02. Januar 2020

Weihnachtliche Verstopfung

Mit einem 2:0 über Manchester United hat Arsena gestern die "Christmas congestion", die weihnachtliche Verstopfung des Spielplans in der Premier League, erfolgreich hinter sich gebracht. Wenn man am ersten Tag eines neuen "Jahrzehnts" einen der großen Rivalen überzeugend schlägt, dann darf man auch einmal eher darüber hinweggehen, dass ManU schwach war. Arsenal hat hingegen mit einer sehr überzeugenden Teamleistung die bisherige Arbeit von Mikel Arteta beeindruckend bestätigt.

Einen Monat ist die Entlassung von Unai Emery nun her. Freddie Ljungberg hat die Mannschaft danach einige Spiele betreut - seine wichtigste Idee war, auf die gemeinsame Aufstellung von Aubameyang und Lacazette zu verzichten. Der gegenwärtige Kader von Arsenal bringt es mit sich, dass das jedes Mal eine Schlüsselfrage ist, wie man die beiden sehr unterschiedlich profilierten Angreifer in eine Formation einbaut.

Für das Spiel gestern war es von zentraler Bedeutung, dass Arteta zum zweiten Mal beide in der Startformation hatte: Lacazette zentral, und Aubameyang über links. Nach der Niederlage gegen Chelsea vor wenigen Tagen hatte für meine Begriffe viel dafür gesprochen, Lacazette eine Pause zu geben: er wirkte nicht wirklich fit, und war unglücklich an den Schlüsselszenen beteiligt, die das Match kippen ließen.

Kraftreserven waren auch am Neujahrstag ein entscheidender Faktor. Und Lacazette absolvierte eine Schicht, die man zu einem Musterbeispiel von Mannschaftsdienlichkeit eines physisch starken Mittelstürmers machen könnte. Arsenal war kompakt und elastisch, offensichtlich hatte Arteta auch die Parole ausgegeben, sich nach Möglichkeit mit dem Ball zu erholen, das funktionierte vor allem in der ersten Halbzeit sehr gut, als ManU wenig Anstalten machte, sich überhaupt am Spiel zu beteiligen.

Der Sieg hatte auch damit zu tun, dass Arsenal dieses Mal zwei Tore Vorsprung zur Halbzeit hatte. Eine Bewegung über links mit Kolasinac und Aubameyang fand früh Pepe, der für Reiss Nelson in die Startelf gekommen war. Und kurz vor der Pause erhöhte Sokratis nach einem Eckball.

Dazu eine Bemerkung: Es war eine Nebensache, aber eine bedeutsame, wie Arsenal unter Emery die Eckbälle vergeudete. Meistens kurz gespielt, sehr oft nicht einmal zu einer Flanke genützt, obwohl die Langen doch im Strafraum warteten. Es war ein Inbegriff von Unsinn. Pepe hingegen schlägt brillante, gefinkelte, extrem schwer zu verteidigende Ecken an den Fünfmeterraum, es war Lacazette, der verlängerte, für de Gea gab es nicht einmal eine Möglichkeit, über Herauslaufen oder Linie nachzudenken, er hätte mehr oder weniger auf der Linie herauslaufen müssen.

In Halbzeit zwei verteidigte Arsenal das Resultat. Es wurde nicht mehr richtig dramatisch, obwohl Kolasinac nicht bis zu Ende durchhielt, und schließlich mehrere Spieler dringend auf Ersatz hofften. Mesut Özil spielte durch, mit einer beachtlichen Leistung. Auch Granit Xhaka spielte durch, wie gegen Bournemouth eher auf der Achterposition, er spielte auch gut, und man hatte nicht den Eindruck eines Spielers auf Abruf.

Das ist einer der wichtigsten Eindrücke aus den drei Spielen, die Arteta nun geleitet hat. Die Spieler sind alle mit enormem Engagement dabei. Aubameyang und Lacezette, beide zögern mit der Verlängerung ihrer Verträge, beide sind hoch motiviert. Arteta hätte es auch einfacher haben, und Ljungberg noch die drei Spiele über Weihnachten überlassen können. Denn es war sehr riskant, sich mit praktisch kaum Training auf diese Serie einzulassen. Arteta ging das Risiko ein, und gestern machte es sich bezahlt.

Denn wenn man die Mannschaft in den Bildern nach dem Spiel beobachten konnte, dann zeigte sich da ein offensichtlicher Effekt: das Erlebnis dieser drei Spiele hat bereits etwas bewirkt. Die ersten Ansätze gegen Bournemouth, das Drama gegen Chelsea und gestern die Gemeinschaftsleistung gegen ManU - nicht nur die Fans sehen Arsenal wieder als spannende Sache.

Am Montag wartet Leeds im FA Cup, und dann geht es am Samstag zu Crystal Palace.

Geschrieben von marxelinho am 02. Januar 2020.

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30. Dezember 2019

Same New Arsenal

Eine halbe Stunde lang hatte die Premier League gestern Nachmittag ab drei eine neue Attraktion: den Arsenal FC. Wer einnert sich noch? Kurzpassmythos, Offensivspektakel, eine Saison ohne Niederlage, das war 2003/2004, das ist inzwischen die Bankmarke, die Liverpool auf dem einsamen Weg zum Titel 2020 noch interessieren wird.

Es war das zweite Spiel unter dem neuen Trainer Mikel Arteta, das erste Heimspiel, das Derby gegen Chelsea. Eine halbe Stunde lang dominierte Arsenal nach Strich und Faden, mit Mesut Özil im Zentrum einer begeisternden Leistung, mit dem jungen Reiss Nelson auf rechtsaußen, mit Torreira im zentralen Mittelfeld, und  mit dem 18 Jahre altemn Bukayo Saka als linkem Außendecker, weil Tierney und Kolasinac verletzt sind. Eine Notelf, die spielte wie ein Titelkandidat.

Nach dem frühen Führungstreffer durch Aubameyang passierten in der ersten Halbzeit noch zwei Dinge: Calum Chambers musste verletzt ausscheiden, das war der erste Bruch. Dann wechselte Frank Lampard noch vor der Pause Jorginho ein, das war der zweite Bruch.

Arsenal hielt dann noch fast die ganze zweite Halbzeit gut dagegen, kam aber nicht mehr ins Spiel. Zwei späte Tore (das erste nach einem Fehler von Leno bei einer Freistoßflanke, das zweite nach einem Konter) drehten das Spiel.

Der größte Talking Point war danach die Frage, ob Jorginho wegen eines taktischen Fouls eine zweite gelbe Karte hätte sehen müssen. Die Antwort ist eindeutig: selbstverständlich. Allerdings hatten die Spieler von Arsenal, allen voran Guendouzi, von Beginn an andauernd gelbe Karten für Chelsea reklamiert, und zwar so aggressiv, dass Pawson in diesem Moment wohl aus Protest auf die fällige Sanktion verzichtete. Jorginho erzielte später den Ausgleich. Guendouzi war gestern das ganze Spiel hindurch an der Grenze. Er ist einer der Hoffnungsträger von Arsenal, inzwischen hat er allerdings auch schon einige Erfahrung, und er sollte schon ein bisschen besser mit seiner Motivation umgehen können.

Spannender ist die Frage, ob Arteta das Spiel in der zweiten Halbzeit aus der Hand gab, weil er zu spät und falsch wechselte. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Arsenal am Mittwochabend auch noch gegen Manchester United spielen muss. Schon gegen Chelsea waren einige Spieler nach einer Stunde am Limit. Arteta hatte (nach dem erzwungenen Wechsel in Halbzeit eins) noch zwei Optionen. Er entschied in meinen Augen ungeschickt: Er hätte Willock eher für Guendouzi als für Özil bringen müssen (und deutlich früher), und er hätte Pepe auch eher schon um Minute 60 bringen müssen, am besten für Lacazette.

Das eigentliche Drama war dann das zweite Gegentor: Arsenal drängt nach dem Ausgleich auf einen Siegestreffer. Guendouzi verliert am gegnerischen Strafraum ein Duell, und nun läuft der Konter. Nicht mehr hinterher kommt der junge Saka, der davor schon entweder einen Krampf oder eine kleine Muskelverletzung angedeutet hatte. Saka war für mich einer der Spieler des Spiels, er spielte als Notbesetzung und gemeinsam mit dem gestern lange großartigen, nachgerade väterlichen Aubameyang eine starke Rolle auf der linken Seite. Nun humpelte er mehr oder weniger zurück. Arsenal hatte nicht nur nichts mehr zuzusetzen, sondern war de facto auf Shkodran Mustafi reduziert.

Hier ein brillanter Text aus dem Guardian über den "Fatalismus" von Arsenal. Gegen ManU am Mittwoch wird das ein ganz harter Gang. Arteta aber hat angedeutet, dass er die Mannschaft aus der Apathie geholt hat. Granit Xhaka wird dabei wohl keine Rolle mehr spielen. Er war gestern nicht im Kader, offiziell war er krank, sein Befund lautet wohl: Tennor BV.

Geschrieben von marxelinho am 30. Dezember 2019.

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27. Dezember 2019

Dummes deutsches Geld

Als ich vor zwanzig Jahren von Wien nach Berlin ging, war gerade Hochkonjunktur an den Börsen – der New Economy Crash von 2002 bereitete sich vor. Aus dieser Zeit ist mir noch ein Begriff in Erinnerung: "stupid German money". Doofes deutsches Geld floss in doofe amerikanische Filme. In diesen Tagen muss ich ab und zu an dieses Wort denken, denn Hertha wird im Januar im Transferfenster absehbarer Weise eine Rolle spielen. Und da wird es dann sehr darauf ankommen, die Millionen von Tennor nicht als "doofes deutsches Geld" in den Wind zu schießen.

Zum Beispiel durch eine Verpflichtung von Granit Xhaka. Nach allem, was man heute lesen kann, soll die Sache mehr oder weniger klar sein: Xhaka will, Hertha will, nur Arsenal will noch nicht so richtig. Ich hoffe sehr, dass aus diesem Transfer nichts wird, und zwar aus eine Reihe von Gründen.

Xhaka spielt jetzt seit dreieinhalb Jahren in London. Weil Arsenal mein zweiter Lieblingsclub ist, habe ich ihn also seit dem Sommer 2016 sehr oft gesehen, ich habe sicher 80 oder 90 seiner insgesamt 113 Spiele für die Gunners gesehen (sieben Toren hat er in der Zeit erzielt). Und ich meine, dass sich seine Zeit in London sehr klar zusammenfassen lässt: Xhaka hat sich in dieser Zeit nicht entwickelt, sondern ist sogar eher schlechter geworden. Die Ansätze seines zweifellos vorhandenen Talents waren zwar immer noch ab und zu zu sehen, vor allem aber musste man den Eindruck haben, dass er nicht über die Persönlichkeit (und die Intelligenz) verfügt, sich als Fußballer zu verbessern.

Man muss ihm dabei allerdings zugute halten, dass seine Zeit in London in die Phase des derzeitigen Niedergangs fiel: der späte Wenger ließ Spieler vollkommen uninstruiert, und Unai Emery wurde nach einem guten Beginn so konfus, dass niemand mehr verstand, was er eigentlich wollte. Xhaka wurde unter Emery schließlich sogar Kapitän, war der Rolle aber nie gewachsen.

Gestern spielte Arsenal zum ersten Mal unter dem neuen Trainer Mikel Arteta. Eine der ersten Maßnahmen war: Xhaka bekam eine neue Rolle. Torreira war der Sechser, Xhaka der Achter. Das war ein einleuchtendes Manöver, denn Xhaka hat, als zentraler Mittelfeldspieler, seine Stärken eindeutig eher in der Offensive. Mit anderen Worten: er ist nicht der "holding midfielder", den Hertha sucht, auch wenn er diese Position meistens gespielt hat.

Als echter Sechser ist Xhaka allenfalls Durchschnitt. Er ist oft begriffstutzig, seine Antizipation von Situationen ist nicht gut, er begeht auch zu viele Fouls in gefährlichen Bereichen, und er neigt bei der Spieleröffnung zum Quergeschiebe. Es gibt in jedem Spiel so zehn Minuten, in denen er aufzuwachen scheint, dann gibt es von ihm tolle, vertikale Pässe. Aber meistens agiert er in einem faden Sicherheitsmodus.

Hertha sucht einen Ersatz für Skjelbred. Arne Maier soll das wohl nicht sein, obwohl er im Vorjahr gezeigt hat, dass er durchaus ein exzellenter Sechser sein kann. Da dies die einzige Position ist, auf der Verstärkung wirklich Sinn machen würde, ist im Grunde die Frage für alle Hertha-Fans heute: Ist Xhaka besser als Maier? Unter Vorbehalt der schwierigen direkten Vergleichbarkeit von Spielern ist die Antwort für mich aber doch klar: Maier ist der ungleich bessere Fußballer, er ist schon da, er hat im Moment nicht einmal einen Stammplatz, was eine bemerkenswerte Verschwendung darstellen würde, bliebe das auch in der Rückrunde so.

Xhaka käme deutlich beschädigt aus der Premier League in die Bundesliga zurück, er wäre de facto in London gescheitert: Will Hertha sich wirklich auf so einen Führungsspieler einlassen? Es wäre sicher ein Transfer, den man Windhorst plausibel machen kann, und es wäre einer, der überregional bemerkt werden würde. Sportlich spricht für meine Begriffe deutlich mehr dagegen als dafür, aber das wird einen Verein, der mit seinem Geld etwas anfangen muss, wahrscheinlich nicht hindern. Kohle muss brennen, sonst stirbt der Kapitalismus.

Und damit wird die Strategie von Michael Preetz (hauseigene Talente in einen Kader mit stillen Reserven zu integrieren) Geschichte sein. Das tut weh, hat er sich aber durch seine verfehlte Trainerentscheidung im Sommer auch selbst zuzuschreiben.

Geschrieben von marxelinho am 27. Dezember 2019.

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von Jörg (am 30. Dezember 2019)
Klinsmann hat es dieser Tage ja explizit gesagt: er sieht es so, dass man mit den Talenten aus der Hertha-Akademie nicht nach Europa gelangt. Es steht jetzt wohl wirklich ein tiefgreifender Wandel bei Hertha an, unabhängig davon, was die zukünftige Rolle von Preetz, Schiller oder Gegenbauer sein wird. In meiner Perspektive war die Akademie immer ein riesiger Pluspunkt, nicht zuletzt eben auch dem regionalen Vorteil Berlins geschuldet, als wichtigstem Orientierungspunkt aller Talente im Nordosten Deutschlands. Die Boatengs, Dejagah, Ebert, Schulz und jetzt Torunarigha, Mittelstädt und Maier hatten immer einen besonderen Platz in meiner Spieler-Einschätzung. Das war für mich mehr als alles andere der Hertha-Weg. Daher hoffe ich, dass die Akademie-Arbeit weiterhin mit mindestens der gleichen Intensität fortgeführt wird. Dass jetzt zusätzlich noch die finanzielle Möglichkeit besteht, international hoch geschätzte Spieler heranzuholen, das ist für mich erst einmal sehr ungewohnt. Bei Bayern-Fans war es für mich immer abstoßend, mit welcher Selbstverständlichkeit sie stets davon ausgingen, der Fussballspieler-Markt gehöre ihnen. Ich glaube, Klinsmann betreibt Komplexitätsreduktion. Ich glaube, man kann durchaus Spieler holen, die es Hertha ermöglichten, international zu spielen, die aber dennoch zu dem passen, was aus der Akademie nachwächst. Das ist Klinsmann aber zu kompliziert. So, wie man mit den Boatengs (und Schulz) in Europa etwas reißen konnte, so wird man das auch mit Arne Maier können. In puncto Xhaka hätte ich gedacht, das ist ein ganz guter Wechsel. Einen Spieler von seinem Umfeld isoliert zu bewerten ist ja echt schwer. Andererseits bezweifle ich, dass jemand bei Hertha sich Xhaka so genau angeschaut hat wie Du. Übrigens: vor dem BVB-Spiel bin ich glaube ich an Dir vorbeigelaufen, auf dem S-Bahnsteig am Alex.
24. Dezember 2019

Kleine Bescherung

Das letzte Spiel der Hinrunde 2019/20 habe ich mir zweimal angesehen: am Samstagabend im Olympiastadion, und gestern dann noch einmal in der Konserve. Ein torloses Remis gegen Gladbach muss man zwar nicht unbedingt wie ein Philologe studieren, aber es war doch interessant, die Live-Eindrücke mit den Großaufnahmen und Zeitlupen zusammenzuführen. Insgesamt hat sich das Wesentliche schon im Stadium mitgeteilt.

Hertha wollte sich das kleine Dezember-Comeback nicht mehr verderben und war auf Sicherheit bedacht. Und Gladbach hatte nicht mehr die allerletzten Reserven zu mobilisieren, sodass das Ergebnis trotz einiger guter Chancen auf beiden Seiten in Ordnung geht. Szene des Spiels war für mich ein Moment um die 60. Minute, als Gladbach nach einem schönen vertikalen Pass auf Neuhaus plötzlich exzellent positioniert ist, der Ball kommt auch zu Plea, wird aber abgewehrt, Hertha schaltet sehr schön um, der vertikale Pass in die Gegenrichtung ist aber zu steil für Lukebakio. Auch da im Detail also nullnull.

In den Medien macht das Klischee die Runde, Hertha wäre nun wieder auf dem Stand von Pal Dardai. Das ist aber ein Blödsinn. Hertha war unter Dardai nie kompakt. Die Zahlen enthalten zudem eine klare Tendenz.

2016 Platz 7 Tordifferenz 42:42

2017 Platz 6 Tordifferenz 43:47 (ein Europacup-Platz mit negativer Tordifferenz!)

2018 Platz 10 43:46

2019 Platz 11 49:57

Es gibt überhaupt keinen (sportlichen) Grund, die Zeit von Pal Dardai irgendwie zu verklären. Seine Devise war das Mittelmaß. Er ist ein großartiger Typ, deswegen wäre es sicher gut gewesen, hätte er eine Ära prägen können. Aber seine Ära wurde leider mit zunehmender Dauer unproduktiv, es passte, wie man so schön sagt, hinten und vorn nicht.

Klinsmann und Team haben aus der Mannschaft in erstaunlich kurzer Zeit ein funktionierendes Ensemble gemacht. Halbzeit eins gegen Gladbach war in meinen Augen keineswegs nur auf Umschalten programmiert, es gab Ballbesitz, und eine weitgehend ausgeglichene Spielanlage. Bedeutsam waren wohl die fünfzehn Minuten nach der Pause, als es eine Weile gar nicht mehr gelang, sinnvoll aus der ziemlich gut funktionierenden Defensive herauszuspielen.

Nebenbei, eine Privatmeinung: Mit Arne Maier hätte Hertha das Spiel gewonnen. Das ist naturgemäß nicht erhärtbar, und geht von einem fitten Spieler aus. Skjelbred hat seinen Stil ein bisschen angepasst, er hat durchaus kleine, offensive Momente. Aber es fehlt schon das ganze Halbjahr die strategische Intelligenz, die Maier im Vorjahr immer wieder erkennen ließ.

Die acht Punkte aus den letzten vier Spielen sind wohl genau richtig, um ein wenig Optimismus zu erlauben, ohne den Abstiegskampf, der ja in der englischen Woche sein Punkteniveau deutlich angehoben hat, schon zu den Akten zu legen. Hertha steht nun vor einer spannenden Winterpause. Nach dem Boxing Day werde ich dann aufschreiben, warum ich gegen eine Verpflichtung von Granit Xhaka wäre - um ausnahmsweise ein, allerdings relativ plausibles Gerücht aufzugreifen. Schöne Feiertage!

Geschrieben von marxelinho am 24. Dezember 2019.

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19. Dezember 2019

Enge Woche

Die Bundesliga ist eine enge Liga. Das wird besonders deutlich in einer englischen Woche, die man auch enge Woche nennen könnte. Hertha stand am vergangenen Samstagmorgen noch mitten im Abstiegskampf, hatte vier Punkte Vorsprung auf den Tabellenletzten aus Köln, und befand sich auf dem Punktelevel des Relegationsplatzes. Einen Samstag und einen Mittwoch und zwei Siege mit 1:0 später hat Hertha immer noch vier Punkte Vorsprung auf Köln, allerdings befinden sich beide nun eine Tabellenetage höher. Und Hertha hat sieben Punkte Rückstand auf Platz 6. Sowie sechs Punkte Vorsprung auf einen direkten Abstiegsplatz.

Dass es in Leverkusen etwas zu holen gab, hatte auch mit Köln zu tun. Bayer kam aus einem traumatisierenden Derby und stand unter Druck, sich vor eigenem Publikum zu rehabilitieren. Hertha konnte mit einer orthodoxen Formation antreten, und schaffte einen klassischen Upset: mit Skjelbred statt Ibisevic, mit den schnellen Wingern Lukebakio und Dilrosun, und mit einem unwahrscheinlichen Torschützen (Rekik) lief alles nach Matchplan. Bayer war so groggy, dass sie sich nicht einmal mehr an schwachen Herthanern (Plattenhardt gegen Diaby) aufrichten konnten.

Vielleicht konnte man da sogar eine Folge der gemächlichen Hertha aus der früheren Phase der Saison erkennen. Unter Ante Covic waren die Laufleistungen häufig gering, nun wirkt die Mannschaft zumindest nicht vollkommen platt. Und nun wartet noch ein Topspiel gegen Gladbach.

Da wird es dann allerdings einer besseren Offensivleistung bedürfen. Hertha hatte gestern so viele interessante Umschaltsituationen, dass man normalerweise eigentlich nicht gewinnen dürfte, wenn man so damit umgeht. Die zerstreuten oder unnötig hektischen Zuspiele, die vertändelten Bälle, die Dribblings gegen sich selbst waren der eigentliche Refrain des Spiels. Geistig wach wirkte die Mannschaft nur defensiv, angeführt von Boyata, der sich zumindest als Turm in der ohnehin eher schwächlichen Leverkusener Brandung versuchte.

Der Kopfball von Volland gleich nach dem Führungstreffer erinnerte dann daran, dass Hertha erst neulich gegen Frankfurt noch eine Führung aus der Hand gegeben hatte. Wenn man diese Großchance mit dem Tunnel vergleicht, durch den Rekiks Ball nach einem super Pass von Dilrosun ins Tor fand (de facto sah das aus wie ein Wurmloch), dann weiß man wieder ein bisschen mehr über die Nuancen des Erfolgs. Allerdings mochte man dann auch wieder daran denken, dass Hertha noch vor kurzer Zeit und noch unter Ante Covic den derzeitigen Tabellenführer Leipzig herausgefordert hat.

Der damals nicht gegebene Elfmeter und das damals durchaus mögliche andere Ergebnis fehlt nun in einer Tabelle, die dafür zwei Arbeitssiege als erste Zwischenbilanz des Performance Managements unter Klinsmann stehen hat. Zufällig sind daran letztlich doch nur die Details, in der Summe war das Ergebnis gestern stimmig, und sogar deutlich zu niedrig.

PS Die Aufstellung von Skjelbred und die Berichte über einen Sechser, den Hertha angeblich im Winter kaufen will, bedeuten nichts Gutes für die Rolle von Arne Maier unter Klinsmann. Ich denke, dass jeder Blauweiße im Moment gespannt auf das Comeback der Nummer 23 wartet - gegen Gladbach wäre er sicher eine Bereicherung, vorbehaltlich seiner Fitness, über die ich natürlich nichts weiß.

Geschrieben von marxelinho am 19. Dezember 2019.

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15. Dezember 2019

Entlastungssteuerung

Die drei Punkte gestern gegen Freiburg kann man so sehen: Hertha hat damit den FC Köln auf Distanz gehalten, der den Abstiegskampf mit einem Sieg über Leverkusen um drei Punkte nach oben gehievt hat. Platz 17 steht nun bei elf Punkten, Hertha hat vier Punkte Vorsprung, stünde andernfalls ziemlich tief im Schlamassel.

Hertha hat gestern auch den Rückstand auf Union um zwei Punkte verringert. Davon kann sich zwar niemand etwas kaufen, aber es ist doch so, dass dieses Jahr in der Liga auch ein undeklariertes Duell läuft, wie die Hauptstadt im deutschen Fußball vertreten ist. Bisher hat Hertha, das unerklärlichste Fußballprojekt Europas, auf die Herausforderung aus Köpenick mit einer Betonung des einzigen wirklichen Alleinstellungsmerkmals reagiert: die Mannschaft zeigte auch unter Covic keine erkennbaren Eigenschaften.

Wird sich das unter Klinsmann ändern? Bisher ist noch alles Notprogramm. Auch der Arbeitssieg gegen Freiburg, bei unwirtlichen Verhältnissen, taugt weder für Exegesen noch für Schlussfolgerungen. Die Formation war nominell "mutig", wurde aber zaghaft interpretiert: das 4-2-4 (oder 4-2-2-2) mit Ibisevic und Selke sowie Lukebakio und Dilrosun hätte sich eigentlich für ein höheres Pressing empfohlen.

Hertha wartete aber zumeist hinter der Mittellinie, stand also tief, und kam selten wirklich zu Spielzügen. Immerhin kann man das einzige Tor auch zu einem gewissen Grad der Taktik gutschreiben: Darida spielte im gestrigen System weiter hinten als sonst meist, kam also aus der Tiefe, und fand in Ibisevic einen Partner für einen Doppelpass, der wohl weniger Raum gehabt hätte, wäre nicht mit Selke noch ein Faktor (passiv) involviert gewesen. Vor zwei Jahren hat Darida einmal gegen Deutschland in einem Länderspiel ein vergleichbares Tor geschossen, einen unhaltbaren Weitschuss.

Jetzt sind es noch zwei Spiele bis Weihnachten, und damit zwei Spiele bis zu einer Transferperiode, die bei Hertha vieles auf den Kopf stellen könnte, was die letzten Jahre eigentlich positiv war: der von vielen irrational abgelehnte Manager hat einen guten Kader (für einen evolutionär konzipierten Bundesligisten) zusammengestellt, er hat den Spielern aber keinen wirklich gestaltenden Coach gegenübergestellt. Damit wurde Hertha zu einer Blase, in der jegliche Ambition verkümmerte.

In dieser Hinrunde fielen bisher nur wenige Spieler ins Auge, auf die man für eine stärkere zweite Saisonhälfte setzen würde. Darida aufgrund seines Engagements. Boyata in Ansätzen, obwohl auch er gestern zu Beginn extrem nervös wirkte. Zwei der größten Talente spielen bisher, aus unterschiedlichen Gründen, keine Rolle: Maier und Torunarigha wären Identitätsspieler, wenn sie nicht bald integriert werden, sind sie für Hertha wahrscheinlich vergeudet.

Gegen Leverkusen wird sich vielleicht zeigen, ob Klinsmann & Stab ein spezifischeres taktisches Verständnis haben, als sie es gestern zeigten. Gestern war die Formation eher ein Signal, gespielt wurde der alte Stiefel, mit minimalen Versuchen von Konstruktivität. Letztlich war das Ergebnis eher glücklich: Hertha hatte defensiv nicht ganz so viele brenzlige Momente wie gegen Frankfurt, der Kopfball von Koch war aber auf jeden Fall ein Zeichen des Fußballgottes, dass an der Verteidigung von Eckbällen zu arbeiten ist.

Dass nun offensichtlich gestreut wurde, die Spieler wären konditionell nicht auf der Höhe, ist übrigens ein Indiz dafür, dass der Trainerwechsel mehr war als ein Trainerwechsel: Hertha hat ein neues Regime, und in den zwei Spielen bis Weihnachten geht es wohl auch schon darum, wieviel Michael Preetz in der Winterpause noch zu sagen hat. Es sieht derzeit viel danach aus, dass es auch die Ruinen von Pal Dardais stets entlastender "Belastungssteuerung" sind, vor denen wir gerade stehen. Die englische Woche ist eine gute Gelegenheit, vor dem Fest ausnahmsweise einmal höhere Ansprüche (an sich) zu stellen.

Geschrieben von marxelinho am 15. Dezember 2019.

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25. November 2019

Abführmittel

Unter Hertha-Fans gibt es schon lange einen eingeführten Begriff für den Umstand, der gestern das Auswärtsspiel in Augsburg entschieden hat: Sie sprechen von "Hintenrumscheiße". Ein Mittel, das im heutigen Fußball aufgrund seiner raumgreifenden Schnelligkeit ganz normal geworden ist, ist bei Hertha zu einem Mittel geworden, die Raumerschließung zu vermeiden. Der Rückpass zum Torwart, bei agileren Mannschaften ein Relais, ist bei Hertha zum Relaxantium geworden. Also zu einem Abführmittel.

Gestern kam der katastrophale Fehler dann ausgerechnet durch Rune Jarstein. Wir erinnern uns: Als Pal Dardai die Mannschaft übernahm, war eine seine ersten Personalentscheidungen die Beförderung von Jarstein. Er galt als der bessere Fußballer im Vergleich zu Thomas Kraft, und muss dadurch leider auch als Promotor der Hintenrumscheiße gelten. Denn die Mannschaft machte von dieser Möglichkeit deutlich zu häufig Gebrauch.

Jarstein war in den letzten Jahren ein sehr guter, phasenweise ein herausragender Keeper. Gestern wirkte er schon vor der relevanten Szene schläfrig. Und die Mannschaft tat auch nichts, um ihn aufzuwecken. In der ersten Viertelstunde, als das Spiel noch offen war, gab es zwei Andeutungen von Spielzügen, der Rest war abwartender Kontrollfußball ohne Kontrolle. Also genau das, wovon man von Hertha in diesem Jahr schon zu viel gesehen hatte.

Beide Gegentore in dieser Phase fielen durch Pressing. Mittelstädt meint, er hätte alle Zeit der Welt, um einen Ball wegzuschlagen, er trifft aber Richter. Den Freistoß schlägt Max brillant so, dass es zu einer Meinungsverschiedenheit in Herthas Hintermannschaft kommt. Der Großteil spielt auf Abseits (bleibt also stehen, was natürlich auch die  bequemere Lösung ist), einer zweifelt an dieser Strategie, wirksam eingreifen kann und will niemand. Ein Gegentreffer, der einen Trainer zur Verzweiflung treiben müsste. Fans eigentlich auch, aber wir haben einfach schon zu viel erlebt mit Hertha, um nicht achselzuckend und resigniert wieder einmal alle Hoffnungen auf eine interessante Saison fahren zu lassen. Sie sind natürlich leicht wiederbelebbar, diese Hoffnungen, niemand lebt auf Dauer gern mit Resignation.

Es war ein Schlüsselspiel gestern, wie auch das bei Union vor einiger Zeit schon eines war. Der Vergleich bringt es auf den Punkt: Hertha lässt sich unter Ante Covic von rechtschaffenen Fußballarbeitsgruppen ganz einfach auspressen. Engagiertes Anlaufen und Zustellen reicht leicht, um Hertha aus dem Konzept zu bringen. Das berühmte Herausspielen, von dem Covic gern spricht, gelingt nicht, weil zu wenige Spieler dafür Verantwortung übernehmen. Es gab sehr diskrete Ansätze gestern in den ersten fünfzehn Minuten, eine geringfügig verbesserte Beweglichkeit im zentralen Mittelfeld und mit einem einrückenden Dilrosun. Aber schwache Tagesform (Skjelbred) und die tief eingeprägte Hintenrumscheiße verhinderten positive Erfahrungen.

Im Grunde ist Ante Covic damit geliefert. Denn gestern wurde deutlich, dass seine Arbeit über die von Pal Dardai nicht hinausführt. Und das war ja der Auftrag. Leider ist die Arbeit von Michael Preetz, der jetzt schon über einige Jahre eine sehr gute Personalplanung macht, damit von der Spitze her beschädigt. Er hat sich zum zweiten Mal mit einem Trainer assoziiert, der Hertha nicht weiterbringt, und der nun schon Gefahr läuft, auch die Konsolidierung unter Dardai zu gefährden.

Im Sommer hätte es Möglichkeiten gegeben, dem Club von außen Impulse zu geben. Ich denke vor allem an Oliver Glasner. Es gab da ein Fenster der Gelegenheit. Michael Preetz muss sich nun wohl doch vorwerfen lassen, dass er lieber in der Komfortzone blieb: Mit Covic konnte er im Grunde nur gewinnen, denn jetzt ist auch noch nichts verloren, Platz 11 ist für Hertha in dieser Saison immer noch drin. Allerdings kaum unter Covic.

Bedauerlich ist diese Angelegenheit nicht nur aus persönlichen Gründen. Ich hätte mich sehr gefreut, wenn Covic reüssiert hätte, aber nun muss wohl eine rasche Lösung her - vielleicht mit Labbadia bis zum Sommer? Man könnte allenfalls noch argumentieren, dass das Comeback von Arne Maier eine allerletzte Chance für Covic bringen könnte, gegen den BVB noch einmal eine Mannschaft zu formieren, die sich von der Hintenreinscheiße, die aus der Hintenrumscheiße leicht wird, zu emanzipieren.

Wir sollten uns alle wünschen, dass bis Weihnachten noch Schritte zu einer Entwicklung sichtbar werden. Denn andernfalls könnte der Geldesel einen Strategiewechsel verlangen: Übersprungshandlungen mit dem Scheckbuch.

PS Es war nicht ohne Ironie, dass selbst der übertragende Sender von der Hintenrumscheiße schon genug hatte. Das zweite Tor entging der Regie um ein Haar, weil Sky lieber eine Zeitlupe zeigte als den "Spielaufbau" von Hertha.

Geschrieben von marxelinho am 25. November 2019.

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von Alex S. (am 25. November 2019)
Eklatant ist auch, dass wie unter Dardai, die Mannschaft immer weniger läuft als der Gegner. Damit fängt es doch an oder? Immer 3-5 km weniger als der Gegner... Frei nach dem Motto: Hauptsache das Gehalt kommt pünktlich, aber heute renn ich nicht so viel!
von Sven (am 27. November 2019)
Toller Artikel. Trifft voll die Situation.
10. November 2019

Teufel bleib drinnen

Das "spannendste Fußballprojekt Europas" gegen das spannendste Fuselmarketingprojekt Europas: kann man das schon ein Traditionsderby nennen? Ich meine, ja, denn Hertha BSC hat die Standortfaktoren, die Lars Windhorst und sein neuer Sachverständiger Jürgen Klinsmann entdeckt zu haben meinen, ja schon seit einer Weile. Geworden ist bisher nicht viel daraus, das sah man vor allem immer dann, wenn es gegen die Konkurrenz aus der Nachbarstadt ging: Dort wurde mehr oder weniger aus der Retorte ein europäischer Spitzenclub gezogen, und Windhorsts Strategen, wenn es denn welche gibt, werden das Fallbeispiel sicher studieren.

Bisher hat Hertha im Olympiastadion gegen Leipzig immer eine Lektion bekommen. Gestern war das anders. Das 2:4 hatte so viele Faktoren, dass sportliche Aspekte nur zum Teil von Belang waren. Es gab zwei Halbzeiten, und in beiden Halbzeiten zwei Schlüsselereignisse. Hertha begann mit einer lupenreinen Außenseitertaktik, Fünferkette und vorne zentral Lukebakio. Grujic auf der Bank, stattdessen Rekik neben Boyata und Stark.

Das ging eine halbe Stunde ganz gut, dann erzielte Mittelstädt (mit dem rechten Fuß, den er wohl - Marvin Plattenhardt könnte das interessieren - trainiert hat, denn es ist sein nominell schwächerer) einen sehenswerten Führungstreffer. In diesem Moment war das Konzept aufgegangen. Danach spielte Leipzig allerdings seinen entscheidenden Vorteil aus: Der Sky-Kommentator benannte ihn ganz richtig mit "Ballsicherheit unter Druck". Dazu kam genau jene detaillierte Laufarbeit, mit der man hartnäckig verteidigende Gegner mürbe macht. Beide Faktoren sind bei Hertha (noch) nicht befriedigend entwickelt. Herthaner wirken oft hektisch, und laufen zu häufig nur in ballnahen Situationen.

Über den Elfmeter gegen Rekik kann man lange streiten. Nach den derzeitigen Handspielregeln, die auf jeden Fall im Zweifel für den Stürmer sind, war es einer. Das zweite Gegentor vor der Pause hatte dann schon ein kleines Vorspiel, weil Hertha inzwischen große Schwierigkeiten beim Herausspielen hatte. Das ist eben auch ein Aspekt bei der gewählten Taktik: man ist sehr oft hinten am und im eigenen Sechzehner, da passieren nun einmal potentiell mehr Dinge. Ballverluste rächen sich schneller.

Mit dem Rückstand bekam Hertha in der zweiten Halbzeit mehr Spielanteile. Und es wuchs der Anteil der Unparteiischen. Dass Ilsanker nach seinem Foul an Dilrosun keine zweite gelbe Karte bekam, war keine Ermessensentscheidung, sondern Willkür. Dann kam die Szene mit Laimer und Stark. Sie wirkt nun sonnenklar, aber es war live doch deutlich komplexer: es gibt ja zwei VAR-Instanzen, denn auch der übertragende Sender sieht sich Szenen immer mehrfach an, und auch bei Sky brauchten sie ziemlich lange, bis sie die Verletzung durch den erhobenen Oberarm und das damit einher gehende Handspiel so entwirrt hatten, dass klar war: es hätte vor allem Handelfmeter geben müssen. "Köln" wird nur schwer erklären können, warum hier die Revision ausblieb.

Selbst zu diesem Zeitpunkt hätte Hertha aber noch gute Chancen auf einen Punkt gehabt. Allerdings wechselte Ante Covic unglücklich. Plausibel wäre gewesen, schon relativ früh in Halbzeit zwei die Dreierkette aufzulösen und das Mittelfeld zu stärken: Grujic für Rekik wäre der naheliegende Wechsel gewesen, dazu Selke (oder von mir aus Ibisevic) für Klünter, Wolf eine Reihe nach hinten. Hertha hätte die müder werdenden Leipziger auf jeden Fall vor Probleme gestellt.

Rekik war dann ein drittes Mal an einem Gegentor beteiligt, als er gegen Kampl das Abseits aufhob. Damit war die Sache gelaufen. Der Treffer von Selke gab den wunden Seelen vieler Blauweißer immerhin noch Gelegenheit zu ironischen Kommentaren.

Hertha steht nun hinter Union und riecht schon den Abstiegskampf. Zum vorläufigen Trost kann man nur sagen, dass die teilweisen Leistungen in dieser bisherigen Saison auch den Schluss zulassen, dass gegen alle noch kommenden Gegner bis Weihnachten etwas möglich ist. Es waren leider meist Leistungsbeweise über 30 oder 40 Minuten. Es fehlt, bei allen differenzierten Matchplänen, eine Grundkostanz. Gegen Augsburg gibt es nun aber wirklich keine andere Möglichkeit, als über neunzig Minuten bedingungslos (das heißt nicht: auf Teufel kaum raus) auf Sieg zu spielen.

PS Aus der Fernsehferne sah es so aus, als wäre der Rasen im Oly schon wieder in einem bedenklichen Zustand. Es ist Anfang November!

Geschrieben von marxelinho am 10. November 2019.

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von Toddy (am 10. November 2019)
So kongruent, wie ich bei allen Kommentaren bin, habe ich hier 2 Anmerkungen Ich habe meine Dauerkarten auch Hingehwilligen überlassen und war Ohrenzeuge auf Sky. Dass unser Investor im Interview immer wieder Hertha Berlin statt Hertha BSC sagte, irritierte mich( gelinde gesagt) 11m Rekik -Nö- Beurteilt wird die Szene im Fast-Standbild - In der Totalen erkennt man, dass bei dem Laufduell Rekik mit natürlich pendelnden Armen nebenher spurtet Beim Abseits war er zwar hinten letzter Mann, wäre aber trotzdem nicht ausreichend gewesen, da beim Pass noch ein Herthaner näher zum eigenen Tor stand - Egal hätte, wenn und aber, bin ich in Resümee voll dabei #hahohe
09. November 2019

Berichtspflichten

Diese Woche haben neue Zeiten bei Hertha BSC begonnen. Mit der Nominierung von Jürgen Klinsmann in den Aufsichtsrat der KGaA endet die Periode, in der die Dreierkonstellation aus Michael Preetz, Ingo Schiller und Werner Gegenbauer sich mit gefügigen Gremien alles untereinander ausmachen konnte. Mit dem nunmehrigen Hälfteeigentümer Tennor BV wachsen sicher auch die Berichtspflichten.

Der erste, der das zu spüren bekommen wird, ist Michael Preetz. Er hat mit Ante Covic zum zweiten Mal in Folge einen Eigenbautrainer eingesetzt. Passenderweise beginnen heute mit einem Spiel gegen Leipzig die Herausforderungen. Denn bisher hat Covic zwar in Ansätzen erkennen lassen, dass er mehr will als sein Vorgänger, der letztendlich eine Mannschaft geformt hatte, die alles verweigerte, was über das Notwendigste hinaus ging.

Aber im Ergebnis steht Covic mehr oder weniger da, wo Hertha schon unter Dardai meist stand. Ohne die drei Pflichtsiege gegen die schwächsten Teams der Liga wäre Hertha tief im Abstiegskampf. In allen Spielen, die dieses Jahr mit Niederlagen endeten, gab es Phasen, in denen Covics Team erkennen ließ, dass mehr möglich wäre - umso ärgerlicher sind diese Niederlagen, die alle unnötig, im Endeffekt aber dann halt doch verdient waren.

Gegen Union hat Hertha einmal mehr eine erste Halbzeit verschwendet, und die zweite dann auch nicht wirklich genützt. Es war auffällig, dass das Pressing die Mannschaft überfordert hat. Dabei ging Union damit ja auch bis zu einem gewissen Grad ins Risiko. Wenn es Hertha gelungen wäre, ruhig und interessant gegen diese frühe Störung anzugehen, wenn alle daran mitgearbeitet hätten, den Ball über die erste Linie von Union hinweg zu bringen, wäre das genau der Ballbesitzfußball gewesen, von dem Covic zu Beginn des Jahres sprach. Es kam nicht dazu, aus einer Mischung aus Lethargie und Nervosität, wie es den Anschein hatte.

In diesem Zusammenhang legt sich noch einmal ein Wort zu dem leidigen Thema der Laufarbeit nahe. An der Spitze der Liga steht derzeit mit Gladbach ein laufintensives Team. Hertha hat meist mittelmäßige Werte, und man sieht es bei den Spielen mit freiem Auge. Es fehlen nicht nur viele intensive Läufe, es fehlen vor allem die kleinen Läufe, manchmal sind es nur Schritte, mit denen auch ballferne Spieler sich ständig auf den Ball beziehen. Im Idealfall sind gerade auch bei Ballbesitz in der hintersten Linie alle Feldspieler in Bewegung, um eine bewegliche Formation zu erzeugen, die viele Möglichkeiten schafft - vertikale Bälle in den Raum vor der gegnerischen Defensivkette sind besonders spannend.

Ich habe ein wenig den Eindruck, dass Covic sich zu viel von den individuellen Fähigkeiten von Grujic erwartet, der ja tatsächlich unter Druck manchmal ganz gut einen Gegner hinter sich lassen kann. Er wirkte aber zuletzt häufig überfordert, vielleicht auch mental, und über seine Defensivqualitäten müssen wir nicht mehr viel sagen - sie sind wohl der Grund, dass er auch dieses Jahr in Berlin spielt und nicht an der Anfield Road mit Naby Keita um einen Platz im Kader der Reds rittert.

Neben der Laufarbeit fällt auch noch ein Detail auf. Hertha hat Eckbälle dieses Jahr zum Teil schwach verteidigt, zwei Niederlagen gehen direkt darauf zurück. Hertha schießt aber auch die eigenen Ecken auffällig oft schwach (notabene Lukebakio). Da gibt es also eine Negativ-Negativ-Korrelation, die eigentlich leicht zu korrigieren wäre, aber dafür nimmt sich anscheinend niemand die Zeit.

Insgesamt wirkt die Mannschaft auf dem Platz unstrukturiert, auch in Bezug auf die innere Hierarchie. Es gibt keine Spieler, an denen sich andere aufrichten können. Ibisevic ist ein zweifelhafter Kapitän, weil er meistens mit sich selbst und seinen Leidenschaften beschäftigt ist. Unter den Jüngeren hat Hertha inzwischen eine ganze Reihe von Halbroutiniers, die Ansprüchen eher nicht gerecht werden: Nach Plattenhardt deutet derzeit Stark an, dass er sich wohl nicht zu einem Spieler von richtigem Format entwickeln wird.

Ante Covic muss neben der taktischen Formation auch so etwas wie eine dynamische Formation finden, die nicht von Spielern dominiert wird, die gerade einmal eben so ihre Minimallegitimation für ihre Position erbringen. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass im Zweifelsfall Torunarigha spielen sollte, weil sein Potential offensichtlich am größten ist, und auch Selke statt Ibisevic.

Gegen Leipzig wird es heute eine Riesenleistung brauchen, um nicht neuerlich unterzugehen. Ich könnte mir folgende Formation vorstellen: Jarstein. Mittelstädt - Torunarigha - Boyata - Wolf. Löwen - Grujic - Darida. Lukebakio - Selke - Dilrosun.

Geschrieben von marxelinho am 09. November 2019.

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03. November 2019

Hineinlesen und Herauslesen

Es fällt schwer, etwas zu der Niederlage von Hertha gestern bei Union zu bemerken. Es war ein restlos enttäuschendes Spiel, das zudem durch für meine Begriffe indiskutables Fanverhalten überschattet wurde.

Ante Covic war in der PK nach dem Spiel bemerkenswert schmallippig, und ließ sich am Ende zu einer Formulierung hinreißen, die gar nicht zu seiner meist relativ eleganten Rhetorik passte: "Wir sind in der Tabelle immer noch vor Union." Das stimmt. Der Unterschied beträgt einen Punkt.

Wenn das jetzt das neue Saisonziel ist (sich von den Eisernen nicht überholen lassen), dann könnte man sogar die Taktik gestern plausibel finden: Hertha hätte dann einfach konsequent auf ein torloses Remis gespielt, wurde am Ende aber von Boyata (oder vom Schiedsrichter) um die Früchte dieser Arbeit gebracht. Ich fürchte, den Elfer konnte man geben.

Damit liegen am Ende einer turbulenten Woche, mit einem unnötig dramatischen Pokalspiel und zwei nicht minder unnötigen Niederlagen in der Liga, einige Einordnungen nahe. Hertha hatte gestern gegen Union nicht nur keine spielerischen Mittel (auf Grundlage fehlenden Engagements blieben die Skills unproduktiv), sondern auch keine Erzählung. Es war die bestens bekannte, schwach definierte, ins Anonyme tendierende Mannschaft aus West-Berlin, die in Köpenick versuchte, mit unterkühltem Leerlauf ein hoch aufgeladenes Spiel zu entschärfen. Der Versuch war von Erfolg gekrönt - so kann es allerdings nicht gemeint gewesen sein.

Ante Covic muss nun wieder von vorn damit beginnen, von Pal Dardai unterscheidbar zu werden. Gestern war das ein absoluter Pal-Auftritt, ein kümmerlicher Versuch, ein Spiel so lange nicht anzunehmen, bis es eventuell aus Versehen auf die eigene Seite fällt. Nun wartet nächste Woche Leipzig, normalerweise müsste man von einem Angstgegner sprechen, allerdings kennt Hertha keine Angst. Dazu ist die Mannschaft tendenziell zu apathisch.

Zehn, fünfzehn Minuten in Halbzeit zwei kann man vielleicht ausnehmen, da hätte das Spiel eine andere Dynamik bekommen können. Die blauweißen Brandstifter auf den Rängen haben ihrer Mannschaft vermutlich auch in dieser Hinsicht geschadet, denn die zweite Halbzeit bekam auch deswegen kaum einen Rhythmus, weil die Unterbrechung alles unter Vorbehalt setzte. Es gewann dann die Mannschaft, die etwas (von sich) zu erzählen hat, gegen die Mannschaft, von der man gestern den Eindruck bekommen konnte, dass sie sich auch für ihren eigenen Trainer unlesbar macht. Was bleibt ihm also, als verzweifelt aus der Tabelle ein Pünktchen Berechtigung herauszulesen?

Geschrieben von marxelinho am 03. November 2019.

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