06. April 2019

Hinrunde und Unrunde

Sieben Spiele hat die Saison noch. Für Hertha BSC geht es um nichts mehr, und doch könnte das heutige Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf richtungweisend werden wie nur selten eines. Im Falle einer neuerlichen Niederlage wäre nämlich das Debakel von Leipzig als richtungweisend bestätigt, und es wäre dann nur noch schwer dagegen anzukommen, dass auch diese Rückrunde wieder eine Unrunde zu werden droht.

Hertha muss also unbedingt gegen die Mannschaft gewinnen, die sie im November erst so richtig in die Spur gebracht hat, mit einem Totalausfall nach anfänglicher Dominanz. Heute droht ein Rückfall in die Tiefen der zweiten Tabellenhälfte, und die Minimalvariante des Saisonziels gerät allmählich auch außer Sichtweite. Zur Klarstellung: Hertha hatte ja nicht Platz 9 als Ziel ausgegeben, sondern einen einstelligen Tabellenplatz. Platz 9 wäre also im Rahmen des Saisonziels schon die enttäuschendste Variante.

Jetzt versuche ich das Ganze noch einmal unter positiven Vorzeichen: Mit einem Sieg gegen die Fortuna hätte Hertha heute die Möglichkeit, für die restlichen dann noch sechs Spiele ein gutes Vorzeichen zu setzen. Es geht nämlich keineswegs um nichts mehr, es geht beinahe um mehr als sehr viel - vor großen Worten sollte man sich im Fußball hüten, andernfalls wäre ich versucht, zu sagen: es geht um alles, jedenfalls, was die Ära von Michael Preetz anlangt.

Heute ist wohl die letzte Gelegenheit, der Mannschaft noch einmal so etwas wie eine Versuchung zu einem Momentum zu entlocken. Wenn das nicht gelingt, droht der Rest der Rückrunde in individuelle Projekte zu zerfallen: es sind einfach zu viele Spieler, auf die eine interessante Transferperiode warten könnte, und die Chance, gemeinsam ein Projekt zu skizzieren, ist im Grunde für dieses Jahr schon vertan.

Finanziell steht Hertha wieder ungefähr da, wo sie bei Abgang Dieter Hoeneß stand, bei gestiegenen Umsatzziffern und besserer Kaderstruktur, aber nichtsdestoweniger: die Verbindlichkeiten sind beträchtlich, die Investorenfrage(n) sind geostrategisch aufgeladen, die Berliner Stadtpolitik hat sich gerade in der Stadionfrage als kongenial zu dem Ungeschick von Hertha erwiesen.

Mit einem europäischen Wettbewerb hätte Hertha einen Anreiz gehabt, den interessantesten Kader seit langem nach Möglichkeit zusammenzuhalten. Bei einer Saison zum Vergessen, wie sie nun droht, wäre unter Umständen die gegenteilige Lösung zu erwägen: ein möglichst großer Ausverkauf, um mit 50-60 Millionen die gröbsten Schulden loszuwerden, und wieder einmal mit dem kleinsten Saisonziel Nichtabstieg und einer "Mijatovic-Mannschaft" von vorn anzufangen. Mit dieser Chiffre meine ich eine Mannschaft, die um ablösefreie, gestandene Kräfte ein pragmatisches Ensemble für kurzfristige Minimalziele versammelt. Wie es in den Wiederaufstiegssaisonen war.

Die angebliche Verpflichtung des belgischen Verteidigers Boyata wäre ein Indiz dafür, dass diese Option zumindest nicht auszuschließen ist. Niklas Stark rückt damit noch ein bisschen deutlicher ins Schaufenster.

Man soll mit dem Wort Schicksalsspiel vorsichtig sein. Aber Hertha BSC hat heute Nachmittag eines.

Geschrieben von marxelinho am 06. April 2019.

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31. März 2019

Dosen sunt Omen

Ein Fußballtrainer hat viele Aufgaben: er muss eine Mannschaft aufstellen, vor allem aber muss er sie auch einstellen. Sie muss zum Anpfiff eines Spiels für eine spezifische Aufgabe bereit sein, sie muss eine Vorstellung haben, was auf sie zukommt, und wie damit umzugehen ist.

Es deutet viel darauf hin, dass Pal Dardai vor allem in diesem Bereich an sich arbeiten muss. Hertha ist in dieser Saison schon häufig entweder apathisch oder lethargisch in Spiele gegangen. Gestern gegen Leipzig wurde daraus eine gefährliche Konstellation: die Dosen sind (abgesehen von einem heroischen, allerdings für das Selbstverständnis der Mannschaft folgenlosen Auswärtsspiel vor eineinhalb Jahren) eindeutig der Angstgegner. Hertha war in einer Weise chancenlos, die ein Licht auf die ganze Saison wirft.

Da ist der Mythos von den starken Leistungen gegen "die Großen". Gladbach war zweimal bedenklich schwach gegen Hertha, und zeigt sich sowieso auf dem absteigenden Ast. Die Bayern sind in diesem Jahr insgesamt alles andere als unangefochten, und Hertha hat vor allem im Auswärtsspiel aus eigenem Versäumen nicht mehr geholt. Der BVB liegt Hertha, weil er ein offenes Spiel anbietet, aber so begeisternd das vor zwei Wochen anzusehen war, so deutlich verdient war letztlich auch diese Niederlage.

Bleibt als "große" (reiche) Mannschaft in Deutschland RB Leipzig. Hier wäre für Hertha wirklich ein Gradmesser, und hier zeigen sich Jahr für Jahr die Grenzen mehr als deutlich.

Das Debakel gestern hatte auch einen taktischen Aspekt. Hertha hat die Saison mit einer Dreierkette begonnen, das war damals eine interessante Variante, die sich seither weitgehend verstetigt hat, sich für meine Begriffe aber schon eine Weile deutlich als verfehlt erweist. Um es ganz einfach zu sagen: die fehlenden Doppelpositionen außen sind gravierender als der zusätzliche Mann in der Mitte, wenn erstens Lustenberger einen katastrophalen Tag hat wie gestern, viel wichtiger aber: wenn er eigentlich gar nicht gebraucht wird, weil die Gefahr an anderer Stelle beginnt.

Gestern war Lustenberger mehrfach ratlos, wo er eigentlich eingreifen sollte. Er wäre als Sechser gebraucht worden, dort gibt es aber seit längerem Abstimmungsprobleme zwischen Maier und Grujic - der Coach hat schließlich Maier abgestraft, was ich als unfair empfand, denn Grujic ist schon seit einiger Zeit defensiv anfällig. Der beste Mittelfeldspieler, den Hertha seit langem angeblich hat, hat sich auch als sehr irdisch erwiesen.

Ich habe das Spiel gestern nicht zuletzt unter dem Eindruck der Pressekonferenz vom Donnerstag gesehen, bei der vor allem Michael Preetz einen so verdrossenen und verdrießlichen Auftritt hingelegt hat, dass man sich über die Leistung der Mannschaft nicht mehr so stark wundern muss.

Hertha hängt im Moment ziemlich in der Luft: die Stadionpläne stoßen auf Widerstand (was inzwischen eher patzige Reaktionen bei Hertha provoziert), die Finanzen sind, ich sage es vorsichtig, momentan nur als gewagte Spekulation auf die stillen Reserven in einem immerhin spannenden Spielerkader zu vertreten, und sportlich ist die Saison nun tatsächlich vorbei. Da war das gestrige Spiel nur die logische Konsequenz aus einer Reihe von auffälligen "Ausfällen": gegen Leverkusen, gegen Wolfsburg, gegen Freiburg, selbst gegen Mainz in Halbzeit eins.

Die Frage der Einstellung zieht sich also durch alle Bereiche. Das positive Selbstbild, auf dem eine erfolgreiche Leistung beruht, fehlt. Stattdessen gibt es die üblichen Andeutungen, dass "von außen" etwas an den Club herangetragen wird, was Hertha nicht erfüllen kann oder will. Ich bin einer von außen, und ich kann nur sagen: als Fan stelle ich keine Ansprüche, aber ich sehe mich als kleiner Teil einer Clubkultur, an der ich positiv mitwirken will. Aber die negativen Vorzeichen waren an diesem Wochenende stärker, und die Verantwortlichen haben keine Mittel gefunden (zum Teil nicht einmal gesucht), um sie zu entschärfen.

Geschrieben von marxelinho am 31. März 2019.

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17. März 2019

Finessen und Petitessen

"Es liegt an nichts." Mit dieser zugespitzen Formulierung hat Lucien Favre gestern den Sieg seiner Mannschaft in einem spannenden Spiel analysiert. Ein paar Minuten später in derselben Pressekonferenz war er dann ein wenig präziser: "Es lag an nicht viel." Der BVB gewann vor ausverkauftem Haus mit 3:2 durch einen Treffer von Sancho/Reus in fast allerletzter Minute.

Die Liga sollte sich bei Hertha bedanken, und zwar aus zwei Gründen: Die Meisterschaft bleibt spannend, und das Topspiel an diesem Samstagabend wurde diesem Label gerecht. Hertha hat keinen Autobus vor dem Tor von Rune Jarstein geparkt, sondern ein offenes Spiel angeboten, und ist schließlich knapp, wenn auch verdient unterlegen.

Vor ein paar Wochen hatte ich noch gehofft, Hertha könnte sich aus dem Titelrennen nobel heraushalten durch einen Sieg gegen die Bayern und gegen den BVB. Nun wurden es zwei Niederlagen, aber mit deutlich unterschiedlicher Charakteristik. In München wäre etwas drinnen gewesen, da war der Matchplan letztlich zu vorsichtig. Gestern war auch viel drin, aber am Ende hatte der BVB so viele Kleinigkeiten auf seiner Seite, dass die zweite Halbzeit zunehmend einseitiger wurde.

Zu den Kleinigkeiten mit bedeutender Wirkung würde ich zählen: Lazaro war nach seiner kurzen Verletzungspause noch nicht wieder voll da; Grujic hatte zwar in der zweiten Halbzeit eine neuerliche Führung auf dem Fuß, war aber defensiv nicht immer auf der Höhe; zwischen Torunarigha und Mittelstädt klappte die Abstimmung nicht immer ideal, Wolf wurde zunehmend gefährlicher.

Viel wurde über die Szene geredet, in der Duda vielleicht im Strafraum gefoult wurde. Kann man geben, muss man aber nicht - und so wäre es auch gewesen, wenn der VAR eine Überprüfung der Szene vorgeschlagen hätte. Ich würde sogar meinen, dass die Videobilder den Schiedsrichter wohl eher dazu bewogen hätten, bei seiner ersten Entscheidung zu bleiben. Die Schlüsselszene in der zweiten Halbzeit war der Pfostenschuss von Grujic. Da hatte Hertha einfach ein paar Zentimeter Pech.

Meine Lieblingsszene in dem ganzen Spiel hatte mit einem Tor nichts zu tun, dafür aber mit möglichen Entwicklungen der Mannschaft: es war in der 24. Minute, meine ich, Hertha war auf dem rechten Flügel unterwegs, brach dann aber ab, der Ball ging hinten herum, kam zu Torunarigha, und der hätte nun orthodox den Hintenrum-Move vollenden können und nach links hinaus spielen können - wo Hertha sich wohl wieder festgespielt hätte. Torunarigha aber sah, dass Maier vertikal auf den Sechzehner los startete, in einen extrem interessanten Raum. Er spielte den Pass dann zu hart, Maier kam nicht dran. Trotzdem war das ein Moment, in dem sich eine initiativere Hertha zeigte. Eine potentiell großartige Hertha.

Bei Torunarighas Aussschluss wird man vor allem über das erste Foul sprechen müssen: diese gelbe Karte hätte er vermeiden können, mit der Attacke war nichts gewonnen bzw. auch nur vermieden, sie kam wohl, so deute ich das, aus seinem großen Selbstbewusstsein: mit seiner privilegierten Physis ist er einer der besten Tackler, in diesem Fall aber ging er zu weit. Er wird der Mannschaft fehlen, schon jetzt ist er ein absoluter Schlüsselspieler.

Arne Maier ebenso. Die gestrige Konzeption, die Grujic meistens hinter Maier und Duda vorsah (bei aller Flexibilität je nach Dortmunder Gewusel), ergab einige tolle offensive Läufe von Maier - überhaupt war das gestern ein Spiel, in dem beide Mannschaften kombinierten, es war wieder etwas von dieser Inspiration zu sehen, und von den Mustern, mit denen Hertha die Saison begann.

Der BVB ist in diesem Jahr die beste Mannschaft in Deutschland. Ob sie das in drei Wochen in München bestätigen oder nicht, muss uns nicht kümmern - ich persönlich sympathisiere mit Schwarzgelb, auch wegen Lucien Favre. Aber wichtiger ist mir, dass auch Hertha sich gestern als Spitzenmannschaft gezeigt hat, eine Mannschaft der erweiterten Ligaspitze. Dieser Kader hat großes Potential, die Angebote werden dem Club im Sommer um die Ohren fliegen (Selke, Stark, Lazaro, Maier, Torunarigha, alles noch halbe Schnäppchen, selbst Mittelstädt, der offensichtlich an seinem rechten Fuß arbeitet und den ehemaligen 26-Millionen-Kandidaten Plattenhardt überflügelt hat, könnte ein neuer Nico Schulz werden).

Acht Spiele bleiben nun noch, um die Bedingungen für den absehbaren Umbruch im Sommer so gut wie möglich selbst setzen zu können: um ein Projekt in Berlin zu skizzieren, das sich auch in Spielen im Alltag der Liga als begeisternd erweist.

Geschrieben von marxelinho am 17. März 2019.

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15. März 2019

Grundlinienduell

Nur eine Viertelstunde brauchte Arsenal gestern, um den Rückstand aus dem Hinspiel bei Stade Rennes im Achtelfinale der Europa League aufzuholen: nach fünf Minuten traf Aubameyang zur Führung, und zehn Minuten später legte er einen schönen Kopfball für Maitland-Niles auf. Er war davor allerdings im Abseits gestanden, und damit hatte der Abend auch gleich einen weiteren Akzent.

Denn Stade Rennes hatte sich vor dem Spiel schon verwundert gezeigt, dass Lacazette - eigentlich für drei Spiele gesperrt nach einer Tätlichkeit in Weißrussland im Sechzehntelfinale gegen Bate - plötzlich doch auflaufen durfte, seine Sperre war reduziert worden. Es passte dann irgendwie ins Bild, dass der Franzose, gestern glücklos und übermotiviert, eigentlich alle Voraussetzungen für eine gelb-rote Karte erbrachte, erstaunlicherweise aber nur einmal verwarnt wurde.

Arsenal kontrollierte das Spiel eine Halbzeit lang mit einer Formation, die beinahe vollständig der vom Sonntag gegen ManU entsprach, mit zwei Unterschieden: in der Europa League lässt Emery bisher Cech spielen, der in seiner letzten Saison ist, und nun von einem abschließenden Finale träumt - die Europa League spielt dieses Jahr in Baku um den Titel. Mustafi musste Sokratis vertreten, der nach seinem Ausschluss in Rennes gesperrt war.

In der Formation ergab das eine Doppelspitze, dahinter Özil und Ramsey (Assist zum ersten Tor). Für die restliche Saison von Arsenal wird aber entscheidend sein, dass Maitland-Niles fit bleibt. Er kommt aus dem Nachwuchs und war ursprünglich einmal ein defensiver Mittelfeldspieler, wurde dann aber, noch unter Wenger, ein paar Mal links hinten eingesetzt, und vertritt nun rechts hinten Bellerin. Und zwar sehr gut. Gemeinsam mit dem seit Wochen auffälligen Kolasinac hat Arsenal damit wieder eine beidseitige Dynamik. Alle drei Tore beruhten auf Spielzügen, die bis an die Grundlinie gingen.

Taktisch übrigens alles sehr ähnlich der Grundformation, die Pal Dardai in diesen Wochen bevorzugt, mit leichten Akzenten ganz vorne, und natürlich in der Interpretation: Kolasinac spielt seinen Part wesentlich dynamischer und initiativer als Mittelstädt.

Arsenal hat jetzt zwei Wochen Pause, eine ungewöhnliche Situation ausgerechnet in der heißesten Phase der Saison. Und gerade jetzt stehen viele Vorzeichen auf positiv: die Defensive hat sich unter Führung von Koscielny halbwegs gefunden, Özil ist wieder integriert, Ramsey befindet sich auf einer heroischen Abschiedstournee (er läuft und kämpft unübertroffen), Aubameyang hat seinen Spaß wiedergefunden.

Heute wird das Achtelfinale der Europa League ausgelost, zu den möglichen Gegnern zählt auch die Frankfurter Eintracht, und Slavia Prag, das sich überraschend gegen Sevilla durchsetzte. Wie schon zuletzt wäre Prag mein Wunschgegner.

Geschrieben von marxelinho am 15. März 2019.

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11. März 2019

Sturmtief mit Höhenflug

Es war in mancherlei Hinsicht ein idealer Sonntag gestern: draußen ein Sturmtief, drinnen schön warm, tagsüber ein paar Stunden einem Steckenpferd und dem guten Buch gewidmet, und dabei immer schon die leichte Vorfreude auf ein Fußballspiel am späten Nachmittag. Arsenal gegen Manchester United. Ein englischer Klassiker, von dem ich mir nach dem enttäuschenden Spiel von Hertha am Samstag noch ein wenig mehr erwartete.

Ich wurde nicht enttäuscht. In einem packenden Spiel setzte sich Arsenal mit 2:0 durch. Das Ergebnis gibt nicht wieder, wie knapp es in Wirklichkeit war, insgesamt war es aber auch richtig verdient. Eine Schlüsselszene wird seither auf Twitter herumgereicht, ein großartig fließender Spielzug von United, dem sich im wirklich allerletzten Moment Granit Xhaka in den Weg warf: mit einem Tackle, das an schlechteren Tagen wahrscheinlich einen Elfer und eine rote Karte mit sich gebracht hätte. Das Detail daran: er entscheidet sich für den richtigen Fuß.

Xhaka war einer der Schlüsselspieler, der zweite war Bernd Leno. Beiden habe ich zuletzt das Misstrauen ausgesprochen, gestern haben sie mich eines Besseren belehrt. Das hat aber insgesamt viel mit dem entscheidenden Faktor zu tun: Arsenal kam in dieses Schlüsselspiel mit einer peinlichen Niederlage im Gepäck (das 1:3 am Donnerstag bei Stade Rennes). Man spürte aber nichts von der Enttäuschung, und auch nichts von der Erschöpfung. Die Mannschaft arbeitete leidenschaftlich, vielfach auch mit Geschick (Maitland-Niles und seine Comebacks in Laufduellen), und sie nahm das Emirates so richtig mit.

Unai Emery hatte eine offensive Aufstellung gewählt, wobei die Entscheidung für Özil vielleicht auch mit dem Ausfall von Mkhitaryan zu tun hatte. Wichtiger aber war, dass ausnahmsweise einmal Ramsey und Özil zugleich auf dem Platz standen - eine Variante, die ohnehin immer zur Verfügung stand, weil Ramsey ja ein toller Achter ist, die Emery aber nie wollte. Gestern aber also: Xhaka, Ramsey und Özil hinter der Doppelspitze Aubameyang und Lacazette. Außen der starke Kolasinac und endlich wieder ein satisfaktionsfähiger Mann rechts, eben Maitland-Niles. (Zuletzt dort aktiv: Lichtsteiner und Mustafi, beide nicht auf der Höhe.)

Eine halbe Stunde machte Arsenal das Spiel, das Führungstor erzielte Xhaka mit einem Weitschuss, den de Gea nur als "bewildering" erlebt haben kann. Die Flugbahn des Balls war jedenfalls abenteuerlich. United hatte eine Reihe von Großchancen, aber Arsenal warf sich hinein. In der zweiten Halbzeit wurde es dann doch aber allmählich brenzlig, zumal personell keine großen Optionen offen standen: ich dachte schon daran, Özil durch Elneny zu ersetzen, um im Mittelfeld auf eine Dreierkette umzustellen (Elneny - Xhaka - Ramsey), aber bevor Emery noch taktisch eingriff, fiel die Vorentscheidung. Der großartige Lacazette lief vertikal in den Sechzehner, und Fred machte eine winzige Andeutung eines Remplers. Ich hätte den Elfmeter nicht gegeben, aber ich saß ja im Warmen.

Auch von diesem Moment gibt es inzwischen Twitter-Folklore: Lacazette macht Auba Mut für den Elfmeter. Wir erinnern uns: Gegen Tottenham schoß er schlecht. Gestern ging die Sache gut, man sah aber doch deutlich, dass Aubameyang (derzeit) kein überzeugender Elfmeterschütze ist.

Die letzte Viertelstunde stand im Zeichen des Weltklimas. Das Sturmtief über Europa kam über das Emirates, selbst die Fernsehbilder waren extrem.

Man soll bei Vergleichen immer auf Angemessenheit achten, aber ich kann trotzdem nicht anders: ich wünschte mir, die Mannschaft von Hertha hätte sich dieses Spiel gestern mit Pal Dardai angeschaut. Das war ein Fußball, den man in Berlin nicht von heute auf morgen spielen wird können, das geben die Umstände nicht her, auch die Bundesliga insgesamt nicht. Aber als ein Exempel in Sachen Einstellung war das gestern eine ganz große Lektion, auf beiden Seiten übrigens, denn Solskjaer hat bei ManU ja auch zuerst einmal die Köpfe befreit (von dem düsteren Schamanen Mourinho).

Heute ist ein schöner Tag, um Arsenal-Fan zu sein. Natürlich auch ein schöner Tag, um Hertha-Fan zu sein: morgen spielt die U19 gegen Barcelona. Ich weiß jetzt wieder, was Fußball sein kann. Davon werde ich auch für Hertha träumen.

Geschrieben von marxelinho am 11. März 2019.

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10. März 2019

Überzählige Überzahl

Gestern hat sich der Fußballgott mit Pal Dardai einen kleinen Spaß erlaubt. Hertha spielte auswärts in Freiburg, der Coach wollte einen Sieg, allerdings keinen erspielten, sondern einen mit Hilfe einer Standardsituation. Hertha verlor nach einem Gegentor nach Eckball mit 1:2.

Schon die Prämisse wirft natürlich Rätsel auf. Warum traut Dardai seiner Mannschaft nicht zu, dass sie spielerisch zum Erfolg kommt? Und warum stellt er eine Mannschaft auf, die tatsächlich nicht nur Schwierigkeiten hatte, ins Spiel zu kommen, sondern die wieder einmal eine Halbzeit lang vor allem um Spielvermeidung bemüht war?

Das Spiel gab gestern eine Menge her, ein Sieg wäre absolut drin gewesen, umso frustrierender ist das Resultat. Aber für Hertha-Fans ist das inzwischen Routine. Dabei scheint sich da gerade eine Neurose zu verfestigen. Hertha nimmt das eigene Spiel nicht an.

Taktisch sah die Sache so aus, dass Pal Dardai den Einschläferungsbemühungen in Halbzeit eins in jeder Hinsicht entgegenkam: Lustenberger statt Maier im defensiven Mittelfeld, dazu Dreierkette weiter hinten, Mittelstädt und Klünter einsam an den Seitenlinien, vorne die Oldies Ibisevic und Kalou im Doppelpack. In dieser Konstellation ist es ein Leichtes, Verantwortung abzuschieben, denn in Überzahl war da immer nur Rekik zwischen Torunarigha und Stark.

Der Gegentreffer in der ersten Halbzeit war eine Koprouktion von Mittelstädt und Torunarigha (und von Grifo und Petersen). In der Pause begann Dardai mit den Korrekturen. Maier kam für Lustenberger. Und nach einer weiteren Viertelstunde kam Jastrzembski für Mittelstädt. Der junge Mann aus der Akademie konnte nicht maßgeblich eingreifen, aber er schuf Räume, in die Torunarigha gehen konnte. Hertha hatte endlich Breite im Spiel - es war nachgerade logisch, dass der Ausgleich nach einer Hereingabe von der Seite auf Ibisevic fiel, und nach einer Kombination, die einen Mann hinter die Freiburger Linie brachte.

Kurz darauf ging Freiburg aber wieder in Führung, und diesen Umstand sehe ich als eine Intervention des Fußballgotts. Jedenfalls ist das klassische Logik und Pädagogik: dass einem die eigene Intention in einer Umkehrung vorgeführt wird. Die Standardsituation, von der Pal Dardai den Sieg erhoffte, flog ihm um die Ohren.

Hertha sollte in Freiburg nicht irgendwie gewinnen wollen. Die Mannschaft hat die Mittel und die Qualität, dort zu dominieren und einen sicheren Sieg zuwegezubringen. Ob sie die Fitness für 90 Minuten Initiative hat, ist unklar, weil sie noch nie auch nur annähernd an eine Grenze gegangen ist.

Pal Dardai ließ die Sache hinterher so aussehen, als wäre ihm selbst unklar, warum Hertha häufig so schwer ins Spiel findet - er macht im Grunde aber selbst genau das, was die Mannschaft auch tut: immer dann, wenn er mit Erwartungen konfrontiert wird, entzieht er sich. Das Spiel gegen Freiburg war eine der wichtigsten  Standortbestimmungen für Hertha in dieser Saison. Jetzt wissen wir tatsächlich mehr. Pal Dardai und Hertha BSC, das ist ein Missverständnis. Ich bin nicht für einen Trainerwechsel. Ich bin für Aufklärung des Missverständnisses.

Geschrieben von marxelinho am 10. März 2019.

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09. März 2019

Nächste Schritte

"Zwei ähnliche Mannschaften" treffen heute in Freiburg aufeinander - so hat Pal Dardai das Auswärtsspiel von Hertha BSC an diesem Wochenende eingeordnet. Freiburg hat acht Punkte weniger und zweimal öfter verloren, es geht heute also auch ein bisschen darum, ob sich die Liga ein bisschen weiter entzerrt, oder ob ein kleiner Mittelfeldpulk entsteht. Zur Entzerrung käme es im Fall eines Sieges von Hertha.

Der Coach hat auch auf einen Unterschied hingewiesen: "Eins ist klar, die Mannschaft (von Freiburg) läuft deutlich mehr als wir." Das muss aber nicht immer viel bedeuten. Gegen Bayer 04 lief Freiburg fast 129 Kilometer, verlor aber 0:2. Gegegen Augsburg gewann Freiburg 5:1, und lief dabei acht Kilometer mehr als der Gegner. Noch eine interessante Ziffer: Bei Bayern gegen Hertha stand es am Ende nach Laufleistung nahezu aufs Komma unentschieden (117,96 gegen 117,98), in diesem Fall geht aus der Statistik tatsächlich etwas hervor, nämlich wie knapp das Spiel in München war - oder wie neutralisiert.

Sollte Hertha mehr laufen? Man kann den aktuellen Wert (nur Schalke lief in den ersten 24 Runden weniger als Hertha) auch einfach als Indiz für eine Tendenz nehmen: das Spiel von Hertha geht in dieser Saison deutlich mehr durch die Mitte, in der letzten Zeit kam das Flügelspiel nahezu vollständig zum Erliegen, auch wegen Verletzungen. Dazu kommt eine Neigung zum Paarlauf im Spiel gegen den Ball, hohes Pressing ist eher selten, auch das verkürzt insgesamt die Wege. Man könnte auch sagen: Hertha spielt recht ökonomisch.

Das kann sich die Mannschaft auch deswegen leisten, weil die technische Qualität gestiegen ist. Die Spieler gehen souveräner mit dem Ball um, schirmen ihn gut ab, lassen sich seltener vom Ball trennen. Gegen die Bayern brachte das zum Teil ganz schön lange Passfolgen, die aber auch deswegen nicht unterbunden wurden, weil sich beide Mannschaften dabei ausruhten.

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass Hertha die eigenen Fähigkeiten nicht wirklich erprobt. Ich kann mich an keinen Kader erinnern, in dem mehr spielerische, taktische, technische Qualität vorhanden gewesen wäre, in der Breite - nicht einmal in den Zeiten von Marcelinho, Gilberto und Bastürk gab es eine ähnlich ausgeglichene Personalsituation. Angesichts dieses Umstandes sind die Leistungen oft ein bisschen zu verhalten. Hertha könnte dieses Jahr mehr - nicht unbedingt in die Champions League stürmen, aber doch ein wenig deutlichere Ambitionen zeigen.

In Kilometern ergibt das vermutlich keinen großen Unterschied, allenfalls könnten die einsamen Außenläufer ein wenig mehr Unterstützung brauchen. Vermutlich wird es heute wieder ein 3-5-2 oder 5-3-1-1 geben, manches wird dabei tatsächlich davon abhängen, wie sehr Grujic und Maier ins Laufen kommen. Freiburg wird gerade das natürlich zu unterbinden versuchen. Bei Grujic sieht man im Übrigen, dass das mit dem Laufen auch etwas sehr Individuelles ist: er macht eigentlich gar nicht so wenig Kilometer, aber es sieht bei ihm oft so aus, als schleppe er nur den Ball ein wenig durch die Gegend. So ganz locker.

Hertha muss sich heute in jedem Fall einen Sieg vornehmen, um das Saisonziel nicht zu gefährden: der Abstand zu Platz 10 ist kleiner als der zu Platz 6. Wir sind nun in der schönen Phase mit den "schönen Zielen" (Pal Dardai). Auch ein Saisonverlauf ist eine Laufleistung, und Hertha könnte da durchaus noch für eine Überraschung sorgen.

Geschrieben von marxelinho am 09. März 2019.

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08. März 2019

Punkt und Komma

Der Arsenal FC steht vor zwei wegweisenden Spielen: am Sonntag geht es in der Premier League gegen Manchester United um Platz 4 oder sogar noch um Platz 3, und am Donnerstag darauf gilt es, im Heimspiel gegen Stade Rennes in der Europa League ein 1:3 aufzuholen.

Zwei Elfmeter kann man dazu als Kontext nehmen. Am Mittwoch bekam Marcus Rashford in Paris in der letzten Minute die Gelegenheit, entscheidend gegen PSG vom Punkt zu treffen. Es war ein umstrittener Elfer wegen Handspiel, ich denke, man konnte ihn geben. Marcus Rashford ist 21 Jahre alt, seine Mannschaft hatte mit dem letzten Aufgebot irgendwie zwei Tore gemacht (nach einem 0:2 im Heimspiel), mit dem dritten konnte ManU eine Runde weiterkommen - in jeder Hinsicht eine Sensation. Sie hing von Rashford ab, der gegen Buffon nicht den Funken eines Zweifels erkennen ließ, und souverän verwandelte.

Am Samstag davor hatte Pierre-Emerick Aubameyang in der Schlussphase des Derbys zwischen Tottenham und Arsenal ebenfalls eine Gelegenheit vom Punkt. Arsenal hatte nicht schlecht gespielt, führte lange 1:0, der Ausgleich hätte wegen einer Abseitsstellung nicht zählen dürfen, der Elfer für Arsenal war auch eher dubios, egal: Aubameyang hatte einen wichtigen Sieg vor sich. Er schoss schwach, Loris hielt ohne Probleme.

Der Mann mit den auffälligsten Frisuren im internationalen Fußball passt in mentaler Hinsicht gut zu Arsenal. Und Rashford steht für etwas an ManU, was auch in den Übergangsjahren nach Ferguson nicht ganz verschüttet wurde: es gibt dafür nur so unbefriedigende Hilfsausdrücke wie Siegeswille, Durchsetzungskraft, Entschlossenheit. Das sind, wie wir nur zu gut wissen, auch alles Themen, die bei Hertha BSC eine große (oder eine zu kleine) Rolle spielen.

Im Spiel gegen Tottenham war Arsenal insgesamt ziemlich gut aufgetreten, sieht man einmal von der Notlösung mit Mustafi auf der rechten Außendeckerposition ab. Iwobi und Mikhitaryan sind gute Winger, für sie vor allem hatte Emery eine eher konservative Viererkette (mit Monreal statt Kolasinac und eben Mustafi) aufgeboten. Die Mischung zwischen Kompaktheit und Offensivpressing stimmte weitgehend. Ein Sieg wäre knapp verdient gewesen, Aubameyang vergab ihn.

Gestern Abend spielte Arsenal in Rennes in der Bretagne. Es war ein Spiel, das ich sehr gern live gesehen hätte - es muss ein begeisternder Abend für das Heimpublikum gewesen sein. Anfangs lief alles locker, schon nach vier Minuten führte Arsenal durch Iwobi. Dann begann Stade Rennes, sich in das Spiel hineinzuarbeiten. So ein Prozess hat Logiken: Fouls und Standardsituationen sind dabei ganz entscheidend, gelbe Karten gegen labile Schlüsselspieler wie Sokratis oder Xhaka sind essentiell.

Der Ausgleich vor der Pause war dann allerdings kontrovers, denn für meine Begriffe war das Duell zwischen Sokratis und Sarr eher ein Gerangel, und ganz eindeutig zieht Sarr auch eine Show ab. Trotzdem darf so eine Situation kurz vor dem Sechzehner nicht passieren, und Sokratis hatte schon davor eine Bewerbung um eine zweite gelbe Karte abgegeben. Der Freistoß brachte dann auch noch den Ausgleich.

In der zweiten Halbzeit hätte Arsenal mit einem Mann weniger vernünftigerweise auf Schadensbegrenzung spielen müssen, aber aus unerklärlichen Gründen verzichtete Emery auf den naheliegenden Defensivwechsel: Maitland-Niles blieb bis zum Ende auf der Bank. Stattdessen kam Guendouzi für Iwobi. Der junge Franzose, an sich ein herausragendes Talent, spielte katastrophal - vor allem beim späten 1:3 ist seine Rückwärtsbewegung geradezu grotesk desinteressiert. Dieses Tor durch den hochinteressanten Ismaila Sarr macht die Aufgabe im Rückspiel nun schon einigermaßen schwierig, trotz dem Auswärtstores.

Unübersehbar ist, dass Arsenal im Sommer die Defensive komplett neu aufstellen muss. Sokratis wurde nach dem Derby gegen Tottenham zum Man of the Match gekürt, und von Emery auch ausdrücklich gelobt. Nichtsdestoweniger ist er kein Mann für die Champions League, und gestern hat man gesehen, nicht einmal für die Europa League. Koscielny ist ein wackerer Veteran, um den man aber keine Formation mehr bauen kann. Zu Mustafi ist alles gesagt.

Arsenal bräuchte im Idealfall eine vollständig neue Defensivraute: Leno ist ein guter Keeper, aber weit weg von der Weltklasse. Beide Innenverteidigerstellen sind vakant, wobei man mit Holding eventuell arbeiten kann, er ist aber besser in einer Dreierzentrale. Xhaka sollte auch ersetzt werden, durch einen Spieler, der defensiv ruhiger und intelligenter spielt.

Das ist aber natürlich Wunschdenken. Arsenal wird mit einem Gutteil des Kaders weitermachen müssen. Und es gibt ja auch gute Ansätze. Es fehlt vor allem etwas, was schwer zu entwickeln ist: auch dafür gibt es einen strapazierten Begriff, man spricht dann von Abgeklärtheit. Es gibt Menschen, die werden ruhig, wenn es hektisch wird, und die verwandeln auch einen Elfmeter, bei dem fast allen anderen die Nerven versagen würden. Im Kader von Arsenal sind diese Qualitäten schwach vertreten. Deswegen geht es mit dieser Mannschaft immer ziemlich hin und her. Am Sonntag gegen Manchester United hoffentlich dann doch wieder hin - zu einem wichtigen Heimsieg.

Geschrieben von marxelinho am 08. März 2019.

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03. März 2019

Entweder oder lieber nicht

Mit einem bestenfalls mittelmäßigen Auftritt hat Hertha BSC gestern den Rückfall ins Mittelmaß gebremst. Das 2:1 gegen Mainz 05 war der erste Heimsieg seit Anfang Dezember, dem damals eher schmeichelhaften 1:0 gegen Frankfurt. Wenn man diese Saison später einmal Revue passieren lassen sollte, dann wird man vor allem eines feststellen: Entwicklungen sind von Konsolidierungen schwer zu unterscheiden, und Konsolidierungen nicht immer leicht von Trägheit. Und Trägheit nicht immer leicht von übertriebener Vorsicht.

Zum Beispiel diese erste Halbzeit gestern: das war vintage Hertha BSC in einem Heimspiel, bei dem Erwartungen bestehen. 45 Minuten lang wurde den Erwartungen ein Zahn gezogen, der eigentlich gar nicht schadhaft war. Die Spieler huldigten alle dem berühmten Bartleby: Ich möchte lieber nicht. Die Leistung hatte einen taktischen Aspekt in einer Formation, die mit Lustenberger in der Mitte einer Dreierkette einen unnötigen Spieler aufwies, während auf der Außenbahn auf beiden Seiten Optionen fehlten.

Der dynamische Lazaro machte das in der zweiten Halbzeit dann im Alleingang wett, und später kam mit Leckie dann auch noch ein Flügelspieler. Da war Davie Selke schon aus dem Spiel - seine Verletzung war vielleicht das wichtigste Ereignis gestern, denn nun hat Hertha in den Spielen, die der Mannschaft mehr zu liegen scheinen als Heimspiele in der Favoritenrolle, gerade mal wieder keinen Zielspieler.

Interessant war das Interview, das Pal Dardai am Samstag in der taz hatte. Ich zitiere den Schlüsselsatz: "Die Erwartung zu meinem Start hier war: eine neue Spielphilosophie, in den Nachwuchs investieren, und nicht absteigen. Wir haben jetzt eine gute Stabilität und können den nächsten Schritt machen." Wie immer muss man schon da ein wenig differenzieren: Hertha hat tatsächlich Stabilität erreicht, schon jetzt ist zum Beispiel die Rückrunde vergleichsweise normal, also von einem groben Einbruch nichts zu bemerken.

Allerdings sind die 34 Gegentore in dieser Saison bisher (und die Tordifferenz von plus 3) doch eher Ausweis einer labilen konkreten Stabilität. Und Mainz hatte auch die eine oder andere Chance zu viel gestern. Die "neue Spielphilosophie" sollte man nicht überbewerten, sie kann ja allenfalls in einer besseren Integration der beiden Aufgaben im Fußball liegen: Tore verhindern und Tore schießen. Alle Spielphilosophien sind im Grunde Balanceübungen, und bei Pal Dardai liegt der Schwerpunkt im Zweifel eben bei Fabian Lustenberger.

Der Schweizer befindet sich auf Abschiedstournee, die Fans lieben ihn, ich schätze ihn auch, aber gestern wäre eine Gelegenheit für einen nächsten Schritt ohne ihn gewesen. Der "nächste Schritt", von dem Pal Dardai sprach, ist das, was im Fußball am schwersten fällt, weil es so viele Möglichkeiten dafür gibt. Hertha hat de facto in den vier Jahren unter Dardai viele nächste Schritte gemacht, es fällt aber auf, dass in Spielen, in denen gar nicht unbedingt ein nächster, sondern einfach ein Schritt erwartet wird, Hemmungen auftauchen.

Der nächste Schritt für Dardai und für Hertha wird also irgendwo dort zu finden sein, wo Mentalität (die des Trainers und die der Mannschaft) auf das spielphilosophische Entweder/Oder trifft, auf das im heutigen Fußball fast alles hinausläuft: es geht fast immer um den einen Mann, von dem aus sich das Gefüge der Mannschaft ergibt. Pal Dardai sollte sich nicht zu sehr mit Fabian Lustenberger als alter ego auf dem Platz assoziieren.

Noch ein Detailaspekt zum Thema Nachwuchs: Arne Maiers Saison tendiert derzeit eher in Richtung Diskretion. Das mag damit zu tun haben, dass er mit Grujic offensichtlich in einer flexiblen Aufgabenverteilung arbeitet, in der gestern zum Beispiel beide nicht so richtig in die Spieleröffnung fanden, und beide auch nicht so richtig in den Spielaufbau. Grujic verlässt sich sehr auf seine technische und intellektuelle Überlegenheit, manchmal überschreitet er dabei die Grenze zur Arroganz und macht blöde Fehler. Maier macht weniger Fehler, kommt aber auch weniger in die Vorwärtsbewegungen, die er überhaupt erst dem Hertha-Spiel von dieser Position aus hinzugefügt hat. Das war tatsächlich ein "nächster Schritt", der nun aber seltener gelingt. So ist das wohl, wenn man mit zwei Achtern auf einer Sechs in einem Mittelfelddreieck mit zu starkem Zentralismus spielt.

Geschrieben von marxelinho am 03. März 2019.

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24. Februar 2019

Verlustvortrag

Ein spanischer Hüne hat am Samstag das Paarlaufen in der Allianz-Arena entschieden: Javi Martinez traf per Kopf gegen Rune Jarstein. Der Keeper ist naturgemäß bei einem Eckball niemand zugeteilt, er entschied sich für eine Faustabwehr in einem Viererpulk, in den der Ball ein wenig höher kam, nämlich dorthin, wohin Martinez sich hochgeschraubt hatte. In diesem Moment fiel ein Spiel auf eine Seite, das davor und überwiegend auch danach alles andere als einseitig gewesen war. Es war aber auch nicht zweiseitig. Sondern eher nullseitig.

Als Hertha in der Hinrunde den FC Bayern mit 2:0 besiegte, da war das noch anders gewesen: eine Halbzeit lang hatte die Mannschaft von Pal Dardai das Spiel mit Verve vor das Tor der Bayern gebracht, angetrieben von einen phasenweise rasanten Flügelspiel. Dieses Mal war der Vortrag (das Wort in seiner doppelten Bedeutung als Aufführung und als Begriff aus der Buchhaltung) deutlich kontrollierter.

Und damit wurde es wieder so ein Spielverlaufsspiel, dieses Mal reduziert auf die minimalste aller Varianten: es gab im Grunde 90 Minuten nur Spiel, aber kaum Verlauf, und mit dem Gegentor war das Spiel für Hertha verlaufen, oder: gelaufen. Denn danach kehrte es in den Modus zurück, den es auch davor gehabt hatte: Gleichlauf. Alles hätte ganz anders kommen können, wenn Selkes Chance kurz vor dem Gegentor nicht in letzter Sekunde vereitelt worden wäre.

Die beiden Niederlagen in der Rückrunde sind einander auf verblüffende Weise ähnlich. Sie künden paradoxerweise von einem Lernprozess. In der Hinrunde war Hertha phasenweise deutlich zu offen gewesen. Inzwischen ist das ein hochsublimiertes Ensemble, das sich immer wieder Erholungsphasen mit Passstaffetten im ersten Drittel organisiert, und das bei den Versuchen nach vorn eine geläufige Metapher variiert: es sind ja mehr als nur "Nadelstiche", die Hertha setzt, für den Spielverlauf könnte jederzeit einer entscheidend werden, aber eben auf eine beiläufige Weise. Hertha versucht, das Spiel zu stubsen, nicht zu wuchten.

Völlig irrelevant, aber doch verführerisch, ist der Gedanke, wie das Spiel mit der von mir präferierten Variante gelaufen wäre. Dann wäre der zusätzliche Mann eben nicht Lustenberger zentral gewesen, sondern der schnelle Klünter. Dann hätte Hertha gegen den mäßig inspirierten Ribery richtig etwas probieren können. Die Bayern waren gestern zu haben, dieses Mal hat Pal Dardai nicht zugegriffen.

Ist nicht so schlimm. Das kommende Heimspiel, gegen einen direkten Gegner um Platz 9 (und, in Wahrheit natürlich bei dieser Mannschaft dann doch: um die Wahrung der Chance auf die Plätze 5, 6 oder 7) ist das viel wichtigere.

Geschrieben von marxelinho am 24. Februar 2019.

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