar erkennbare Funktionseinheit.

Mit folgenden Modulen: ein spielstarker Torhüter, der mit der Dreierkette hinten keinerlei Scheu hat, auch unter Druck in und um den Sechzehner klare Pässe zu spielen, sodass Arsenal nun tatsächlich von hinten herauskommt. Unter Emery war das fast schon neurotisch gewesen, wie sehr die Spieler in solchen Momenten Panik schoben. Nun haben sie die Ruhe. Bellerin und Maitland-Niles spielen die Außenläufer, im Zentrum spielte gestern Elneny neben Xhaka. Vorne dann Lacazette als erster Presser, flankiert von Aubameyang und Willian.

Das dritte Tor trug dann schon Züge eines Trademark Moves: Willian spielt von ganz rechts aus dem offensiven Halbfeld einen langen Querpass zu Aubameyang, der von links zum Sechzehner zieht und mit einem Schlenzer abschließt. Saka hatte ihm zuletzt im Community Shield einen fast identischen Treffer ermöglicht.

Mit Özil ist das Tischtuch offensichtlich zerschnitten. Er wird noch bis Ende Juni 2021 seinen hochdotierten Vertrag behalten, aber nicht mehr spielen. Es sieht nicht danach aus, dass er sich zu einer anderen Lösung bereit erklärt, und zwingen kann man ihn nicht. Arsenal wird also noch ein weiteres Jahr sehr hohe Personalkosten haben, da wird eine Neustrukturierung wohl erst dann beginnen können.

Das heißt auch, dass der verhasste amerikanische Eigentümer Stan Kroenke offensichtlich diesen Sommer etwas zuschießt. Das aber könnte wieder mit der überzeugenden Arbeit von Arteta zu tun haben.

Geschrieben von marxelinho am 13. September 2020.

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12. September 2020

Weichkäse

Hertha BSC hat die neue Pflichtspielsaison mit einer Big-City-Ladung Absurdität eröffnet. In dem Pokalspiel bei Eintracht Braunschweig sah es lange Zeit so aus, als könnte eigentlich nichts schiefgehen, abgesehen davon, dass dauernd etwas schief ging. Während wir dann um die 60. Minute vor allem mit der Frage beschäftigt waren, wie Petr Pekarik in den gegnerischen Fünfer geraten war (er traf zum 3:3), zeigte sich gleich darauf auf der anderen Seite die fundamentale Tatsache des Spiels: Hertha hatte es nie unter Kontrolle.

Der dreifache Torschütze Kobylanski fand vor dem Sechzehner einen absurden Freiraum vor, in den er von seinem Kollegen Kaufmann (einseitiges Kopfballduell mit Plattenhardt) den Ball für einen sehenswerten Schuss geliefert bekam. Eine Art Verschärfung des Freistoßtreffers aus der 2. Minute, der auch schon nicht ohne war.

Kurz darauf folgte eine Szene, die vor allem zu Fragen inspiriert, an welchem Punkt die Karriere von Niklas Stark die falsche Abzweigung genommen hat. Wobei Braunschweig da die Freiräume im Zentrum schon zu Anwandlungen von einem gelben Ballett nützte: für die kokette Weiterleitung von Ben Balla auf Abdullahi hatte es ein paar Minuten davor schon eine Probe gegeben. Der neue Keeper Schwolow, der einen wenig erfreulichen Abend hatte, trug mit einer kurzen Unentschlossenheit beim Herauslaufen wahrscheinlich zu Starks unglücklicher Figur bei.

Am Ende war es die ganze Hertha, die in dieser Figur verewigt wird: das 4:5 ist nun ein Fall für die Geschichtsbücher. Selbst für die Verhältnisse des DFB-Pokals war das ein spektakuläres Spiel.

Es stand im Zeichen der Ungewissheit, die Hertha durch negative Ergebnisse in den Vorbereitungsspielen, durch kaum zu ignorierende Medienberichte und schließlich auch durch die Aussagen von Bruno Labbadia herauf beschworen hatte. Dass mit Stark (Zweikampfquote: 33 %) und Rekik (25%!) nicht die erste Innenverteidigung vor dem neuen Torhüter antreten musste, erwies sich dann tatsächlich als Problem. Spielentscheidend war aber das zentrale Mittelfeld. Dort hatte Hertha nie das Kommando.

An dem neuen Mann Lucas Tousart lief das Spiel für meine Begriffe weitgehend vorbei. Er war aber auch in einer originellen Formation aufgeboten worden, nominell neben Mittelstädt, der seine Aufgaben aber sehr freigeistig versah, vom Ballabholen zwischen Stark und Rekik bis zu Abschlüssen auf der anderen Seite. Da auch Darida sehr viel diagonal driftete, und Lukebakio, Cunha und der lange Zeit überraschend produktive Leckie originell in viele Räume gingen, sah Hertha offensiv immer ziemlich gut aus.

Braunschweig aber hatte dadurch eine Menge Räume, in die sie ihrerseits mit großem Geschick gingen. Das war schon eine sehr gute Leistung von der Mannschaft von Daniel Meyer, ermöglicht allerdings eben dadurch, dass Hertha ein absurdes Gegenteil von kompakt war. Porös? La ricotta?

Labbadia hat im Mittelfeld viele Optionen. Maier kam nur für ein paar Minuten, selbst Stark ist auf der 6 besser als in der Innenverteidigung. Tousart ist aber natürlich als Königstransfer gesetzt - wie er sich zurechtfindet, davon wird in den nächsten Wochen viel abhängen bei Hertha. Nach einer Autorität, an der sich ein labiler Defensivkomplex aufrichten kann, sah er noch nicht aus.

Ein kleiner Stecker ist der Saison gestern schon mal gezogen worden. Ich habe mich entschieden, sie nach Möglichkeit als normale Saison zu betrachten, obwohl davon natürlich im Grunde keine Rede sein kann. Andererseits war das, was gestern alles absurd war, alles strikt Fußball. Und das ist viel besser als kein Fußball.

Geschrieben von marxelinho am 12. September 2020.

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06. August 2020

Prahlrechte

Die Verpflichtung von Alexander Schwolow durch Hertha BSC kann man naturgemäß so oder so sehen. Die einen freuen sich über eine vielversprechende neue Nummer 1 im besten Alter. Die anderen ärgern sich, dass ein vielversprechender Tormann im besten Alter nicht bei dem wichtigsten Verein der Welt unterschrieben hat (ihrem), sondern bei einem Konkurrenten, der im Moment finanziell und vielleicht sogar sportlich (ein bisschen) besser dasteht.

In meinem Twitter-Feed tauchten jedenfalls neulich ein paar unhöfliche Bemerkungen über Hertha und das Geld auf, dann wurde ich von einem Schalke-Fan blockiert, dem ich eigentlich gar nicht folgen wollte. Ich hatte mich zu einer Replik hinreißen lassen, die tatsächlich nicht ganz adäquat war: ich hatte darauf hingewiesen, dass Schalke seit 2007 von Gazprom gesponsert wird, was meiner Meinung nach Kritik an dem Investment von Windhorst bei Hertha zumindest zum Teil aufwiegt.

Ich möchte allerdings gar nichts aufwiegen. Mich interessiert, wie Erfolg zustandekommt, und ich freue mich über Erfolge mehr, die auch den Ansprüche genügen, die man in anderer als bloß sportlicher Hinsicht haben könnten. Da passt es leider derzeit weder bei Hertha noch bei Schalke optimal.

Schalke hat sich schon 2007 nicht zuletzt über Vermittlung des Tierschlachtungsindustriellen Tönnies mit Gazprom eingelassen, einem staatsnahen Unternehmen aus einem Staat, der in den Jahren danach intensiv daran gearbeitet hat, die auch in besseren Zeiten notdürftige "regelbasierte Ordnung" (Angela Merkel) der Staatengemeinschaft auszuhöhlen und zu verlassen. Russland ist heute ein destruktiver Pariastaat, und Gazprom hilft auch auf den Trikots von Schalke dabei, das zu beschönigen.

Hertha BSC wiederum hat die Umgehung der auch in besseren Zeiten notdürftigen 50+1-Regel für Clubs in der deutschen Bundesliga umgangen, indem man inzwischen 66,6 Prozent der KGaA an eine Gesellschaft veräußert hat, von der man nicht viel mehr weiß, als dass ein gewisser Lars Windhorst sie öffentlich vertritt. Das Problem dabei ist meiner Meinung nach, dass unklar ist, welches Geld Windhorst hier eigentlich investiert. Seine Geschäftstätigkeit ist, jedenfalls sieht das für Laien so aus, maximal darauf ausgerichtet, die Herkunft der eingesetzten Summen zu verdunkeln. Das ist, angesichts der gigantischen Summen an (ich sags mit einer vorsichtigen Verallgemeinerung:) abgezweigtem Geld in der ganzen Welt, keine Kleinigkeit.

Ich würde mir wünschen, dass Hertha BSC Geschäfte nur mit Partnern macht, die höchsten Ansprüchen an Transparenz genügen. Das ist ein frommer Wunsch, und Herrn Schiller sicher nicht zu vermitteln.

Das Engagement von Windhorst bei Hertha erweitert nun deutlich die Möglichkeiten von Hertha BSC in sportlicher Hinsicht, schränkt allerdings ein wenig die "Legitimität" ein. Hertha ist jetzt auch ein angeschobener Club, die Fans könnten nun gegen Hopp oder die Dosen nur noch singen, wenn sie einen Selbstwiderspruch in Kauf nehmen. Mir ist an moralischer Oberhoheit nicht gelegen, mir wäre nur lieber, Hertha hätte einen besseren Weg gefunden als dem Ausverkauf der Bundesliga an die zweifelhafteren Bereiche des internationalen Kapitalismus die Tür ein Stück weiter zu öffnen.

Als Fan freue ich mich über die Verpflichtung von Schwolow. Das Video anlässlich seiner Verpflichtung zeigt ihn mit Michael Preetz, das offizielle Signing-Foto auf Twitter zeigt den Geschäftsführer Sport gemeinsam mit dem Sportdirektor Arne Friedrich - ein subtiler Hinweis darauf, dass die 66,6 % aus der KGaA zumindest nicht ganz ohne Einfluss auf die nominell hundertprozentig unabhängige Tätigkeit der GmBH sein dürften. Wobei die Photo Opportunity mit Friedrich wahrscheinlich eher eine symbolische Konzession ist, denn der Schwolow-Transfer hat doch ganz die Anmutung eines klassischen Preetz-Moves: Fakten schaffen statt Gerüchte streuen.

In England spricht man von "bragging rights", wenn Fans von rivalisierenden Clubs aufeinander treffen. Wenn Arsenal ein Derby gegen Tottenham gewinnt, dann sind die Prahlrechte für eine Weile in Islington daheim. Das Wort sagt viel über die seltsame Existenz, die wir als Fußballfans führen: intensiv teilnehmend an etwas, was wir nur sehr beschränkt beeinflussen können. Derzeit ist auch das letzte Band gekappt: die physische Anwesenheit bei Spielen. Der Schalke-Fan, der mich auf Twitter blockiert hat, hat damit in etwa auch den Handlungsspielraum umrissen, den der moderne Fußball seinen Anhängern lässt.

Geschrieben von marxelinho am 06. August 2020.

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